253
V. Ueber künstliche Bildung des Harnstoffs;
von F. Wohl er.
n einer früheren kleinen Notiz, die in dem III. Bande
dieser Annalen abgedruckt ist, habe ich angegeben, dafs
beim Einwirken von Cyan auf flüssiges Ammoniak, aufser
mehreren anderen Producten, auch Oxalsäure und eine
krjstallisirbare weifse Substanz entstehe, welche letztere
bestimmt kein cyansaures Ammoniak sey, welche man aber
dessen ungeachtet immer erhalte, so oft man versuche, z. B.
durch sogenannte doppelte Zersetzung, Cyansäure mit Am-
moniak zu verbinden. Der Umstand, dafs bei der Verei-
nigung dieser Stoffe dieselben ihre Natur zu verändern
schienen imd dadurch ein neuer Körper entstände, lenkte
von Neuem meine Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand,
undldiese Untersuchimg hat das unerwartete Resultat gege-
ben, dafs bei der Vereinigung von Cyansäure mit Ammoniak
Harnstoff entsteht, eine auch in sofern merkwürdige That-
sache, als sie ein Beispiel von der künstlichen Erzeugung
eines organischen, und zw r ar sogenannten animalischen,
Stoffes aus unorganischen Stoffen darbietet.
Ich habe schon früher angegeben, dafs man die oben
erwähnte krystallisirte, weifse Substanz am besten erhält,
wenn man cyansaures Silberoxyd durch Salmiak -Auflö-
sung, oder cyansaures Bleioxyd durch flüssiges Ammo-
niak zersetzt. Auf die letztere Art habe ich mir die, zu
dieser Untersuchung angewendete, nicht unbedeutende
Menge davon bereitet. Ich bekam sie in farblosen, kla-
ren, oft mehr als zolllangen Krystallen angeschossen,
die schmale rechtwinklige, vierseitige Säulen, ohne be-
stimmte Zuspitzung, bildeten.
Mit kaustischem Kali oder mit Kalk entwickelte die-
ser Körper keine Spur von Ammoniak, mit Säuren zeigte
er durchaus nicht die so leicht eintretenden Zersetzungs-
254
Erscheinungen der cyansauren Salze, nämlich Entwick-
lung von Kohlensäure und Cyansäure, und eben so wenig
fällte er, wie es ein wirkliches cyansaures Salz thut, die
Blei- und Silbersalze ; er konnte also weder Cyansäure
noch Ammoniak als solche enthalten. Da ich fand, dafs
bei der letztgenannten Entstehungsart desselben kein an
deres Product mitgebildet und das Bleioxyd rein abge-
schieden wurde, so stellte ich mir vor, es könne bei der
Vereinigung von Cyansäure mit Ammoniak eine organi-
sche Substanz, und zunächst vielleicht ein den vegetabi-
lischen Salzbasen ähnlicher Stoff entstehen; ich stellte
daher aus diesem Gesichtspunkte einige Versuche über
das Verhalten der Säuren zu dem krystallisirten Körper
an. Er verhielt sich aber indifferent gegen dieselben,
die Salpetersäure ausgenommen, welche in der concen-
trirten Auflösung dieses Stoffes sogleich einen, aus glän-
zenden Krystallschuppen bestehenden Niederschlag bil-
dete. Diese Krystalle zeigten, nachdem sie durch mehr-
maliges Umkrystallisiren gereinigt worden waren, sehr
saure Charactere, und ich war schon geneigt, sie für
eine eigenthümliche Säure zu halten, als ich fand, dafs
sie, bei der Neutralisation mit Basen, salpetersaure Salze
gaben, von denen sich durch Alkohol der krystallisir-
bare Stoff mit allen Characteren, die er vor der Ein-
wirkung der Salpetersäure hatte, wieder ausziehen liefs.
Diese Aehnlichkeit im Verhalten mit dem Harnstoff ver-
anlafste mich, vergleichende Versuche mit vollkommen
reinem, aus Urin abgeschiedenem Harnstoff anzustellen,
aus denen ganz unzweideutig hervorging, dafs Harnstoff
und jener krystallisirte Körper oder das cyansäure Am-
moniak, wenn man es so nennen könnte, vollkommen
identische Stoffe sind.
Ich führe das Verhalten dieses künstlichen Harnstoffs
nicht weiter an, da es vollkommen mit dem übereinkommt,
wie es, nach den Angaben von Proust, Prout u. A.,
von dem Urin -Harnstoff in den Schriften zu finden ist,
255
und bemerke nur den von ihnen nicht angegebenen Um-
stand, dafs der Urin -Harnstoff, gleich wie der künstli-
che, bei der Destillation, aufser der grofsen Menge von
kohlensaurem Ammoniak, zuletzt auch in einem ganz
auffallenden Grade den stechenden, Essigsäure ähnlichen
Geruch der Cyansäure entwickelt, gerade so, wie ich es
bei der Destillation von cyansaurem Quecksilber oder
auch der Harnsäure und besonders des harnsauren Queck-
silberoxyds gefunden habe. Bei dieser Destillation des
Harnstoffs entsteht zugleich noch eine weifse, wie es
scheint, eigentümliche Substanz, mit deren Untersuchung
ich noch beschäftigt bin.
Aber wenn beim Zusammentreten von Cyansäure
und Ammoniak wirklich blofs Harnstoff entsteht, so mufs
der Harnstoff vollkommen dieselbe Zusammensetzung ha-
ben, die man durch Rechnung für das cyansäure Ammo-
niak, nach der von mir für die cyansauren Salze ange-
gebenen Zusammensetzungsformel, findet; und diefs ist in
der That der Fall, wenn man im cyansauren Ammoniak,
gleich wie alle Ammoniaksalze Wasser enthalten, 1 At.
Wasser annimmt, imd Prout's Analyse vom Harnstoff
als die richtigste betrachtet. Nach ihm *) besteht der
Harnstoff aus:
Atome,
Stickstoff
46,650
4
Kohlenstoff
19,975
2
Wasserstoff
6,670
8
Sauerstoff
26,650
2
99,875
Das cyansäure Ammoniak würde aber aus 56,92
Cyansäure, 28,14 Ammoniak und 11,74 Wasser beste-
hen, was für seine entfernten Elemente ausmacht:
*) Annais of Philosoph. T. XL p. 354.
256
Atom.
Stickstoff 46,78 4
Kohlenstoff 20,19 2
Wasserstoff 6,59 8
Sauerstoff 26,24 2
99,80 *).
Man hätte also, ohne die Bildung des Harnstoffs
aus Cyansäure und Ammoniak durch den Versuch ge-
funden zu haben, im Voraus berechnen können, dafs
cyansaures Ammoniak mit 1 Atom Wasser dieselbe Zu-
sammensetzung hat, wie der Harnstoff. Bei der Ver-
brennung der Cyansäure durch Kupferoxyd erhält man
2 Volum Kohlensäuregas und 1 Volum Stickgas, aber
bei der Verbrennung des cyansauren Ammoniaks müfste
man gleiche Volumina von diesen Gasen erhalten, also
auch dasselbe Verhältnifs bei der Verbrennung des Harn-
stoffs, und so hat es in der That auch Prout gefunden.
Ich enthalte mich aller der Betrachtungen, die sich
in Folge dieser Thatsache so natürlich darbieten, beson-
ders in Beziehung auf die Zusammensetzungs-Verhältnisse
organischer Stoffe, in Beziehimg auf gleiche elementare
und quantitative Zusammensetzung bei Verbindungen von
sehr verschiedenen Eigenschaften, wie es unter anderen
von der Knallsäure und Cyansäure, von einem flüssigen
Kohlenwasserstoff imd dem ölbildenden Gase, angenom-
men wird, und es mufs erweiterten Erfahrungen über
mehrere ähnliche Fälle überlassen bleiben, welche allge-
meine Gesetze sich davon ableiten lassen.
*) Es sind hiebe! die neuen Atomengewichte vonBerzelius zum
Grunde gelegt; also Ist N = 88,518, C = 76,437, H = 6,2398,
= 100,000, Wasser (H)rz: 112,479, cyansaures Ammoniak
= &tP+€&0 und Harnstoff =Pffl 3 +€PfO+H.
257
VI. Versuche über einige Stickstoff oxydsaure Sähe;
von Dr. Herr mann Hejs in Jrkutzk.
D
ie Verbindungen des Stickstoffoxyds mit den Basen
sind, obgleich seit längerer Zeit bekannt, wenig studirt
worden. Einige Chemiker zweifeln an ihrem Daseyn;
der Gegenstand verdiente durch Versuche näher beleuch-
tet zu werden, ich theile daher meine Erfahrungen über
diese Verbindungen mit.
Stickstoff oxydkali. Erhitzt man salpetersaures Kali
in einem silbernen Tiegel bis zur Piothglühhitze, so kocht
das Salz unter Entwickelung von Sauerstoffgas, wobei die
Salpetersäure zu Sticksioffoxyd reducirt wird, welches mit
Kali in Verbindung bleibt. Man erkennt, dafs die Masse
hinlänglich geglüht hat, daran, dafs sich aus der Mün-
dung des Tiegels kein Rauch mehr entwickelt, und dafs
ein glimmender Holzspahn darin verlischt. Das geflos-
sene Salz wird auf ein blankes Eisen ausgegossen, wo
es sogleich erstarrt. Es hat einen strahligcn Bruch, ist
luftbeständig. Es ist im Wasser auflöslich; kochendes
Wasser nimmt viel mehr davon auf als kaltes, so dafs
es beim Erkalten krystallisirt; es gleicht dem Salpeter
so sehr, dafs man beide Salze dem Ansehen nach nicht
von einander unterscheiden kann. In Alkohol ist es un-
auflöslich. Ob es frei von salpetrichter Säure sey, wird
auf die Weise *) geprüft, dafs etwas von dem Salze
über Quecksilber in einer Proberöhre durch Salzsäure
zersetzt wird. Ist das Gas farblos, so war das Salz frei
von salpetrichter Säure. Hier mufs ich bemerken, dafs
ich bei dieser Prüfung [nie ein gefärbtes Gas erhalten
habe, welches zu zeigen scheint, dafs die salpetersauren
Salze durch Glühen nicht in salpetrichtsaure verwandelt
werden können, wie man es geglaubt hat, sondern in
•) Berzel. Lehrbuch, Th. II. pag. 472.
Annal. d. Physik. B. 88. St. 2. J. 1828. St. 2- R
258
Stickstoffoxyd -Salze; hat man das Glühen nicht lange
genug fortgesetzt, so bekommt man ein Gemenge eines
Salpetersäuren und eines stickstoffoxydsauren Salzes. Da-
mit stimmt auch die Erfahrung überein, dafs die salpe-
trichtsauren *) Salze am besten durch doppelte Zersetzung
erhalten werden. Das Stickstoffoxyd -Kali schmilzt in der
Hitze eben so leicht wie der Salpeter. Das Salz durch
Chlorwasserstoffsäure zerlegt, gab folgende Resultate:
100 Th. Stickstoffoxyd -Kali gaben
Chlorkalium. Kali. Sauerstoff.
Versuch I. 95,03 entspricht 60,11 enthält 10,18
— II. 95,19 — 60,21 — 10,20.
Indem wir nun annehmen, dafs die Menge des Stickstoff-
oxyds, welche nöthig war, um das Kali zu sättigen, dop-
pelt so viel Sauerstoff enthielt als das letzte, so erhalten
wir für den ersten Versuch 38,24, für den zweiten 38,31.
Wir haben also
60,11 + 38,24=98,35 Stickstoffoxyd -Kali, 1,65 Verl.
und 60,21+38,31=98,52 — — 1,48 —
In beiden Fällen mufste der Verlust entweder von einem
Wassergehalte oder von einer höheren Oxydationsstufe
eines Antheils Stickstoff, als in der Berechnung ange-
nommen worden ist, herrühren. Ich versetzte eine Auf-
lösung desselben Salzes mit Chlorwasserstoffsäure, und
kochte damit metallisches Gold. Es wurde etwas Gold
aufgelöst; die Flüssigkeit hatte also etwas Salpetersäure
enthalten. Ich wiederholte die Analyse mit einem sorg-
fältig bereitetem Salze.
100 Th. gaben 95,76 Chlorkalium, welche 99,06
Stickslolfoxyd-Kali entsprechen, woraus man sieht, dafs
es schwer ist das Salz vollkommen rein zu erhalten.
100 Th. Stickstoffoxyd -Kali enthalten also
Kali. Stickstoffoxyd.
61,14 38,86.
Die Krystalle enthalten kein Wasser.
*) Berzel Lehrbuch, Th. I. p. 481.
259
Versetzt man eine Auflösung dieses Salzes mit Wein-
säure, so entsteht ein Niederschlag, der saures weinstein-
saures Kali ist, und die Flüssigkeit entwickelt Stickoxyd-
gas. Wird sie gelinde abgedampft, so erhält man sei-
denglänzende Krjstalle, welche sauer reagiren und ein
Doppelsalz mit Weinsäure zu seyn scheinen.
Stickstoff oxyd- Natron. Wird aus dem salpeter-
sauren Natron wie das vorhergehende erhalten. Man
bekommt dieses Salz leichter frei von Salpetersäure als
das Kalisalz. Es krystallisirt aus der wäfsrigen Auflö-
sung in schönen Rhomboedern. In Alkohol ist es nicht
auflöslich. Es enthält Krystallwasser, welches durch
Schmelzen nicht vertrieben werden kann.
Zur Analyse wandte ich ein Salz an, welches über
Quecksilber ein farbloses Gas gegeben hatte, und mit
Salzsäure kein Gold aufzulösen vermochte. Im ersten
Versuch gaben 101 Th. Stickstoffoxyd -Natron 84 Th.
Chlornatrium, und im zweiten gaben 133 Th. des ge-
schmolzenen Salzes 111 Th. Chlormetall. 84 entspre-
chen 44,76 Natron und 111 = 59,15 Natron. Rechnet
man nun das entsprechende Stickstoffoxyd zu und nimmt
den Verlust als Wasser an, so erhält man folgende Zu-
sammensetzung:
I. Versuch.
II. Versuch.
Oxygen.
Oxygen. Berechnet.
Natron 44,32:
= 11,34
44,47 = 11,38 44,52
Stickstoffoxyd 42,37 =
= 22,68
42,62=22,76 42,67
Wasser 13,31 =
= 11,75
12,91 = 11,39 12,81
100,00 100,00 100,00
Stickstoff oxyd- Ammoniak. Habe ich in isolirter
Gestalt nichts erhalten können, vermuthe aber, dafs es
existirt, weil das Kalisalz mit Salmiak versetzt noch vor
dem Sieden ein Gas entwickelt, welches das Brennen
nicht unterhält, und ein mit Salzsäure befeuchteter Glas-
stab vor der Mündung des Kolben etwas raucht, Nun
R 2
260
ist es aber wahrscheinlich, dafs wenn das Salz existirt,
die Prodücte der Zersetzung,- Wasser, Stickstoff und
freies Ammoniak seyn müssen.
Stickstoffoxyd-Baryt. Wird aus dem salpetersauren
Salze durch Glühen erhalten. Es bedarf keiner starken
und anhaltenden Hitze; je mehr man es glüht desto mehr
Baryterde erhält man. Die geglühete Masse wird in
Wasser aufgelöst imd abgedampft; es krystallisirt wie das
salpetersaure Salz. Man mufs es abermals auflösen, um
es von anhängendem kohlensauren Baryt zu trennen.
201 Th. dieses Salzes durch Salzsäure zersetzt ga-
ben 193 krystallisirtes Chlorbaryum, welche = 167,95
Chlorbaryum.
Das Salz bestand also aus:
Baryt 123,66 enthält Oxygen 12,96
Stickstoffoxyd 48,43 — — —
Verlust als Wasser 28,91 — — 25,52
201,00.
Man sieht also, dafs das Salz eine Menge Krystalli-
sationswasser enthält, deren Sauerstoff das Doppelte von
dem Sauerstoff der Base ist.
Berechnet ist seine Zusammensetzimg folgende:
Baryt 61,47
Stickstoffoxyd 24,07
Wasser 14,46
100,00
Das Wasser kann durch Hitze nicht vertrieben werden.
Stickstqffoxyd-Kalk. Wird wie die vorhergehen-
den Salze erhalten. Ich untersuchte bei dieser Gelegen-
heit die Menge des Wassers, welche der krystallisirte sal-
petersaure Kalk enthielt. Ihr Sauerstoff beträgt vier
Mal so viel als die der Base. Der Stickstoffoxyd -Kalk
verhält sich, den äufsern Eigenschaften nach, ganz wie
das salpetersaure Salz, und zerfliefst eben so leicht.
261
200 Th. Salz durch kohlensaures Ammoniak zersetzt
gaben 97 kohlensauren Kalk =54,69 Kalk. Dieser ent-
hält 15,31 Sauerstoff.
54,69 Kalk erfordern 57,76 Stickstoffoxyd. Der Ver-
lust betrug also 200 — (54,69 + 57,76) =87,52, der als
"Wasser angenommen 77,26 Sauerstoff anzeigt. Er be-
trägt also fünf Mal so viel als der der Base.
Das Salz ist zusammengesetzt:
Versuch. Berechnet.
Kalk 27,35 27,58
Stickstoffoxyd 28,89 28,94
Wasser 43,76 43,48
100,00 100,00
(Das Salz hatte eine Spur von Salpetersäure ent-
halten. )
Stickstoffoxyd-Silber. Wird erhalten durch Zersetzung
des Stickstoffoxyd -Baryt mit schwefelsaurem Silber. Die
Flüssigkeit setzte bei dem Abdampfen lange nadeiförmige
Krystalle von strohgelber Farbe ab. Sie hatten folgende
Eigenschaften. Vom Sonnenlichte wurden sie geschwärzt,
in Wasser waren sie nicht mehr auflöslich, sondern wur-
den davon so zersetzt, dafs sich ein Salz in Flocken nie-
derschlug, so lange ein anderes in geringer Menge sich
auflöste. Ich wollte das gelbe Salz analysiren, und über-
gofs eine gewisse Menge mit Chlorwasserstoffsäure. Die
Krystalle überzogen sich an der Oberfläche mit Chlor-
silber, indem sie etwas Gas entwickelten, und blieben dann
unverändert. In Ammoniak lösten sie sich auf. Die Schale,
worin ich die Analyse machte, wurde zerschlagen und der
Versuch vereitelt. Ich würde einen so geringfügigen Um-
stand nicht anführen, wenn ich das Salz später hätte er-
halten können. Gelinde in einer Glasröhre erhitzt, zer-
fiel das Salz in metallisches Silber und salpetrichte Säure.
Ich versuchte mehreremal ohne Erfolg, dasselbe Salz her
vorzubringen. Man mufs dabei den überschüssigen Baryt
262
nicht durch Schwefelwassersäiire entfernen wollen, wie
ich es ein Paar Mal machte, denn in diesem Fall erhält
man neutrales salpetrichtsaures Silberoxyd, welches nicht
krystallisirt erhalten werden kann. Mit Stickstoffoxyd-
Natron erhielt ich das Salz zum zweiten Mal, aber in
zu geringer Menge, um analysirt zu werden; beim Ab-
dampfen der Flüssigkeit oxydirt es sich schnell und geht
allmählig in salpetersaures Salz über. Ich hatte keine
Luftpumpe, um das Salz bei Ausschlufs der Atmosphäre
zu erhalten.
Stickstoffoxyd- Blei. Obgleich ich dieses Salz nicht
erhalten konnte, und meinen Zweck nicht erreichte, in-
dem ich basische Stickstoffoxyd -Bieisalze hervorzubrin-
gen beabsichtigte, so führe ich einige Versuche an, weil
sie zu zeigen scheinen, dafs das Salz erzeugt werden
kann. Salpetersaures Blei wurde in einem silbernen Tie-
gel geglüht. Es entwickelte sich Sauerstoff und salpe-
trichte Säure. Da sich die Flüssigkeit mit einer metalli-
schen Haut überzog, so wurde der Versuch unterbrochen.
Die erstarrte Masse wurde mit Wasser ausgekocht und
filtrirt. Beim Erkalten setzte die Flüssigkeit eine grofse
Menge eines weifsen Salzes ab, welches scharf getrock-
net durch Hitze zerlegt wurde.
71 Th. gaben 57 Th. gelbes Oxyd, die 4,08 Sauerstoff
enthalten. 14 Th. Salpetersäure enthalten aber 10,36 Sauer-
stoff, woraus erhellt, dafs es halb -salpetersaures Bleioxyd
war. Die Flüssigkeit, die kein Salz mehr absetzte, wurde
abgedampft, wobei sie so zersetzt wurde, dafs sich sal-
petersaures Blei bildete und metallisches Blei ausschied.
Zersetzt man Stickstoffoxyd -Kalk mit salpetersaurem
Blei, so wird die Salpetersäure zerlegt, und es bilden sich
salpetrichtsaure Salze. Beim Erkalten schlägt sich das
neutrale salpetrichtsaure Bleioxyd in Gestalt eines wei-
fsen krystallinischen Pulvers aus der gelben Auflösung
nieder. Dieses Salz kann durch gelindes Erhitzen über
einer kleinen Weingeistlampe so zerlegt werden, dafs der
263
Rückstand drittel -salpetrichtsaures Bleioxyd ist. Versetzt
man die Auflösung, die das neutrale Salz abgesetzt hatte,
mit Alkohol, so wird ein weifses Pulver niedergeschla-
gen, welches beim Glühen genau 80 Proc. Bleioxyd hin-
terläfst, woraus ich schliefse, dafs es halb-salpetrichtsaures
Bleioxyd ist. Die mit Alkohol gefällte Flüssigkeit bleibt
gelb, und enthält also noch ein aufiösliches Bleisalz.
VII. Ueber die Zusammensetzung einiger organi-
schen Substanzen; von William Prout,
(Aus dem in den Ann. de chim, et de phys. XXXVI. p. 366. mit-
getheilten Auszug aus der Philosoph. Transact. für 1827.)
as zur Zerlegung dieser Substanzen angewandte Ver-
fahren bestand in der gleichzeitigen Anwendung von Ku-
pferoxyd und Sauerstoffgas. Die mit dem Kupferoxyde
gemischte Substanz wurde in ein Rohr gebracht, welches
an jedem seiner Enden mit einem umgekehrten Heber in
Verbindung stand, der das Sauerstoffgas enthielt und als
Gasometer diente. Dadurch, dafs man Quecksilber in
den offenen Schenkel des einen Hebers gofs, und gleich-
zeitig das Quecksilber in dem andern Heber, durch einen
an seiner Krümmung befindlichen Hahn, ausfliefsen liefs,
trieb man das Sauerstoffgas von einem Heber in den an-
dern. Die in den Apparat gebrachte Sauerstoffmenge
wurde vor dem Versuch mittelst graduirter Gasometer
gemessen; aus der Volumensänderung, welche das Sauer-
stoffgas nach dem Versuch erlitten hatte, ergab sich die
Wasserstoffmenge in der zerlegten Substanz.
Der Apparat wurde durch eine Reihe kleiner Wein-
geistlampen erhitzt, und nachdem die Wirkung des Ku-
pferoxyds vorüber war, liefs man das Sauerstoffgas hin-
und herströmen , um das Kupfer wieder vollständig zu
264
oxydiren und jeden etwa noch nicht verbrannten Theil
der Substanz vollends zu verbrennen.
Durch dieses Verfahren umgeht man die dem Ku-
pferoxyde vorgeworfenen Uebelstände, dafs es Luft und
Feuchtigkeit condensire, und erhält den Wasserstoff ge-
nauer, als durch die bisher angewandten Verfahren.
Rohrzucker. Der reinste Zucker, den ich kenne,
ist der aus Rohrzucker bereitete Kandiszucker. Dieser
Zucker, nachdem er durch wiederholte Krystallisation aus
Wasser und Alkohol gereinigt, und durch mehrstündige
Aussetzung einer Temperatur von 100° vom hygrometri-
schen Wasser befreit war, fand sich folgendermafsen zu-
sammengesetzt:
Kohlenstoff 42,85
Wasser 57,15 *).
Die schönsten und reinsten Sorten des im Handel
vorkommenden Hutzuckers, welche ich untersuchte, ga-
ben bei gleicher Behandlung genau dieselben Resultate.
Man darf also annehmen, dafs ihre Zusammensetzimg die-
selbe ist, wie die des Hutzuckers. Der Rohrzucker scheint
durch die Siedhitze des Wassers keine Zersetzung zu er-
leiden; allein bei 150° C. fängt er an zu schmelzen und
eine dunkelbraune Flüssigkeit zu bilden. Als er bei einem
Versuche sieben Stunden lang dieser Temperatur ausge-
setzt war, hatte er nur 0,6 Procent seines Gewichts ver-
loren; aber seine Eigenschaften schienen beträchtlich (dune
moniere permanente) geändert zu seyn. Berzelius hat
indefs gezeigt, dafs der Zucker bei der Verbindimg mit
Bleioxyd 5,3 Proc. Wasser verliert. Ich habe das zucker-
) Diese Zusammensetzung würde ziemlich mit der Formel:
12C-}-22H-}-llO oder mit der ihr gleichwertigen: 12C-f-llH
(worin C = 76,437 und H = 112,479) übereinstimmen, denn
diese giebt: 42,573 Kohlenstoff und 57,427 Wasser. Nach Ber-
zelius enthält bekanntlich dieser Zucker 1 Atom Wasserstoff
mehr, und, in Verbindung mit Bleioxyd, 1 At. Wasser weniger.
P.
265
saure Bleioxyd oft dargestellt, und habe es zufällig ein-
mal in schönen Krystallen erhalten.
Honig zucker. Der von mir untersuchte Zucker war
aus Honig von Narbonne bereitet. Nach Beraubung sei-
nes hygrometrischen Wassers durch mehrtägiges Aufbe-
wahren unter einem Recipienten neben Schwefelsäure,
zeigte er sich zusammengesetzt aus:
Kohlenstoff 36,36
Wasser 63,63 *).
Bei gewöhnlicher Beschaffenheit der Atmosphäre ent-
hält dieser Zucker gewöhnlich mehr Wasser, als es diese
Analyse angiebt, nämlich ungefähr 64 Procent. Ander-
seits verliert er bei einer Temperatur, die weit unter der
Siedhitze des Wassers liegt, schnell ungefähr 3 Procent
Wasser und fängt an flüssig zu werden. In einem Ver-
suche, worin er 30 Stunden lang der Siedhitze des Was-
sers ausgesetzt wurde, verlor er mehr als 10 Proc. sei-
nes Gewichts an Wasser, nahm eine dunkelbraune Farbe
an und schien theilweise zersetzt zu seyn.
Der Stärkemehlzucker gehört offenbar zu dieser
Varietät, eben so wie der diabetische Zucker, und wahr-
scheinlich der Traubenzucker, Feigenzucker u. s. w. Alle
diese Zuckerarten sind im Zustande der Reinheit von einem
schönen Weifs, krystallisiren in Warzen, und sind bei ge-
wöhnlicher Beschaffenheit der Atmosphäre luftbeständig.
Stärkemehlzucker. Diabetischer Zucker.
Kohlenstoff 36,2 36 bis 40?
Wasser 63,8 64—60
Weizenstärke. Diese Substanz ist von mehreren
Chemikern mit sehr verschiedenen Resultaten analysirt.
•) Diese Zusammensetzung würde ziemlich mit der Formel:
12C-J-14H übereinstimmen, denn diese giebt: 36,808 Kohlen-
stoff und 63,192 "Wasser. Danach würde der Honigzucker 3 At.
"Wasser mehr enthalten als der Rohrzucker. Doch stimmt für
erstem auch eben so gut die Formel: 5C-f-6H; sie giebt 36,156
Kohlenstoff und 63,844 Wasser. P.
266
Gay-Lussac und The'nard fanden darin 43,55 Froc.
Kohle, Ure dagegen nur 38,55 Procent. Die folgenden
Bemerkungen werden diese Verschiedenheit genügend er-
klären.
Eine sehr schöne Sorte Stärkemehl, die auf mein Ge-
such ohne Zusatz des Farbstoffs, welchen man gewöhn-
lich in dem käuflichen Stärkemehl zurückläfst, eigens be-
reitet und mehrere Monate lang an einem trocknen Orte
aufbewahrt worden war, gab, abgesehen von den frem-
den Stoffen:
Kohlenstoff 37,5
Wasser 62,5.
Hundert Theile derselben Sorte, fein gepulvert und
20 Stunden lang einer Temperatur von 95 bis 100° C.
ausgesetzt, verloren, ira Mittel aus zweien Versuchen,
12,5 Theile, und gaben bei der x\nalyse:
Kohlenstoff 42,8
Wasser 57,2.
In diesem Zustande enthält das Stärkemehl jedoch
noch Wasser, von dem man es zum Theil durch Aus-
setzung einer höheren Temperatur befreien kann. Als
es nämlich nach 24 stündiger Erwärmung bis zu 100° C.
sechs Stunden lang einer Temperatur von 150° bis 180° C
ausgesetzt wurde, verlor es noch 2,3 Procent mehr, und
in diesem Zustande analysirt gab es:
Kohlenstoff 44
Wasser 56.
Es hatte jetzt eine schwach gelbe Farbe und schien
in seinen Eigenschaften etwas geändert zu seyn. Die
zuletzt gefundene Wassermenge ist also nahe die gröfste,
die das Stärkemehl ohne Zersetzung verlieren kann *).
*) Von den drei liier angeführten Zusammensetzungen der VVci-
zenstärke stimmt die erste mit der Formel: 12L-f-14M, die
zweite Formel mit der Formel: 12C-J-11H, und die dritte
mit der Formel: 12C + 10H. P.
267
Arrow -root (Stärkemehl aus der Wurzel der Ma-
ranta indicä). Diefs ist eine andere Art von Stärkemehl,
von dem es, wie vom Zucker, eine grofse Zahl von Ab-
arten zu geben scheint. Nachdem es 20 Stunden lang
bei einer Temperatur von 92° bis 100° getrocknet wor-
den war, gab es, abgesehen von den fremden Substan-
zen, bei der Analyse:
Kohlenstoff 42,8
Wasser 57,2
Als es aber noch sechs Stunden länger in einer Tem-
peratur von 100° C. gehalten wurde, verlor es noch 3,2
Procent mehr> und dann war es von ähnlicher Beschaf-
fenheit wie die bei 150° und 180° C. getrocknete Wei-
zenstärke. Es gab sehr nahe:
Kohlenstoff 44,4
Wasser 55,6
Durch eine abermalige sechsstündige Erwärmung bis
auf 150° und 180° C. verlor es noch 1,38 Proc; allein
es wurde dabei weit dunkler braun , als die bei gleicher
Temperatur getrocknete Weizenstärke, und zeigte sich be-
deutend mehr zersetzt. Diese Art von Stärkemehl scheint,
wie der erwähnte Honigzucker, alles zu seiner Zusam-
mensetzung nicht wesentliche Wasser zu verlieren, wenn
es einer Temperatur von 100°, und vielleicht selbst einer
geringeren, hinlänglich lange ausgesetzt gewesen ist.
Holzfaser. Die HH. The'nard und Gay-Lussac
haben zuerst gezeigt, dafs die Holzfaser den Sauerstoff
und Wasserstoff in dem zur Wasserbildung nöthigen Ver-
hältnisse enthalten; ein Pvesultat, das durch meine Ver-
suche vollkommen bestätigt wird. Ich habe Buchsbaum
und Weidenholz untersucht. Nachdem ich diese Holz-
arten fein gepulvert hatte, kochte ich sie so lange mit
Wasser, bis dieses ihnen nichts mehr entzog, darauf mit
Alkohol und nun wiederum mit Wasser. Nach diesen
Auskochungen liefs ich den Faserstoff so lange an der
268
Luft liegen, bis er nichts mehr am Gewicht verlor, und
dann wurde er analysirt. Die Resultate waren:
Buchsbauraholz. VVeidenholz.
Kohlenstoff 42,7 42,6
Wasser 57,3 57,4*).
Durch 24 stündiges Trocknen bei einer Temperatur
von 100° C. , und ferneres 6 stündiges Trocknen bei einer
Temperatur von 150° bis 165° C. , verlor das Buchs-
baumholz 14,6 Proc. , und das Weidenholz 14,4 Proc.
In diesem Zustande analysirt, gaben sie:
Buclisbaumholz. "Weidenholz.
Kohlenstoff 50,0 49,8
Wasser 50,0 50,2**).
Resultate, die fast mit denen von Gay-Lussac
und Thenard beim Eichen- und Buchenholz erhalte-
nen übereinstimmen. Man darf also annehmen, dafs alle
Holzarten aus gleichen Theilen von Kohlenstoff und Was-
ser zusammengesetzt sind.
Der Holzstoff ist unzweifelhaft unter andern Gestal-
ten als die Pflanzenfaser vorhanden, und wirklich scheint
er das Gerippe auszumachen, auf welchem die meisten
Vegetationsprocesse vor sich gehen. Um seine nähren-
den Eigenschaften, mit denen allein wir es hier zu thun
haben, zu erweisen, will ich nur erwähnen, dafs Hr.
Professor Autenrieth in Tübingen vor einigen Jahren
gezeigt hat, dafs man diese Substanz durch eine zweck-
mäfsige Behandlung zur Brodbackimg geschickt machen
kann. Seine Methode hiezu ist folgende. Man zieht zu-
nächst alles in Wasser Lösliche durch wiederholtes Ein-
weichen und Auskochen aus. Dann bringt man es in
einen Zustand von grol'ser Zertheilung, d. h. man zer-
*) Beide Resultate kommen nahe mit der Formel: 12C-J-11H
überein. P.
**) Ungefähr übereinstimmend mit der Formel: 12C-f-8H. P.
269
theilt es nicht blofs in Fasern, sondern macht ein wirk-
liches Pulver daraus, und nachdem man es mehrmals der
Hitze eines Backofens ausgesetzt hat, mahlt man es auf
ähnliche Art wie Getreide. So zubereitet erhält es, nach
dem Verfasser, den Geruch und den Geschmack des Wei-
zenmehls. Es ist indefs niemals ganz weifs, sondern
etwas gelblich. Es ist auch darin dem Mehle ähnlich,
dafs es ohne Sauerteig nicht gährt, und zwar gährt es
am besten mit Sauerteig von Weizenmehl. Es giebt als-
dann ein völlig homogenes und lockeres Brod, welches,
wenn es wohl ausgebacken ist, viel Kruste hat, und bes-
ser schmeckt als das Brod, welches man zur Zeit der
Noth aus Kleve bäckt. Das Holzmehl, mit Wasser ge-
kocht, giebt auch eine steife, zitternde Gallerte, wie das
Stärkemehl, und ist sehr nahrhaft.
Essigsäure oder Essig. Biese Substanz scheint zu
allen Zeiten und allen Orten, entweder zufällig oder ab-
sichtlich, als Nahrungsmittel gebraucht zu seyn. Mehrere
Chemiker haben Analysen derselben bekannt gemacht;
aber, obgleich einige die wahre Zusammensetzimg gege-
ben haben, hat, sonderbar genug, keiner von ihnen den
merkwürdigsten Umstand in ihrer Zusammensetzung be-
merkt, nämlich den, dafs Sauerstoff und Wasser darin
in dem Verhältnisse der Wasserbildung enthalten sind *).
Einige Versuche, die ich vor mehreren Jahren angestellt
habe, schienen diese Meinung sehr wahrscheinlich zu
machen; aber nur durch mehrmalige Verbrennung von
essigsaurem Kupferoxyd in meinem Apparat, habe ich
gefunden, dafs das Sauerstoffvolumen sich nicht ändert,
wodurch ich dann von der Richtigkeit meiner Meinung
vollkommen überzeugt worden bin.
Die Essigsäure, welche das zu ihrer Zusammensetzung
nÖthige Wasser enthält, hat mir gegeben:
Kohlenstoff 47,05
Wasser 52,95
*) Der Hr. Verf. schliefst vielleicht Hrn. Gay-Lussa c vonihnenaus.
**) Uebereinstimmend mit der Formel: 12C-f~9H. Ä
270
ein Resultat, das fast genau mit denen anderer Chemi-
ker übereinstimmt.
Milchzucker. Durch wiederholte Krystallisation ge-
reinigt, habe ich folgende Zusammensetzung für ihn ge-
funden:
Kohlenstoff 40
Wasser 60
welches Resultat fast genau mit dem von Berzelius
gegebenen übereinkommt.
Mannazucker. Durch die bekannten Methoden ge-
reinigt, gab er mir:
Kohlenstoff 38,7
Wasser 61,3
ein Resultat, das von denen Th. Saussure's sehr ab-
weicht. Der Mannazucker scheint sein hygrometrisches
Wasser erst bei der Temperatur 100° G. zu verlieren»
aber einige Grade darüber, fängt er an sich zu zersetzen,
und bei 120° C. nimmt er, ohne zu schmelzen, die Form
eines braunen Pulvers an, und stöfst einen starken brenz-
lichen Geruch aus.
Mimosengummi. Im Zustande seines gewöhnlichen
Vorkommens zerlegt, gab er, abgesehen von den fremd-
artigen Beimischungen:
Kohlenstoff 36,3
Wasser 63,7.
Hundert Theile desselben Gummi's 24 Stunden lang
einer Temperatur von 95° bis 100° C. ausgesetzt, ver-
loren 12,4 Proc. Wasser. Seine Zusammensetzung, nach
diesem Ergebnifs berichtigt, würde seyn:
Kohlenstoff 41,4
Wasser 58,6.
Diefs Resultat ist durch die Analyse fast genau be-
stätigt worden. Dasselbe Gummi, noch 6 Stunden län-
ger einer Temperatur von 150° bis ISO ausgesetzt, nahm
eine braune Farbe an, und schien eine Zersetzung erlit-
ten zu haben, obgleich sein Gewichtsverlust nur 2,6 Proc.
271
betrug. Kienach ist es wahrscheinlich, dafs das Gummi
alles zu seiner Zusammensetzung nicht wesentliche Was-
ser bei der Temperatur von 100° C. verliert, vorausge-
setzt, dafs er derselben hinlänglich lange ausgesetzt ge-
wesen ist:
Vegetabilische Säur e n.
Oxalsäure. Vor mehreren Jahren habe ich bewie-
sen, dafs diese Säure im krystallisirten Zustande, zusam-
mengesetzt ist aus:
Kohlenstoff 19,04
Sauerstoff 38,11
Wasser 42,85
welche Zusammensetzung schon vor langer Zeit von an-
dern Chemikern für diese Säure angegeben, und, wie ich
glaube, auch allgemein angenommen ist, nur nicht vom
Dr. Thomson, welcher uns lehrt, dafs er eine Oxal-
säure angetroffen, die die Hälfte ihres Gewichts an Was-
ser enthalten habe. Ich habe eine grofse Menge Proben
dieser Säure untersucht, allein bis jetzt ohne irgend einen
Erfolg zu Gunsten dieser Angabe.
Citronejisäure. Diese und die folgenden Säuren, mit
Ausnahme der Apfelsäure, wurden zu gleicher Zeit mit
der Oxalsäure untersucht, und neuerlich habe ich die
damals erhaltenen Resultate bestätigt gefunden. Die kry-
stallisirte Citronensäure finde ich zusammengesetzt aus:
Kohlenstoff 34,28
Sauerstoff 22,87
Wasser 42,85
Mehrere Chemiker sind dieser Zusammensetzung sehr
nahe gekommen, aber keiner hat sie meines Wissens ge-
nau gegeben.
Weinsteinsäure. In Krystallen ist sie zusammenge-
setzt aus:
Kohlenstoff 32,0
Wasser 36,0
Sauerstoff 32,0
272
Eine ähnliche Zusammensetzung hat der Dr. Thom-
son in seinem Werke über die Proportionen gegeben.
Apfelsäure. Sie wurde nicht für sich, sondern in
Verbindung mit Bleioxyd, Kalk und Kupferoxyd unter-
sucht. Abgesehen von dem Wasser, welches zu ihrer
Zusammensetzung nicht wesentlich ist, gab sie:
Kohlenstoff 40,68*)
Wasser 45,76
Sauerstoff 13,56.
Diese Säure kann unter gewissen Gesichtspunkten
als eine der wichtigsten von allen Pflanzensäuren angese-
hen werden.
Schleimsäure. Die unerwartete Zusammensetzung
dieser Säure bestimmte mich, ihre Eigenschaften vollstän-
diger zu untersuchen, als es sonst geschehen seyn würde.
Die, welche ich zuerst anwandte, war aus Milchzucker
bereitet und ziemlich rein, obwohl nicht vollständig. Zu-
letzt zog ich die aus Gummi bereitete vor, welche sich,
obgleich man sie in einem ungemeinen unreinen Zustande
erhält, durch folgendes Verfahren leicht und vollständig
reinigen läfst.
Man
•) Diese Analyse würde nahe mit der Formel: 4C-J-3 H J -Q
übereinstimmen, denn diese giebt: 41,140 Kohlenstoff, 45,404
Wasser und 13,456 Sauerstoff. Dieselbe Formel nimmt übri-
gens, wie leicht zu ersehen, auch die Form 4C-j-6H-{-40 an.
Sehr abweichend von dieser Analyse ist die, welche neuerlich
Hr. Prof. Frommherz (in Schweigg. Journ. Bd. 47. S. 1.)
bekannt gemacht hat. Derselbe findet nach dem Mittel aus zwei
Versuchen in 100 Th. Apfelsäure: 29,297 Kohlenstoff, 65,947
Sauerstoff und 4,756 "Wasserstoff, welche Zusammensetzung
nach den neuen Atomgewichten von Berzelius der Formel:
7Li-j-14H— J-12 entsprechen würde. Was der Grund dieser
bedeutenden Abweichung ist, kann wohl nur durch eine neue
Untersuchung entschieden -werden. Bemerken will ich nur, dafs
Prof. H. Rose vor mehrern Jahren eine Analyse der Aepfelsäure
unternommen hat, die er selbst, als eine seiner ersten Arbeiten,
zwar nicht für ganz genau hält, die aber der vom Dr. Prout
gegebenen sehr nahe kommt. P.
273
Man übersättigt die unreine Säure ein wenig mit
Ammoniak und löst das Salz in siedendem Wasser auf.
Die Lösung filtrirt man noch siedend, und dampft sie
langsam fast zur Trockne ab. Das schlcimsaure Ammoniak
setzt sich in Krystallen ab, und diese werden nun mit
kaltem Wasser gewaschen, bis sie weifs und rein sind.
Man löst sie nun in möglichst wenig siedenden Wassers,
filtrirt die Flüssigkeit, und läfst sie in verdünnte Salpe-
tersäure tröpfeln. Die letztere zersetzt das schleimsaure
Ammoniak und fällt die Schleimsäure im Zustande völli-
ger Reinheit. Die so erhaltene Säure gab:
Kohlenstoff 33,33
Wasser 44,44
Sauerstoff 22,22
welches Resultat von denen anderer Chemiker etwas ab-
weicht, die sich wahrscheinlich nicht die Mühe gegeben
haben, die Säure ganz rein darzustellen.
Es wird nicht überflüssig seyn, hier einiger Um-
stände zu erwähnen, deren Wichtigkeit, in Retreff der
vorhergehenden Analysen, künftig noch einleuchtender
seyn wird.
Zunächst scheint die Gleichheit der Zusammensetzung
des Honigzuckers und des Arrow -root *), bei gewöhnli-
cher Reschaffenheit der Atmosphäre, zu beweisen, dafs
die Unterschiede zwischen den verschiedenen Stärkemehl-
arten denen analog sind, welche sich zwischen den Zuk-
kerarten finden.
Dann scheint aus der gleichen Zusammensetzung der
Weizenstärke und des Rohrzuckers, des Honigzuckers
und des Arrow-root hervorzugehen, dafs obgleich die zum
Theil organisirten {merorganized , von fi^OQ, partim)
Körper wirklich der Krystallisation nicht fähig sind, den-
noch die ursprüngliche Tendenz ihrer wesentlichen Ele-
*) Sollte hier nicht ein Irrthum obwalten? Die vorhin gegebenen
Zusammensetzungen des Honigzuckers und des Arrow-root's sind
wenigstens nicht identisch. P,
Annal. d. Physik. B. 88 .St. 2. J. 1828. St. 2. S
274
mente, sich in gewissen Verhältnissen zu verbinden (viel-
leicht auch gewisse Formen anzunehmen) zu wirken fort-
fährt, wenn gleich im geringeren Grade, und dahin trach-
tet, gewisse Arten emer bestimmten Existenz aufrecht zu
erhalten. Endlich verlieren die krystallisirten Körper ihr
Krystallwasser nur schwierig, und wenn sie es verlieren
geschieht es sprungweise oder in bestimmten Verhältnis-
sen. Die merorganisirten Körper dagegen halten bei
allen Graden das Wasser so schwach zurück, dafs das-
selbe, innerhalb gewisser Gränzen, schnell abgeschie-
den werden oder sich mit ihnen in allen Verhältnissen
verbinden kann; diefs gilt nicht blofs vom Wasser,
sondern von jeder andern Substanz, die fähig ist, sich
mit den merorganisirten Körpern zu verbinden.
Ich enthalte mich für jetzt weitere Betrachtungen an-
zustellen, und bemerke nur für diejenigen, die meine Ver-
suche wiederholen wollen, dafs die Atomgewichte von Was-
serstoff, Kohlenstoff und Sauerstoff bei den obigen Be-
rechnungen zu 1:6:8 angenommen sind ; und dafs die von
mir gegebenen Resultate die mittleren aus mehreren Ver-
suchen sind, bei denen die Unterschiede 0,01 bis 0,03
Kubikzoll auf 5 bis 8 Kubikzoll Kohlensäure - und Sauer-
stoffgas betrugen.
VIII. lieber einen besonderen Fall von dauern-
der Einwirkung, welche die chemischen Eigen-
schaften eines Metalls noch lange nach des-
sen Berührung mit einem andern Metalle er-
leiden.
Von A. van Beek.
Mitglied des Königl. Niederländischen Instituts.
I
n einer der ersten Klasse des K. Niederl. Instituts über-
reichten und in den zweiten Theil der neuen Denkschrif-
275
ten desselben eingerückten Abhandlung „Ueber die Er-
haltung des Kupferbeschlags der Schiffe im Meerwasser
mittelst Contactelektricität," habe ich mich vorzüglich da-
mit beschäftigt, alle Combinationen , durch welche diese
Erhaltung möglich ist, so wie alle Umstände, welche die-
selbe begleiten, durch genaue Versuche auszumitteln.
Ich habe mich dabei von dem mächtigen Einflüsse
der Berührung heterogener Metalle auf deren chemische
Eigenschaften überzeugt, so wie auch von der Unzuläng-
lichkeit der blofsen Lehre von den chemischen Verwandt-
schaften, wie man sie vormals zur Erklärung dieser Er-
scheinimg aufgestellt hat.
1. In ein mit Meerwasser gefülltes Gefäfs stellte
ich eine Kupferplatte ; sie winde bald oxydirt und das
Wasser nahm in kurzer Zeit eine dunkelgrüne Farbe an.
2. Unter denselben Umständen wurde eine Kupfer-
platte, an welche eine kleine Platte von Eisen, Zinn oder
Zink befestigt war, vollkommen geschützt. Das Kupfer
behielt seinen Glanz, während das Eisen, Zinn oder Zink
stark oxydirt wurde.
3. Ein einziges sehr dünnes Glimmerblättchen, zwi-
schen das Kupfer und Eisen des vorigen Versuchs ge-
schoben, hob völlig die Schutzkraft des Eisens auf. Das
Kupfer wurde oxjdirt.
4. Als Kupfer und Eisen durch ein Glimmerblätt-
chen an unmittelbarer Berührung gehindert, aber durch
einen metallischen Leiter, einen Platindraht, im Bogen
verbunden waren, wurde das Kupfer vollkommen ge-
schützt, und es liefs sich keine Spur von Kupferoxyd
in der Flüssigkeit wahrnehmen.
Dieser Fall von schützender Wirkung von Eisen,
welches das Kupfer nicht unmittelbar berührte, sondern
nur mittelst eines zweiten Metalles (des Platins) mit ihm
in Verbindung stand, wurde vollends durch den nachste-
henden Versuch bestätigt.
5. Eine Kupferplatte wurde mittelst eines Platin-
S *
276
drahtes mit einer Eisenplalte verbunden. Hierauf stellte
man die so vereinigten Metalle getrennt in zwei mit Meer-
wasser gefüllte Gefäfse und verband das Wasser in bei-
den durch einen Streifen benetzter Baumwolle oder durch
einen gleichfalls mit Meerwasser gefüllten Heber.
Bas Kupfer wurde nicht im mindesten angegriffen,
und in dem Gefäfse, worin dasselbe sich befand, blieb
das Wasser vollkommen durchsichtig, während in dem
andern Gefäfse das Eisen sich stark oxjdirte.
Bei dieser Gelegenheit habe ich die sonderbare That-
saehe entdeckt, welche den Hauptgegenstand dieses Auf-
satzes ausmacht.
Nachdem ich den zum fünften Versuch gebrauchten
Apparat 47 Tage lang in Wirksamkeit gehalten hatte, fiel
mir ein, den Platindraht, welcher das Eisen und Kupfer
verband, durchzuschneiden, in der Erwartung, dafs sich
das Kupfer bald oxydiren würde, wie es, bei blofser
Eintauchung in Meerwasser, gewöhnlich vom ersten Tage
ab geschieht. Allein ich sah mich getäuscht. Zu meinem
grofsen Erstaunen behielt nämlich das Kupfer seinen Glanz
und das Wasser seine farblose Durchsichtigkeit vollkom-
men bei. — Am vierten Tage hob ich die Gemeinschaft
zwischen dem Wasser in beiden Gefäfsen auf, indem ich
die Baumwolle fortnahm. Allein diefs hatte keinen Ein-
flufs auf die Beschützimg des Kupfers; sie blieb voll-
kommen.
In der anfänglichen Meinung, dafs das Meerwasser
durch die stattgehabte chemische Wirkung seine oxydi-
rcnde Kraft auf das Kupfer verloren hätte, nahm ich eine
kleine Portion desselben Wassers und stellte einen an-
dern Kupferstreifen hinein; allein dieser wurde schon am
ersten Tage oxydirt. Das Meerwasser, welches bei dem
vorhergehenden Versuch in dem Gefäfse enthalten war,
halte also die oxydirende Kraft auf das Kupfer keines-
weges verloren, und folglich liefs sich dadurch die beob-
achtete Erscheinung nicht erklären.
277
Anderseits hatte das angewandte Kupfer eben so
wenig seine Oxydirbarkeit im Meerwasser verloren. Diefs
ergab sich daraus, dafs dasselbe Kupfer schnell angegrif-
fen wurde, als man es in ein anderes ^Gefäfs mit Meer-
wasser stellte.
Die sonderbare Thatsaehe, dafs das Kupfer, noch
lange Zeit nach Aufhebung der die Beschützung veran-
lassenden Berührung mit einem andern Metalle, fortdauernd
geschützt bleibt, scheint also nach diesen Versuchen von
einer vereinten und wechselseitigen Eigenschaft des Ku-
pfers und des Meerwassers im Gefäfse herzurühren.
Es scheint, dafs die elektrische und schützende Wir-
kung des Eisens und des Meerwassers mit dem Kupfer,
nachdem sie eine gewisse Zeit gedauert hat, zwischen
den Elementen des Kupfers und des Meerwassers eine
gewisse bleibende elektrische Spannung hervorruft, wel-
che sich der, unter den gewöhnlichen Umständen so
starken, Verwandtschaft des Sauerstoffs mit diesem Metalle
kräftig widersetzt.
Ich habe mich überzeugt, dafs die Berührung der
Metalle eine gewisse Dauer haben mufs, wenn das Ku-
pfer die Eigenschaft erlangen soll, nach aufgehobener
Berührung beschützt zu bleiben. Denn als ich in einem
Apparate dieser Art, welcher nur wenige Tage thätig ge-
wesen war, die Berührung unterbrach, wurde das Kupfer
schnell oxydirt.
Gegenwärtig bin ich mit neuen Versuchen beschäf-
tigt, um die erforderliche Dauer der galvanischen Action
zur Beschützung des Kupfers, so wie auch um die Glän-
zen dieser Beschützung selbst, kennen zu lernen.
Das Kupfer, dessen Berührung nach 47tägiger Wir-
kung in dem erwähnten Apparate unterbrochen wurde,
bleibt nun schon 20 Tage lang nach jenem Zeitpunkte
vollkommen geschützt, und es zeigt sich bis jetzt keine
Anzeige von Oxydation in dem Gefäfse.
Als ich mit diesen Untersuchungen beschäftigt war,
278
erhielt ich das Septemberheft der Annales de chimie et
de phisique von 1827. Es befindet sich darin eine sehr
interessante Abhandlung von Hrn. Prof. A. de la Rive
über die besonderen Eigenschaften der metallischen Elek-
tricitätsleiter, welche mehr oder weniger lange in dem
Kreise einer, durch einen flüssigen Leiter geschlossenen
Voltaschen Säule befindlich gewesen sind. Namentlich
hat Hr. de la Rive gefunden, dafs diese Leiter (Pla-
tindrähte), nachdem sie von der Säule genommen und
in einen flüssigen Leiter getaucht worden, auf eine ge-
wisse Zeit einen elektrischen Strom erzeugen, der im
Stande ist die Nadel des Galvanometers abzulenken *).
Die Aehnlichkeit zwischen seinen und meinen Ver-
suchen scheint mir entschieden zu seyn, und eben so
glaube ich, sind wir uns in sofern begegnet, als die
Thatsache einer elektrischen Action, die nach Wegnahme
ihrer Ursache (der Berührung der Metalle) fortdauert,
gleichmäfsig aus Hrn. de la Rive 's Versuchen wie aus
meinen hervorgeht ; nur zeigt sich die ungewöhnliche Er-
scheinung, welche in Hrn. Rive's Versuchen nur eine
kurze Dauer besafs und nur mittelst des Galvanometers
zu erkennen war, in dem erwähnten Versuche im vollen
Lichte und auf eine deutliche Art, da hier die Körper
in ihren innigsten Eigenschaften angegriffen sind.
Dafs metallische Leiter, welche zu einer Voltaschen
Kette gehört haben, in einen bleibenden elektrischen Zu-
stand gerathen, durch welche ihre chemischen Eigenschaf-
ten nicht blofs theilweise, sondern gänzlich umgeändert
werden, ist in meinen Augen eine merkwürdige Thatsa-
che, welche die volle Aufmerksamkeit der Physiker ver-
dient !
Zusatz. Im Laufe meiner Versuche über die
Beschützung der Metalle, habe ich einen grofsen Feh-
ler entdeckt, welchen der berühmte englische Chemiker
*) Hrn. de la Piive's Versuche sind den Lesern 'in dies. Ann.
Bd. 86. S. 425. mitgetheilt worden. P.
279
Sir Humpliry Davy begangen hat. In der Bak ein-
sehen Vorlesung vom 8. Juni 1826, welche unter dem
Titel: „On the electrica! and chemical changes" im
3. Theil der Philosophical Transactions von 1826 be-
kannt gemacht ist, räth derselbe nämlich zur Beschützung
der Dampfkessel, besonders der auf Dampfböten, bei
denen man häufig Meerwasser gebraucht, Zink oder Zinn
anzuwenden.
Entscheidende Versuche haben mich aber gelehrt,
dafs Zinn, weit entfernt das Eisen zu schützen, vielmehr
von diesem geschützt wird, und dafs demnach ein Stück
Zinn, welches man in den Kessel bringt, um das Eisen
vor der Oxydation zu bewahren und dadurch die Gefahr
vor Explosionen zu verringern, gerade sehr viel zu des-
sen baldiger Zerstörung beiträgt.
Will man von dem Principe der wechselseitigen Be-
schützung der Metalle hier eine nützliche Anwendung
machen, so ist Zink das einzige Metall, welches man
anwenden darf.
A. v. JB.
IX. JJeber das Leitvermögen verschiedener Me-
talle für die Elektricität; von VF. Harris.
(Aus dem Bullet, univers. des Sciences, Sect. I. T. VIII. p. 33. *).)
1\ T
liimmt man an, dafs die Metalldrähte, welche ein elek-
trischer Schlag durchläuft, sich um so weniger erhitzen,
*) Das Original findet sich in den Philosoph Transact. für 1827.
Ich hahe indefs geglaubt mich einstweilen blofs mit diesem Aus-
zuge begnügen zu dürfen, weil mir scheint, dafs sich gegen diese
Untersuchung manche nicht unwichtige Einwürfe machen lassen.
So z. B. ist der Satz, dafs die Erwärmung der Metalle durch
den elektrischen Schlag sich geradezu umgekehrt wie das Lei-
tungsvermögen derselben für Elektricität verhalte, doch lediglich
280
je besser sie die Elektricität leiten, so kann man durch
die entwickelte Wärme die Leitungsfähigkeit dieser Me-
talle für die Elektricität bestimmen. Der Verfasser nahm
Metalldrähte von gleichem Durchmesser und gleicher Länge,
spannte sie nach einander horizontal in einem Glasballon
von 3" Durchmesser aus, und verband sie an ihren Enden
mit einer elektrischen Batterie. Der mit Luft gefüllte
(und luftdicht verschlossene) Ballon ruhte mit seinem
Halse auf einem kleinen Behälter, welcher Weingeist ent-
hielt und mit einem Haarröhrchen in Verbindung stand,
dessen längerer Arm senkrecht in die Höhe ging. Im
Augenblick, wenn der elektrische Schlag den im Ballon
ausgespannten Draht durchlief, theilte dieser Draht seine
Wärme der Luft im Ballon mit, und diese eingeschlos-
sene Luft trieb, indem sie sich ausdehnte, die Flüssigkeit
in dem Rohre in die Höhe. Die nachstehende Tafel ent-
hält sämmtliche auf diesem Wege erhaltene Resultate.
nur Annahme. Und wenn man bedenkt, -welchen Einflufs die
Wärmeleitung und Wärmecapacität der Metalle auf deren Er-
wärmung möglicherweise haben kann, und welchen Einflufs die
Temperatur auf die Elektricitätsleitung erwiesenermafsen wirk-
lich hat, so ist man gewifs berechtigt, einen thatsächlichen Be-
weis von jenem Satz zu verlangen. Vergleicht man die Resultate
in obiger Tafel mit denen des Hrn Becquerel (in dies. Ann.
Bd. 84. S. 358. ), so findet man neben mancher Uebereinstim-
mung auch mehrere beträchtliche Abweichungen. Um sie mit
einem Blicke zu übersehen, stehe hier die Tafel des Hrn. Becque-
rcl zusammen mit den aus Hrn. Harris Versuchen sich erge-
benden Resultaten.
Harr.
Becq.
Harr.
Becq.
Kupfer
100
100
Platin
20
16,40
Gold
66,6
93,60
Eisen
20
15,80
Silber
100
73,60
Blei
8,3
8,30
Zink
33,3
28,50
Quecksilber
3,45
Zinn
16,6
15,50
Kalium
1,33
Bei Hrn. Becq. hatten alle Metalle die Temperatur 0°, und
der Trogapparat wirkte verhältnifsmäfsig nur schwach. Beide
Umstände können auch das Ihrige zu den obigen Differenzen
beigetragen haben. P.
281
Metalle u. Legirung. Wi
rkungen. I
Metalle u. Legirung.
Wirkungen
Kupfer . . .
6
Gold 1, Silber 1
. 20
Silber . . . .
6
Gold 3, Kupfer 1 . 25
Kupfer 1, Silber 1
6
Gold 3, Silber 1
. 25
Kupfer 1, Silber 3
6
Zinn 1, Zink 1 .
. 27
Kupfer 3, Silber 1
6
Platin . .
. 30
Gold ....
9
Eisen . . .
. 30
Gold 1, Kupfer 3 .
15
Zinn 3, Zink 1
. 32
Gold 1, Silber 3 .
15
Zinn . . .
. 36
Zink ....
18
Zinn 3, Elei 1
. . 45
Messing ....
18
Zinn 1, Blei 1
. . 54
Kupfer 8, Zinn 1 .
18
Zinn 1, Blei 3
. . 63
Gold 1, Kupfer 1 .
20
Blei . .
. . 72
Man sieht aus dieser Tafel, dafs Kupfer und Silber
die geringste Wärme erregt haben, und also die besten
Elektricitätsleiter sind. Die Drähte wurden von ¥ V bis -^
Zoll Dicke genommen, doch hatten sie gleichzeitig die-
selbe Dicke, da man sie jedesmal durch einen und den-
selben Drahtzug gehen liefs.
X.
lieber das Wärme - Leitungs vermögen der
hauptsächlichsten Metalle und einiger erdi-
gen Substanzen; von Hrn. Despretz.
(Ann. de chim. et de phys. XXXVI. p. 422.)
er Bericht von meiner Abhandlung über das Wärme-
leitmigsvermögen findet sich in den Annales de chimie
et de physicjue T. XIX. p. 97. Seit der Zeit habe ich
das Wärmeleitungsveraaögen des Goldes, Silbers und Pla-
tins mitersucht, wovon ich die Resultate hier zugleich mit
den älteren geben werde.
Meine Versuche gaben mir für das Leitvermögen der
hauptsächlichen Körper folgende Verhältnisse:
282
Gold
1000,0
Zinn
303,9
Silber
973,0
Blei
179,6
Platin
981,0
Marmor
23,6
Kupfer
898,2
Porzellan
12,2
Eisen
374,3
Ziegel- und
Zink
363,0
Ofenmasse
11,4
Folgendes war der Gang einiger dieser Versuche,
Alle Stangen waren quadratische Prismen. Der Abstand
zwischen zwei auf einander folgenden Thermometern be-
trug 10 Centimeter. Der Querschnitt der Stangen hielt,
ausgenommen bei den beiden letzteren (Stangen) 21 mm
in der Seite. Alle Stangen wurden mit einem und dem-
selben Firnifs überzogen, um ihnen in Bezug auf die
Wärmestrahlung eine gleiche Oberfläche zu ertheilen. Bei
dem Versuch wurde die Stange an einem Ende mittelst einer
Quinquet'schen Lampe *) erwärmt. Solch eine Lampe hat
bei diesen Versuchen mehrere Vorzüge, namentlich ist es
leicht sie zu handhaben, und dann bringt sie auch wenig
nach dem Orte der Beobachtung hin. Die Temperatur
Wärme der umgebenden Luft wurde durch ein sehr
empfindliches Thermometer angegeben. Es gelang, diese
Temperatur für die Dauer eines Versuches sehr nahe con-
stant zu erhalten. Jeder Versuch dauerte sechs Stimden.
Erst nach zwei bis drei Stunden erlangten die Thermome-
ter eine stationäre Temperatur. Das der Lampe am näch-
sten befindliche Thermometer nahm die Temperatur, auf
welcher man es erhalten wollte, sehr schnell an, und
man sah alsdann darauf, dafs diese Temperatur keine
merklichen Aenderungen erlitt **):
*) Der Name Lampe ä la Quinnuet oder oder — wie Hr. Des-
p'retz schlechthin sagt — Quinguet , kommt der Lampe mit
doppeltem Luftzuge gerechterweise nicht zu. Die Ehre der Er-
findung gebührt dem Hrn. Argand und nicht dem Hrn. Quin-
quet. Man sehe darüber: Dicouverte des Lampes a courant
d'air et a cylindre ; par Mr. Arg and. Gcneve 1785. (P-J
*) Ausführlicher findet man diefs Verfahren beschrieben in Biot's
Tratte, Tom. IV. p. 666. ( P)
283
Kupferstange. Temperatur der Luft 17°,08 C.
_ T , , r .., Summe zweier Ueber
Ueberschuls üb. ... -,• •■,•_. j i
_, r- . „, .. schusse dividirt durch
Thermometer. Temperatur, die Temper.der d en zwischenliegenden
Ueberscliufs.
Luft.
lstes
2tes
3tes
4tes
5tes
6tes
83°, 44 C.
63,36
49,70
41,40
35,71
33,26
66°, 36 C.
46,28
32,62
24,32
18,63
16,18
2,14
2,15
2,11
2,17
Eisenstange. Temp eratur der Luft 13 ,02 G.
Thermometer.
lstes
2tes
3tes
4tes
5tes
6tes
Temperatur.
75°,92
43,71
33,64
25,34
21,21
19,63
Ueberschufs.
62°,90
36,69
20,52
12,32
8,19
6,61
Quotient.
2,34
2,34
2,33
2,31
Zinnstange. Temperatur der Luft 17°,34 C.
Thermometer. Temperatur. Ueberschufs. Quotient.
lstes 80°,75 63°,41 —
2tes 52,51 35,17 2,42
3tes 38,86 21,32 2,36
4tes 32,86 15,52 —
Bleistange.
Thermometer. Temperatur.
lstes 82°, 25
2tes 46,54
3tes 32,05
4tes 27,11
Temperatur 17°, 12.
Ueberschufs. Quotient.
65°,13 " —
29,42 2,72
14,93 2,64
9,99 —
Man beweist durch den Calcul, dafs das Warme-
1
leitungsvermögen proportional ist der Gröfse:
(log. x)
wenn x aus der Gleichung: xH =q bestimmt wird, in
welcher q der Quotient ist aus der Division der Summe
zweier Ueberschüsse durch den zwischenliegenden Ueber-
schufs. (Man sehe Hrn. Fourier's Theorie analyticjue
de la Chaleur.)
284
Man sieht aus diesen Versuchen, dafs die guten Lei-
ter, wie Gold, Silber, Platin, Kupfer, Eisen und Zink,
Resultate liefern, welche der von dem Calcul angezeig-
ten geometrischen Reihe genügen. Man weifs, dafs in einer
solchen Reihe der Quotient, aus der Division der Summe
zweier Ueberschüsse durch den zwischenliegenden Ueber-
schufs, eine constante Zahl ist.
Nur die guten Leiter genügen einer Exponentialreihe.
Schon das Blei, welches ungefähr 5 Mal weniger als das
Kupfer leitet, besitzt diese Eigenschaft nicht. Der erste
Quotient ist 2,72, und der zweite 2,64.
Die Resultate, welche der Marmor, die Ziegelerde
und überhaupt die wenig leitenden Materien geben, ent-
fernen sich sehr von einer Exponentialreihe. Hier einige
Resultate über den Marmor.
Stange von weifsem Marmor, Tempera t. d. Luft 17°,15.
:ermometer.
Temperatur.
Ueberschufs.
Quotlen
Istes
81°,06
63°,91
—
2tes
23,23
6,08
10,83
3tes
19,10
1,93
3,87
4tes
18,62
1,47
—
Der Querschnitt dieser Stange hielt 26 mm ,45 in der
Seite. Um das Leitungsvermögen des Marmors in Bezug
mit dem des Eisens zu setzen, nahm ich eine Eisenstange,
die 26 inm in der Seite hielt. Der erste Quotient, den
diese Stange lieferte, betrug 2,42, der zweite 2,40.
Der geringe Unterschied in den Dimensionen beider
Stangen winde bei der Berechnimg ihres respectiven Lei-
tungsvermögens in Rechnung gezogen.
Das Silber war in der Münze unter Aufsicht des
Hrn. DA r c e t gereinigt. Das Platin war von Hrn. B r e a n t
gereinigt. Die Goldstange verdanke ich der Güte des
Hm. Amede'e de Pujmaurin, und Hr. Brougniart
hatte die Gefälligkeit die Porcellanstangen in Sevres ver-
fertigen zu lassen.
Ich habe auch gesucht, das Leitungsvermögen des
Holzes zu messen. Das Holz leitet die Wärrne so schlecht,
dafs eine viereckige Stange von 21 mm Seite sich einige
Centimeter weit von seinem Ende nicht mehr erwärmte,
obgleich es hier bis zum Verkohlen des Holzes erhitzt war.
285
XL lieber einen dem Goldpurpur ähnlichen Sil-
herniederschlag ;
v o n G. F r i c k.
Director der K. Porcellanmanufactur in Berlin.
ei Gelegenheit von Marcadieu's Versuche über den
Purpur des Cassius *) haben frühere von mir angestellte
Versuche, über einen, dem Goldniederschlag durch Zinn-
auflösung ganz ähnlichen Niederschlag des Silbers durch
salpetersame Zinnauflösung wieder einiges Interesse er-
halten, imd ich erlaube mir daher, auf eine Thatsa-
che aufmerksam zu machen, deren Prüfung und Erklä-
*) Hr. Marcadieu, "Wardein in der Münze zu Paris, wurde zu
seinen Versuchen durch die Beobachtung veranlafst, dafs Silber,
welches eine geringe Menge von Gold und Zinn enthielt, beim
Auflösen in Salpetersäure, Goldpurpur hinterliefs, eine in sofern
merkwürdige Thatsache, als die Salpetersäure im verdünnten Zu-
stande nicht fähig ist metallisches Gold aufzulösen. Er bestätigte
diese Thatsache dadurch, dafs er reines Silber mit 0,002 G°ld
und 0,005 Zinn legirte, und die Legirung in Salpetersäure
auflöste; auch hiebei blieb ein Rückstand von Goldpurpur.
Die Schwierigkeit, das Silber mit Zinn zu legiren, brachte
ihn darauf, das Zinn blofs gemeinschaftlich mit dem gold-
haltigen Silber in Salpetersäure zu lösen. Auch hiebei wurde
beständig Goldpurpur gebildet, allein er entstand nicht, wenn er
Zinnoxyd statt des metallischen Zinns anwandte. Eben so wenig
konnte er Goldpurpur erhalten, wenn er eine Legirung von Zinn
und wenig Gold, oder von Zink mit wenig Zinn und Gold in
Salzsäure auflöste; es blieb nur metallisches Gold in Flitter-
chen zurück. Dagegen bildete sich der Purpnr sogleich, als er
dieselben beiden Legirungen mit Salpetersäure behandelte, und
zwar war der mit der Zinklegirung erhaltene schöner als alle
früheren. — Für das Probiren zieht Hr. M. aus seinen Versu-
chen die Folgerung, dafs es zur sichern Bestimmung des Gold-
gehaltes in einem zinnhaltigen Silber nöthig ist, das Abtreiben
mit Blei nicht zu unterlassen. (Ann. de chim. et de phys.
T. XXX1K p. 147 J P.
286
rang für die wissenschaftlichen Chemiker von Wichtig-
keit seyn dürfte.
Die dabei vorkommenden Erscheinungen sind neu
und auffallend, und auf die Erklärung des Goldzinn -
Niederschlags wohl von Bedeutung.
Ich setze das ganze Verfahren, nach welchem ich
nicht einmal, sondern öfter und bei immer gleichen Re-
sultaten gearbeitet habe, hierher. —
A. Vier und ein halbes Loth vollkommen reine
Salpetersäure, welche durch Verdünnung mit destillirtem
Wasser so weit gebracht worden, dafs sie bei der ge-
wöhnlichen Zimmertemperatur 1,10 schwer ist, werden
mit siebenundzwanzig Loth reinem destillirtem Wasser
vermischt, in eine gläserne Flasche gegossen, welche nur
zu dreiviertheil davon angefüllt seyn darf. Hierauf wird
ein Loth reines in ganz dünne Fäden geschnittenes Zinn
in die Flasche hineingesteckt, und diese mit einem schlecht-
schliefsenden gläsernen Stöpsel verschlossen, und im Win-
ter in ein kühles Zimmer, im Sommer in einen Eimer
mit kaltem Wasser gestellt, welches so oft erneuert wird,
als es sich erwärmt.
Die Flasche wird wenigstens alle halbe Stunden um-
geschüttelt, und nach Verlauf von 24 Stunden von dem
noch übrigen Zinn behutsam und klar in ein grofses Glas
abgegossen, und mit sechszehn Pfund und achtundzwan-
zig Loth destillirtem Wasser verdünnt.
Sollte die Zinnauflösung vor Ablauf der 24 Stunden
die mindeste Trübung zeigen, so inufs sie sogleich vom
rückständigen Zinn abgegossen, nach vorbeschriebener
Weise verdünnt und verbraucht werden. —
B. Dreifsig Gran ganz reines Silber *) werden in
*) Ich benutze dazu reines aus Chlorsilber reducirtes Silber, "was
in Salpetersäure wieder aufgelöst und durch Eisenvitriolauflö-
sung mit der gehörigen Vorsicht niedergeschlagen, mit destillir-
tem Wasser ausgesüfst und getrocknet war, und als höchst fei-
nes Pulver sehr leicht auflöslich in Salpetersäure ist.
287
einem tiefen Porcellangefäfse in gerade so viel reiner Sal-
petersäure aufgelöst, als zur Auflösung nötliig ist. Ich
setze daher die Säure in sehr kleinen Portionen zu und
neutralisire die Auflösung durch gelindes Abdampfen.
Die Silberauflösung wird dann mit dreifsig Loth destil-
lirtem Wasser in einem reinen Glase verdünnt und bei
Seite gestellt.
C Einhundert und achtzig Gran reine weifse con-
centrirte Schwefelsäure werden in einem reinen Glase mit
sieben und einem halben Loth destillirtem Wasser be-
hutsam verdünnt und bei Seite gestellt.
D. Man giefse die verdünnte salpetersaure Silber-
auflösung (J3) in die verdünnte salpetersaure Zinnauflö-
sung (A), rühre die Flüssigkeit mit einer reinen Glas-
stange wohl untereinander und lasse sie dann ruhig stehen.
Nach Verlauf einiger Minuten nimmt die Flüssigkeit
eine gelbe, dann eine braune, dann eine braunrothe, und
zuletzt eine dunkelpurpurbraune Farbe an. Sobald die
völlig undurchsichtig gewordene Flüssigkeit nicht mehr
dunkler wird, giefst man die verdünnte Schwefelsäure (6)
hinzu und rührt die Mischung mit einer Glasstange durch-
einander.
Es trennt sich alsbald ein dunkeJpurpurbrauner Nie-
derschlag, der sich gut setzt, ausgesüfst und getrocknet
wird.
Schon während des Aussüfsens mit destillirtem Was-
ser pflegt der Niederschlag die purpurbraune Farbe zu
verändern. —
Setzt man den zusammengegossenen salpetersauren
Silber- und Zinn - Auflösungen keine Schwefelsäure zu,
so erhellt sich die Flüssigkeit nach und nach wieder, wird
zuletzt blafsgelb und läfst nur einen unbedeutenden Nie-
derschlag fallen. —
Glasflüsse färbt der aus der gemengten salpetersau-
ren Zinn- und Silber -Auflösung durch Schwefelsäure dar-
gestellte Niederschlag nicht.
288
XII. Ueber die unterphosphorichtsauren Salze;
von Heinrich Rose
(Schlufs).
LJ nterphosphorichtsaures Bleioxyd. Digerirt man kalt
einen Ueberscliufs von Bleioxyd mit unterphosphorichter
Säure, so bläut die Auflösung stark rothes Lackmuspa-
pier; sie enthält daher ein basisches Bleisalz. Sättigt man
sie mit unterphosphorichter Säure, so erhält man eine
Auflösung des neutralen Salzes, das in blättrigen Krystal-
len anschiefst, deren Form sich nicht gut bestimmen läfst.
Dieses Salz ist im Wasser etwas schwer löslich, im hei-
fsen Wasser weit löslicher als im kalten. Die Auflösung
röthet etwas das Lackmuspapier. Im Alkohol ist es ganz
unlöslich, selbst wenn derselbe ziemlich wäfsrig ist. Wenn
man die wäfsrige Auflösung des Salzes mit starkem, nicht
absolutem Alkohol vermischt, so scheidet sich die ganze
Masse des Salzes vollkommen aus; im abfiltrirten sehr
wäfsrigen Alkohol ist nicht eine Spur von Bleioxyd zu
entdecken. Das auf diese Weise abgeschiedene Salz hat
beim Umrühren Perlmutterglanz, und im Aeufsern Aehn-
lichkeit mit dem sauren margarinsauren Kali, das durch
Auflösung von Seife in vielem Wasser sich abscheidet.
Wird das neutrale unterphosphorichtsaure Bleioxyd
in einer Retorte geglüht, so entwickelt sich eine grofse
Menge von selbstentzündlichem Phosphorwasserstoffgas.
Der Rückstand ist ziemlich weifs, und enthält weniger
Phosphorsubstanz als andere geglühte unterphosphoricht-
saure Salze. Das entbundene Phosphorwasserstoffgas ist
daher auch reiner. Es enthält indessen doch immer noch
Wasserstoffgas , und wird daher von einer Auflösung eines
Silberoxydsalzes oder von Kupfervitriol -Auflösung nicht
vollständig absorbirt. Das Volumen des nicht absorbirten
Gases
289
Gases ist indessen geringer, als das nicht durch Silber-
oxydauflösung absorbirte Gas von dem Gase, das durch
Erhitzen der unterphosphorichtsauren Kalkerde erzeugt
wird.
Die basisch reagirende Flüssigkeit, die, wenn man
mit unterphosphorichter Säure einen Ueberschufs von Blei-
oxyd hat digeriren lassen, von demselben abfiltrirt wor-
den ist, setzt nach einiger Zeit, wenn sie auch kalt in
verschlossenen Gefäfsen aufbewahrt wird, ein weifses
Pulver ab. Bewahrt man die Auflösung sehr lange Zeit
in verschlossenen Gefäfsen auf, so röthet sie, wie die
Auflösung des neutralen Salzes, schwach das Lackmus-
papier; das basische Salz hat sich an die Wände des
Gefäfses als ein krystallmisches sandartiges Pulver abge-
setzt. — Die basisch reagirende Flüssigkeit winde unter
der Luftpumpe zur Trockne abgedunstet, wodurch ich
krystallinische Krusten von Diamantglanz erhielt, die in
einer Retorte geglüht selbstentzündliches Phosphorwas-
serstoffgas gaben. 1,735 Grm. davon mit Salpetersäure
oxydirt gaben 1,775 Grm. geglühtes oxydirtes Salz, das
an manchen Stellen etwas gelblich wie bloises Bleioxyd
aussah. Mit Schwefelsäure zersetzt gab es 1,896 Gnu.
schwefelsaures Bleioxyd, das mit Alkohol ausgesüfst wurde.
Das Salz enthielt daher 80,41 Bleioxyd, 12,11 unterphos-
phorichte Säure und 7,49 Wasser. Der Sauerstoff des
Bleioxyds verhält sich zu dem der Säure wie 5,77:2,46
oder wie 2-|:l. Man sieht daraus offenbar, dafs das er-
haltene Salz eine Mengung von neutralem und einem ba-
sischen unterphosphorichtsauren Salze ist, in welchem
letztern sich vielleicht der Sauerstoff der Base zu dem der
Säure wie 3 : 1 verhält. — Von dem Salze, das sich von
selbst durch blofses Stehen aus der basischen Flüssigkeit
absetzt, erhielt ich zu wenig, um es untersuchen zu kön-
nen. Ich suchte es dadurch in gröfserer Menge hervor-
zubringen, dafs ich zu einer Flüssigkeit, aus welcher sich
durch langes Stehen in verschlossenen Gefäfsen alles basi-
Annal.d.Physik.B.88.St.2. J. 1828. St. 2. T
290
sehe Salz von selbst abgesondert hatte, und die, wie die
Auflösung des neutralen Salzes, das Lackmuspapier schwach
röthete, kaustisches Ammoniak setzte, und darauf die Fla-
sche verkorkte, damit sich kein kohlensaures Bleioxyd
bilden könnte. Es entstand im Anfange keine Trübung,
sondern erst nach mehreren Stunden. Der abfiltrirte Nie-
derschlag liefs sich nicht vollständig aussüfsen, sondern
löste sich dabei etwas auf. 0,574 Grm. davon mit Sal-
petersäure oxydirt gaben 0,541 Grm. geglühten Rückstand,
der geschmolzen war, und gelb wie reines Bleioxyd aus-
sah. Mit Schwefelsäure behandelt gab er 0,712 Grm.
schwefelsaures Bleioxyd, das mit Alkohol ausgesüfst wurde.
Hieraus ergiebt sich, dafs der durch Ammoniak gefällte
Niederschlag Bleioxydhydrat war, das nur eine Spur von
unterphosphorichter Säure enthielt. Die Zusammensetzung
im Hundert ist: 91,29 Bleioxyd, 7,14 Wasser und 1,57
unterphosphorichte Säure. Der Sauerstoff im Bleioxyd
verhält sich zu dem im Wasser wie 6,54:6,35, woraus
zu folgen scheint, dafs in diesem Bleioxydhydrat das Oxyd
und das Wasser gleich viel Sauerstoff enthalten. — Die
von dem Niederschlage abfiltrirte ammoniakalische Flüs-
sigkeit trübte sich durch's Kochen stark, und setzte da-
durch einen flockigen Niederschlag ab. Er wurde filtrirt
und ausgesüfst; die abfiltrirte Flüssigkeit enthielt noch
Bleioxyd; der Niederschlag liefs sich indessen so voll-
kommen aussüfsen, dafs das Abwaschwasser keine Spur
von Bleioxyd zeigte. Der getrocknete Niederschlag mit
Salpetersäure behandelt, entwickelte Kohlensäure, weil
sich beim Kochen beim Zutritt der Luft etwas kohlen-
saures Bleioxyd gebildet hatte. 0,830 Gnu. vollständig
oxydirt und geglüht wogen 0,798 Grm., die mit Schwe-
felsäure behandelt 0,978 Grm. schwefelsaures Bleioxyd
gaben. Der Niederschlag war daher im Hundert zusam-
mengesetzt aus 86,63 Bleioxyd, 4,58 unterphosphorichter
Säure und 8,79 Wasser. Der Sauerstoff des Oxyds ver-
hält sich zu dem der Säure wie 6,21 : 0,93. Diese Zusam-
291
mensetzung ist aber deshalb nicht genau, weil das Salz
auch kohlensaures Bleioxyd enthielt. Sehr wahrschein-
lich verhält sich in diesem basischen Salze der Sauerstoff
des Oxyds zu dem der Säure wie 6:1.
Wenn man einen Ueb erschuf s von Bleioxyd mit uiv
terphosphorichter Säure sehr lange und warm digerirt,
so fängt nach einigen Tagen Blei an sich zu reduciren.
Die Menge des reducirten Bleies kann sehr bedeutend
seyn, wenn man das Oxyd mit der Säure gekocht hat.
Man mufs deshalb, wenn man unterphosphorichte Säure
von Schwefelsäure durch Bleioxyd trennen will, nur eine
kalte und möglichst kurze Zeit dauernde Digestion an-
wenden. Die Reduction des Bleies erfolgt durchaus nicht
bei Auflösungen des neutralen und des basischen Salzes,
wenn man dieselben auch kocht und lange aufbewahrt;
es ist nöthig, dafs dazu ein gröfserer Ueberschufs von
Bleioxyd zugegen sey. Der Grund dieser Erscheinung
ist offenbar folgender: Durch Kochen von Auflösungen
unterphosphorichtsaurer Salze mit starken Basen, wird,
wie ich am Schlüsse dieser Abhandlung zeigen werde,
Wasser zersetzt, Phosphorsäure gebildet und Wasser-
stoffgas entwickelt. In diesem Falle wird aber fast kein
Wasserstoffgas entwickelt, sondern dafür Bleioxyd re-
ducirt.
Unterpliosphorichtsaures Kupferoxyd. In der Kälte
kann die unterphosphorichte Säure frisch gefälltes Kupfer-
oxyd auflösen, ohne dasselbe zu reduciren. Die Auflö-
simg ist blau, wie die der meisten Kupfersalze. Sie kann
sehr lange aufbewahrt werden, ohne dafs sie sich verän-
dert, ja man kann sie selbst, wenn sie nicht sehr con-
centrirt ist, erhitzen, ohne dafs eine Reduction statt findet.
Läfst man die Same mehrere Monate über Kupferoxyd
kalt stehen, so reducirt sich endlich etwas Kupfer. Dampft
man die Auflösung des unterphosphorichtsauren Kupfer-
oxyds ab, so findet, doch erst bei sehr starker Concen-
tration, eine vollständige Reduction statt. Dasselbe er-
T 2
292
folgt auch, wenn man, ohne die Auflösung zu erwärmen,
dieselbe unter der Luftpumpe bis zur Trockne abdampft*).
Unterphosphorichtsaures Eisenoxydul. Eisen wurde
mit unterphosphorichter Säure beim Ausschlufs der Lufl
behandelt. Es löste sich darin mit Wasserstoffgasentwick-
lung auf. Die Auflösung wurde schnell, damit sie sich
nicht höher oxydiren konnte, unter der Luftpumpe abge-
dampft. Ich erhielt eine hellgrüne krystallinische Masse,
die in einer Retorte erhitzt, sich wie unterphosphoricht-
saures Zinkoxyd verhielt.
Unterphosphorichtsaures Eisenoxyd. Frisch gefäll-
tes Eisenoxyd kalt mit unterphosphorichter Säure digerirt,
löst sich nur in geringer Menge, aber diese ohne zu Oxy-
dul reducirt zu werden in derselben auf. Es bildete sich
ein in freier Säure schwerlösliches weifses Salz, das in
einer Retorte erhitzt selbstentzündliches Phosphorwasser-
stoffgas gab. — Wurde Eisenoxyd mit unterphosphorich-
*) Bei der Beschreibung der phosphorichtsauren Salze hatte ich
das phosphorichtsaure Kupjerojryd nicht erwähnt; es ist hier
eine schickliche Stelle, einige Worte darüber zu sagen. Ich er-
hielt es, indem ich eine Auflösung von.. Kupferclilorid mit neu-
tralem phosphorichtsauren Ammoniak fällte. Es entstand ein
schöner blauer Niederschlag, der sich vollkommen aussüfsen und
trocknen liefs. Er konnte selbst an einem warmen Orte getrock-
net werden, ohne dals eine Pieduction statt fand. In einer R.e-
torte erhitzt gab er erst viel Wasser und dann einen Strom von
reinem Wasserstoffgase; der Inhalt der Retorte wurde braun von
reducirtem Kupfer und schmolz. Als die geschmolzene Masse
mit Wasser behandelt wurde, löste sich saures phosphorsaures
Kupferoxyd auf; noch mehr davon durch Digestion mit Chlor-
wasserstoffsäure, es blieb regulinisches Kupfer unaufgelöst zurück.
Die phosphorichte Säure hatte sich also theils auf Kosten eines
Theils Kupferoxyd, theils durch Sauerstoff vom zersetztem Was-
ser in Phosphorsäure verwandelt, und mit untersetztem Kupfer-
oxyde sich zu einem sauren Salze verbunden.
Löst man phosphorichlsaures Kupferoxyd in phosphorichter
Säure auf, und kocht die Auflösung, so findet eine Reduction
des Kupferoxyds statt, doch wird nicht die ganze Masse dessel-
ben reducirt.
293
ter Säure gekocht, so wurde das Oxyd zu Eisenoxjdul
reducirt, das mit imzersetzter unterphosphorichter Säure
als unterphosphorichtsaures Eisenoxjdul aufgelöst blieb,
während die entstandene Phosphorsäure, mit Eisenoxyd
verbunden, unaufgelöst und mit dem Ueberschufs des
Eisenoxyds gemengt blieb.
Ich hatte versucht, wie ich schon oben angeführt
habe, mehrere unterphosphorichtsaure Salze durch Zer-
setzung einer Auflösung von unterphosphorichtsaurer Kalk-
erde mit einem Ueberschufs eines unlöslichen Oxalsäuren
Salzes darzustellen. Es glückte mir diefs vollkommen, um
unterphosphorichtsaure Talkerde und Manganoxydul zu
bereiten, die ich bei mehrmaligen Bereitungen immer frei
von Kalkerde fand; alle unlösliche Oxalsäure Salze, die
ich amvandte, wurden zwar durch die unterphosphoricht-
saure Kalkerde zersetzt, aber das entstandene unterphos-
phorichtsaure Salz enthielt immer gröfsere oder geringere
Mengen von unterphosphorichtsaurer Kalkerde, wenn auch
der gröfste Ueberschufs des Oxalsäuren Salzes angewandt
worden war. Ich wage es nicht, eine Erklärung dieser
Thatsachen zu geben, weil die Theorie der Zersetzung
der löslichen Salze durch unlösliche noch nicht gehörig
entwickelt worden ist, denn die treffliche Arbeit von
Dulong ist früher erschienen, als die Lehre von den
bestimmten Proportionen fest begründet war. — Die Ver-
bindungen von unterphosphorichtsauren Salzen mit unter-
phosphorichtsaurer Kalkerde, die ich dargestellt habe, sind:
Unterphosphorichtsaures Cadmiumoxyd, Eisenoxydul, Ko-
baltoxyd, Zinkoxyd und Bleioxyd. Die Menge der. in
ihnen enthaltenen unterphosphorichtsauren Kalkerde ist
sehr verschieden, und steht nach den Untersuchungen,
die ich darüber angestellt habe, in keinem bestimmten
Verhältnifs zu der Menge der andern unterphosphoricht-
sauren Base. Die Verbindung des unterphosphorichtsau-
ren Cadmiumoxyds, Eisenoxyduls und Kobaltoxyds mit
der unterphosphorichtsauren Kalkcrde sind von mir des-
294
halb untersucht worden, um zu sehen, in welchen Ver-
hältnissen die unterphosphorichtsaure Kalkerde sich mit
andern unterphosphorichtsauren Basen verbinden könne.
Die Verbindung von unter phosphoricht saurem Cad-
miumoxyd mit unterphosphorichtsaurer Kalkerde durch
Kochen von oxalsaurem Cadmiumoxyd mit einer Auflö-
sung von unterphosphorichtsaurer Kalkerde, und Abdam-
pfen der erhaltenen abliltrirten Flüssigkeit unter der Luft-
pumpe erhalten, bildet Krystalle, deren Form nicht be-
stimmt werden konnte. 2,622 Grm. davon in "Wasser
aufgelöst, gaben mit Schwefelwasserstoffgas 1,257 Grm,
Schwefelcadmium , und darauf mit oxalsaurem Ammoniak
Oxalsäure Kalkerde, die geglüht, 0,073 Grm. kohlensaure
Kalkerde gab. Das Salz war also im Hundert zusam-
mengesetzt aus:
Unterphosphorichtsaurem Cadmiumoxyd 68,80
Unterphosphorichtsaurer Kalkerde 3,74
Wasser 27,46
100,00.
Man könnte diese Verbindung, wegen der sehr ge-
ringen Menge der unterphosphorichtsauren Kalkerde, für
reines unterphosphorichtsaures Cadmiumoxyd halten. Es
verhielt sich in der Hinsicht anders, als letzteres, dafs es
in einer Retorte erhitzt selbstentzündliches Phosphorwas-
serstoffgas entwickelte. Es enthalt offenbar 4 Atome
Krystallisationswasser (die Kalkerde hat 0,44, das Cad-
miumoxyd 5,34, und das Wasser 24,42 Sauerstoff) ; wes-
halb es weder die Form der unterphosphorichtsauren
Kalkerde, noch die des unterphosphorichtsauren Kobalt-
oxyds hat.
Die Verbindung von unterphosphorichtsaurem Eisen-
oxydul mit unterphosphorichtsaurer Kalkerde wurde aus
reinem frisch bereitetem Oxalsäuren Eisenoxydul, das ganz
frei von Eisenoxyd war, dargestellt. Nachdem diefs mit
einer Auflösung von unterphosphorichtsaurer Kalkerde
295
sehr lange gekocht worden war, liefs ich alles in einer
verschlossenen Flasche erkalten, worauf die schnell fil-
trirte Flüssigkeit sogleich unter der Luftpumpe abgedampft
wurde. Ich erhielt grünliche krystallinische Krusten; das
Salz enthielt nur eine höchst geringe Spur von Eisenoxyd.
In der Retorte erhitzt gab es nur selbstentzündliches Phos-
phorwasserstoffgas. Bei der Analyse wurde das Eisen-
oxydul durch wasserstoffschwefliges Schwefelammonium
niedergeschlagen, und das Schwefeleisen in Eisenoxyd ver-
wandelt. Ich erhielt aus 2,230 Grm. des Salzes 0,536 Grm.
Eisenoxyd, so wie Oxalsäure Kalkerde, die geglüht 0,532
kohlensaure Kalkerde gab. Diefs giebt folgende Zusam-
mensetzung des SalzeS:
Unterphosphorichtsaures Eisenoxydul 44,73
Unterphosphorichtsaure Kalkerde 31,37
Wasser 23,90
1000.
Die Sauerstoffmengen des Eisenoxyduls, der Kalk-
erde imd des Wassers verhalten sich wie 4,80:3,69:21,26,
woraus man sieht, dafs das Salz 2|- At. Wasser enthält.
Eine Verbindung von unterphosphorichtsaurern Ko-
baltoxyde und unterphosphorichtsaurer Kalkerde, auf glei-
che Weise wie die vorhergehenden Verbindungen darge-
stellt, krystallisirte in Octaedern von rother Farbe, die
Aehnlichkeit mit dem reinen unterphosphorichtsaurern Ko-
baltoxyde hatten. Sie verwitterten nur noch schneller als
dieses. 1,797 Grm. des Salzes gaben bei der Analyse
0,242 Grm. Kobaltoxyd und 0,602 Grm. kohlensaure Kalk-
erde, woraus folgende Zusammensetzung des Salzes folgt:
Unterphosphorichtsaures Kobaltoxyd 27,61
Unterphosphorichtsaure Kalkerde 44,96
Wasser 27,43
100,00.
Die Sauerstoffmengen des Kobaltoxyds, der Kalk-
296
erde und des Wassers verhalten sich wie 2,87:5,29:24,40;
im Salze sind also 3 Atome Wasser enthalten, was auf-
fallend ist,' da man wegen der Krystallform 8 At. darin
vermuthen könnte. Merkwürdig ist es aber, dafs unge-
achtet des so sehr bedeutenden Gehalts an unterphos-
phorichtsaurer Kalkerde beim Erhitzen in einer Retorte
dieses Salz sich gerade wie reines unterphosphorichtsaures
Kobaltoxyd verhält; es entwickelt sich nicht eine einzige
Blase von selbstentzündlichem Phosphorwasserstoffgas,
sondern eine Menge eines Gases, das angezündet mit star-
ker Phosphorflamme brannte. Der Rückstand war in con-
centrirter Chlorwasserstoffsäure unlöslich ; es löste sich in
derselben selbst nicht einmal Kalkerde auf. Es hatte sich
also hierbei Phosphorwasserstoffgas im Minimum von
Phosphor gebildet, und die Zersetzung durch die Hitze
war auf dieselbe Weise erfolgt, als wenn keine unter-
phosphorichtsaure Kalkerde zugegen gewesen wäre.
Ich habe diese Untersuchungen nur deshalb vorzüg-
lich hier angeführt, um darauf aufmerksam zu mache^
wie verschieden die Producle bei Zersetzungen von lös-
lichen Salzen durch unlösliche seyn können. Ich habe
die so eben beschriebenen Salze, so wie die Doppelver-
bindungen aus unterphosphorichtsaurem Zinkoxyde und
Bleioxyd mit unterphosphorichtsaurer Kalkerde mehrere
Male dargestellt, aber obgleich ich bei jedem neuen Ver-
suche die Menge des unlöslichen Oxalsäuren Salzes ver-
mehrte, so fand ich bei qualitativen Untersuchungen immer
in der abfiltrirten Auflösung Kalkerde. Die Ursach, warum
auf diese Weise nur die Verbindungen der unterphospho-
richten Säure mit der Talkerde und dem Manganoxydul
rein dargestellt werden können, liegt gewifs in der nicht
völligen Unlöslichkeit der Oxalsäuren Talkerde und des
Oxalsäuren Manganoxyduls im Wasser.
Ehe ich diese Abhandlung schliefse, mufs ich hier
noch einen Umstand erwähnen, der für die Analysen des
selbstcntzündlichen Phosphorwasserstoffgases von Wich-
297
tigkeit ist Die unterpliosphorichtsauren Salze erhalten
sich im trocknen Zustand an der Luft, ohne verändert
zu werden. Ihre Auflösungen verändern sich zwar, wenn
sie an der Luft erhitzt werden, indem dann ein Theil
der Säure höher oxydirt wird, wie ich diefs auch schon
früher angegeben habe *), aber sie können, ohne im
mindesten verändert zu werden, sehr lange gekocht wer-
den, wenn der Zutritt der Luft abgehalten wird. Ich
habe eine Auflösung von reinem unterphosphorichtsauren
Kali in einem Kolben mit einer Gasableitungsröhre, die
unter Wasser endigte, eine halbe Stunde gekocht, und
im Gefäfse bis zur Trockne verdampft, ohne dafs sich
das Salz veränderte, und sich auch nur eine Blase von
einer permanenten Gasart entwickelte. Ganz anders ist
aber der Erfolg, wenn kaustische Basen zugegen sind.
Kochte ich eine Auflösung von unterphosphorichtsaurem
Kali mit kaustischem Kali, so oxydirte sich die unterphos-
phorichte Säure auf Kosten des Wassers zu Phosphor-
säure und es entwickelte sich Wasserstoffgas. Die Ent-
wickelung dieses Gases ist nur gering, wenn die Auflö-
sungen sehr verdünnt sind, concentriren sie sich aber
nach und nach, so entwickelt sich immer mehr imd mehr
von diesem Gase, und ist dann ein etwas grofser Ueber-
schufs von einer sehr concentrirten Auflösung von kau-
stischem Kali vorhanden, so ist die Entwickelung des
Gases so rasch, als wenn man es durch verdünnte Schwe-
felsäure und Zink bereitet. Ich habe auf diese Weise
einige Grammen von unterphosphorichtsaurem Kali durch
kaustisches Kali so gänzlich in phosphorsaures verwan-
delt, dafs, als die Auflösung mit Chlorwasserstoffsäure
übersättigt und mit Quecksilberchloridauflösung versetzt
wurde, keine Spur von Quecksilberchlorür entstand. Eine
Auflösung von unterphosphorichtsaurer Kalkerde mit kau-
stischer Kalkerde gekocht entwickelt auch Wasserstoffgas,
doch bei weitem weniger, als unterphosphorichtsaures Kali
*) Poggendorff's Adü. Bd. IX. p. 376.
298
mit kaustischem Kali. — Diefs ist der Grund, warum
immer bei der gewöhnlichen Bereitung des selbstentzünd-
lichen Phosphorwasserstoffgases zugleich Wasserstoffgas
entwickelt wird, und man zuletzt ein Gas erhält, das sich
nicht mehr von selbst an der Luft entzündet. Man hat
diefs bei der Bereitimg, des Phosphorwasserstoffgases durch
Kali und Phosphor schon lange bemerkt; man wird da-
bei auch gesehen haben, dafs die Gasentwickelung noch
lange fortdauert, wenn auch schon aller Phosphor ver-
schwunden ist.
Die Zersetzung des Wassers durch unterphospho-
richtsaure Salze vermittelst starker Basen rührt von der
Verwandtschaft der entstehenden Phosphorsäure zu letz-
tern her. Sie ist daher eine Folge von sogenannter prae-
disponirender Verwandtschaft, und der Erscheinung ähn-
lich, dafs Eisen und Zink nur bei Gegenwart von einer
Säure das Wasser zersetzen können. Zur Zersetzimg
des Wassers durch unterphosphorichtsaure Salze wird des-
halb noch die Gegenwart von starken Basen erfordert,
weil die entstehende Phosphorsäure noch einmal so viel
Base zur Sättigung bedarf, als die unterphosphorichte
Säure; denn phosphorichte Säure, die gleich viel Base
wie die Phosphorsäure sättigt, wird auf ähnliche Weise
durch starke Basen nicht in Phosphorsäure verwandelt,
Ich kochte eine Auflösung einer beträchtlichen Menge
von phosphorichtsaurem Kali mit vielem kaustischen Kali
so lange, dafs Alles bis zur Trockne abgedampft war,
ohne dafs dadurch die kleinste Blase von Wasserstoffgas
erzeugt wurde.
299
XIII. lieber die allgemeinen Gesetze der stünd-
lichen Schwankungen des ^Barometers; von
Alexander von Humboldt.
(Die Abhandlung über die stündlichen Barometeroscillationen, wel-
che Hr. v. Humboldt in einem der letzten Theile seines Rei-
sewerks *) bekannt gemacht hat, ist von so mannigfaltigem In-
teresse, dafs ich schon längst den Wunsch gehegt habe, sie den
Lesern mittheilen zu können. Da indefs der Raum die Mitthei-
lung des Ganzen leider nicht gestattet, so beschränke ich mich gegen-
wärtig darauf, nur die Uebersicht zu geben, worin der Hr. Ver-
fasser am Schlüsse der Abhandlung die Hauptzüge dieses merkwür-
digen Phänomenes zusammenstellt. Eine solche Zusammenstel-
lung von dem, was unmittelbares Ergebnifs der Beobachtung ist,
dürfte um so weniger überflüssig seyn, als sie vielleicht am ein-
leuchtendsten zeigt, wie ■wenig die Mehrzahl der bisherigen Beob-
achtungen, besonders der auf Reisen angestellten, zu jenem höheren
Calcule geeignet ist, durch welchen neuerlich einer unserer aus-
gezeichnetsten Physiker *•) versucht hat, schärfere Resultate zu
erlangen. P. )
Di
'ie Hauptresultate der bisherigen Beobachtungen über
die stündlichen Oscillationen des Barometers lassen sich
in folgenden Sätzen zusammenfassen.
1. Die stündlichen Oscillationen des Barometers zei-
gen sich überall auf der Erde, in der heifsen Zone wie
in der gemäfsigten und kalten, am Spiegel des Meeres
wie in Höhen von mehr als 2000 Toisen. Diese Oscil-
lationen sind periodisch, und bestehen überall aus einem
zweimaligen Steigen und Fallen. Die beiden atmosphä-
rischen Fluthen sind im Allgemeinen nicht von gleicher
Dauer. Vergleicht man die, freilich an Genauigkeit sehr
") ^ r °y a S e aux regions equinoxiales du nouveau continent etc.
Tom. X. p. 330. der Ausgabe in Octav.
**) Hällström in dies. Ann. Bd. 84. S. 131. 299. 443. u. Bd. 87.
S. 251.
300
ungleichen Resultate, welche von dreifsig Beobachtern
zwischen 25° südlicher Breite und 55° nördlicher Breite
erhalten worden sind, so findet man zwischen den Zeiten
der Maxima und Minima Unterschiede von zwei Stun-
den, und schliefst man nur 5 Resultate aus, so fällt das
vormittägige Maximum zwischen 8 h 4- und 10 h ^, das nach-
mittägige Minimum zwischen 3 h und 5 h , das vormitter-
nächtliche Maximum zwischen 9 h und ll h , und das nach-
mitternächtliche Minimum zwischen 3 h und 5\ Voraus-
zusehen ist, dafs diese Gränzen sich weit näher kommen
werden, sobald man für die verschiedenen Zonen eine
gröfsere Anzahl von Beobachtungen gleicher Genauigkeit
haben wird. Vorläufig kann man für die Maxima und
Minima als allgemeine Regel annehmen, in der heifsen
Zone: + 21 h |; — 16 h ; -f-10 h J; — 16\ und in der ge-
mäfsigten Zone: +20^; — 3 h |; +9 h |; — 17 h , nach
astronomischer, vom Mittage gezählter Zeit.
2. In der gemäfsigten Zone liegen die Zeiten des
vormittägigen Maximums und des nachmittägigen Mini-
mums dem Mittage ein oder zwei Stunden näher, im
Winter wie im Sommer; aber im Sommer scheint sich
das Verhalten mehr dem zwischen den Wendekreisen
beobachteten zu nähern. Es fehlt noch besonders für
das nach Mitternacht eintretende Minimum an Beobach-
tungen, und es ist zu wünschen, dafs man untersuche,
welchen Einflufs die veränderliche Zeit des Sonnenauf-
gangs auf die Zeit dieses morgendlichen Minimums ausübt.
3. In der heifsen Zone sind die Wendestunden, d. h.
die Zeitpunkte, in denen die Oscillationen ihr Maximum
oder Minimum erreichen, dieselben am Spiegel des Mee-
res, wie auch Hochebenen 1300 bis 1400 Toisen über
dem Meere. Diese Gleichzeitigkeit soll sich in einigen
Theilen der gemäfsigten Zone nicht zeigen, und so z. B.
das Barometer im Kloster auf dem grofscn St. Bernhard
zu denselben Stunden sinken, zu welchen es in Genf sich
hebt. Ist diefs Phänomen allgemein in Europa, so bleibt
301
zu untersuchen, ob es sich auf grofsen Plateaux ebenfalls
zeige wie in Pässen oder engen Schluchten *).
4. Man sieht überall (wie es sich auch vorausse-
hen läfst)', dafs die Aenderungen nahe bei den concaven
*) Einige Beobachtungen, die man in Europa in Pässen und am
Abhänge von Gebirgen gemacht hat, und die Annahme von einer
Verschiebung der über einander gelagerten Luftschichten, hatten
mehrere Physiker zu der Meinung bewogen, dafs die Maxiina
und Minima an Orten, wie Guayra und Caracas, an den Küsten
der Südsee (zu Payta z. B.) und zu Popayan oder Bogota, zu
Vera Cruz und zu Mexico, an der Küste von Malabar, wo Hors-
burgh beobachtete, und auf den Hochebenen von Mysore und
Nepaul, nicht gleichzeitig eintreten könnten. Die Tafel am
Schlüsse dieses Aufsatzes wird zeigen, dafs diese Zweifel, in
Betreff der zwischen den Wendekreisen liegenden Hochebenen,
durchaus ungegründet sind. Ramond's Beobachtungen zu Cler-
mont-Ferrand, in einer Höhe von 210 Toisen, berechtigen uns
der Analogie nach anzunehmen, dafs man auf den bis zu 320
Toisen aufsteigenden Hochebenen von La Mancha in Spanien,
das Barometer zu denselben Stunden steigen sehen würde , wie
in Valencia und Cadix. Auf dem St. Bernhard und in Genf
beobachtet man zu Tageszeiten, die für die Kenntnifs der Baro-
meteroscillationen am unzweckmäfsigsten sind, nämlich zur ver-
änderlichen Zeit des Sonnenaufgangs und um 2 Uhr Nachmit-
tags. Diese Zeilen gehen dem Eintritt der Maxima und Minima
ungleichmäfsig voran. Nach den Beobachtungen zu Genf steht
daselbst das Barometer, sowohl im Winter wie im Sommer,
ein wenig höher als um zwei Uhr Nachmittags; aber auf dem
St. Bernhard waren im J. 1824 unter den 12 monatlichen Mit-
teln zur Zeit des Sonnenaufgangs 5 kleiner (Januar, April, Juni,
August, October) und 3 gröfser (Februar, Mai, Juli) als die
Mittel um 2 Uhr, und 4 denselben gleich (Bouguer, Figure
de la Terre, p. 39. De lue, Recherches sur les modif. de
l'atm. §. 528. 530. u. 596. Biblioth. univers. p. 1820 Juni,
p. 190. Tom. X. p. 20. D'Aubuisson, Journ. de phys.
Tom LXX1. p. 24. ). Bei dem schleunigen Sinken des Baro-
meters am 2. Febr. 1823 trat das Maximum des Fallens auf dem
St. Bernhard und in Genf zu derselben Stunde ein (Biblioth.
T. XXII. p. 111.^. Diese Ungewifsheiten über die Gleichzei-
tigkeit der Oscillationen werden nur dann gehoben werden, wenn
man von Genf und vom St. Bernhard, von Mailand und dem
Dorfe auf dem Simplon, von Trento und Inspruck mittlere Beob-
302
und convexen Scheiteln der Curve, durch welche sie sich
darstellen lassen, langsamer werden, d. h. dann, wenn
die Barometerstände ihr Maximum oder Minimum errei-
chen; an einigen Orten der Erde scheint der Barometer
während einer sehr beträchtlichen Zeit still zu stehen.
Diese Zeit schwankt zwischen 15' und 2 h ; bestimmt man
die halbe Dauer dieses stationären Zustandes mit Genauig-
keit, so mufs man den Augenblick des wahren Maximums
von dem unterscheiden, worin für unsere Sinne das Ba-
rometer aufhört zu steigen oder zu fallen.
5. Im Allgemeinen wird in der heifsen Zone, zwi-
schen dem Aequator und den Parallelkreisen, 15° nörd-
lich und südlich von demselben, durch die stärksten Winde,
durch Gewitter und Erdbeben, durch die plötzlichsten Aen-
derungen in der Temperatur und Feuchtigkeit , die Perio-
dicität der Barometervariationen nicht unterbrochen noch
abgeändert. Um so mehr Aufmerksamkeit verdient es,
dafs in einigen Theilen von Südasien, wo die Moussons
mit Heftigkeit wehen (z. B. in Indien), die Regenzeit
fast gänzlich den Charakter der stündlichen Variationen
achtungen hat, die zu den \'Vendestunden selbst angestellt sind.
Es kann übrigens seyn, dafs Passe, die auf dem Kamm der
Alpen liegen und von hohen Gipfeln umgeben sind, die Zei-
ten der Maxiraa und Minima verzögern und abändern, und dafs
diese örtlichen Einflüsse sich auf Hochebenen von grofser Aus-
dehnung nicht mehr zeigen. Um zu wissen, ob selbst in der
heifsen Zone die Gleichzeitigkeit unter gewissen Umständen weg-
falle, habe ich neuerlich die HH. Boussingault und Rivero
aufgefordert, ihre Barometer zu Santa Fe de Bogota und zur
Kapelle Kotre Dame de Guadalupe zu beobachten, welche letz-
tere, gleichsam angeklebt an einem Felsen, sich fast senkrecht
über der Stadt befindet, in einer Höhe von 322 Toisen. Hr.
Daniell (Meteor. Essais 1823, p. 260. J hat geglaubt, aus den
Beobachtungen, welche auf der letzten Nordpol -Expedition, be-
sonders auf der Melville's -Tnsel, und bei den Rocky-Mountains
angestellt worden sind, zu ersehen, dafs das Barometer unter dem
74° der Breite zu Zeiten steigt, zu welchen es unter dem 41° sinkt.
Dieser Gelehrte scheint das Phänomen Strömungen zuzuschreiben,
deren Daseyn nicht leicht zu erweisen ist.
308
verdeckt *), und dafs zu derselben Zeit, wo diese Varia-
tionen im Innern des Continents, an den Küsten und in
den Meerengen fast unmerklich sind, sie sich unter der-
selben Breite im offnen Meere ohne Störung zeigen.
6. Zwischen den Wendekreisen sind ein Tag und
eine Nacht hinlänglich um die Wendestunden und die
Dauer der kleinen Ebben und Fluthen in der Atmosphäre
kennen zu lernen; in der gemäfsigten Zone, unter der
Breite von 44° und 48°, zeigt sich Periodicität des Phä-
nomens in allen Jahreszeiten in den Mitteln von 15 bis
20 Tagen mit vieler Deutlichkeit.
7. Die ungleiche Gröfse der täglichen Variationen
bewirkt, in der heifsen Zone, zu denselben Stunden, in
verschiedenen Monaten, mehr oder weniger beträchtliche
Unterschiede in den Barometerständen. Die Gröfse der
Oscillationen nimmt ab, so wie die Breite und die zu-
fälligen Störungen zunehmen. Die Maxima am Abend
sind gewöhnlich ein wenig gröfser als die Maxima am
Morgen. Beschränkt man sich auf die Beobachtungen,
die genau und zahlreich genug sind, um glaubwürdige
Mittelwerthe zu geben; so findet man, dafs die Gröfse
der Oscillation von 9 h Morgens bis 4 h Nachmittags, zwi-
schen dem Aequator und dem Parallelkreise von 10°,
in den Ebenen 2 raD1 ,6 bis 3 mn j,5, und auf dem Plateau
von Bogota (1365 Toisen Höhe) 2 mm ,3 beträgt, dagegen
2 Millimeter in den Ebenen an der südlichen Gränze
der heifsen Zone. Im ganzen Jahre gehen die täglichen
*) Diefs ist namentlich zu Bombay von Hrn. Horsburgh beob-
achtet -worden. So wie aber das Wetter nur auf einige Stun-
den heiter wird, zeigt sich bei dem Barometergange wieder ein
Streben zur Regelmäfsigteit. Auch die Hochlande, welche die
Meerenge von Sincapore einfassen, sind nach Hrn. Horsburg
hinreichend , um daselbst die Regelmäfsigteit der Oscillationen zu
verdecken {Nicholson, Journ. Vol. XIII. p. 20. ). Dagegen
zeigen sich, nach Hrn. Colebroofee, im Innern von Indien die
Oscillationenwiederum unabhängig von den Temperaturvariationen
und den Jahreszeiten. Asiatic. Research. Vol. XII. p. 266.
304
Oscillationen zu Bogota von mm ,63 bis 3' nm ,64 ; die monat-
lichen Mittel schwanken daselbst von l mm ,5 bis 2 mm ,7. Die
Gröfse der Oscillation von 9 h Morgens bis 4 h Nachmittags
steht zu der von 4 h Nachmittags bis ll h Nachts, unter
den Tropen, in dem Verhältnisse 5:4 oder 5:3. Zwi-
schen 0° und 10° Breite schwanken die täglich Mittel
in den Ebenen um 3 mm ,8, und auf dem Plateau von
Bogota um 3 Millimeter. Ein Höhenunterschied von 1400
Toisen hat also wenig Einflufs auf die Mittelwerthe der
täglichen Oscillationen und die Extreme dieser Oscillatio-
nen. Der mittlere Barometerstand am Mittage ist zwi-
schen den Wendekreisen beständig etwas (einige Zehn-
tel eines Millimeters) höher, als das Mittel aus den Stän-
den am Maximum um 9 h Morgens und am Minimum um
4 h Nachmittags. Begiebt man sich vom Aequatur nach
den Polarregionen, so findet man folgende Unterschiede
zwischen den Barometerständen um 9 h Morgens und 4 h
Nachmittags: zwischen 0° und 10° Breite 2 mm ,5 bis 3 mm ,0;
zwischen 28° und 30° Breite l rair ,5; zwischen 43° und
45° Breite l mm ,0; zwischen 48° und 49° Breite mm ,8;
imter 55° Breite mra ,2.
8. Die monatlichen Mittel der Barometerstände wei-
chen folgendermafsen von einander ab: zwischen den Wen-
dekreisen, um l mm ,2 bis l mm ,5; zu Havannah, Macao und
Rio Janeiro, nahe an den beiden Wendekreisen, um 7
bis 8 Millimeter, wie in der gemäfsigten Zone. Die Un-
terschiede zwischen den Extremen zu denselben Stunden
im Laufe des Jahres gehen von 4 bis 4^ Millimeter; an der
Gräuze der heilsen Zone, am Wendekreis des Steinbocks
steigen sie zuweilen auf 21 mm , und am Wendekreis des
Krebses bis 25 und 30 Millimeter. Im gemäfsigten Eu-
ropa liegen die Glänzen der äufsersten monatlichen Oscil-
lationen, bei der aufsteigenden Bewegimg, um die Hälfte
näher an einander, als unter dem Wendekreis des Kreb-
ses; bei den Gränzen der niedersteigenden Oscillationen
ist dieser Unterschied zwischen beiden Zonen weit unbe-
trächt-
305
trächtlicher. Nahe am Wendekreis des Krebses, im Golf
von Mexico, dient die Unterbrechung der stündlichen Os-
cillationen als Vorbote herannahender Stürme. Auf der
Hochebene von Bogota und selbst in der südlichen Halb-
kugel, an den Küsten bei Rio Janeiro, nehmen die monat-
lichen Mittel der Barometerstände vom Juli bis zum Decem-
ber und Januar regelmässig ab. An der nördlichen Gränze
der heifsen Zone steigen, durch die Nordwinde, die monat-
lichen Mittel vom December und Januar über die vom
Juli und August.
9. Vergleicht man, zwischen den Wendekreisen
und in der gemäfsigten Zone, die monatlichen Extreme
mit einander, so findet man, dafs die Gränzen der auf-
steigenden Oscillationen 2 bis 3 Mal näher an einan-
der liegen, als die Gränzen der niedersteigenden Oscilla-
tionen *).
10. Die bis jetzt gesammelten Beobachtungen zei-
gen nicht, dafs der Mond einen merklichen Einflufs auf
die Oscillationen der Atmosphäre habe **). Diese Oscil-
*) In Havannah waren nach dem (handschriftlichen ) meteorologi-
schen Journale des Hrn. Don Antonio Robredo, im' J. 1801,
die Extreme, bei den Maximis 30",16 und 30",41, und bei den
Minimis 29",52 und 30",58 (engl. Maafs). Der Unterschied
zwischen den Maximis betrug also 5 mm ,28, und der zwischen
den Minimis 18 mm ,20. Zu Paris und Strasburg schwanken in
den verschiedenen Monaten die Extreme zwischen den Maximis
unter sich nur um 10 bis 12 Millimeter, die Extreme der Mini-
mis dagegen um 20 bis 30 Millimeter.
**) Laptace, Essai phil. sur les probabilites , 1825, p. 119.
123. 274. Connaiss. des temps , 1825. p. 312. Der Einflufs
der Mondesanziehung würde zwischen den Wendekreisen, wo
die stündlichen Variationen so wenig durch die zufälligen Stö-
rungen verdeckt sind, am leichtesten wahrzunehmen seyn. Ich
habe indefs, obgleich ich mehrere Nächte hindurch beobachtete,
nichts Genügendes in dieser Hinsicht bemerken können; allein
Hr. Mutis versicherte mich, gefunden zu haben, dafs zu Bogota
das Barometer in den Quadraturen höher steige und tiefer falle,
als zu den Zeiten der Oppositionen und Conjunctionen, wo die
Unterschiede zwischen den Ständen um 11 Uhr Abends und 3*
Annal. d. Physik. B. 88. St. 2. J. 1828. St. 2. V
306
lationen scheinen von der Sonne hervorgebracht zu wer-
den, aber nicht durch ihre Anziehung, sondern durch ihre
Wärmewirkung. Wenn die Sonne die periodischen Oscil-
lationen in der Atmosphäre durch Abänderung der Tem-
peratur hervorbringt, so bleibt noch zu erklären, wes-
halb die beiden barometrischen Minima fast genau mit
den Zeitpunkten der gröTsten Wärme am Tage und der
kleinsten in der Nacht zusammenfallen.
Was sich aus den zwischen 25" südlicher und 55°
nördlicher Breite, und dem Meeresspiegel bis zur Höhe
von 1400 Toisen bisher angestellten Beobachtungen direct
über die täglichen Barometervariationen ergiebt, zeigt
folgende Tafel.
Uhr Morgens auffallend klein werden. Hr. Caldas ( Semana-
rio , T. I. p> ab.J spricht auch von dieser Beobachtung sei-
nes Lehrers. Hr. Boussingault hat seitdem diese Untersu-
chung wieder vorgenommen (man findet sie in dies. Ann. Bd. 85.
S. 148.), aber kein entscheidendes Resultat zur Beseitigung dieser
Angaben erhalten können. Der mittlere Barometerstand zur Zeit
der Syzygien weicht nach dessen Beobachtungen nur um ln,n ,16
von dem zur Zeit der Quadraturen ab. Toaldo glaubte aus
den mittleren Ständen von 40 Jahren, freilich bei Anwendung
einer eben nicht genauen Methode, gefunden zu haben, dafs in
Italien das Barometer während der Quadraturen höher stehe als
•während der Syzygien, und höher beim Apogc. als im Perigeo.
(De la Infl. degli astri , 1781, p. 122. Lambert Act. HeU:
T. IV. p. 123. Journ. de phys., 1779, Juin. p. 270J. [Meh-
rere« über diesen Gegenstand im folgenden Anisatz. P. 1
307
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308
XIV. Ueher den Einßiifs des Mondes auf die
Verminderung des Drucks der Atmosphäre;
von Hrn. F laug er gues zu Pwiers.
(Auszug aus der Eiblioth. universelle T. XXXVI. p. 264.)
Lit der Untersuchung über den Einflufs des Mondes
auf den Barometerstand haben sich mehrere Mathematiker
und Physiker beschäftigt, ohne indefs zu recht genügen-
den Resultaten gelangt zu seyn. Daniel Bernoulli,
welcher, wie es scheint, diese Aufgabe zuerst behandelt,
fand durch seine analytischen Untersuchungen, dafs der
Barometerstand um 20 Linien gröfser seyn müsse da, wo
die Sonne im Zenithe stehe, als da wo sie sich am Hori-
zonte befinde *). Zufolge des Verhältnisses 2:5, wel-
ches nach diesem grofsen Mathematiker zwischen den An-
ziehungskräften der Sonne und des Mondes statt findet,
würde hienach die Wirkung des letzteren auf das Baro-
meter 50 Linien betragen! D'Alembert zeigte das Irrige
dieser Rechnung, und stellte aus mehreren Gesichtspunk-
ten eine neue an, welche ihn zu dem Schlüsse führte,
dafs die Schwankung des Barometers in Folge der An-
ziehung der Sonne imd des Mondes ungefähr 3 Linien
betragen müfste, ein ebenfalls noch zu grofses Resul-
tat **). Paul Frisi reducirte die gemeinschaftliche
Wirkung der Sonne und des Mondes auf T |^ Linie ***),
und späterhin fand er durch eine neue Rechnung die
Wirkung der Sonne zu T £ F Linie, und die des Mondes
*) Tratte du flux et reflux de la mer im 3. Th. p. 164. der
Princip. mathemat. phil. nat. nach der Ausgabe von Jacquier
et 1 e S e u r.
**) D'Alembert , Recherche* sur la cause generale des Cents.
Paris 1747, p. 98.
*'*) Pauli Frisii de gravitale universaii corporum, libri tres.
Mediolani 1768, Lib. 2. cap. FIIL
309
zu T V oder 0,0208 Linie*). Fontana erhielt durch
einen sehr unwahrscheinlichen Calcul für die Mondswir-
kung ^ oder 0,0227 Linie**). Toaldo, gleichfalls
bemüht die Theorie von Frisi zu berichtigen, behaup-
tete, dafs der Unterschied zwischen der gröfsten und
kleinsten Monds Wirkung T -g- oder 0,0625 Linie betrage***).
Endlich hat Laplace durch Anwendung seiner ge-
lehrten Theorie von den Oscillationen der Atmosphäre
auf die Barometerbeobachtungen, welche 8 Jahre lang
um 9 h Morgens, am Mittage und um 3 Uhr Nachmittags
auf dem Observatorium in Paris angestellt wurden, ge-
funden , dafs der Mond das Barometer um -£% Millimeter
hebe und senke, also im Ganzen um ■- Millimeter oder
0,0492 Linie verändere. Aus den Wahrscheinlichkeitsge-
setzen schliefst er überdiefs, dafs 40000 Beobachtungen
erforderlich sejen, um den Einflufs des Mondes auf die
Atmosphäre gehörig zu erweisen -J-). Alle diese Berech-
nungen sind nach Hrn. Flaugergues offenbar zu klein.
Eben so viele Ungewifsheiten findet man in den Beob-
achtungen, durch welche bisher die Physiker die Monds-
wirkung zu erweisen gesucht haben, was zum Theil von
der unzweckmäfsigen Auswahl der Beobachtungen her-
rührt. Lambert fand durch Vergleichung von 11 jähri-
gen Beobachtungen, die in Nürnberg gemacht waren, dafs
7 Jahrgänge derselben den Barometerstand zur Zeit des
Apogeivms gröfser gaben, als zur Zeit des Perigeums, dafs
e ) Frisii cosmographiae physicae et mathematicac pars prior
et altera. Mediolani, An, 1774 et 1775.
*•) Atti dell' Accademia di Siena , T. V. An. 1774.
***) Nouveaux Mernoires de l'academie de Berlin, annee 1778.
•j-) Die Angabe von Laplace, dafs die Mondswirkung ^s Milli-
meter oder genauer 0,05443 mm = 0,024129 Lin. betrage, findet
sieb in der Connaissance des Tems für 1826, p. 310. u. 315.;
in der Mecanique Celeste, T. III. p. 296. giebt er aber für
die Gröfse der Mondswirkung unter dem Aequator den "Werth
0,0006306 Met. oder 0,25970 Lin., welcher nach Hrn. Flau-
gergues Meinung sich mehr der Wahrheit nähert.
310
dagegen in den 4 übrigen Jahren der Barometerstand im
Perigeo gröfser war als im Apogeo. Auch fand er die
Summe der Barometerstände beim Perigeo in diesen letz-
ten 4 Jahren gröfser, als die Summe der Barometerhöhen
beim Apogeo in den 7 ersten*). Toaldo fand aus den
Beobachtungen von P o 1 e n i zu Padua, und von Temanza
zu Venedig, dafs das Barometer um die Zeit des Apo-
geums um 0,047 engl. Zoll oder 0,529 franz. Linie höher
stehe, als um die Zeit des Perigeums, auch dafs der mitt-
lere Barometerstand in den Quadraturen gewöhnlich um
0,167 Linien gröfser sej, als in den Syzygien, jedoch
auch oft ein umgekehrtes Verhalten zeige ** ). C o 1 1 e
schlofs aus 20jährigen Beobachtungen, dafs der mittlere
Barometerstand in den Apogeen um 0,334 Lin. höher sey
als in den Perigeen, und eben so, dafs er beim Neu-
und Vollmonde gröfser sey als bei dem ersten und letz-
ten Viertel***). Howard dagegen, der seine Beob-
achtungen in den Vereinigten Staaten anstellte, behaup-
tete, dafs das Barometer in den Quadraturen häufiger
steige und in den Syzygien häufiger falle, so dafs sein mitt-
lerer Stand in den Quadraturen gröfser sey als in den
Syzygien f ). Aus 5 jährigen Beobachtungen zu Mühl-
hausen im Elsafs schlofs Mayer der jüngere, dafs der
mittlere Barometerstand in den Syzygien um 0,10 Lin.
gröfser sey als in den Quadraturen, imd in dem Apogeo
0,39 Lin. gröfser als im Perigeo -ff). Van S winden
und de la Mothe, der erstere zu Franecker, der an-
dere zu Bordeaux, haben ebenfalls Beobachtungen zu
diesem Behuf e angestellt, aber in zu geringer Zahl, um
*) Acta helvetica, Vol. IV. De Variationibus altitudinum ba-
rometricarum a luna pendentibus etc.
**) Nauceaux Memoires de l ' academie de Berlin, an. 1778. p. 45.
***) Memoires sur la meteorologie, Tom. 1. p. 623.
•}•) Annuaire du bureau des longitudes pour l'annee 1823./?. 176.
T"l") Memoires sur la meteorologie par le Pere Cotte, T. I.
p. 631. et T. II. p. 469.
311
ein entscheidendes Resultat geben zu können *). Chi-
minello's und mehrerer anderer Physiker Beobachtun-
gen konnte Hr. Fl auger gu es sich nicht verschaffen.
Uni den fraglichen oder durch die bisherigen Beobach-
tungen noch nicht gehörig erwiesenen Einflufs des Mondes
auf das Barometer zu ermitteln, beobachtete Hr, Flanger-
gues 19 Jahre lang täglich das Barometer zur Zeit des wah-
ren Mittags. Er wählte diese Tageszeit, weil vor und nach
ihr in Bezug auf die Sonne alles gleich ist, und so zu
hoffen stand, den Einflufs der täglichen, von der Sonne
bewirkten Variationen zu umgehen. Das gebrauchte In-
strument war ein gutes Gefäfsbarometer, dessen Röhre
2,46 Lin. Durchmesser mafs. Es war mit reinem Queck-
silber gefüllt und sorgfältig ausgekocht. Die Skale war
von Messing und, so weit es die Barometerschwankungen
nöthig machten, in Achtel der Linie getheilt. Mittelst
einer Lupe konnte der Barometerstand bis auf ■£% Linie
abgemessen und noch bis g$ Linie geschätzt werden. Bei
der Correclion wegen der Capillarität machte Hr. F. von
Cavendish **) experimentalen Bestimmungen Gebrauch;
sie schienen ihm vor den Tafeln von Zach ***) und B ou-
vard f) den Vorzug zu verdienen. Sämmtliche Beob-
•) Ibid. T. I. P . 628. et 631.
•*) Philosoph. Transact. Ar,. 1776. Vol. 66. p. 386.
*** ) Nuoce lavole barometriche e loguritrniche. Genova, 1818.
p. 50.
j) Connaissance des Tems pour l'armee 1812. p. 320. et pour
l'annee 1829. p. 308. fleh habe diese neuere Tafel, als von
keinem Nutzen, absichtlich nicht in die Annalen aufgenom-
men. Sie stellen nämlich die Depression des Quecksilbers nur
als vom Durchmesser der Röhre abhängig dar, -während es
längst bekannt ist, und sich ein jeder durch einfache Ver-
suche überzeugen kann, dafs die Capillaritätswirkung, je nach
dem Grade der Auskochung des Quecksilbers, bei einem und
demselben Rohre, gar sehr verschieden seyn kann. Den von
Hrn. F. angewandten Bestimmungen von Cavendish trifft frei-
lich derselbe Vorwurf, allein da es sich hier im Grunde nur
um Barometevunterschiede handelt, so hat diese für alle Barome-
terstände constante Correction keinen nachtheiligen Einflufs. iV|
312
achtimgen wurden nach den von Dulong und Petit
bestimmten Coefficienten der Ausdehnung des Quecksil-
bers auf 0° reducirt. Auch wurde die Correction wegen
des Niveaus angebracht, da die Skale an Hrn. F. Baro-
meter nicht verschiebbar war; Kr F. berücksichtigte auch
hiebei den Einfiufs der Temperatur.
Die Resultate dieser vom 19. Octob. 1808 bis zum
18. Octob. 1827 zur Mittagszeit in Viviers (44°29'1"
NB, 2°20'55",5 östl. von Paris und 29,12 Toisen über
dem Meere) angestellten und auf 0° R. reducirten Baro-
meterbeobachtungen sind nun folgende:
Allgemeines Mittel ......
Conjunction oder Neumond
Erster Octant
Erste Quadratur
Zweiter Octant
Opposition oder Vollmond .
Dritter Octant
Zweite Quadratur
Vierter Octant
Nördliches Lunistitium . . .
Südliches Lunistitium ....
Perigeum (Parall. Aeq. 60'24")
Apogeum (Parall. Aeq. 54'4")
H
6915
Mittlere Ba-
rometer-
stände.
234
234
235
234
234
234
235
258
258
252
252
«11 '",29
11,27
11,26
11,26
10,94
11,20
11,47
11,68
11,31
11,42
11,28
10,97
11,46
Auf MIHI.
meter
reducirt.
755 ram ,44
755,39
755,37
755,37
754,65
755,23
755,70
756,32
755,48
755,73
755,42
754,72
755,82
Aus dieser Tafel schliefst Hr. F. Folgendes:
1) Das Barometer macht während eines synodischen
Umlaufes des Monds eine regelmäfsige Oscillation, bei
welcher es im zweiten Octanten sein Minimum, und in
der zweiten Quadratur sein Maximum erreicht. Der Un-
terschied zwischen beiden beträgt 0,74 Lin. oder l,67 mra ,
und die Abweichung des Maximums und Minimums vom
mittleren Stand 0,35 Lin. imd 0,39 Lin. Da die Beob-
achtungen zur Mittagsstunde angestellt worden sind, so
313
hat auf sie die Sonne keinen Einflufs oder wenigstens
nur einen constanten auf alle. Man kann daher von
der Sonne absehen und den synodischen Umlauf des
Mondes als einen ftlondstag, so wie die Phasen als
Mondsstunden ansehen. Rechnet man nun den mitt-
leren Mondstag zu 2i' 1 50' mittl. Sonnenzeit, so erreicht
das Barometer sein Minimum, wenn der Mond 135° öst-
lich vom Meridiane steht, d. h. 9 h I8 / f mittl. Zeit vor
dessen oberer Culmination, und dagegen sein Maximum
6 h 12'4 nach der Culmination des Mondes, oder wenn
derselbe 90° westlich vom Meridiane entfernt ist. Der
Mond bewirkt also bei seinem täglichen Umlaufe um die
Erde nur eine Ebbe und eine Eluth in der Atmosphäre,
während er in derselben Zeit im Meere zweimal Ebbe
und Eluth hervorbringt. Dabei ist zu merken, dafs der
Mond nur indirect, vermittelst der Atmosphäre, auf das
Barometer wirkt; der directe Einflufs desselben ist, wie
Newton gezeigt hat*), unmerklich.
2) Die Wirkung des Mondes auf die Atmosphäre
hängt von der Declination desselben ab, wenigstens steht
in der Breite von Viviers das Barometer bei nördlichem
Lunistitio 'höher, als beim südlichen. Diefs Resultat
widerspricht dem, was Laplace aus seiner Theorie ge-
folgert hat, nämlich: dafs die Art der Declination beider
Gestirne (der Sonne und des Mondes) keinen merkli-
chen Einflufs auf die Modificationen der Atmosphäre
ausübe **).
3) Die Wirkung des Mondes ist von seinem Ab-
stand von der Erde bedingt. Nach der mitgetheilten Ta-
fel ist der mittlere Barometerstand im Perigeo um 0,49
Linien geringer als im Apogeo.
Da der Mond nicht immer an den Tagen, wo er
*) J. Newtonii, Principia math. philosophiac naturalis, libr. III.
cap. XXXVII. art. 2.
**) Micanique Celeste, T. II. p. 298.
314
sich auf der Apsiden - Linie befindet , seinen gröfsten
und kleinsten Abstand von der Erde besitzt, so wählte
Hr. F. zu dieser letzten Untersuchung diejenigen Tage
aus, an welchen die Horizontalparallaxe des Mondes am
gröfsten und kleinsten gewesen war; und da der Mond zu-
weilen, besonders beim Apogeo, zwei Tage hinter einander
am Mittage fast dieselbe Parallaxe besitzt, so nahm Hr. F.
besonders die Beobachtung von dem letzteren Tage, weil
an diesem die Mondswirkung am merklichsten seyn mufste.
Da ferner der Mond beim Perigeo nicht immer die-
selbe Parallaxe besitzt, eben so wenig wie beim Apo-
geo, so nahm Hr. F., um die Wirkung des Mondes mit
semer Entfernung von der Erde zu vergleichen, aus den
Parallaxen, die der Mond zufolge der Connaissance de
Ternps von 1808 bis 1827 an den Tagen der Perigea und
Apogea gehabt hatte, das Mittel. Die Summe der Paral-
laxen für die 252 beobachteten Perigeen betrug 15219'23 /y ,
das Mittel daraus also 60'24"=3624". Die Summe der
Parallaxen für die 252 beobachteten Apogeen war 13623 / 8 // ,
das Mittel daraus also 54'4"=3244 // . Indem nun Hr. F.
nach einem Theoreme von Newton annimmt, dafs die
Wirkungen des Mondes beim Perigeo und Apogeo sich
verhalten wie die Cuben der mittleren Parallaxen für
beide Orte, findet er, dafs die Verminderung des atmos-
phärischen Drucks durch den Mond beim Perigeo 1,73,
und heim Apogeo 1,24 Par. Linie betrage *), Durch
eine gleiche Rechnung, angestellt mit Hülfe der gröfsten
und kleinsten Parallaxe beim Perigeo (3687" und 3550")
und Apogeo (3255" und 3233") des Mondes während
den 19 Jahren, bekommt Hr. F. für die Mondswirkung
im Perigeo =1,75 Lin. , und im Apogeo =1,26 Lin.
* ) Bezeichnet nämlicb x die "Wirkung des Mondes im Perigeo
und m seine mittlere Parallaxe daselbst, so wie y die Wirkung
desselben im Apogeo und n seine mittlere Parallaxe daselbst; so
bestimmt Hr. F. die Wertbe von x und y aus den beiden Glei-
x in 3 _..,
chungen: j* und x — ^ = 0,49 Linien.
315
Endlich findet Hr. F. noch eine Beziehung zwischen
den Regentagen, die mit den Mondsphasen zusammen-
fallen, und den entsprechenden Barometerständen. Von
den Regentagen fielen nämlich zusammen:
77 mit dem Neumonde
82 -
ersten Viertel
79 -
Vollmonde
60 -
- letzten Viertel
93 -
- Perigeum
78 -
- Apogeum,
welche Zahlen sich fast umgekehrt zu einander verhal-
ten, wie die correspondirenden Barometerstände in der
vorhergehenden Tafel.
Noch mufs bemerkt werden, dafs Hr. Flauger-
gues im Laufe der 19 Jahre keine solche Verschlech-
terung seines Barometers bemerkt hat, wie sie Hr. Da-
niell vom Barometer der Royal Society in London an-
giebt. Vielmehr glaubt Hr. F. bei seinem Barometer ein
fortwährendes Steigen wahrgenommen zu haben. Der
mittlere Stand desselben war nämlich:
von 1809 bis 1814 . . . 27"ll'",136=755 mm ,09
- 1815 - 1820 ... 27 11, 212=755,26
- 1821 - 1826 ... 27 11, 601 = 756,14.
Hr. F. schreibt — mit welcher Wahrscheinlichkeit
mag hier unberührt bleiben — dieses Steigen des Baro-
meterstandes den grofsen Mengen von Gasen zu, welche
durch die Ausbrüche der Vulcane, durch Waldbrände,
Feuersbrünste u. s. w. sich täglich in die Luft erheben*).
*) Bemerkenswerth ist es, dafs die Mittagsbeobachtungen zu Paris
eine ähnliche Zunahme zeigen. Die Mittel von 1816 bis 1820
geben 755""" ,32, und die von 1821 bis 1825 dagegen 756,16. P.
316
XV. Besondere Erscheinung heim Vf r asser dampf
im Dampferzeuger der Perkins 'sehen Ma-
schine.
(Aus den Ann. de chim. et de phys. XXXVI. p. 435. *). )
JL-<he ich die Thatsache entdeckte, dafs das bis zu 650° F.
erhitzte Metall das Wasser und selbst den Dampf zurück-
stöfst, waren bei meinen ersten Versuchen mit stark com-
primirtem Wässerdampf die von mir angewandten Röh-
ren zu schwach, imd die Druckventile nicht hinlänglich
belastet, so dafs das Wasser zurückgestofsen wurde. Da
die Dainpfschicht, welche sich zwischen der Innenfläche
des Metalls und dem Wasser befand, ein schlechter Wär-
meleiter ist, so kam das Metall bald zum Rothglühen,
und im Momente, wo diefs geschah, wurde der Dampf
*) "Wie die Redaction jener Zeitschrift bemerkt, ist die Note
wörtlich aus einer Abhandlung gezogen, die Hr. Perkins in
der Akademie der Wissenschaften zu Paris vorgelesen hat. —
In Betreff der Dampfmaschine des Hrn. Perkins findet man
das Notlüge in dies. Ann. Bd. 75. S. 119. und 355. Vielleicht
hat es Interesse für einige Leser dies. Annal. zu wissen, dafs Hr.
Perkins seine Dampfmaschine, nach mehreren beträchtlichen
Verbesserungen, seit einiger Zeit wirklich im Grofsen ausgeführt
hat. Im Edinburgh Journal of Science, No. XIV. p. 359. sind
mehrere sehr vortheilhafte Zeugnisse zu Gunsten dieser Maschine
zusammengestellt. Namentlich bezeugt das eine, dafs die Per-
kins'sche Dampfmaschine — high pressure sufety steam engine
genannt — folgende Vorzüge in sich vereinige: 1) Absolute Ge-
fahrlosigkeit. — 2) Gröfsere Ersparnifs beim Brennmaterial als
irgend eine bisher erfundene Maschine. — 3) Entfernung aller
Reaction des Dampfs und der atmosphärischen Luft, an der Aus-
führungsseite, auf den Stempel, ohne dafs eine Luftpumpe nöthig
sey, — 4) Ein neuer, einfacher biegsamer metallischer Stem-
pel, welcher kein Oel noch irgend eine Liederung gebraucht. —
5) Dafs sie durch Vereinfachung mehrerer einzelnen Theile nur
drei Viertel des Raumes einer gewöhnlichen Maschine einnimmt. —
P.
317
I
selbst zurückgestofsen, so dafs zwischen dem Dampf imd
der Fläche des erhitzten Metalls eine Schicht von Wär-
mestoff (calorique) entstand. Ich beobachtete diese That-
sache zuerst bei Gelegenheit eines Risses in einem sehr
starken Generator, welcher drei Zoll dick und inwendig
8 Zoll im Durchmesser besafs, welcher aber, da er aus
der Legirang von Kupfer und Zinn, die man gewöhnlich
Kanonengut nennt, verfertigt war, weit eher nachgab,
als einer von Gufseisen, woraus ich gegenwärtig alle
diese Apparate verfertige. Im Moment, als der Rifs ge-
schah, war ein lebhaftes Feuer unter dem Generator.
Ich vernahm ein dumpfes, ziemlich schwaches Geräusch,
welches auch von den Arbeitern gehört wurde, die sich
bei dem Ofen befanden. Man glaubte anfangs, dafs der
Generator geborsten wäre; allein, da man weder Dampf
noch Wasser erblickte, und die Maschine ihren gewöhn-
lichen Gang unter einem Druck von 20 Atmosphären
fortsetzte, so meinte man, dafs der etwaige Rifs nur ein
partieller gewesen wäre. Man mäfsigte also das Feuer.
Sobald nun die Temperatur ein wenig geringer gewor-
den war, entstand ein schwaches Geräusch, welches end-
lich so stark wurde, dafs es die Nachbarn in der Fleet-
Street beunruhigte, und darauf strömte Alles, Wasser
uud Dampf, in das Feuer. Als man den Generator un-
tersuchte, fand sich, dafs er fast seiner ganzen Breite
nach gerissen war, und dafs die Oeffnung eine solche
Gröfse hatte, dafs sie, als man Wasser in den erkalte-
ten Generator pumpte, dasselbe hindurchliefs.
Als ich über die Ursache dieser Erscheinung nach-
dachte, wurde ich nothwendig darauf geführt, dafs sie
durch die Repulsivkraft der Wärme hervorgebracht war.
Um mich zu überzeugen, dafs diefs wirklich der Fall
war, liefs ich den leeren Generator am Boden glühend
machen, imd darauf Wasser in denselben bringen. So-
gleich bildete sich Dampf und die Maschine arbeitete wie
gewöhnlich, ohne dafs man irgend eine Entweichung von
318
Dampf durch den Rifs hätte wahrnehmen können. So
arbeitete die Maschine den ganzen Tag hindurch, und
am Abend, als man das Feuer auslöschte, stellte sich
dieselbe Action (die heftige Entweichung des Dampfes. P.)
von neuem ein. Mehrere meiner gelehrten Freunde,
vor denen ich diesen Versuch wiederholte, waren der
Meinung, dafs der Rifs durch die Ausdehnung des
Metalls bei seiner Erhitzung verstopft würde; denn sie
hielten die von mir gegebene Erklärung für unzulässig.
Alle Zweifel in dieser Hinsicht wurden aber durch den
folgenden Versuch gehoben. An einem Ende einer der
Röhren, aus welchen der Generator besteht, winde ein
Loch von -g- Zoll im Durchmesser gebohrt, und in dieses
ein starkes gufseisernes Rohr fest eingeschroben, welches
drei Fufs lang war, auswendig einen und inwendig einen
halben Zoll im Durchmesser hielt. An einem Ende die-
ses Rohrs war ein kleiner Hahn, und am andern Ende
der Röhre des Generators ein Sicherheitsventil, belastet
mit 50 Atmosphären oder mit 317 Kilogramm, auf den
Quadratzoll, auch war an diesem Ende ein Rohr, wel-
ches das Wasser aus der Druckpumpe herleitete. Nach-
dem man die Generator -Röhre an dem Ende, worin das
Loch gebohrt worden, zum Rothglühen erhitzt hatte,
brachte man Wasser in dieselbe. Durch das mit dem
angegebenen Gewicht belastete Sicherheitsventil entwich
der Dampf; als man aber den Hahn öffnete, ging hier
nichts heraus. Man mäfsigte nun das Feuer, und als sich
die Temperatur hinlänglich gesenkt hatte, wurde das
Brausen des Dampfes fürchterlich. Man wird diesen Ver-
such in Kurzem öffentlich wiederholen.
Obgleich diese neue Thatsache beim ersten Anblick
unbegreiflich scheint, so erklärt sie sich doch bei ei-
nigem Nachdenken ziemlich natürlich. Es ist eine be-
kannte Sache, dafs ein Tropfen Wasser, den man auf eine
rothglühende Metallfläche schüttet, auf derselben her-
umtanzt, mit ihr sichtlich nicht in Berührung kommt,
319
lind ziemlich langsam verdampft; während dagegen, wenn
die Temperatur ein wenig geringer ist als 100°, das Was-
ser durch den Druck der Atmosphäre *) mit dem Metalle
in Berührung gehalten wird, und die Verdampfung fast
augenblicklich vor sich geht. Welcher Druck könnte
nun wohl das Wasser mit einem bis 650° F. erhitzten
Metalle in Berührung halten. Dieser Druck würde durch-
aus nicht geringer seyn, als das Maximum der Expansiv-
kraft, das der Dampf erlangen kann, der 4000 Atmosphären
übersteigt (Cette pression ne devrait nullement etre infe-
rieure au maximurn de force elastique que peut acque
rir la vapeur qid surpasse 4000 atmospheres). Wenn
ein so ungeheurer Druck nöthig ist, um die Berührung
zu bewirken, so sind sicherlich 50 Atmosphären nur ein
geringer Theil der erforderlichen Kraft, und da bei dem
obigen Versuch das Wasser nicht durch die kleine Oeff-
nung gehen konnte, ohne fast mit dem erhitzten Metalle
in Berührung zu kommen, so reichte die Bepulsivkraft
dieses hin, um den Dampf und das Wasser gleichfalls
entfernt zu halten; denn ist der Dampf wirklich etwas
anders als Wasser im Zustande der Expansion? Es han-
delt sich darum, zu wissen, bis zu welcher Entfernung
sich diese Repulsivkraft erstreckt. Diefs wird der Ge-
genstand neuer Versuche seyn. Man kann die Oeffnung
allmälig vergröfsern, bis Wasser und Dampf, bei dieser
hohen Temperatur, durch ihre Mitte hindurch zu gehen
vermögen. Alles, was ich bis jetzt weifs, besteht darin,
dafs diese Repulsivkraft sich weiter als bis zu T ^ Zoll
erstreckt; weil der Dampf nicht durch ein Loch von
■g- Zoll Durchmesser hindurch gehen kann.
*) Wohl durch sein eigenes Gewicht. P.
320
XVI. Fernere Bestätigungen des Einflusses der
Nordlichter auf die Magnetnadel.
ekanntlich hat Hr. Arago schon früher gezeigt, dafs
die Nordlichter selbst dann einen störenden Einflufs auf
die Magnetnadel auszuüben vermögen, wenn sie noch
unter dem Horizonte des Beobachtungsortes befindlich
sind *). Auch wird den Lesern dieser Annalen erinner-
lich sejn, dafs dieser ausgezeichnete Physiker sogar das
Daseyn entfernter Nordlichter aus den Unregelmäfsigkei-
ten im Gange der Declinationsnadel vorhergesagt hat **),
Dem
*) Zu einem solchen Schlüsse ist man, nach Hrn. Arago, nur
dann berechtigt, -wenn man sich überzeugt hat, dafs an dem
Horizonte des Beobachtungsortes wirklieb kc'ine Nordlichter vor-
handen sind oder am Tage über -vorhanden waren, wozu erfor-
dert wird, dafs der Himmel völlig heiter gewesen, und die
Nadel während des Tages bis gegen Abend nicht beunruhigt
worden ist. Diese Bedingungen waren stets bei den Beob-
achtungen erfüllt, welche Hrn. Arago zur Aufstellung des obi-
gen Satzes vermochten, nicht, aber bei der, welche Graham
1741 in London anstellte. Graham sah zwar zu London die
Magnetnadel an dem Tage in Unruhe, an welchem Celsius
in Upsala ein Nordlicht beobachtete; allein da jener die Magnet-
nadel schon am Tage beunruhigt fand, und dieser erst in der
Nacht schwache Spuren eines Nordlichtes erblickte, so ist es
nach Hrn. Arago wahrscheinlich, dafs zu London das Nord-
licht nur durch das Tageslicht verdeckt worden war. Da Gra-
ham überdiefs sich gar nicht zu überzeugen suchte, ob ein Nord-
licht am Himmel stand, noch irgend eine Beziehung aufstellte
zwischen diesem Meteor und den Störungen der Magnetnadel;
so kann man, wie Hr. Arago bemerkt, diesem nicht die Beob-
achtung zuschreiben , dafs Nordlichter schon unter dem Hori-
i zonte einen Einflufs auf die Magnetnadel ausüben.
•*) Man findet die früheren Beobachtungen des Hrn. Arago in
dies. Ann. Bd. 83. S. 127. u. Bd. 85. S. 164., womit man auch
die des Profess. Kupffers in Bd. 86. S. 558. vergleichen kann.
P.
321
Dem beharrlichen Eifer, mit welchem derselbe seitdem
die Beobachtungen der Magnetnadel auf dem Pariser Ob-
servatorio fortgesetzt hat, verdanken wir aufs Neue eine
beträchtliche Anzahl von Beobachtungen zur Bestätigung
dieser Thatsache, so wie auch einige zum Erweise eines
Einflusses der Nordlichter auf die Inclination der Nadel *).
Nachstehendes ist ein Auszug aus einem Aufsatze, den der-
selbe in den Annales de chimie et de phjsiaue T. XXXVI.
p. 398. bekannt gemacht hat.
Im J. 1826 glaubte Hr. Arago aus den Störungen
der Nadel am 10. und 13. Febr., 9., 23. und 29. März, 9.,
13., 17. und 24. April auf das gleichzeitige Daseyn ent-
fernter Nordlichter schliefsen zu dürfen. Für den 29. März
1826 hat sich nun diese Vermuthung zunächst bestätigt.
Hr. Dalton in Manchester meldet nämlich Hrn. A.
in einem Briefe, dafs man an diesem Tage in Schottland
und dem nördlichen England wirklich ein bedeutendes
Nordlicht gesehen habe ; es erschien in Gestalt eines Licht-
bogens, und wurde an mehreren Punkten einer Linie beob-
achtet, die fast im magnetischen Meridiane lag und wenig-
stens eine Länge von 170 engl. Meilen besafs. Am Süd-
ende dieser Linie zeigte sich der Scheitel des Lichtbo-
gens nördlich vom Zenith, ungefähr 60° über dem Ho-
rizont, und im magnetischen Meridiane liegend. Am Nord-
ende der Basis dagegen beobachtete man den Scheitel-
punkt des Bogens südlich vom Zenith, in einer Höhe
von 55°, aber gleichfalls im magnetischen Meridian. An
zwischen liegenden Orten sahen die Beobachter den Bo-
gen im Zenith. Aus den gesammten Angaben schliefst
*) Auch die Intensität des Erdmagnetismus erleidet Störungen durch
die Nordlichter, wie Herr Arago nächstens durch eine grofse
Menge von Beobachtungen zu erweisen gedenkt. Er bemerkt m-
defs, dafs man aus den horizontalen Schwingungen der Nadel
nur dann eine solche Folgerung ziehen dürfe, nachdem man de-
ren Dauer wegen der Inclination berichtigt hat, da diese gleich-
falls Aenderungen unterworfen ist.
Annal. d. Physik. B. 88 .St. 2. J. 1828. St. 2. X
322
Hr. Dal ton, dafs die senkrechte Höhe des Bogens 100
engl. Meilen, die Breite desselben 8 bis 9 engl. Meilen,
und seine sichtbare Erstreckung von West nach Ost mehr
als 500 engl. Meilen betragen haben müsse.
Von den übrigen Tagen hofft Hr. Arago seine Ver-
muthungen noch durch die Beobachtungen bestätigt zu
sehen, welche die Kapitaine Parry und Franklin auf
ihrer letzten Reise angestellt, aber bis jetzt noch nicht
bekannt gemacht haben.
Nordlichter im Jahre 1827.
Am 9. Januar 1827 wurde zu Kendal in England
ein glänzendes Nordlicht gesehen. — Am nämlichen Tage,
am 9. Jan., war der Gang der Nadel zu Paris sehr un-
regelmäfsig. Schon um 2 h Nachmittags wich das Nord-
ende der Nadel um 4'^ mehr als gewöhnlich nach Westen
ab, und blieb in dieser Lage bis 7 h 4- Um ll h 5' war da-
gegen die Declination um 3'4 kleiner, als an den vor-
hergehenden Tagen. Die Inclinationsnadel machte eben-
falls unregelmäfsige Schwingungen. Der Himmel war völ-
lig bedeckt.
Am 13. oder 18. Januar 1827 sah man zu Gosport
in England um 6 h Abends in der Gegend des magneti-
schen Nordens einen Lichtbogen, der sich unter zuneh-
mendem Glänze fortwährend vergröfserte, bis er um 9 h 4-
einen Raum von 90° bespannte. Säulen von röthlichem
Lichte schössen nach einander an verschiedenen Punkten
dieses Bogens hervor, und einige von ihnen erreichten
eine Höhe von 48 Q . — Da im Philosoph. Magazin etc.
von 1827, T. I., woraus diese Nachricht entlehnt ist,
einmal (p. 317.) der 13., und ein andermal (p. 239.)
der 18. Januar als Tag des Nordlichts angegeben ist, so
vermulhet Hr. A. hier einen Druckfehler. Wenigstens
zeigte zin 13. Jan. die Nadel zu Paris nichts Ungewöhn-
liches. Am 18. Jan. dagegen wurde das Nordende der
Nadel gegen die Regel anfangs nach Westen geführt.
323
Um 6 h Y Abends war die Declination 3' gröfser als ge-
wöhnlich; um 6 h -§ halte sie noch um 1'4- zugenommen.
Um ll h -| dagegen wurde sie um 14' kleiner gefunden,
als an den vorhergehenden Tagen; aber von ll h 45' bis
ll h 50', also innerhalb 5 Minuten, ging die Nadel um
21 Minuten nach Westen, Der Himmel war heiter.
Auch am 4. (Morgens und vor allem Mittags), am 25.
(den ganzen Abend von 6 h an), und am 30. Jan. (Abends)
war die Nadel zu Paris in Unruhe. Von diesen Tagen
sind aber Hrn. A. bis jetzt keine Nordlichter bekannt
geworden.
Am 17. Februar 1827, Abends 8 Uhr, beobachtete
Hr. Burney ein glänzendes Nordlicht im Norden von
Gosport, das 20° auf jeder Seite des magnetischen Meri-
dians einnahm, und bis 10 Uhr sichtbar war, wo es durch
ein Schneeschauer verdeckt wurde. — Zu Paris zeigte
die Declinationsnadel am 17. Februar weder Morgens
noch Mittags bis l h -£ etwas Ungewöhnliches. Als sie
aber um ll h ^ Abends beobachtet wurde, fand sich ihr
Nordende 5 Minuten östlich von seiner gewöhnlichen
Lage. Der Himmel war heiter.
Unregelmäfsigkeiten im Gange der Nadel, ohne bis-
herige Nachricht von gleichzeitigen Nordlichtern, wurden
an folgenden Tagen beobachtet. Im Februar: am 3.
(vom Mittage ab), am 4. (besonders des Morgens), am 18.
(gegen Abend) und am 19. (um Mittag). Im März: am 8.
(Abends), am 9. (Morgens), am 13. (um 9 h ^ Abends), am
22. (Mittags) und am 30. (9 h 4 Abends). Im April: am
5. (Mittags), am 6., 7., 22. und 24., minder beträchtlich
am 12. und 13. Im Mai: am 2. und 16. Im Juni: am
25., 26. und 27. Am 23. Juli und am 14. August,
X 2
324
Am 27. August wurde zu Perth in Schottland ein
Nordlicht beobachtet, das für einen Augenblick fast den
ganzen Himmel bedeckte. Zu Paris fand Hr. A. am
27. August l h 6' Nachmittags das Nordende der Nadel
10 Minuten westlicher als gewöhnlich, dabei unregelmä-
fsige Schwingungen machend. Um 9 h 4- Abends war da-
gegen die Declination 8 Minuten kleiner, als zu gleicher
Zeit an den vorhergehenden Tagen. Der Himmel war
sehr wolkig.
Am 28. August Abends winde zu lioxburgshire ein
Nordlicht beobachtet. — An demselben Tage, um l h
Nachmittags, war zu Paris die Declination" 6 Minuten
gröfser, als im Mittel an den vorhergehenden Tagen.
Am Abend winde die Nadel unglücklicherweise nur ein-
mal beobachtet, und zwar um ll h ; die Declination schien
'S' kleiner als gewöhnlich. Am andern Morgen, am 29. Au-
gust um 9 Uhr, war das Nordende der Nadel 12' west-
lich von seiner gewöhnlichen Lage entfernt. Um 9 h f-
hatte diese Ablenkimg noch um 4 Minuten zugenommen,
und die Nadel oscillirte in Bogen von mehr als 8 Minu-
ten. Am Abend war alles wieder in Ordnung. Auch
die Inclinationsnadel wurde beunruhigt. Die Neigung
war am Morgen des 29. fast um 6 Minuten großer, als
am Tage vorher imd nachher.
Am 8. September 1827, 8 h 4 Abends, beobachtete
Hr. Heron deVillefosse ein Nordlicht zu Saint-Cloud,
bei heiterem Himmel und hellem Mondschein *). — Zu
Paris bemerkte man am 8. Sept. schon um Mittag eine
merkliche Störung der täglichen Variationen der Magnet-
nadel, indem ihr Nordende 13' westlicher als gewöhnlich
lag. Um l h 19' war die Declination 19 Minuten gröfser,
*) Es ist dasselbe Nordlicht, welches Hr. v. Humboldt in Ber-
lin beobachtete, und welches man auch in Dänemark und Schwe-
den sah. (Dies. Ann. Bd. 86. S. 510. P.)
325
als zu gleicher Stunde an den vorhergehenden Tagen.
Ben ganzen Tag hindurch war die Nadel sehr bewegt,
und stets mit ihrem Nordende nach Westen abgelenkt.
Erst imi 9 h |- Abends beobachtete man eine Ablenkung
von 8 Minuten nach entgegengesetzter Seite, d. h. nach
Osten. — Personen, die an dem Einflufs der Nordlich-
ter auf die Magnetnadel noch etwa zweifelten, würden
gewifs anderer Meinung werden, wenn sie die ganze
Reihe der am 8. Sept. zu Paris angestellten Beobachtun-
gen sähen. Auch die Inclinalionsnadel zeigte Störungen,
welche die möglichen Beobachtungsfehler, bei einer mikros-
kopischen Ablesung an zwei Punkten, bei weitem über-
trafen.
Am 25. September 1827 erlitt die Nadel, nachdem
sie am ganzen Tage nichts besonderes gezeigt hatte, um
9 h ^ eine beträchtliche Störung. Bald erblickte ich auch
hie und da zwischen NNW und NO leuchtende Wol-
ken, die bald verschwanden und bald wieder erschienen.
Einmal vereinigten sich diese Lichlwolken und bildeten
einen zusammenhängenden Bogen, der sich wenig über
den Horizont erhob, und, so weit ich beurtheilen konnte,
mit seinem Scheitel nahe im magnetischen Meridiane lag.
— Dieselbe Erscheinung wurde zu Havre, zu Ostende,
zu Arau und Zürch, in England zu Gosport und Ken-
dal, in Dänemark und Schweden (so wie auch an meh-
reren Punkten in Deutschland. P.) beobachtet. In Eng-
land leuchtete das Nordlicht, nach Hm. Förster, stär-
ker als der hellste Mondschein.
Am 25. September war der Gang der Nadel für die
täglichen Variationen regelmäfsig vom Morgen bis zu 8 h
Abends , darauf erlitt er Störungen. Um 9 h Abends war
die Declination 1' geringer, als an den vorhergehenden
Tagen; zehn Minuten darauf ging die Nadel V nach
Westen. Hierauf folgte eine östliche Bewegung, so dafs
sich um 10 h -y das Nordende der Nadel um 14' dem
astronomischen Meridiane genähert hatte. Darauf nahm
326
die Declination wiederum allmälig zu, jso dafs sie um
10 h 4- um 14' gröfser war, als eine Vieragen.
Yom December 1827 enthalten die wissenschaftli-
chen Journale noch keine Berichte von Nordlichtern.
Hr. Arago schliefst indefs aus den Anzeigen der Magnet-
nadel, dafs man am 29. und 30. irgendwo eins wahrge-
nommen haben müsse,
328
XVII. Beobachtung einer Störung der Magnet-
nadel bei der am 23. Februar 1828 in den
Rheingegenden verspürten Erderschütterung.
ie Entdeckung des Hrn. Dr. Seebeck, dafs hetero-
gene und selbst homogene Metallmassen jeder Art durch
ungleiche Erwärmung in einen magnetischen Zustand ver-
setzt werden können, macht es, bei den mannigfachen
Gründen für das ausgebreitete Daseyn solcher Massen im
Innern der Erde, gewifs sehr wahrscheinlich, dafs die vul-
canischen Actionen einen Einflufs auf die Magnetnadel
auszuüben vermögen; wie denn auch der Entdecker des
Thermomagnetismus selbst, in einer früheren Abhandlung
(dies. Ann. Bd. 82. S. 280.) schon versucht hat, die
Phänomene des Erdmagnetismus mit denen des Yulcanis-
mus in Zusammenhang zu bringen. Um so mehr Interesse
hat aber auch deshalb gerade jetzt eine jede wohlerwie-
sene Thatsache, die solch einen Zusammenhang aufser
Zweifel setzt, zumal die älteren Erfahrungen dieser Art
zum Theü wohl nicht ganz zuverlässig sind. An verein-
zelt stehenden Beobachtungen, die eine Einwirkung der
Erdbeben und vulcanischen Ausbrüche auf die Magnet-
nadel anzudeuten scheinen, fehlt es nämlich nicht.
So sagt Kant in seinem Berichte über das Erdbe-
ben von Lissabon (dess. vermischte Schrift. Bd. 1. S. 56-1.),
dafs in Augsburg am 1. November 1755 die Magnete ihre
Last abgeworfen haben und die Magnetnadeln in Unord-
nung gerathen seyen, auch fügt er hinzu, dafs, nach Boyle,
dasselbe schon früher einmal in Neapel nach einem Erd-
beben vorgegangen sey Aus einer etwas undeutlichen Be-
schreibung in Kant's phys. Geographie, Bd. 2. Abth. 2.
S. 420., scheint femer hervorzugehen, dafs Wucherer
zu Hohen- EmbS) an der östlichen Gränze der Schweiz,
329
bei demselben Erdbeben, am 9. December, an einem
Magnetstabe eine Bewegimg im Sinne der Inclination beob-
achtet hat. Der Faden, woran ein 11 ^ Unzen schwerer
Magnetstab senkrecht aufgehangen worden*), soll näm-
lich wählend der Erschütterung, die eine ganze Minute
dauerte, um 40° aus der Verticale nach Süden abgelenkt
worden seyn, und erst nach dem letzten Stofse, nach ei-
nigen Schwingungen, seine senkrechte Richtung wieder
angenommen haben. Wie Robison {System of me-
chanical philo sophy, T. IV. p. 371.) anführt, hat ferner
Daniel Bernoulli die Magnetnadel bei einem Erdbe-
ben um 45' aus ihrer Lage weichen gesehen, und Mül-
ler während des Erdbebens in Calabrien eine grofse Stö-
rung in der Declination der Magnetnadel zu Manheim
bemerkt. Auch sollen, nach Delametherie {Theorie
de la Terre, T. III. p. 295.), solche unruhige Bewe-
gungen der Magnetnadel während eines Erdbebens von
Bertrand in der Schweiz beobachtet seyn. Endlich
giebt auch der Pater de IIa Torre an, dafs er bei den
Ausbrüchen des Vesuvs im J. 1767 eine Einwirkung auf
die Magnetnadel gefunden habe. Er beobachtete nämlich
4 Wochen lang zu S. Giorgio di Cremano bei Portici
eine 9" l in lange Magnetnadel, und fand dabei im Laufe
eines Tages Unterschiede in der Declination, die bis zu 2°
gingen (dess. Hisloire et phenornenes du vesuve, p. 221.)
Ohne Zweifel liefsen sich aus älterer Zeit noch meh-
rere Beobachtungen aufzählen, die mit gröfserer oder ge-
ringerer Wahrscheinlichkeit für den störenden Einflufs
der Erdbeben auf die Magnetnadel sprechen würden
Die bereits angeführten werden indefs für unseren Zweck
schon hinreichend seyn, da eine nähere Kenntnifs der ver-
schiedenartigen Abänderungen, welche dieser Einflufs
nach der Beschaffenheit des Erdbebens etwa erleidet,
doch mir erst von künftigen Beobachtungen zu erwarten
*) Wie eigentlich der Magnetstab hing, ist, wenigstens bei Kant,
nicht deutlich gesagt.
330
steht *•). Ich will daher nur noch der merkwürdigen
Beobachtung des Hrn. v. Humboldt erwähnen, welche
sich wesentlich von den schon genannten unterscheidet,
indem sie zeigt, dafs die magnetischen Verhältnisse eines
Ortes auf eine bleibende Weise durch Erdbeben gestört
werden können.
Am 1. November 1799, drei Tage vor dem Erdbe-
ben, welches Cumana betraf, fand Hr. v. Humboldt
daselbst die magnetische Neigung mittelst eines Borda'-
schen Inclinatoriums zu 43°,65; drei Tage nach dem Erd-
beben, am 7. Nov., betrug sie dagegen nur 42°,75. Als
Hr. v. Humboldt ein Jahr darauf die Neigung mit dem-
selben Instrumente abermals zu Cumana bestimmte, be-
trug sie noch 42°80, hatte also in der ganzen Zeit noch
nicht die Gröfse wieder erhalten, welche sie vor dem
") Nicht ganz mit Stillschweigen darf es wohl übergangen werden,
dafs es auch positive Angaben von Fällen giebt, wo vulcanische
Erscheinungen, oder solche, die ihnen aller \ ? Vahrscheinlichkeit
nach beigezählt werden müssen, ohne allen Einflufs auf die
Magnetnadel geblieben sind. Vasalli Eandi in seinem Be-
richt über das Erdbeben, durch welches im April 1808 die
Grafschaft Pignerol heimgesucht wurde (Journ. de physiq. T. 67.
p. 292. ), sagt ausdrücklich, dafs die Magnetnadel nichts gezeigt
habe, was man dem Erdbeben hätte zuschreiben können; und
Hr. Parts ch bemerkt ebenfalls in seiner Beschreibung des räth-
selhaften Detonations- Phänomens auf der Insel Meleda (p. 95.
Auch dies. Ann. Bd. 83. S. 292.), dafs während seines dortigen
Aufenthaltes die Detonationen keine Einwirkung auf die Magnet-
nadel ausgeübt haben. Bei der Erderschütterung, die man am
19. Februar 1822 in Paris verspürt hat, sind zwar auf der Stern-
warte viele Unregelmäfsigkciten im Gange der Declinationsnadel
beobachtet worden, und merkwürdig genug nur Oscillationen im
Sinne der Länge der Nadel; allein Hr. Arago, der darüber in
den Annales de chimie et de pliysique, T. XIX. p. 106., eine
Notiz bekannt gemacht hat, scheint nicht geneigt zu seyn, diese
Störungen dem Erdbeben zuzuschreiben, denn er sagt: je ne i>ols
quun tremblement de terre qu'il tut pu dohner Heu ä im
mouvement de cette espece.
331
Erdbeben besafs *). Die Intensität des Erdmagnetismus
war sich vor und nach dem Erdbeben gleich geblieben;
die Nadel machte beide Mal 229 Oscillationen in 10 Mi-
nuten. Auch die Declination hatte sich anscheinend
durch das Erdbeben nicht geändert; da indefs die stünd-
lichen Variationen derselben in Cumana 5 bis 6 Minuten
betragen, so werden dadurch, wie Hr. v. Humboldt
bemerkt, die Aenderungen in der absoluten Declination
sehr verdeckt und schwer zu beobachten. ( Voyage aux
regions equinoxiales etc. T. IV. p. 25. der Octav- Aus-
gabe.)
Nach dieser geschichtlichen Einleitung folge nun der
Bericht, welcher den eigentlichen Gegenstand dieser Notiz
ausmacht. Er ist entnommen aus einem Schreiben des
K. Bergraths und Bergwerksdirector Hrn. Hei ntz mann
zu Essen an die K. Ober -Berghauptmannschaft, und mir
von dem Chef des gesammten Berg- und Hüttenwesens,
Hin. Ober -Berghauptmann Gerhard, zur Bekanntma-
chung in den Annalen gütigst mitgetheilt worden.
„Auf der Steinkohlengrube Wiesche, unfern Mühlheim
an der Ruhr, wird der Bau auf dem Friedrichschachte
in 480 Eufs unter Tage und 222 Fufs tief unter dem
Meeresspiegel geführt. Auf der südlichen Grundstrecke
des Auroraschachtes dieser Grube (etwa 155 Fufs un-
ter dem Meeresspiegel), in 1400 Fufs Entfernung von
dem Schachte, markscheidete der Obersteiger Zobel am
23. Februar 1828. Er hatte einige Zeit den Compafs
*) "Wie Hr. v. Humboldt bemertt, findet sich in Mendoza's
Tratado de Navigation die Angabe, dafs die Inclination der
Magnetnadel sich nach den verschiedenen Monaten und Tages-
zeiten zu Cumana mehr verändere als die Declination. — Wohl
möglich, dafs die Beobachtungen, worauf sich diese Angabe
stützt, zur Zeit anhaltender vulcanischer Aetionen gemacht wor-
den sind.
332
gebraucht, ohne etwas besonderes bemerkt zu haben.
Zwischen 8-£ und 9 Uhr wurde die Nadel so unruhig,
dafs eine Beobachtimg derselben zur Winkelmessung un-
möglich war. Die Schwingungen derselben betrugen 180°,
reichten vom Nord- bis zum Südpol; auch fanden Schwin-
gungen, der Inclination nach, statt. Dieser Zustand der
Schwankungen wurde 15 bis 20 Minuten lang beobach-
tet. Alsdann hörte der Obersteiger Zobel auf, die Na-
del zu beobachten, ohne auch nur eine Ahnung gehabt
zu haben, dafs über Tage eine Erderschütterung zu der-
selben Zeit beobachtet worden wäre. Zu bemerken ist
hiebei, dafs in keiner der vielen von Mülheim an der
Ruhr gegen Osten bis in die Nähe von Unna liegenden
Steinkohlengruben irgend eine Spur einer Erderschütte-
rung von wenigstens 2500 darin arbeitenden Personen
beobachtet worden ist *); während dieselbe zu Essen
sehr deutlich, zu Bochum weniger stark, zu Dortmund
sehr schwach als zwei Stöfse in der Richtung von West
gegen Ost bemerkt worden ist."
XVIII. lieber den Isopyr, eine neue Mineral-
species; von Wilhelm Haidinger.
(Aus dem Edinb. New phllosoph. Journ. No. VI. p. 263.)
1. JLJ eschrcibung. — Reguläre Gestalten sind nicht
beobachtet. Sehr reine Massen von beträchtlicher Gröfse,
*) Aehnliches hat man bei dem Erdbeben bemerkt, -welches am
24. Nov. 1823 in mehreren Theilen von Schweden verspürt wor-
den ist. Berzelius sagt darüber in seinem Jahresberichte,
No. IV. S. 268.: Diejenigen, welche sich auf dem Boden der
Grube befanden, hörten und spürten nichts; aber diejenigen,
welche gerade auf den Stiegen waren, um herauf oder hinunter-
zugehen, empfanden eine so starke Erschütterung, dafs sie nicht
anders glaubten, als die Stiegen würden mit ihnen einstürzen. —
Ich brauche wohl nicht besonders zu bemerken , dafs die Beob-
achtung des Obersteigers Zobel gerade durch das gänzliche Aus-
bleiben der Erschütterung in der Grube eine erhöhte Glaubwür-
digkeit und Zuverlässigkeit erhalten hat. P.
333
oft fast 2 Zoll nach allen Richtungen messend, kommen
im Granite eingewachsen vor.
Theilbarkeit fehlt. Bruch muschlig; sehr vollkom-
men, wenn das Mineral rein ist, unvollkommner, wenn
es fremdartige Beimischungen enthält.
Glasglanz, oft beträchtlich. Farbe graulichschwarz
und sammtschwarz, hie und da mit rothen Punkten, wie
im Heliotrop. Strich, blafs grünlichgrau.
Opak oder an den dünnsten Kanten sehr schwach
durchscheinend.
2. Bemerkungen. — Mehrere Stücke vom Isopyre
werden in Hrn. Allan's Sammlung aufbewahrt. Einige
derselben sind ganz rein und frei von anhängendem Ge-
stein; andere sind in eine Art von Granit eingewachsen,
der hauptsächlich aus Quarz besteht, welcher auch oft
in Krvstallen die dunkle Masse des Isopyre's durchsetzt.
Einige derselben verschaffte sich Hr. Allan vor drei Jah-
ren auf einer Reise durch Cornwall, auf welcher ich das
Vergnügen hatte, ihn zu begleiten, von einem Bergmann
in St. Just; andere erhielt Hr. Allan von Hrn. Joseph
Carne in Penzance, dessen Mineraliensammlung an Pro-
ducten aus dem westlichen Cornwall besonders reich ist.
Das westliche Cornwall ist unstreitig das Vaterland des
Isopyre's, allein seinen Fundort genauer anzugeben, ist
mir gegenwärtig nicht möglich, weil ich damals das Mine-
ral für schwarzen Opal hielt, und daher versäumte, mich
näher nach seinem Fundort zu erkundigen.
Die Aehnlichkeit des Isopyre's mit dem Obsidian
oder mit dem Opal, wenn er eine schwarze Farbe hätte,
ist sehr grofs; nur der Glanz ist beim Isopyre weniger
stark und glasartig, als beim Obsidian. Er hat auch
sehr viel Aehnlichkeit mit gewissen Arten von Eisen-
schlacken, und wirklich würde man leicht versucht seyn,
das Mineral für ein solches , in unsern Oefen zu erzeu-
gendes Schmelzproduct zu halten, wenn es nicht von
Quarzkrystallen begleitet wäre, oder, wie in einem der
334
Hrn. Allan gehörenden Stücke, kleine Krystalle von
Zinnstein oder Turmalin eingewachsen enthielte. Wegen
dieses Ansehens und auch wegen der vollkomninen Aehn-
lichkeit einer vor dem Lötmohre geschmolzenen Kugel
mit dem zum Versuche angewandten Bruchstück, schlage
ich für dieses Mineral den Trivialnamen Isopyre vor,
von htoq gleich und 7ruQ Feuer. Die Aehnlichkeit in
den Eigenschaften erstreckt sich auch auf den Magnetis-
mus. Die vor dem Löthrohr zu Kugeln geschmolzenen
Stücke des Minerals sind magnetisch wie das Mineral
selbst, und sogar in einem höheren Grade.
Aus der Beschreibung, welche Breithaupt vom
Tachylite gegeben hat, scheint diefs Mineral dem Iso-
pyre sehr ähnlich zu seyn. Da aber das specifische Ge-
wicht des Tachylits geringer ist, nur 2,5 bis 2,54 beträgt,
so können sie unmöglich zu derselben Species gehören.
Er kommt im Basalt und in der Grauwacke zu Saesebühl
bei Göttingen vor, gleichfalls nur derb.
XIX. Chemische hntersuchung des Isopyrs; von
Dr. ^Edward Turner.
(Auszug aus dem Edinb. New philosoph. Journ. No. 6. p. 265.)
V«
or dem Löthrohr schmilzt der Isopyre ohne irgend eine
Gasentwicklung. Mit Phosphorsalz geschmolzen giebt er
deutliche Anzeigen von Kieselerde. Gepulvert auf einem
Platindraht in die Löthrohrflamme gebracht, färbt er die-
selbe schön grün. Säuren wirken schwierig auf ihn; koh-
lensaure Alkalien aber zersetzen ihn leicht und vollstän-
dig. Bis zum Rothglühen erhitzt, giebt er weder Wasser
aus, noch verliert er etwas von Gewicht.
Nachdem durch vorläufige Versuche ausgemittelt wor-
den war, dafs der Isopyre nur Kieselerde, Thonerde,
Eisenoxyd, Kalk und ein wenig Kupfer enthielt, wurde
335
die Analyse folgendermafsen angestellt. 20,625 Gran ge-
pulverten Isopyres wurden mit 80 Gran kohlens. Natron
gemischt und eine halbe Stunde lang rothglühend gehal-
ten. Die Masse auf die bekannte "Weise mit Salzsäure
behandelt, gab 9,71 Gr. oder 47,09 Proc. Kieselerde.
Aus der Lösung wurde das Kupfer durch Schwefelwas-
serstoffgas gefällt. Das Schwefelkupfer wurde in Königs-
wasser gelöst, und die Lösung durch Aetzkali gefällt.
Das erhaltene Kupferoxyd wog geglüht 0,40 Gran oder
1,94 Procent.
Nach Absonderung des Kupfers wurde das Eisen
durch Salpetersäure vollständig oxydirt, und dann nebst
der Thonerde durch Aetzammoniak gefällt. Die Tren-
nimg des Eisenoxyds von der Thonerde geschah durch
Aetzkali. Das erstere wog 4,14 Gr. oder 20,07 Proc,
die letztere 2,87 Gr. oder 13,91 Procent.
Der Kalk in der ammoniakalischen Lösung wurde
durch oxalsaures Ammoniak gefällt. Der Oxalsäure Kalk
durch Glühen zersetzt gab 3,19 Gran oder 15,43 Proc.
Aetzkalk.
Hienach besteht der Isopyre aus:
Kieselerde 47,09
Thonerde 13,91
Eisenoxyd 20,07
Kalk 15,43
Kupferoxyd 1,94
98,44.
Durch Aufschliefsung mit kohlens. Baryt wurde nach
Alkali gesucht, aber vergebens. Eben so wenig liefs sich
Salzsäure, Phosphor-, Flufs- oder Boraxsäure entdecken,
als man das Mineral mit kohlensaurem Natron aufschlofs
und die Lösung mit Salpetersäure sättigte. Aus der Farbe
des Minerals und seiner Wirkung auf die Magnetnadel
schliefst Hr. F. übrigens, dafs sich ein Theil des Eisens
als schwarzes Oxyd im Minerale befinde.
336
XX. lieber die natürliche Naphtaline *).
In der im August 1827 gehaltenen dreizehnten Versamm-
lung der schweizerischen Gesellschaft für Naturwissen-
schaften zeigte unter andern Hr. Koenlein, Director
der Gruben in Uznach, mehrere Stücke eines Minerales
vor, welches er zuerst am Schlüsse des J. 1822 in den
dortigen Braunkohlenlagern gefunden hatte. Dieses Mine-
ral besitzt die gröfste Aehnlichkeit mit der Substanz, wel-
che Brande bei der Destillation des Steinkohlentheers
entdeckt hat, und später unter dem Namen Naphtaline
genauer beschrieben worden ist. (Man sehe diese Ann.
Bd. 83. S. 104.) Die primitive Form desselben ist eine
unregelmäfsige Pyramide, deren Dimensionen bis jetzt
noch nicht gemessen worden sind. Es ist spaltbar paral-
lel den horizontalen und vertikalen Kanten, und besitzt
einen muschligen Bruch. Seine horizontalen Flächen haben
Demantglanz, die übrigen nur einen Fettglanz. Die Farbe
ist weils, oder grünlich, oder gelblich, der des Talkes
ähnlich. Es ist ganz durchsichtig, brüchig, geruch- und
geschmacklos. Sein specifisches Gewicht ist etwas grö-
sser, als das des Wassers. Es zergeht bei einer niede-
ren Temperatur, und krystallisirt beim Erkalten. Auf
Papier macht es Fettflecke. Es läfst sich leicht entzün-
den und brennt mit heller, rufsender Flamme. Man fin-
det es in den Spalten von bituminösem Holze, zuweilen
dasselbe durchdringend; es scheint darin durch Sublima-
tion entstanden zu seyn. Das Braunkohlenlager ist 2
bis 6 Fufs mächtig, und gehört einer sehr neuen Forma-
tion an, da es Reste von gegenwärtig noch vorkommen-
den Pflanzen einschliefst (?). Hr. K. schlägt für die neue
Species den Namen Naphtaline resinense prismatique vor.
•) Bibliotheq. universelle, T.JCXXV1. p,2i\&. [Eine nähere Un-
tersuchung der chemischen Beschaffenheit dieses Minerals, mit
welcher im Ganzen die Angahen des Hrn. Koenlein überein-
stimmen, verdankt man dem Hrn. Hofr. Stromeyer (Kast-
ner's Archiv, Bd. 9. S. 113.), welcher dem Minerale den Na-
men Scheererit gegeben hat. Dafs diefs Fossil in so deutlichen
Krjstallen vorkommt, möchte indefs bis jetzt nicht allgemein
bekannt gewesen seyn. .P.]
ANNALEN
DER PHYSIK UND CHEMIE.
JAHRGANG 1828, DRITTES STÜCK.
I. Auszug aus einer der IC Academie der Wis-
senschaften zu Berlin vorgelegten Abhand-
lung über die Länge des einfachen Secun-
denpendels in Königsberg;
von F. W. Bessel *).
Director der K. Sternwarte in Königsberg.
er Apparat, welcher zu dieser Bestimmung benutzt
wurde, ist der Idee gemäfs eingerichtet, dafs jeder Zwei-
fel über den Mittelpunkt der Bewegung seinen Einflufs
auf das Resultat verlieren und die Schwierigkeit vermie-
den werden sollte, welche entsteht, wenn die Länge des
Pendels nicht durch die ganze Länge des Normalmaafses,
sondern durch einen Theil derselben, gemessen wird, wo-
durch es nöthig wird, jenes Normalmaafs einzutheilen,
Diese Schwierigkeit ist von Denen, welche sich mit der
Untersuchung der Pendellänge beschäftigt haben, zwar
auf eine Weise überstiegen worden, welche wenig zu
wünschen übrig läfst; allein einfacher und überzeugender
ist es dennoch, die Einrichtung so zu treffen, dafs die
Längenmessung durch die ganze Einheit des Normalmaa-
fses erhalten wird.
*) Dieser, der K. Academie unter dem 5. Jan. 1828 eingesandte,
Auszug war ursprünglich nicht zum Drucke bestimmt, wird aber
hier, auf die Aufforderung meines hochgeehrten Freundes, Leo-
pold von Buch, bekannt gemacht. B.
Annal. d. Physik. E. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. Y
338
Durch den von Herrn Repsold in Hamburg, mit
meisterhafter Vollendung ausgeführten Apparat, sind beide
Schwierigkeiten gänzlich beseitigt worden. Es wird da-
durch nicht die Schwingungszeit und Länge eines Pen-
dels gemessen, sondern es werden die Schwingungszeiten
zweier Pendel beobachtet, deren Länge genau um die
ganze Länge der Toise du Perou verschieden gemacht
werden. Dieses geschieht dadurch, dafs der Anfangspunkt
des kürzeren Pendels durch Auflegung eines Rahmens,
von welchem es herabhängt, auf einen festen Punkt am
Apparate, bestimmt wird; der des Längeren durch Auf-
legung desselben Rahmens auf das obere Ende der, mit
dem unteren auf jenen festen Punkt gestellten Toise.
Damit dieses mit Sicherheit geschehen könne, und der
Höhenunterschied beider Anfangspunkte wirklich der Toise
genau gleich sey, ist der Apparat mit dazu dienlicher Ein-
richtung versehen. Die Höhenunterschiede der Kugel an
beiden Pendeln werden durch eine mikrometrische Ein-
richtung gemessen, welche mit einem Eühlhebel versehen
ist, der über die kleinsten Theile einer Linie sicher ent-
scheidet.
Da dadurch, dafs man den \JÄw^wunter schied zweier
Pendel, und nicht die Länge eines einzelnen, zur Ablei-
tung der Resultate benutzt, der Mittelpunkt der Bewe-
gung jedes derselben ganz aus der Rechnung geht, so ist
es gleichgültig, welche Aufhängungsart der Pendel man
wählt: man kann die Schneide anwenden, oder das obere
Ende des Fadens in einer Klemme festklemmen, oder
was man sonst für bequem hält. Die Bedingung, welche
streng erfüllt werden mufs, ist nur, dafs die Aufhängung
beider Pendel vollkommen gleich ist. — Ursprünglich ist
der Apparat so eingerichtet, dafs der Faden des Pendels
an der Oberfläche eines horizontalen Cylindcrs von Stahl
von 1 Lin. Durchmesser anliegt, und an dieselbe durch
das Gewicht der Kugel angedrückt wird, während er an.
einem höheren Punkte befestigt ist; bei der Bewegung
339
des Pendels wickelt der Faden abwechselnd sich auf den
Cylinder auf und wieder ab, so dafs der Mittelpunkt
der Kugel streng genommen keinen Kreis, sondern die
Curve beschreibt, deren Evolute der Durchschnittskreis
des Cylinders ist. In einer Beilage der Abhandlung wird
gezeigt, dafs dieses die Schwingungszeit nicht ändert ; eine
andere Beilage untersucht die Bewgung mit Rücksicht auf
die Federkraft des Fadens, welches nothwendig, da wo
der Faden den Cylinder verläfst, eine kleine Krümmung
erzeugen und dadurch einen Einflufs auf die Schwingungs-
zeit erlangen mufs; allein im Unterschiede der Längen
zweier Pendel verschwindet dieses gänzlich. — Später
wurde der Apparat durch eine Einrichtung vermehrt, ver-
möge welcher man auch die Aufhängungen durch eine
Schneide und durch eine Klemme anwenden kann. Mit
allen drei Aufhängungsarten sind Versuche gemacht; ihr
Resultat ist aber, so wie es seyn mufste, stets dasselbe
geblieben.
Der Apparat ist in einem Gehäuse eingeschlossen,
welches mit Glasplatten versehen ist, alle Operationen
werden bei verschlossenen Fenstern gemacht, so dafs die
Temperatur weder bei der Messung, noch bei den Beob-
achtungen der Schwingungszeiten durch das Oeffnen ge-
ändert wird.
Die Schwingungszeit ist auf die Borda'sche Art
beobachtet, d. i. durch Coincidenzen des Pendels mit dem
Pendel einer vor dem Apparate aufgestellten Uhr. Um
aber jeden Einflufs der Bewegung des Uhrpendels auf
den Pendel am Apparate auszuschliefsen, ist die Uhr
8 Fufs von dem letzteren entfernt aufgestellt, und das
Bild des letzteren, durch ein zwischen beiden befestigtes
Objectivglas eines Fernrohrs, um eben so viel vorwärts
gebracht, so dafs man beide Pendel vollkommen deutlich,
und ohne optische Parallaxe, mittelst eines 15 Fufs von
der Uhr und 23 Fufs vom Apparate entfernten Fernrohrs
beobachtet. Durch diese Einrichtung scheinen die Coin-
Y 2
340
cidenzniomente mit mehr Sicherheit als gewöhnlich beob-
achtet werden zu können, so dafs der mittlere Fehler
jeder dadurch erhaltenen Vergleichung des kürzeren Pen-
dels des Apparats mit dem Pendel der Uhr nur den fünf-
hundertsten Theii einer Secunde beträgt.
Die Uhr, worauf die Beobachtungen sich beziehen,
ist die Hauptuhr der Sternwarte selbst Sie wurde zwar
nicht unmittelbar angewandt, indem sie ihrem sonstigen
Gebrauche nicht entzogen werden konnte; allein die Uhr,
welche vor dem Pendel -Apparate aufgestellt war, war
so eingerichtet, dafs sie etwa in einer Stunde eine Se-
cunde gegen jene verlor, wodurch die Schläge beider
etwa stündlich einmal zusammentrafen. Die Momente
dieser Coincidenzen wurden stets beobachtet, indem man,
beide Uhren zugleich hören konnte; hierdurch erhielt
man den Gang der einen Uhr gegen die andere, in der
Zwischenzeit weniger Stunden, mit einer Genauigkeit,
welche wenig zu wünschen übrig läfst, und fast densel-
ben Erfolg hervorbringt, den man durch unmittelbare An-
wendung der Hauptuhr erlangt haben würde.
Die Berechnungsart der Beobachtungen ist, wenn
man Unterschiede in der Form nicht erwähnen will, nur
dadurch von der gewöhnlichen verschieden, dafs man die
Schwingungszeit des Pendels so bestimmt hat, dafs alle
beobachteten Coincidenzmomente gleichen Werth erhal-
ten; — bisher war es gebräuchlich, die erste Coincidenz
mit der 2ten, die 2te mit der 3ten u. s. w. zu verbin-
den, und aus den einzelnen dadurch erhaltenen Resulta-
ten das Mittel zu nehmen; diefs ist nicht ganz richtig,
indem dadurch das Mittel allein auf den beiden aufse-
ien Beobachtungen beruht, und die zwischenliegenden
aus dem Resultate verschwinden; der Nachtheil dieses
Verfahrens gegen das richtige, welches allen Beobach-
tungen gleichen Stimmwerlh beilegt, war aber nicht von
grofser Bedeutung, indem die Genauigkeit, womit man
die Coincidenzen beobachten kann, das Resultat, wenn
341
es auch nicht das wahrscheinlichste war, immer sehr nahe
an die Wahrheit brachte. — Inzwischen ist statt der bis-
herigen Theorie der Bewegung eines Körpers in einer
Flüssigkeit hier eine andere substituirt worden, aus wel-
cher sehr verschiedene lleductionen der Pendellängen auf
den leeren Raum folgen.
Man hat nämlich sich der Vorschrift, welche New-
ton gegeben hat, die beschleunigende Kraft, welche ein
in einer Flüssigkeit bewegter Körper durch die Schwere
erfährt, seiner relativen Schwere gleich angenommen., oder
wenn m seine Masse ist, m) die Masse der aus dem Wege
gedrängten Flüssigkeit =s , Hierdurch wird die
bewegende Kraft m — m' auf die materiellen Punkte im
Körper vertkeilt; allein das System, dessen Bewegung
man betrachtet, besteht nicht aus dem Körper allein,
sondern aus dem Körper und der Flüssigkeit ; es läfst
sich daher nicht rechtfertigen, dafs man die durch die
Bewegung des Körpers erzeugte Bewegung der Flüssig-
keit unberücksichtigt gelassen hat.
Die Differentialgleichung der Bewegung eines Pen-
dels in einer Flüssigkeit, welche in der Abhandlung ge-
geben ist, zeigt, dafs die lebendige Kraft des Pendels,
durch die Einwirkung der Flüssigkeit, um die Summe
der Producte jedes Theilchens derselben in das Quadrat
seiner Geschwindigkeit, vermehrt werden mufs. Ausser-
dem mufs die bewegende Kraft, welche das Pendel er-
fährt, von der bisherigen Vorschrift abweichend in Rech-
nung gebracht werden, immer wenn das Pendel aus he-
terogenen Theilen zusammengesetzt ist: die. Wirkung der
Schwere ist nämlich stets gegen den Schwerpunkt der
Masse gerichtet , die der Luft gegen den Schwerpunkt
der äufseren Figur des Pendels, welche beide nur bei
einem homogenen Pendel, oder wenn es aus heteroge-
nen Theilen besteht, im Falle der symmetrischen Ver-
keilung um den Schwerpunkt, zusammenfallen.
342
Die erste Abweichung von der älteren Theorie führt
auf die allgemeine Schwierigkeit, welche die hydrodyna-
mischen Aufgaben darbieten, und welche noch so weit von
ihrer Auflösung entfernt ist, dafs sogar seit der Zeit, wo
d'Alembert die richtigen Differentialgleichungen der
Aufgabe fand, kein einziger Vorschritt gelungen ist. Man
kann also nicht daran denken, die in die Rechnung kom-
mende Summe der Producte aller Theilchen der Flüssig-
keit, jedes in das Quadrat seiner Geschwindigkeit multi-
plicirt, direct zu bestimmen, selbst nicht einmal für die
einfachste Form eines Pendels. Indessen ist in der Ab-
handlung gezeigt worden, dafs wenn die Bewegung der
Flüssigkeit dieselbe Periode hat, welche dem Pendel eigen-
thümlich ist, dieser Theil der Einwirkung der Flüssigkeit
immer nur eine Aenderung des Moments der Trägheit
des Pendels hervorbringt. Die eben ausgesprochene Vor-
aussetzung, unter welcher dieses wahr ist, ist die allge-
meinste, welche man machen kann; ihr wirkliches Statt-
finden kann nicht bezweifelt werden, wenn man die er-
sten Schwingungen des Pendels (die, bei welchen die Um-
stände der ursprünglichen Bewegung noch nicht durch
die Widerstände vernichtet sind) ausnimmt.
Es geht hieraus hervor, dafs das Pendel in der Flüs-
sigkeit schwingt, wie ein ähnliches, mit vermehrtem Mo-
mente der Trägheit, im leeren Räume. Die Quantität
dieser Vermehrimg, welche von der Gröfse und Figur
des Pendels abhängt, bestimmt der Calcul nicht; allein
die Erkenntnifs der Art, wie sie wirkt, zeigt, wie sie
durch Versuche bestimmt werden kann.
Um dieses zu erlangen, wurde, aufser zwei Reihen
von Beobachtungen mit einer Kugel von Messing von
2 Zoll Durchmesser, noch eine Reihe von Versuchen
mit einer gleich grofsen, aber weit leichteren Kugel von
Elfenbein gemacht. Nach der älteren Theorie hätte sich,
durch beide Kugeln, dieselbe Länge des einfachen Secun-
denpendels ergeben sollen ; allein der Unterschied war sehr
343
grofs = L ,291. Diefs zeigt, dafs der Einflufs der Quan-
tität der Luft, welche durch das Pendel in Bewegung
gesetzt wird und deren Bewegung in Rechnung gezogen
werden raufs, keinesweges unerheblich, sondern nahe so
grofs ist, als der bisher allein berücksichtigte der aus dem
Wege gedrängten Luft; so dafs die ältere Reduction für
die angewandten schwingenden Kugeln nur etwa die Hälfte
derjenigen ist, welche man anbringen mufs.
Nachdem dieser erhebliche Umstand in Ordnung ge-
bracht war, standen der definitiven Berechnung der Ver-
suche kerne Hindernisse mehr im Wege. Es sind 11
Ton einander unabhängige Bestimmungen der Länge des
einfachen Secundenpendels mit der Kugel von Messing
gemacht worden; jede beruht auf 4 Versuchen mit dem
langen und 2 mit dem kurzen Pendel. Ferner 4 Bestim-
mungen mit der Kugel von Elfenbein, jede auf 4 Ver-
suchen mit jedem der Pendel beruhend. Das wahrschein-
lichste Resultat aus allen, ist, für den 11,2 Toisen über
der Ostsee gelegenen Beobachtungsort, die Länge des ein-
fachen Secundenpendels
=440 Un ,8147.
Die Abweichungen der einzelnen Bestimmungen be-
tragen :
Kugel von Messing.
— L ,0003
+ 0,0027
— 0,0014
+ 0,0013
— 0,0027
— 0,0015
+ 0,0009
— 0,0038
+ 0,0010
— 0,0001
+ 0,0037
344
Kugel von Elfenbein.
+ 0,0002
— 0,0044
-fr- 0,0060.
So klein diese Abweichungen sind, so kann man die
Beobachtungen doch noch merklich besser darstellen, wenn
man die Ausdehnung der Toise durch die Wärme, wel-
che für jeden Grad des Centesimalthermometers, nach
Bor da =0,0000114 angenommen wurde, etwas vermehrt,
= 0,00001167; dieses hat aber auf die Länge des einfa-
chen Secundenpendels nur einen Einflufs von +0 L ,0003.
Diefs ist der Inhalt des ersten Abschnitts der Ab-
handlung; einzelne Untersuchungen über verschiedene
Theile des Apparats u. s. w. sind hier nicht erwähnt wor-
den; sie sind theils in der Abhandlung selbst enthalten,
theils als besondere Beilagen gegeben.
Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit verschie-
denen Prüfungen, welche zum Theil mit der Bestimmung
selbst in Verbindung stehen, meistens aber Gegenstände
betreffen, welche bei anderen Untersuchungen über die
Pendellängen Gewicht erlangen.
Eine Vergleichung des für Königsberg erhaltenen Re-
sultats mit denen von Borda, Biot und Arago, und
Kater, suchte man durch ein unveränderliches Pendel zu
erhalten, welches Herrn General -Lieutenant v. Müffling
gehört, von diesem in Paris beobachtet und später nach
Königsberg gesandt wurde; ferner durch die bekannte
Uebertragung der Schwere von Paris nach Greenwich,
durch die Herren Biot, Arago und Alex. v. Hum_
boldt. Inzwischen müfsten die französischen und eng-
lischen Resultate, vor ihrer Vergleichung mit dem in Kö-
nigsberg erhaltenen, von dem Fehler befreit werden, wel-
chen sie durch die zu ihrer Reduction angewandte un-
345
vollständige Theorie der Bewegung der Pendel in Luft
erlitten haben. Um diesen Fehler mit Sicherheit auszu-
niitteln, müfste den Versuchen der französischen Geome-
ter und Astronomen noc'i eine neue Reihe hinzugefügt wer-
den, bei welcher, statt der Kugel von Platin, eine weit
leichtere von derselben Gröfse beobachtet wird. Will
man indessen, um eine vorläufige Uebersicht zu erhalten,
annehmen, dafs die duich zwei Kugeln von verschiede-
ner Gröfse in Bewegung gesetzten Luftmassen sich wie
die Gröfsen der Kugeln verhalten, so wird man aus der
in Königsberg erhaltene! Bestimmung die Verbesserung
für die französische Platinkugel schätzen können. Man
rindet auf diese Art, dafs die, sowohl von Bor da als
von Biot und Arago bestimmten Längen des einfachen
Secmidenpendels um L ,025 vergröfsert werden müssen.
— Kater's Resultat aber kann vorläufig gar nicht auf
den leeren Raum reducirt werden; es ist dazu eine er-
gänzende Reihe von Versuchen nothwendig, allein es ist
vielleicht noch schicklicher den Apparat selbst wesentlich
abzuändern, so wie es unten angedeutet werden wird.
Die Vergleichungen zv/ischen Paris und Königsberg,
welche das unveränderliche Pendel des Herrn General-
Lieutenants v. Müffling gegeben hat, ergiebt die Secun-
denpendellänge am letzteE Orte L ,2756 gröfser als am
ersten. Fügt man diesen Unterschied und die Verbesse-
rung der Reduction auf den leeren Raum = -ihO L ,ö25
zu Borda's Resultate hinzu, so erhält man für Königs-
berg 440 L ,860, oder L ,043 mehr als direct bestimmt wor-
den ist. Inzwischen ist ein Grund vorhanden, das Resul-
tat der Uebertragung von Paris nach Königsberg für un-
zuverlässig zu halten; die Herren Biot, Arago und
Alexander v. Humboldt haben nämlich zwei unver-
änderliche Pendel von Paris nach Greenwich und wieder
zurück überbracht, wodurch die Schwere von Paris nach
Greenwich übertragen worden ist; ferner hat Capt. Sa-
bine bemerkt, dafs die Pendellängen an verschiedenen
346
Orten der Erde sehr nahe seiner Formel entsprechen,
wenn die geologische Beschaffenheit dieser Orte dieselbe
ist. Man hat also die Pendellänge von Bor da mittelst
des Resultats der unveränderlichen Pendel nach Green-
wich, und von dort mittelst der Formel von Sabine
nach Königsberg übertragen zu dürfen geglaubt, indem
die geologische Beschaffenheit der beiden letzten Orte
nahe gleich zu seyn scheint. Dadurch hatte sich eine
zweite Vergleichung zwischen Taris und Königsberg er-
geben, welche nicht den Unterschied von L ,045, son-
dern eine fast vollkommene Ueber einstimm ung giebt. Es
wäre daher möglich, dafs die Sdhneide des unveränderli-
chen Pendels des Herrn v. Müffling zwischen seinen
Vergleichungen in Paris imd Königsberg (1808 und 1826)
eine kleine Veränderimg erlitten hätte. Die Uebertra-
gung durch neue Pendel, mit der möglichsten Vorsicht
gemacht, würde sehr wünschenswerth seyn.
Da das Resultat der Abhandlung von der neuen
Theorie der Entwicklung der Luft auf die Bewegung
eines Pendels so sehr abhängig ist, so wurde für nöthig
erachtet, noch anderweitige Versuche anzustellen, wodurch
der Fehler der alten Theorie noch augenfälliger an den
Tag gelegt wurde. Dem zufolge wurden Schwingungen
verschiedener Körper in einem grolsen Wassergefäfse
beobachtet: zuerst der Messingkugel; dann eines hohlen
Cylinders von Messing, dessen spec. Schwere =2,0788
war; endlich desselben Cylinders, nachdem der Boden
herausgenommen war, wodurch er die spec. Schwere des
Messings selbst erhielt, also, der alten Theorie zufolge,
hätte schwingen sollen, wie eine Kugel von Messing.
Diese drei Körper zeigten folgende Schwingungszeiten,
welchen die nach der Newton 'sehen Theorie berechne-
ten beigesetzt sind, damit man den grofsen Unterschied
gleich übersehe:
347
Beobachtet.
Newton's
Theorie.
Kugel von Messing . .
. langes Pendel
1",9085
1,8373
kurzes —
1,1078
1,0693
. langes —
2,7,892
2,3928
kurzes —
1,6385
1,4021
derselbe ohne Boden .
. langes —
2,5675
1,8339
kurzes —
1,5042
1,0683
Der Versuch mit dem Hohl-Cylinder ohne Boden
zeigt, dafs der Einflufs der Figur des schwingenden Kör-
pers sehr grofs ist; die Figur dieses Körpers hat hier
eine etwa 12 Mal so grofse Wirkung hervorgebracht,
als dieselbe Masse in Form einer Kugel erfahren haben
würde. — Auch wurde noch ein dem Kat ersehen ähn-
liches Pendel *) in einem hohen Wassergefäfse in Schwin-
gung gesetzt; in der Luft machte es um jede seiner Schnei-
den eine Schwingung in 1",0002 m. Z., in Wasser, als das
gröfsere Gewicht unten war in 1",1177, als es oben war
in 1",1450. Der Isochronismus der Schwingungen ging
also verloren, wie zu erwarten war.
Solchergestalt ist an der Unzulänglichkeit der älteren
Theorie nicht mehr zu zweifeln. Indessen kamen noch
andere Punkte in Betracht, welche eine gründlichere Un-
tersuchung zu verdienen schienen, als sie bisher erfahren
haben. Der erste, welcher sich darbot, war die Cjlin-
dricität der Schneiden, worüber der grofse La place die
wichtige Bemerkung gemacht hat, dafs sie auf die Pen-
dellänge erheblichen Einflufs erhalten kann. Wenn man
die Schneiden als abgestumpft und zwar durch einen Kreis-
Cylinder begrenzt annimmt, so hat L a p 1 a c e gezeigt, dafs
die Einwirkung auf ein Pendel, welches in der Con-
struetion dem einfachen Pendel nahe kömmt, darin be-
steht, dafs der Mittelpunkt der Bewegung nicht in der
*) Es ist bekannt, dafs die Ehre der Erfindung desselben unserm
berühmten Landsmann Bohnenberger gebührt. B.
348
Ebene liegt, auf welcher die Schneide ruht, sondern um
den Halbmesser des Cjlinders tiefer. Die Herren Biot
und Arago haben ferner bemerkt, dafs es auf die Gröfse
der Abstumpfung nicht allein, sondern auch auf die Art
ihrer Krümmung ankömmt. Wenn man die Breite der
Abstumpfung als sehr gering annimmt, so kann man -diese
zwar unter einem Mikroskope messen, allein man erlangt
dadurch kein Urtheil über den Halbmesser ihrer Krüm-
mimg, welcher in der That durch kein directes Mittel
bestimmt werden kann. Es ist daher die Aufgabe in der
Abhandlung allgemeiner betrachtet worden, so dafs man
den Durchschnitt des Cylinders, welcher die Schneide
begrenzt, als einen Kegelschnitt angesehen hat, dessen
willkührliche Excentricität das Mittel giebt, der Abstum-
pfung alle möglichen Krümimmgen beizulegen; die abge-
schliffenen Seiten des Prisma's, welches die Schneide bil-
det, sind Tangenten an den Kegelschnitt. Wenn man
die Breite der Abstumpfung durch b bezeichnet, so fin-
det sich, durch die Verfolgung der eben erwähnten An-
sicht, ihr Einilufs auf die Pendellänge =bg, wo q ein
von der Excentricität des Kegelschnitts, dem Neigungswin-
kel der Ebenen des Prisma's und dem Schwingungswin-
kel des Pendels abhängiger Coefficient ist. Die Werthe
dieses Coefficienten für verschiedene Werthe der Excen-
tricität hängen von den elliptischen Transcendenten ab,
und sind in einer Beilage entwickelt worden. Es geht
daraus hervor, dafs dieser Einflufs sehr erheblich wer-
den und die Gröfse von b 20 bis 30 Mal übersteigen
kann. Dieses ist dann der Fall, wenn die Abstumpfung
der Schneide eine Ellipse mit sehr starker Abplattung
und aufwärts gekehrter kleinen Axe ist. Um sicher zu
seyn, dafs dieser sehr gröfse Einflufs nicht statt findet,
müfste man sich überzeugen können, dafs Abstumpfun-
gen dieser Art so wenig durch die Operation des Ab-
schleif ens, als durch den fortgesetzten Gebrauch einer
Schneide entstehen können.
349
Indessen bezweifelt Herr Biot diesen Einfiufs ganz,
indem er glaubt, dafs die Schneide die Unterlage nur
durch kleine Hervorragungen berühre, welche als unend-
lich kleine Punkte zu betrachten sejen, um welche das
Pendel sich wie um eine feste Axe drehe. Um hierüber
eine Entscheidung zu erhalten, wurde eine Schneide ab-
sichtlich abgestumpft, durch ein Verfahren, welches einen
sehr grofsen Krümmungshalbmesser ergeben mufste. Die
Schwingungen des Pendels auf dieser Schneide, deren
Abstumpfimg L ,0216 breit war, zeigten in der That einen
sehr bedeutenden Einflufs, welcher die Länge des einfa-
chen Secundenpendels um •§■ Linie verlängert haben würde.
Ein zweiter Versuch, bei welchem die Breite der Ab-
stumpfung L ,0135 war, gab ein ähnliches, nur im Ver-
hältnisse der geringeren Breite der Abstumpfung kleine-
res, etwa 4 Lin. betragendes Resultat. Hiernach kann
man die Ansicht des Herrn Biot nicht unbedingt für
wahr erkennen; man mufs im Gegentheil annehmen, dafs
die Versuche dieses grofsen Physikers mit zwei Schnei-
den, deren eine fein war, die andere breiter abgestumpft
als die, womit der zuletzt angeführte Königsberger Ver-
such gemacht ist, nur deshalb übereinstimmen, weil die
Art der Krümmung der letzteren weniger ungünstig war,
als sie hätte seyn können. Uebrigens ist auch die Be-
hauptung, dafs das mit einem Pendel mit reeiproken Axen
erhaltene Resultat von der Abstumpfung der Schneiden
gänzlich frei sey, nur dann wahr, wenn das Product bq
für beide Schneiden gleich ist. Es giebt aber ein leich-
tes Mittel, auch mit abgestumpften Schneiden das rich-
tige Resultat zu erhalten: man mufs sie so einrichten,
dafs sie mit einander verwechselt werden können, wo-
durch der Fehler, nach der Verwechselung, in gleicher
Gröfse auf die entgegengesetzte Seite gebracht wird.
Man hat ferner vorausgesetzt, dafs die Schneiden
bei der Bewegung des Pendels absolut fest liegen. Um die-
ses zu prüfen, wurde eine besondere Vorrichtung, eine Art
350
von Fühlhebel, angewandt, welcher so empfindlich war,
dafs er schon eine Bewegung von y^i-iru- Linie verrathen
mufste. Hiedurch fand sich, dafs die Bewegung des Pen-
dels wirklich eine Bewegung der Schneiden hervorbringt,
imd zwar eine stets nach der Richtung der Bewegung
des Pendels gehende; die Ausdehnung dieser Bewegung
konnte gemessen werden, sie war für harte Unterlagen
sehr klein, für weichere aber weit gröfser; für jene bei
dem Schwingungs winkel von 1° — ^-^-g- Linie; als die
Schneide auf 2 Messing - Cylinder gelegt wurde, erlangte
die Bewegung die bei der starken Vergröfserung des Fühl-
hebels sehr augenfällige Gröfse von tviru Linie. Diese
Erfahrung, verbunden mit Beobachtungen der Schwin-
gungszeiten des Pendels auf verschiedenen Unterlagen,
klärte die Art der Einwirkung der letzteren auf.
Es zeigte sich nämlich, dafs, wenn man das Pendel
auf weicheren Unterlagen schwingen liefs, die Schwin-
gungszeit sehr bedeutend verkürzt wurde; es werden Ver-
suche angeführt, bei welchen dieser Einflufs die Lauge
des einfachen, gleichzeitig schwingenden Pendels um mehr
als eine halbe Linie verkürzte. Obgleich aber dieser Feh-
ler weit gröfser ist, als man ihn bei den Versuchen über
die Pendellänge je befürchten darf, indem Niemand wei-
che Unterlagen nehmen wird, während sehr harte vor-
handen sind, so sind die Versuche dennoch lehrreich,
weil sie über eine Einwirkung Licht verbreiten, welche
nach unseren bisherigen Ansichten ganz unerklärlich ist.
Wie aus der Verbindung beider Wahrnehmungen ein Re-
sultat gezogen werden kann, mufs in der Abhandlung
selbst nachgelesen werden. Es folgt aber daraus, dafs
die Schneide in die Unterlage einen Eindruck macht, imd
dafs die Einwirkung auf die Schwingungszeit entsteht, in-
dem die höher festliegende Schneide, tiefer die Materie
der Unterlage aus dem Wege drängt, wodurch ihre Be-
wegung aufgehalten und beim Zurückschwingen befördert
wird; das letztere durch das Bestreben der Materie der
351
Unterlage, ihre eigenthümliche Stelle wieder einzunehmen.
Es ist auffallend, wie Erscheinungen, welche in einem
Räume vor sich gehen, welcher wegen seiner aufsei sten
Kleinheit sich jeder directen Beobachtung entzieht, durch
die Einwirkimg, welche sie auf die Schwingungszeit äufsern,
ihre Natur sehr augenfällig verrathen. — Um ein Pendel
mit reciproken Axen euch von dieser Einwirkung so viel
als möglich frei zu machen, mufs man gleichfalls das schon
vorgeschlagene Mittel der Verwechselung der Schneiden
anwenden.
Es wild auch ein Mittel angegeben, dieses Pendel
von der Schwierigkeit gänzlich zu befreien, welche aus
dem Einflüsse der Bewegung in der Luft entsteht. Die-
ses erlangt man, wenn man es der äufseren Figur nach
ganz symmetrisch construirt, also mit zwei gleich grofsen
und gegen die beiden Schneiden gleich gelegenen Gewich-
ten, deren eins aus vollem Metalle besteht, das andere
hohl ist. Ein so, und mit verwechseibaren Schneiden
eingerichtetes Pendel mufs die richtige Pendellänge geben,
wenn die magnetische Eigenschaft, welche .Herr Arago
an nicht eisenhaltigen Substanzen entdeckt hat, nicht einen
Einflufs erlangt. Man könnte das Pendel mit der dre-
henden Scheibe von Messing, den Erdmagnetismus mit
der Nadel vergleichai. — Es wäre zu wünschen, dafs
der berühmte Entdecker dieser merkwürdigen Eigenschaft
hierüber seine Meinung ausspräche.
Endlich sind nocji Versuche angeführt, aus welchen
sich die Pendellänge für Königsberg ' aus der Messung
der einzelnen Pendel, deren Unterschied allein zu dieser
Bestimmung benutzt worden ist, ergiebt. Diefs bestätigt
das oben angeführte Resultat bis auf eine Kleinigkeit,
welches sehr wohl anderweitig erklärt werden kann. —
Dafs der Erdmagnetismus auf ein Pendel, welches aus
einer Kugel von kleinem Durchmesser an einem verhält-
nifsmäfsig langen Faden aufgehängt besteht, merklichen
Einliufs äufsern sollte, ist nicht gedenkbar. Ob die Schwer-
352
kraft, welche verschiedene Metalle und andere irdische
Substanzen erfahren, genau gleich ist, wird aus einer be-
sonderen Untersuchung hervorgehen, wozu der Apparat
besonders geeignet ist, und welche jetzt vorbereitet wird.
IL Zusätze zu der .Abhandlung : Von dem in
allen Metallen durch Verkeilung zu erregen-
den Magnetismus ; vom Dr. T. J. Seebeck *).
I.
päter angestellte Versuche mit Eis enfeilsp ahnen ^ wel-
che in verschiedener Dicke in Pappschachteln aufgehäuft
waren, gaben folgende Resultate.
Eine Magnetnadel, welche in einer Höhe von unge-
fähr 3 Linien 116 Schwingungen \on 45 — 10° machte,
vollbrachte :
1. Ueber einer 4- Linie dicken Schicht von Eisen-
feilspähnen, welche mit einer f Linie dicken Pappscheibe
bedeckt war, 63 Schwingungen.
2. Ueber einer 1 Linie dicken Schicht Eisenfeil-
spähne 35 Schwingungen.
3. Ueber einer 9 Linien dicien Schicht derselben
Spänne 29 Schwingungen von 45 — 10°.
Diese Magnetnadel erregte also einen um so stär-
keren Magnetismus durch Vertheiling in dem unter ihr
liegenden Eisen, je gröfser die Masse desselben war,
wodurch denn auch die Zahl der Schwingungen vermin-
dert werden mufste, da die von allen Theilen der Nadel
in
*) Aus den so eben erschienenen Denkschriften der K. Academie
von 1825. Ein Auszug aus der Abhandlung, worauf sich diese
Zusätze beziehen, ist den Lesern schon in Bd. 83. S. 203. dies.
Ann. mitgcthcilt. Wo es das Verständnis nöt.hig machen sollte,
hätte man diesen Auszug zu Rathe zu zielien. P.
353
in der Eisenfeile erregten vorübergehenden oder verän-
derlichen entgegengesetzten Pole anziehend, und also die
Bewegung der Nadel hemmend wirken mufsten.
4. Dieselbe Magnetnadel in derselben Höhe über
einer 9 Linien dicken Schicht von Drehspähnen einer Le-
girung von Kupfer mit 3 Proc. Eisen machte 97 Schwin-
gungen, und
5. Ueber einer 9 Linien dicken Schicht von Dreh-
spähnen einer Legirung von Messing mit 5 Proc. Eisen
machte sie 87 Schwingungen von 45 — 10°.
6. Wurde diese Magnetnadel in der vorigen Höhe
von ungefähr 3-f Linie über einer 9 Lin. dicken Schicht
von angeblich reinen Kupfer- Drehspähnen gestellt, so
vollbrachte sie 116 Schwingungen von 45 — 10°; also
eben so viel als für sich und ohne diese Unterlage.
7. Als aber die Magnetnadel der Compafsrose bis auf
1 4- Lin. Abstand genähert wurde, so bewirkte diese Masse
von Kupfer- Drehspähnen schon eine Verminderung der
Schwingungen; die Zahl derselben betrug nun von 45 — 10°
nur noch 107 — 108. Wäre ein stärkerer Magnet statt
jener Nadel angewendet worden, so würde die Differenz
in der Zahl der Schwingungen über diesen Spähnen und
ohne dieselben verhältnifsmäfsig gröfser ausgefallen sevn.
Alle hier angeführte Thatsachen scheinen mir die
früher (dies. Ann. Bd. 83. S. 210.) gegebene Erklärung
von der Hemmung, welche Magnetnadeln und Magnet-
stäbe über ruhenden Metallscheiben erleiden, vollkom-
men zu bestätigen. Wir ersehen hieraus zugleich, dafs
das Vermögen der Metalle, durch Vertheilung eine magne-
tische Polarität anzunehmen, viel gröfser ist, wenn sie
eine feste Masse bilden, als wenn sie fein zertheilt sind.
Wenn nun diefs Vermögen in einem Metall, welches das-
selbe in so hohem Grade besitzt, wie das Eisen, schon
so beträchtlich durch den aufgehobenen Zusammenhang
und durch feine Zertheilung vermindert ist, wie aus der
Vergleichung dieser Versuche mit den übrigen in dieser
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. Z
354
Abhandlung angeführten Versuchen mit Eisenblechen her-
vorgeht, so kann es nicht befremden, die hemmende Wir-
kung der Kupfer -Drehspähne im sechsten Versuch dieser
Note Null zu finden. Aus Versach 7 ersehen wir aber
zugleich, dafs dem Kupfer selbst dann, wenn es sich in
der ungünstigsten form, d. h. in mehr oder weniger fein
zertheiltem Zustande befindet, das Vermögen, durch Ver-
theilung magnetisirt zu werden, niemals ganz fehlt. Wie
wichtig der vollkommene Zusammenhang der Metallmas-
sen in Beziehimg auf die Einwirkung derselben auf die
schwingende Magnetnadel, folglich auch, nach unserer An-
sicht, auf das magnetische Polarisationsvermögen der den
Magneten genäherten Metalle ist, haben uns auch H er-
sehe l's d. Jung, interessante Versuche mit Kupfer Schei-
ben, in welche einige Einschnitte gemacht waren, gelehrt;
denn schon bedeutend war hierdurch die Wirkung die-
ser Scheiben auf die oscillirende Magnetnadel verringert.
Aus dem vierten und fünften Versuch dieser Note
geht hervor, dafs die magnetische Polarisation des Kupfers
und Messings um so gröfser ist, je mehr Eisen sie ent-
halten, und man könnte hierdurch veranlafst werden zu
fragen, ob nicht vielleicht die Metalle überhaupt erst durch
einen, wenn auch nur geringen Gehalt von Eisen das Ver-
mögen erlangen, magnetische Pole durch Verth eilung an-
zunehmen? Es ist nicht zu läugnen, dafs in vielen Fäl-
len der Eisengehalt der Metalle ihre Capacität für den
Magnetismus vermehre ; dafs er sie aber erst erzeuge, kann
keinesweges als allgemein geltend angenommen werden.
Aus den früher (dies. Ann. Bd. S3. S. 213.) angeführten
Beobachtungen ersehen wir, dafs das Eisen selbst sein
Vermögen, magnetisch zu werden, in Alliagen verliert, in
denen es in beträchtlicher Menge vorhanden ist, oder dafs
wenigstens seine Capacität für den Magnetismus durch Zu-
satz von andern Metallen in hohem Grade vermindert wird.
Auch wissen wir ja längst, dafs andere, und dazu für sich
des Magnetismus nicht fähige, oder doch im schwächsten
355
Grade fähige Körper, wie die Kohle, dem Eisen das
Vermögen ertheilen, den in ihm durch Vertheilung erreg-
ten Magnetismus fester zu binden, dauernder zu machen;
eine Erfahrung, welche wohl die Frage veranlassen könnte,
ob nicht der Magnetismus im Eisen selbst erst bedingt
sey durch die Gegenwart eines andern mit ihm verbun-
denen Körpers? Ohne ein grofses Gewicht darauf zu
legen, will ich nur an diese schon mehrmals aufgewor-
fene Frage, welche aber noch immer unbeantwortet ge-
blieben, erinnern. Man hat ferner im Nickel, welches
mit der gröfsten Sorgfalt bereitet worden, und welches
einen starken Magnetismus durch Vertheilung annahm,
nicht eine Spur von Eisen entdecken können. Und die
früher (dies. Ann. Bd. 83. S. 215.) angeführten Thatsa-
chen belehren uns, dafs das Vermögen des Nickels zur
magnetischen Polarisation durch ein anderes Metall, als
beim Eisen erforderlich ist, geschwächt und bei einem
bestimmten Mischungsverhältnifs desselben zum Nickel
aufgehoben werden kann, nämlich dem Kupfer, welches
das magnetische Polarisationsvermögen des Eisens nicht
aufhebt, und in welchem das eigene Polarisations vermö-
gen noch durch Zusatz von Eisen, oder Vermehrung sei-
nes ursprünglichen Eisengehalts, verstärkt wird.
Alle diese Thatsachen sprechen entschieden gegen
die Hypothese, der zu Folge der Magnetismus der Kör-
per lediglich einem Eisengehalt derselben zugeschrieben
wird. Zugleich scheinen mir aber auch die hier mitgc-
theilten Erfahrungen anzudeuten, dafs wenn es Metall-
verbindungen giebt, welche gegenseitig das Vermögen zur
magnetischen Polarisation durch Vertheilung in einander
schwächen, und in bestimmten Mischungsverhältnissen so-
gar vernichten, — in andern Metallverbindungen eben-
sowohl das Gegentheil hiervon statt finden könne, näm-
lich Verstärkung dieses Vermögens durch gegenseitige Ein-
wirkung der Metalle auf einander. Zur Aufklärung hier-
über möchten wohl zunächst Versuche mit Alliagen von
Z *
356
Metallen, welche eines (lauernden Magnetismus fähig sind,
mit andern, in dieser Beziehung schwächeren Metallen
nothwendig seyn, z, B. mit Alliagen von Kupfer und
Eisen , von Piatina mit Nickel, Gold mit Nickel, von
Piatina mit Eisen und nicht minder mit Alliagen von
Kupfer mit Piatina u. s. w. Das Eisen gehört zwar zu
denjenigen Metallen, welche sich in gröfserer Menge nur
mit wenigen andern Metallen verbinden, in geringerer
Menge geht aber das Eisen fast mit allen sehr innige
und gleichförmige Verbindungen ein, und es ist zu er-
warten, dafs ein sehr geringer Antheil von Eisen in den
dichteren Metallen, z. B. im Kupfer und im Golde u. s. w.
den Magnetismus bedeutend erhöhen werde. Von dein
Ouantitätsverhältnifs dieser Körper abhängige Wende-
punkte, Maxima und Minima, werden hier ohne Zwei-
fel auch vorkommen. Die Aufmerksamkeit der Experi-
mentatoren wird aber bei diesen Versuchen nicht allein
auf die Quantitätsverhältnisse, sondern auch auf die Art
der Verbindung der Körper, und die äufseren Bedingun-
gen, unter denen sie erfolgt, gerichtet seyn müssen u. s. w.
Beiläufig bemerke ich noch, dafs ich nach meinen
bisherigen Erfahrungen über das magnetische Verhalten
der Eis enfeüsp ahne schliefsen mufs, dafs Scheiben von
diesen, statt der von Herrn Barlow erfundenen Cor-
rectionsscheiben von massivem Eisen (um den störenden
Einflufs des übrigen Eisens auf den Schiffen abzuwen-
den), nicht nur angewendet werden können, sondern
dafs jene vor diesen in einer Beziehung noch den Vor-
zug verdienen möchten. Scheiben von Eisenfeilspähnen
nehmen zwar eine schwächere magnetische Polarität durch
die Stellung (d. h. durch Einwirkung des Erdmagnetis-
mus) an, sie behalten ihn aber bei weitem nicht so lange
als massive Eisenscheiben, welche schon durch Stellung,
und wenn sie sich einige Zeit in der Nähe von Magne-
ten befinden, feste Pole annehmen, welche nicht immer
so leicht oder so bald aufzuheben sind, als bei weiterer
357
Anwendung derselben wohl nöthig seyn möchte. Die
Verfertigung gleichförmiger Scheiben von Eisenfeile hat
ihre Schwierigkeiten, doch glaube ich, dafs ein geschick-
ter Künstler diese wird überwinden können. Am zweck-
mäfsigsten möchte es seyn, die Eisenfeilspähne mit einem
nicht zu weichen harzigen Kitt zu vermischen, diesen gut
durchzukneten, und ihn in eine flache kupferne Schaale
einzuschliefsen.
n.
Die Zahl der Pendelschwingungen und die Weite
der Bogen einer an einem Faden hängenden Magnetna-
del nimmt, wenn diese über Metallplatten horizontal
schwebt, schneller ab, die Nadel kommt auch als Pen-
del früher zur Ruhe, als wenn sie frei für sich oder
über Papier, Marmor oder Holz, in der Verticalebene
in kleinen Bogen schwingt. Die Pendelschwingungen
einer solchen Magnetnadel sind aber, bei gleicher Länge
des Fadens und der Schwingungsbogen, in beiden Fällen
eben sowohl isochronisch , wie die Schwingungen der
Nadel in der Horizontalebene, wie aus folgenden später
angestellten Versuchen zu ersehen ist. Ein Magnetstäb-
chen von 4 ^ Zoll Länge, 4 Zoll Breite und \ Zoll Dicke,
welches stark magnetisch war, und an einem Seidenfa-
den in einer 22 \ Zoll hohen Glasglocke hing, machte
über einer horizontal gestellten Marmorplatte, von wel-
cher beide Pole des Magnetstabes imgefähr 2 4- Linie ent-
fernt waren, 100 Pendelschläge in der magnetischen Aequa-
torialebene, wobei der Magnetstab immer im magnetischen
Meridian gerichtet blieb, nach dem Mittel aus mehreren
Versuchen in Zeit von 1 Minute 11 Secunden 55 Ter-
tien. Dasselbe Magnetstäbchen über 3 runden Kupfer-
scheiben, welche 10 Zoll im Durchmesser halten, und
zusammen 6^ Linie dick waren, zugleich aber auch zwi-
schen 2 vertikal gestellten Kupfermassen von 25 QZoll
Fläche und 8 Linien Dicke so gestellt f dafs die Pole
358
desselben sowohl von den horizontalen als von den ver-
tikalen Kupfermassen ungefähr 2 ^ Lin. abstanden, machte
100 Pendelschläge in der magnetischen Aequatorialebene,
nach dem Mittel aus mehreren Versuchen in 1 Minute
12 Secunden 1 Tertie. Diese Versuche wurden unmit-
telbar nach einander und bei gleicher Temperatur ange-
stellt. Schon nach 150 Schwingungen befand sich der
Magnetstab im letzteren Fall in Ruhe, da er im ersteren
Fall über 900 Schwingungen machte, ehe er dem blofsen
Auge zu ruhen schien. Hieraus ergiebt sich also, dafs
die Pendelschwingungen eines Magnetstabes durch Metall-
massen in der Nähe desselben eben so gehemmt werden,
als wenn eine dichtere Loft denselben umgeben hätte,
oder als wenn das Gewicht des Stabes vermindert wor-
den wäre. Eine Kupfermasse , über oder zwischen den
Polen von Magneten pendeiförmig schwingend, wird also
ebenfalls früher eine Verminderung der Weite ihrer Oscil-
lationsbogen erleiden, als eine frei schwebende Kupfer-
masse. Ferner wird von den metallischen Körpern ein
Pendel von Quecksilber am wenigsten durch Magnete ge-
hemmt werden, und ein Pendel von Holz, mit einem Ge-
wicht von eisenfreiem weifsen Marmor oder von reinem
Kieselglase, wird durch Magnete (und durch den Magne-
tismus der Erde?) gar nicht gehemmt werden u. s. w.
III.
Noch überzeugender als die schon angeführten That-
sachen über den Einflufs des Eisens auf die Schwingun-
gen der Nadel, sind folgende später angestellte Versuche.
• 2) Ein Eisenblech (ein halbes Sägeblatt), von 2 Fufs
7 4 Zoll Länge, 4 f- Zoll Breite und T V Linie Dicke, wel-
ches durch Stellung in der magnetischen Inclinationsebene
magnetisch geworden war, auf einer horizontalen Mar-
morpia tte in dem magnetischen Meridian so gelegt, dafs
der s. Pol ( + m.) des Eisenblechs gegen S. ( — M.)
und der n. Pol ( — m.) desselben gegen IV". {+M.)
359
gerichtet war. Die Boussole, welche aus einem 10 Zoll
hohen Glascylinder bestand, welcher oben mit einem höl-
zernen Deckel, und unten mit einer Compafsrose von
Papier verschlossen war, über welcher die 2 1 Zoll lange
Magnetnadel, deren Pole beträchtlich stärker als die des
Eisenblechs waren, in einer Höhe von 2 £ Linie horizon-
tal an einem Coconfaden schwebte, wurde auf einer Un-
terlage von einigen Pappscheiben mit ihrem Mittelpunkt
über der magnetischen Mitte des Eisenblechs (oder doch
der magnetischen Mitte desselben so nahe als möglich)
gestellt, indem zugleich darauf gesehen wurde, dafs die
Magnetnadel vor dem Anfang des Versuchs, eben so wie
das Eisenblech, im magnetischen Meridian stand. Diese
Nadel, welche für sich, und ohne irgend eine andere
Unterlage als die Compafsrose, 104 Schwingungen von
45 — 10° gemacht hatte, durchlief in einer Höhe von
74- Linie über der obern Mäche des Eisenblechs den-
selben Raum in 34 Schwingungen ; in einer Höhe von
5 Linien über dem Blech in 17 — 18 Schwingungen, und
in einer Höhe von 4 Linien in 8 Schwingungen.
2. Als das Eisenblech umgewendet wurde, so dafs
es mit seinem n, Pol ( — m.) gegen S. ( — M.) und mit
seinem s. Pol (+m.) gegen N. (-f-M) lag, so machte
jene Magnetnadel et) in einer Höhe von 7^- Linie über
dem Eisenblech (und über der magnetischen Mitte des-
selben) 98 — 99 Schwingungen? ß) in einer Höhe von
5 Linien 64, und y) in einer Höhe von 4 Lin. 44 — 45
Schwingungen.
Aus diesen Versuchen geht hervor, dafs .das Eisen
die Weite der Schwingungsbogen, und damit auch die
Zahl der Schwingungen einer Magnetnadel, welche hin-
länglich stark polar ist, jederzeit, und selbst dann noch
vermindert, wenn das Eisen ziemlich starke magnetische
Pole hat, dafs aber das Vermögen des Eisens, die Bo-
genweite der oscillirenden Magnetnadel zu vermindern,
immer durch die feste oder veränderliche Polarität des-
360
selben gestört oder geschwächt wird, und diefs um so
mehr, je stärker die Polarität des unter der Nadel lie-
genden Eisens ist. Hieraus folgt, dafs a"as Vermögen, die
Weite der Schwingungsbogen der Magnetnadeln zu ver-
mindern, in allen Metallen, welche eine feste magneti
sehe Polarität anzunehmen im Stande sind (wie Eisen,
Kobalt und Nickel), immer mehr oder weniger geschwächt
seyn wird, und zwar, wenn sie nur durch Einwirkung
des Erdmagnetismus eine Polarität erhalten, im Verhält-
nifs ihrer Capacität zum Magnetismus.
Bei Metallen, welche schon eine feste Polarität be-
sitzen, hängt der Erfolg theils von der Form derselben,
theils von dem Verhältnifs ihrer Polarität zu der der
Magnetnadel ab, so wie auch von dem Orte, an wel-
chem sich die Nadel über diesen magnetischen Unterla-
gen befindet. Nur dadurch, dafs das in den letzten Ver-
suchen angewendete Eisenblech eine mäfsig starke Pola-
rität und eine beträchtliche Länge hatte, wodurch dessen
Pole weit von der Nadel entfernt waren, und dadurch,
dafs es breit genug war, so dafs die Nadel in der gan-
zen Weite ihrer Schwingungsbogen von 90° über dem
Blech blieb, und dazu über Theilen desselben, in denen
der Magnetismus am schwächsten war, konnten die Er-
scheinungen eintreten, welche oben angegeben worden,
nämlich dafs die die Oscillationen der Nadel hemmende
Wirkimg bei zunehmender Annäherung desselben, bis zu
4 Linien Abstand vom Eisenblech, ungeachtet des stören-
den Einflusses der Pole desselben, dennoch bedeutend
zunahm; ferner, dafs die Ungleichheit in der Störung,
bei der entgegengesetzten Lage der Pole des Eisenblechs
gegen die in Beziehung auf die Erdpole in unveränder-
ter Richtung sich erhaltenden Pole der Magnetnadel, nach-
gewiesen werden konnte.
In beiden, in diesem Zusatz unter 1. und 2. ange-
führten Fällen wirkte die Polarität des Eisenblechs auf
die Bogenweite der oscillirenden Nadel störend ein, doch
361
in verschiedenem Grade, so wie auf verschiedene Weise.
Im ersten Falle nämlich, wo die gleichnamigen Pole der
Magnetnadel und des Eisenblechs einander zugekehrt, und
zugleich gegen die ungleichnamigen Pole der Erde gerich-
tet waren, wurde die hemmende Wirkung des Eisenblechs
durch die Repulsion seiner Pole vermindert; in dem zwei-
ten Falle dagegen, wo die ungleichnamigen Pole der Magnet-
nadel und des Eisenblechs einander zugekehrt wären, wirk-
ten die Pole des letzteren in gleichem Sinne mit den Po-
len der Erde; die die Magnetnadel richtende Kraft war
also hier vermehrt, wodurch denn auch ihre Bewegung
beschleunigt werden mufste. Die Schwingungen der Na-
del können mithin auch in den beiden angeführten Fäl-
len nicht isochronisch seyn, wie leicht einzusehen.
Ich kann nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit
darauf aufmerksam zu machen, dafs Coulomb 's Ver-
suche mit eisenhaltigen Sübernadeln und mit Nadeln von
Wachs, welche Eisenfeilspähne in verschiedener Quanti-
tät enthielten, den Resultaten, welche ich mit Magnet-
nadeln, welche über Eisenfeilspähnen und über Legirun-
gen von Kupfer mit Eisen und von Messing mit Eisen
erhielt, in vollkommener Uebereinstimmung sind, und
dafs also auch jene Versuche. Coulomb 's für die
hier gegebene Erklärung jener Erscheinungen sprechen.
Denn Coulomb fand an jenen Körpern die Zahl
der gleichzeitig vollbrachten Schwingungen um so grö-
fser, je mehr Eisen sie enthielten. Je mehr Eisen sie
enthielten, desto stärker mufste also auch die rich-
tende Kraft der Magnetstäbe, zwischen deren Polen sie
schwebten, auf dieselben wirken, folglich die Zahl der
von ihnen in gleichen Zeiten zu vollbringenden Schwin-
gungen vermehrt werden. Eben diese Körper vermin-
dern aber auch die Weite der Schwingungsbogen der
über ihnen befindlichen Magnetnadeln um so mehr, je
mehr Eisen sie enthalten. Coulomb's Versuche mit
Nadeln von Gold, Kupfer und Silber stimmen in ihren
362
Resultaten mit denen, welche ich mit Platten von diesen
Metallen erhalten habe, gleichfalls überein. Coulomb's
Nadeln von Gold und Kupfer machten in gleicher Zeit
ziemlich dieselbe Zahl von Schwingungen, aber eine ge-
ringere Zahl als die Nadeln von Silber; das Silber wurde
also stärker magnetisch als jene beiden Metalle. Eben
so verhielt sich das Silber in unsern Versuchen, wo sich
sein stärkerer Magnetismus aus der Verminderung der
Weite der Schwingungsbogen ergab. Abweichend von
den früher (dies. Ann. Bd. 83. S. 206. und 207.) ange-
gebenen Resultaten verhielten sich blos Coulomb's Na-
deln von Zinn und Blei, in welchen das Vermögen zu
einer vorübergehenden magnetischen Polarisation gröfser
war als im Kupfer und Silber, Solche Verschiedenhei-
ten in den Resultaten können jetzt um so weniger auf-
fallen, da man aus den hier mitgetheilten Beobachtungen
ersehen hat, wie leicht diese durch fremdartige Beimi-
schung auf mehr als einem Wege entstehen können. Im-
mer werden Versuche mit Magnetnadeln, und besonders
mit Magnetstäben, welche nahe über ruhenden Metall-
platten schwingen, entscheidendere Resultate über den
Grad der Empfänglichkeit der Metalle für den Magnetis-
mus geben, als Versuche mit kleinen Nadeln von diesen
Metallen, welche zwischen den Polen von zwei Magnet-
stäben oscilliren, da dort alle Theile der Magnetstäbe,
ihrer ganzen Länge nach, auf die zu untersuchenden Me-
talle, im letzteren Falle aber nur die Enden der Magnet-
stäbe auf kleine Massen derselben wirken. Die Metalle
welche keines bleibenden Magnetismus fähig sind, nehmen
hier nur eine höchst schwache vorübergehende magnetische
Polarität an, und es haben deshalb Coulomb's Versuche
selbst manchen geübten Experimentatoren nicht gelingen
wollen (s. T, Young's Course of Lectures on Natural
Plulosophy, Fol. IL p. 439.).
3Ö3
IV.
Versuche, welche späterhin mit Platten von einigen
andern Metalllegirungen angestellt wurden, gaben folgende
Resultate:
Eine 2~ Zoll lange Magnetnadel, welche für sich
und über einer in Grade getheilten Scheibe von dünnem
Kartenpapier von 45 — 10° Decl. 116 Schwingungen
machte, vollbrachte
1 ) über einer 4 Linien dicken und 3 4- Zoll im
Durchmesser haltenden Platte aus einer Legirung von
3 Th. Kupfer und 1 Th. Antimon 105 — 106 Schwin-
gungen;
2) über einer Scheibe von Pachfong, welche von
Hrn. v. Gersdorf in Wien bereitet war, 24 Zoll im
Durchmesser und 3 4 Lin. Dicke hatte, 104 — 105 Schwin-
gungen;
3) über einer Legirung von 18 Th. Kupfer, 2 Th.
Antimon und 1 Th. Zink, deren Durchmesser 3 4 Zoll
imd die Dicke 4 Linien betrug, 81 Schwingungen;
4) über einer Scheibe von Glockengut, welche aus
5 Th. Kupfer und 1 Th. Zinn bestand, 3 Zoll im Durch-
messer hatte, und 3 £ Lin. dick war, erfolgten 82 Schwin-
gungen.
V.
Wichtiger noch, als die Anwendimg zu Boussolen,
würde die Benutzung der früher (dies. Annal. Bd. 83.
S. 215.) angeführten Legirung von Kupfer mit Nickel
zu Pendeln seyn. Für die Erregimg des Magnetismus
durch Vertheilung unempfänglich, würde sie besonders zu
den Untersuchungen über die beschleunigende Kraft der
Schwere allen andern bisher angewandten Metallcompositio-
nen, namentlich auch dem Messing, vorzuziehen seyn, da
bei ihrer Anwendimg der hier so nachtheilige und so
schwierig zu ermittelnde Einflufs des Erdmagnetismus ver-
mieden whd, und da jene Kupfer- und Nickel- Legirung
364
dehnbar ist, sich also auch gezogene Stäbe aus derselben
verfertigen lassen, welche wegen der gleichförmigeren
Dichtigkeit der Masse immer den gegossenen Stangen
vorzuziehen sind. Der meiste im Handel vorkommende
Messing enthält Eisen, und auch der Zink, dessen man
sich zur Bereitung eines Messings zu solchen Apparaten
bedienen möchte, enthält gewöhnlich Eisen. Durch einen
Zusatz von 'einer geringen Menge Antimonium -Metalls
könnte man zwar die Capacität des Eisens für den Magne-
tismus aufheben, doch schwerlich ohne Nachtheil für die
Ductilität des Messings. Indessen auch eisenfreier Mes-
sing wird immer eine Empfänglichkeit für den Magnetis-
mus behalten, welche, wie schwach sie auch sey, bei den
genannten Untersuchungen, wenn es um die höchste Ge-
nauigkeit zu thun ist, wohl nicht unberücksichtigt bleiben
darf. Zu den rostförmigen Pendeln würde die Kupfer- und
JSickel- Legirung gleichfalls allen andern Metallen vorzu-
ziehen seyn, wo sie mit Quecksilber -Säulen verbunden
werden müi'ste. Vergleichende Versuche mit zwei Pen-
deln, — einem von der genannten Kupfer- und JSichel-
Legirung, und einem von reinem immagnetischen Eisen,
— möchten in mehr als einer Beziehung zu empfehlen
seyn, z. B. schon als Controlle zu den mit Inclinations-
nadeln angestellten Untersuchungen über die Variationen,
welche in der Intensität des Magnetismus zu gleichen Zei-
ten an verschiedenen Orten, und in verschiedenen Zeiten
an einem und demselben Orte statt finden u. s. w.
VI.
Eine Beobachtimg, welche ich so eben gemacht habe,
linde hier noch eine Stelle. Ein Blechstreifen von chemisch-
reinem Silber, welches aus Chlorsilber mit Sorgfalt redu-
cirt worden war, hatte sich bei Untersuchungen, welche
ich im Mai 1827 anstellte, von allem übrigen Silber darin
unterschieden, dafs es zwischen sehr starken Magnetstäben
365
keine feste Stellung annahm *). Eine 2£ Zoll lange
Magnetnadel, welche für sich 98 — 100 Schwingungen von
45 — 10° machte, wurde jetzt in einer Höhe von 2 Lin.
über drei neben einander liegenden, doch an den Rän-
dern einander bedeckenden Streifen dieses Silbers, wel-
che zusammen eine Fläche von 3 Zoll Länge und 1 -| Zoll
Breite bildeten, gestellt. Die Zahl der Schwingungen,
welche die Nadel hier von 45 — 10° machte, betrug
94 — 95; sie war also um 4 — 6 vermindert. Dieses
Silber wäre demnach in der früher (dies. Ann. Bd. 83.
S. 206. u. 207.) angeführten Metallreihe hoch oben, und
nahe unter dem Wismuth zu stellen. Das in jener Reihe
unter dem Kupfer stehende Silber war durch Abtreiben
mit Blei gewonnen worden. Man könnte fragen, ob das
aus Chlorsilber reducirte Silber auch wirklich ganz rein
und frei von Eisen gewesen sey? Durch die chemische
Analyse hat kein Eisen darin entdeckt werden können.
Enthielte es jedoch wirklich noch eine geringe Quantität
Eisen, so würde diese Erfahrung als eine Bestätigung der
in Zusatz I. aufgestellten Hypothese, dafs einige Metalle
in der Verbindung mit einander gegenseitig ihr Vermö-
gen, eine magnetische Polarisation anzunehmen, vorzugs-
weise verstärken, wie andere sich hierin gegenseitig schwä-
chen, anzusehen seyn. Denn die Quantität des Eisens,
welche in diesem Silber vorhanden seyn könnte, wird
der Analyse zu Folge nur als höchst gering angenommen
werden können, und würde sicher in der Verbindung
mit manchen andern Metallen, welche auch zu denen
gehören, deren Magnetismus durch Eisengehalt verstärkt
wird, durch das hier angewendete Verfahren nicht zu
entdecken seyn. Aus diesem Versuch geht ferner aufs
deutlichste hervor, wie sehr das von Hrn. Arago ent-
deckte Verfahren bei Untersuchungen über die Empfäng-
lichkeit der Körper für den Magnetismus durch Verthei-
lung vor jedem andern den Vorzug verdient. (1828. Jan.)
•) Poggendorff's Ann. der Physik u. Chemie. 1827. St. 6. S. 210.
366
III. Ueber das Licht; von Hm. Fresnel.
(Schlufs).
Färbung der Krys tallblättchen.
enn ein Bündel polarisirten Lichtes durch ein Kalk-
spath-Rhomboeder geht, dessen Hauptschnitt der Pola-
risationsebene parallel liegt, so weifs man, dafs das un-
gewöhnliche Bild verschwindet. Es kommt aber wieder
zum Vorschein, wenn man vor das Rhomboeder eine
Krystallplatte bringt, welche doppelte Strahlenbrechung
besitzt, und so gestellt ist, dafs ihr Hauptschnitt weder
der ursprünglichen Polarisationsebene parallel liegt, noch
senkrecht auf derselben steht. Die Intensität desselben
wird sogar der des gewöhnlichen Bildes gleich, sobald
der Hauptschnitt der Platte einen Winkel von 45° mit
der ursprünglichen Polarisationsebene macht. In diesem
Falle, wie in den übrigen, sind beide Bilder' weifs, so-
bald die zwischengestellte Platte eine hinlängliche Dicke
hat, beim Bergkrystall und Gyps z. B. wenigstens die
eines halben Millimeters. Wenn sie aber dünner ist, so
werden die beiden Bilder farbig. Diese Farben sind com-
plementär zu einander und ändern ihre Natur mit der
Dicke des Blättchens; sie variiren dagegen nur an Inten-
sität, wenn man das Blättchen, senkrecht gegen die ein-
fallenden Strahlen, in seiner eigenen Ebene dreht.
Diese glänzende Entdeckung, welche man Hrn. Arago
verdankt, hat seit mehreren Jahren die Physiker Europa's
sehr beschäftigt; besonders haben die HH. Biot, Young
und Brewster sehr viel dazu beigetragen, die Gesetze
dieser Erscheinungen kennen zu lernen. Hr. Biot hat
zuerst bemerkt, dafs die Krystallblättchen, in Bezug auf
ihre Dicke, ähnlichen Gesetzen folgen, wie die Farben-
ringe, d. h. dafs die Dicken zweier Krystallblättchen von
gleicher Natur, welche verschiedene Farben geben, sich
zu einander verhalten, wie die Dicken zweier Luftschich-
ten, welche bei den Ringen dieselben Farben reflectiren.
Kurz nachdem Hr. Biot seine schönen Abhandlungen
über diesen Gegenstand bekannt gemacht hatte, bemerkte
Hr. Young, dafs die zum Krystallblättchen hinaustre-
tenden gewöhnlichen und ungewöhnlichen Lichtbündel in
ihrem Gange genau um eben so viel verschieden seyen,
als die Strahlen, welche an der ersten und zweiten Flä-
che einer Luftschicht, die dieselbe Farbe giebt, reflectirt
werden, und dafs diese numerische Identität für alle Nei-
gungen der Strahlen gegen die Axe gültig bleibt. Biese
sehr wichtige theoretische Bemerkung, welcher man zur
Zeit als sie bekannt gemacht wurde wenig Aufmerksam-
keit schenkte, giebt einen neuen Beweis von der Allge-
meinheit und Fruchtbarkeit des Interferenz -Principes, da
es die innigste numerische Beziehung zwischen zwei Klas-
sen von Erscheinungen aufstellt, die sehr verschieden sind,
sowohl durch das grofse Mifsverhältnifs zwischen den Dik-
ken der Krystallblättchen und den Luftschichten, welche
gleiche Farben geben, als auch durch die Verschieden-
artigkeit der Umstände, welche zur Erzeugung dieser Far-
ben nöthig sind.
Hr. Young hat sich begnügt, durch seine Berech-
nungen zu erweisen, dafs die Farben der Krystallblätt-
chen von der Interferenz der gewöhnlichen und unge-
wöhnlichen Wellen herzuleiten sind. Unter welchen Um-
ständen aber diese Interferenz geschehen kann; weshalb
es nöthig ist, dafs das Licht sowohl vor seinem Eintritt
in das Krystallblättchen, als auch nach seinem Austritt
aus demselben, polarisirt worden seyn mufs; wie die In-
tensität der Farben mit den Richtungen der Hauptschnitte
des Blättchens und des Rhomboeders gegen die Ebene
der ursprünglichen Polarisation sich verändert; diefs alles
hat derselbe nicht untersucht. In einer Abhandlung, die
ich der Academie der Wissenschaften am 7. Oct. 1816
368
übergab, und in einem Nachtrage, den ich derselben im
Januar 1818 hinzufügte, war es mein Hauptzweck, den
Einflufs dieser verschiedenen Umstände zu erklären, und
die Gesetze des Phänomens durch allgemeine Formeln
darzustellen, welche für beide Bilder die Intensität der
verschiedenfarbigen Strahlengattungen geben. Ich werde
jetzt diese Theorie auseinandersetzen, und dabei die ihr
zum Grunde liegenden Sätze beständig aus den Versu-
chen herleiten. Um die Erscheinungen möglichst zu ver-
einfachen, werde ich überdiefs annehmen, dafs das an-
gewandte Licht homogenes sey.
Wenn man die von einem Lichtpunkte divergirend
ausfahrenden Strahlen durch Reflexion an einem, auf der
Rückseite geschwärzten Spiegel, polarisirt, und sie dann
durch zwei Rhomboeder von gleicher Dicke gehen läfst,
welche hinter einander aufgestellt sind, und zwar so, dafs
ihre Hauptschnitte unter sich rechtwinklig und zugleich
unter 45° gegen die Reflexionsebene geneigt sind; so
können, wie bekannt, die beiden Lichtbündel, welche
durch diese zusammengefügten Rhomboeder entstehen,
nur dann Fransen hervorbringen, wenn man sie auf eine
gemeinschaftliche Polarisationsebene zurückführt, mittelst
eines dritten Rhomboeders oder einer Glassäule, die man
vor oder hinter der Loupe aufgestellt hat. Die vorteil-
hafteste Richtung für den Hauptschnitt des dritten Rhom-
boeders ist die, worin er einen Winkel von 45° mit den
Hauptschnitten der beiden andern Rhomboeder macht,
weil dann jeder der beiden Bündel, die aus diesen her-
austreten, sich gleichmäfsig unter die gewöhnlichen und
ungewöhnlichen Bilder vertheilt, welche das dritte Rhom-
boeder erzeugt; und diese Gleichheit der beiden Wellen-
systeme, welche sich in jedem Bilde interferiren , giebt
den Punkten der vollständigen Discordanz die gröfstmög-
liche Dunkelheit. Sie sind sogar vollkommen schwarz,
wenn das angewandte Licht völlig homogen war.
Wenn man, bei so eingerichtetem Apparate, irgend
ei-
369
einen Punkt der Fransengruppe befrachtet, z. B. denje-
nigen, welcher die Mitte einnimmt, und an welchem die
beiden Bündel eines jeden Bildes gleiche Wege zurück-
gelegt haben ; so bemerkt man, dafs das gewöhnliche Bild
hier das Maximum seiner Helligkeit besitzt, wenn der Haupt-
schnitt des Rhoniboeders parallel ist der ursprünglichen
Polarisationsebene, die ich hier zur gröfseren Bestimmt-
heit als horizontal liegend voraussetze, und dafs dagegen
im ungewöhnlichen Bilde derselbe Punkt vollkommen
schwarz ist, d. h. dafs er alles Lichtes beraubt ist. Diefs
Licht kommt indefs wiederum zum Vorschein, wenn man
das Rhomboeder dreht, und nimmt in dem Maafse an In-
tensität zu, als der Hauptschnitt sich von der horizonta-
len Richtimg entfernt. Beträgt die Neigimg desselben
45 ° , so ist das Licht dieses Punktes eben so stark in
dem. ungewöhnlichen Bilde wie in dem gewöhnlichen;
wenn endlich der Hauptschnitt senkrecht steht, verschwin-
det es im gewöhnlichen Bilde gänzlich, und zugleich er-
reicht es im anderen das Maximum seiner Intensität.
Man sieht also, dafs das gesammte, in diesem Punkt
vereinigte Licht alle Kennzeichen einer vollständigen Po-
larisation nach der Horizontalebene darbietet. Wenn man
nun denjenigen Punkt betrachtet, welcher, in dem Gange
beider Lichtbündel, einem Unterschied von einer Yiertel-
Undulation entspricht, so findet man, dafs er, beim Dre-
hen des Rhomboeders, in beiden Bildern immer gleiche
Intensität behält, und dafs das Licht daselbst sich so ver-
hält, als wenn es vollkommen depolarisirt wäre. Geht
man hierauf zu einem Punkte über, der in dem Gange
beider Wellensysteme einem Unterschiede von einer hal-
ben Undulation entspricht; so findet man ihn im gewöhn-
lichen Bilde völlig schwarz, und im ungewöhnlichen Bilde
auf dem Maximum der Helligkeit, sobald der Hauptschnitt
des Rhomboeders horizontal liegt; steht dieser aber ver-
tical, so wird jener Punkt im ungewöhnlichen Bilde völ-
lig schwarz, und im gewöhnlichen Bilde erreicht er das
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. A a
370
Maximum seiner Helligkeit. Mithin ist das gesamrnte, in
diesem Punkt vereinigte Licht vertical polarisirt.
Bei fortgesetzter Untersuchung der verschiedenen In-
terferenz-Punkte der beiden Lichtbündel, findet man, dafs
überhaupt ihre Vereinigimg ein nach horizontaler Rich-
tung, d. h. nach der ursprünglichen Polarisationsebene,
vollständig polarisirtes Licht erzeugt*), sobald der Un-
terschied ihres Ganges gleich Null ist oder gleich einer
geraden Zahl von halben Undulationen; dafs aber das
gesamrnte Licht vertical, d. h. hier, nach dem Azimuth 2 z,
polarisirt ist, sobald der Unterschied im Gange eine un-
gerade Zahl von halben Undulationen beträgt; — dafs
das gesamrnte Licht vollkommen depolarisirt ist, sobald
dieser Unterschied eine ganze und ungerade Zahl von
Viertel -Undulationen ausmacht; — und endlich, dafs an
allen zwischenliegenden Punkten nur eine partielle Pola-
risation statt findet.
*) Eine dem Anscheine nach recht vollständige Polarisation findet
sich nur hei den Fransen der drei ersten Ordnungen ; indefs ist
es klar, dafs wenn die Mitten der dunklen und hellen Streifen
der andern Ordnungen nur theilweise polarisirt zu seyn schei-
nen, diefs von mangelnder Homogenität des angewandten Lich-
tes herrührt, welches man nicht weiter vereinfachen kann, ohne
es sehr zu schwächen.
Hr. Arago hat ein vortreffliches Mittel ersonnen, um die
Intensität des Lichts bei den Diffractions- Versuchen beträchtlich
zu vermehren, welches man auch mit Vortheil zu den u j hier
beschäftigenden Versuchen gebrauchen kann. Es besteht darin,
dafs man statt der sphärischen Linse, die den leuchtenden Punkt
bildet, eine Linse anwendet, deren Oberfläche nur in einer Rich-
tung gekrümmt ist, und die also in ihrem Brennpunkt, statt des
Lichtpunktes, eine Lichtlinie gieht. Diese cylindrische Linse
dreht man sorgfältig in eine parallele Richtung mit den Fransen,
damit dieselben die möglichste Sauberkeit erhalten. Dazu gelangt
man leicht durch Probiren, indem man die Fransen mit einer
Loupe betrachtet, während die cylindrische Linse von einer an-
dern Person langsam gedreht wird. Die Fransen sind alsdann
unvergleichlich lebhafter als bei Anwendung einer sphärischen
Linse, weil bei der cylindrischen Linse die Strahlen nur in einer
Richtung divergiren und dadurch weit mehr Intensität behalten.
371
Um die Polarisationsart der verschiedenen Linien des
Accordes oder der Discordanz bequem untersuchen zu
können, mufs man sein Augenmerk besonders auf dieje-
nigen richten, welche man beobachten will. Diefs ge-
schieht dadurch, dafs man den Faden, welcher im Brenn-
punkt der Lupe des Mikrometers ausgespannt ist, auf die
Linie stellt, oder besser noch, wenn man statt des Fa-
dens einen Schirm anwendet, in welchem ein kleiner
Schlitz befindlich ist, durch den man nur das Licht von
diesem Theile der Franse hindurch gehen läfst.
Die horizontale oder verticale Polarisation der Punkte
des völligen Accordes und Discordes findet nicht mehr
statt, wenn man einen der Lichtbündel auffängt, und nur
das Licht des andern durch den Schlitz gehen läfst; als-
dann zeigt es sich nur polarisirt wie dieser Bündel, d. h.
nach einer gegen die Horizontalebene unter 45° geneig-
ten Richtung. Mithin entspringt die Polarisation nach
der ursprünglichen Ebene oder dem Azimuthe 2 z aus der
Vereinigung der beiden Lichtbündel, und sie findet bei
jedem Lichtbündel, für sich genommen, nicht mehr statt;
vielmehr ist jeder einzelne immer parallel oder senkrecht
gegen die Hauptschnitte der beiden P\homboeder polari-
sirt, man mag nun den einen, bei Auffangung des an-
dern, mit einer Lupe oder ohne dieselbe betrachten. Im
letzteren Falle kann man beide Lichtpunkte unterschei-
den, und bei jedem die Richtung der Polarisation beson-
ders studiren, ohne genöthigt zu seyn, den andern zu
verdecken.
Die Loupe nämlich, indem sie das deutliche Sehen
der beiden Lichtpunkte dadurch hindert, dafs sie deren
Bilder vergröfsert und die Strahlen derselben am Grunde
des Auges unter einander mischt, bringt hier die Interfe-
renzen wieder hervor, welche in ihrem Brennpunkt statt
gefunden haben. Sie ist deshalb zum deutlichen Sehen
der Interferenz -Phänomene alsdann nöthig, wenn die bei-
den Bilder des leuchtenden Punktes nicht zusammenfal-
Aa 2
372
len, oder, mit andern Worten, wenn die beiden sich in-
terferirenden Wellensysteme einen merklichen Winkel mit
einander machen. Man braucht übrigens nur einen, nach
bekannter Richtung polarisirten Lichtbündel durch die
Loupe zu betrachten, um sich zu überzeugen, dafs die-
selbe hier keine merkliche polarisirende Wirkung ausübt,
denn man sieht, dafs die Polarisation durch die Zwischen-
stellung der Loupe nicht geändert wird. Mithin rührt
die Polarisation, welche wir in Richtung der ursprüngli-
chen Ebene oder des x\zmiuthes 2i beobachtet haben,
alleinig von der Vereinigung der beiden Lichtbündel her,
die zu den kreuzweise gelegten Rhomboedern herausge-
treten sind.
Wenn man die beiden Rhomboeder dreht, ohne die
senkrechte Stellung ihrer Hauptschnitte gegen einander zu
stören, so bemerkt man, bei allen Lagen des Systems,
dafs die Linien der Fransen, welche in dem Gange einem
Unterschiede von einer geraden Anzahl halber Undula-
tionen entsprechen, parallel der ursprünglichen Polarisa-
tionsebene polarisirt sind, dafs dagegen die, welche einem
LTnterschiede von einer ungeraden Anzahl halber Undu-
lationen entsprechen, nach dem Azimuthe 2z polarisirt
sind, und dafs endlich die übrigen nur eine partielle
Polarisation besitzen.
Der Versuch mit den beiden Rhomboedern zeigt uns
den besonderen Fall, dafs Strahlen, die nach zwei recht-
winkligen Ebenen polarisirt sind, durch ihre Vereinigimg
ein Licht erzeugen, welches nach intermediärer Richtung
vollständig polarisirt ist. Dieis unterstützt noch die Hy-
pothese, von der wir bei Gelegenheit des Malus'schen
Gesetzes gesprochen haben, nach welcher nämlich die
Lichtvibrationen in transversaler Richtung, senkrecht oder
parallel gegen die Ebene der Polarisation, ausgeführt
werden.
Analoge Phänomene bieten dünne Krystallblättchen
unter denselben Umständen dar, d. h. dann, wann die
373
Strahlen vor ihren Eintritt in das Krystallblättchen nach
gemeinschaftlicher Ebene polarisirt worden sind, und,
bei ihrem Austritt, der Unterschied im Gange beider
Wellensysteme gleich ist einer ganzen Zahl von halben
Undulationen. Wenn diese Zahl eine gerade ist, so
findet sich das gesammte Licht, welches aus dem Blätt-
chen tritt, nach der ursprünglichen Ebene polarisirt; ist
die Zahl aber ungerade, so wird das Licht nach dem
Azimuthe 2i polarisirt. Ist z. B. der Winkel i gleich
45°, d. h. macht die Axe des Blättchens einen Winkel
von 45° mit der ursprünglichen Polarisationsebene, so
wird das gesammte Licht, in dem ersten Fall, nach der
ursprünglichen Ebene, d. h. unter 45° gegen die Axe
polarisirt seyn, und im zweiten Falle nach dem Azi-
muthe 90° oder senkrecht gegen die ursprüngliche Ebene.
Aber daraus, dafs das gesammte Licht auf diese Weise
polarisirt ist, darf man nicht schliefsen, dafs auch die
Polarisation der gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strah-
len, aus welchen dieses Licht besteht, eine solche Rich-
tung besitze, wie wir es durch den Versuch mit den bei-
den R.homboedern gezeigt haben. Und in der That sind
die Umstände bei beiden Phänomenen ähnlich. Die ein-
zige Verschiedenheit besteht darin, dafs die beiden Wel-
lensysteme, welche zum Krystallblättchen heraustreten,
unter sich parallel sind, während diejenigen, welche zu
den Pxhomboedern herausgehen, sich unter einen merkli-
chen Winkel kreuzen. Daraus entspringt die Notwen-
digkeit einen Lichtpunkt und eine Loupe anzuwenden,
um die Wirkungen ihrer Interferenzen wahrnehmen zu
können. Wegen dieser Neigung zeigen aber auch die
Rhomboeder an den verschiedenen Punkten der von ihnen
hervorgebrachten Frahsengruppe alle Unterschiede des Gan-
ges auf einmal, und dadurch vereinigen sie gewissermafsen
in einer Tafel alle einzelnen Fälle, welche die Krystall-
blättchen nur bei verschiedener Dicke darbieten können.
Geleitet von der Emissionstheorie, konnte Hr. Biot
374
nicht ahnen, dafs das Licht, welches nach einer Ebene
polarisirt ist, aus Strahlen zusammengesetzt sejn könne,
die nach andern Ebenen polarisirt sind, und er beur-
theilte natürlich die Richtung der Polarisation bei den
gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strahlen, die zum Kry-
stallblättchen heraustreten, aus der Polarisation des ge-
sammten Lichtes. Diefs hat ihn auf den Gedanken ge-
bracht, dafs diese Strahlen in den Krystallblättchen nicht
dieselbe Polarisationsart erleiden, wie in den Krystallen,
die so dick sind, dafs sie das Licht in zwei getrennte
Bündel theilen. Diefs ist aber keine nothwendige Folge
des Phänomens, weil der Versuch mit den beiden Rhom-
boedern beweist, dafs dieselben Erscheinungen auch durch
zwei geschiedene Lichtbündel hervorgebracht werden, von
denen der eine parallel und der andere senkrecht gegen
den Hauptschnitt des Krystalls polarisirt ist. Ueberdiefs
würde diese Hypothese mit andern Thatsachen im Wider-
spruch stehen, da wir. gefunden haben, dafs die gewöhn-
lichen und ungewöhnlichen Strahlen immer parallel und
senkrecht gegen den Hauptschnitt der Krystallblättchen
polarisirt sind. Was also Hr. Biot über die" Pola-
risationsart des durch ein Krystallblättchen gehenden
Lichtes gesagt hat, mufs man nicht für sich auf die
gewöhnlichen oder ungewöhnlichen Strahlen übertragen,
sondern nur auf die Gesammtheit dieser Strahlen. Auch
ist es nöthig, den von diesem berühmten Physiker auf-
gestellten Satz etwas abzuändern, wenn er völlig rich-
tig seyn soll. Denn aus der x\rt, wie er sich ausdrückt,
würde folgen, dafs jede Gattimg homogener Strahlen
gänzlich nach der ursprünglichen Ebene oder nach dem
Azimuthe 2i polarisirt sey; wogegen wir durch den Ver-
such mit den beiden Rhomboedern gesehen haben, dafs
es nur besondere Fälle sind, wo sich diese vollständige
Polarisation zeigt, zu welchem Resultat auch der directe
Versuch mit den Krystallblättchen führt.
Alle Erscheinungen, welche die Krystallblättchen dar-
375
bieten, sind aus den gewöhnlichen Regeln des Interfe-
renz -Calculs und aus der kleinen Zahl von besonderen
Gesetzen, welche wir über den gegenseitigen Einflufs der
polarisirten Strahlen aus der Erfahrung abgeleitet haben,
leicht zu erklären und selbst vorherzusagen.
Die unter sich rechtwinklig polarisirten Strahlen haben
keinen Einflufs auf einander; das ist der Grund, weshalb
die beiden, zum Krystallblättchen hinaustretenden Wel-
lensysteme immittelbar keine Wirkung dieser Art darbie-
ten, selbst dann nicht, wenn der Unterschied in ihrem
Gange klein genug ist, dafs diese Wirkungen sehr sicht-
bar seyn und bei weifsem Lichte sehr lebhafte Farben
geben könnten *).
Zum Auftreten dieses Einflusses ist es nicht hinrei-
chend, dafs man die gegen einander rechtwinklig polari-
sirten Strahlen auf eine gemeinschaftliche Polarisations-
ebene zurückführe; vielmehr müssen sie dazu auch ur-
sprünglich nach derselben Ebene polarisirt gewesen seyn.
Daraus entspringt die Notwendigkeit, polarisirtes Licht
anzuwenden, wenn man Farben in den Krystallblättchen
entwickeln will.
Auch haben wir durch den Versuch mit den gekreuz-
ten Rhomboedern gesehen, dafs zwei Lichtbündel, die
ursprünglich von derselben Polarisationsebene ausgegan-
gen und darauf rechtwinklig gegen einander polarisirt wor-
den sind, bei ihrem Durchgange durch das neue Rhom-
boeder, welches sie anf eine gemeinschaftliche Polarisa-
tionsebene zurückführt, zwei complementäre Bilder er-
zeugen. Demi, wenn der mittlere Streifen im ungewöhn-
*) Man mufs sich erinnern, dafs nothwendigerweise der Unter-
schied in dem Gange nur eine kleine Anzahl von'Undulationen
betragen darf, -wenn bei den verschiedenen Graden von Intensi-
tät, die durch ihn in den Wellen von verschiedener Länge be-
dingt wird, eine merkliche .Färbung hervorgerufen "werden soll;
■wie auch schon bemerkt ist, als wir die Färbung der von zwei
Spiegeln erzeugten Fransen und die der reflectirten Ringe er-
klärt haben.
376
liehen Bilde, z. JB. schwarz ist, besitzt der im gewöhnli-
chen Bilde das Maximum seiner Helligkeit, und derselbe
Gegensatz findet sich bei allen hellen und dunklen Strei-
fen der beiden Bilder. Die beiden Bilder, welche das
polarisirte Licht nach seinem Durchgange durch ein dün-
nes Krjstallblättchen liefert, müssen also auch comple-
mentär zu einander sejn. Und es folgt daraus nothwen-
dig, dafs wenn das eine dem Unterschiede im Gange der
beiden, zum Krjstallblättchen hinaustretenden Wellensy-
stemen entspricht, das andere demselben Unterschied, ver-
mehrt oder vermindert um eine halbe Undulation, ent-
sprechen mufs, weil, wenn in dem einen vollständiger
Accord vorhanden ist, das andere sich in völliger Discor-
danz befindet.
Folgendes ist die allgemeine Regel, um zu erfahren,
bei welchen der beiden Bilder man dem Unterschiede in
den durchlaufenen Wegen eine halbe Undulation hinzu-
zufügen hat. Das Bild, dessen Farbe dem Unterschiede
in den durchlaufenen Wegen genau entspricht, ist das-
jenige, bei dem die Polarisations ebenen seiner beiden
Lichtbündel sich erst von einander entfernen und dann
durch eine entgegengesetzte Bewegung sich wiederum,
nähern, um sich zu vereinigen; während die Polarisa-
tionsebenen der beiden Lichtbündel, die das comple-
mentäre Bild ausmachen, sich fortwährend von einan-
der entfernen (von einer einzigen Seite ihres gegenseiti-
gen Durchschnitts her betrachtet) bis die eine sich in
die Verlängerung der andern gestellt hat.
Diese Regel wird leichter verständlich durch Hülfe
der Fig. 1. Taf. III., in welcher P P 1 die ursprüngliche
Polarisationsebene der einfallenden Strahlen bezeichnet,
O O' den Hauptschnitt des Krystallblättchens und SS 1
den des Rhomboeders, durch welchen man das Blättchen
betrachtet.
Man sieht, dafs das einfallende Licht, welches an-
fangs nach CP polarisirt ist, sich beim Durchgänge durch
377
das Krystallblättchen in zwei Theile theilt, von denen
der eine die gewöhnliche Refraction erleidet und eine
neue Polarisation nach CO erhält, und der andere die
ungewöhnliche Refraction erfährt, und nach der Ebene
CE', senkrecht auf C O, polarisirt wird. Der erste Bün-
del sey durch Fo, und der zweite durch Fe bezeich-
net. Bei dein Durchgange durch das Rhomboeder theilt
sich Fo, der nach CO polarisirt ist, in zwei andere
Wellensysteme, von denen das eine nach dem Haupt-
schnitt CS polarisirt ist und hier durch Fo-\-o' bezeich-
net sey, und das andere nach der senkrechten Ebene
CT polarisirt ist und Fo-$-e' genannt werden mag.
Eben so theilt sich der nach CE' polarisirte Theil Fe
im Rhomboeder in zwei Wellensysteme, von denen das
eine, durch Fe-\-o' bezeichnet, nach CS polarisirt ist,
und das andere, Fe-i-e 1 genannt, nach C Ti polarisirt ist.
Wenn man die Bewegung der Polarisationsebenen
der beiden Lichtbündel Fo-\-o' und Fe-$-o', welche zur
Bildung des gewöhnlichen Bildes beitragen, verfolgt (und
sie dabei von einer einzigen Seite ihres gemeinschaftli-
chen, in C projicirten Durchschnitts her betrachtet), so
sieht man, dafs sie, die ursprünglich von CP ausgegan-
gen sind, sich von einander entfernt haben, um die Rich-
tungen CO und CE 1 einzunehmen, und dafs sie sich
darauf in CS vereinigt haben. In diesem Falle entspricht
nun das gewöhnliche Bild genau dem Unterschied der
Wege, welche die, zum Krystallblättchen herausgegange-
nen, gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strahlen in dem-
selben Augenblick durchlaufen haben.
Verfolgt man eben so den Gang der Polarisations-
ebenen der beiden Lichtbündel Fo-i-e' und Fe-+-eJ,
welche das ungewöhnliche Bild ausmachen, so sieht man,
dafs sie beide von CP ausgegangen sind, und, nachdem
sie in dem Krystallblättchen die Richtungen C O und CE'
angenommen haben, sie hierauf, statt sich zu nähern, noch
fortfahren weiter aus einander zu gehen, bis sie sich, in
378
die Richtungen C T und C T 1 , in ihre beiderseitige Ver-
längerung gestellt haben. Mithin mufs man, zufolge der
so eben gegebenen Regel, dem Unterschiede zwischen
den von beiden Wellensystemen durchlaufenen Wegen
eine halbe Undulation hinzufügen, oder, was auf dasselbe
hinausläuft, bei einem von beiden das Zeichen der Oscil-
lationsbewegungen umändern, wenn man nach der Interfe-
renzformel das Wellensystem berechnen will, welches aus
der Vereinigung dieser beiden Lichtbündel hervorgeht.
Man sieht also, dafs die Sachen gerade so gesche-
hen, als handelte es sich um die Combination von Kräf-
ten, welche in der Ebene der Figur, d. h. senkrecht gegen
die Strahlen, nach deren Polarisationsebenen oder senkrecht
gegen diese Ebenen gerichtet sind. Denn die Componen-
ten der beiden Kräfte CO und CE>, welche sich in CS
vereinigen, würden dasselbe Zeichen haben, wie die bei-
den Lichtbündel Fo-\-o' und Fe+o 1 , welche daselbst
vereinigt sind, und die beiden andern Componenten C7
und C T 1 , welche im entgegengesetzten Sinne wirken, müfs-
ten mit den entgegengesetzten Zeichen versehen werden.
Das Princip der Erhaltung der lebendigen Kräfte
setzt voraus, dafs die beiden Bilder complementär zu
einander seyn müssen; aber es giebt nicht an, welches
von ihnen beiden dem Unterschiede zwischen den durch-
laufenen Wegen geradezu, und welches diesem Unter-
schiede erst nach Hinzufügung einer halben Undulation
entspricht. Deshalb habe ich die Thatsachen zu Hülfe
gezogen, und aus den Versuchen des Hrn. B i o t die vor-
hin gegebene Regel abgeleitet. Man kann sie übrigens
auch aus den Versuchen mit den beiden Rhomboedern
entwickeln.
Sie erklärt, weshalb zwei Bündel directen Lichtes,
welche gegen einander rechtwinklig polarisirt worden sind,
keinen sichtbaren Einflufs auf einander ausüben, wemi
man sie mit Hülfe einer Glassäule oder eines Kalkspath-
Rhomboeders auf eine gemeinschaftliche Polarisationsebene
379
zurückführt. Nicht, dafs sie alsdann durchaus keinen Ein-
flufs aufeinander ausüben ; denn, abgesehen von den mecha-
nischen Betrachtungen, würde diese Voraussetzung zu sehr
der Analogie widerstreiten; allein die Wirkungen, welche
die verschiedenen Wellensjstenie bei directem Lichte er-
zeugen, heben sich auf und neutralisiren sich gegenseitig.
In der That kann man sich das directe Licht als eine
Vereinigung, oder genauer noch, als eine schnelle Folge
unzählig vieler Wellensjstenie denken, die uach allen
Azimuthen polarisirt sind, und zwar so, dafs immer eben
so viel Licht nach einer gewissen Ebene polarisirt ist,
als in der Ebene senkrecht darauf. Nun folgt aus der
vorhin gegebenen Regel, dafs, wenn man z. B. zu dem
Unterschiede zwischen den durchlaufenen Wegen eine
halbe Undulaüon hinzufügen darf, um das ungewöhnliche
Bild, welches von dem nach der ersten Ebene polarisir-
ten Lichte erzeugt ist, zu berechnen, man dieselbe bei
dem ungewöhnlichen Bilde, welches aus dem nach der
zweiten Ebene polarisirten Lichte hervorgeht, nicht hin-
zufügen darf; so dafs die beiden Farben, welche sie ge-
meinschaftlich oder successiv in dem ungewöhnlichen Bilde
besitzen, complenientär zu einander sind. Die Compen-
sation, welche dadurch eintritt, und auf gleiche Weise bei
allen Azimuthen, verhindert die Interferenz -Wirkungen
wahrzunehmen.
Nehmen wir den Fall wiederum vor, welcher durch
die Figur 1. Taf. III. dargestellt ist, nämlich den, wo das
einfallende Licht eine Polarisation noch der Ebene P P 1
erlitten hat, bevor es durch das Krjstallblättchen gegan-
gen ist, dessen Hauptschnitt O O den Winkel i mit die-
ser Ebene macht. Suchen wir für eine besondere Gat-
tung homogenen Lichtes, deren Undulationslänge A ist,
welche Intensität das gewöhnliche und ungewöhnliche Bild
haben werden, die man durch ein Kalkspath-Rhomboe-
der erhält, dessen Hauptschnitt SS 1 einen Winkel s mit
der ursprünglichen Polarisationsebene PP 1 bildet.
380
Ich vernachlässige bei dieser Berechnung den Licht-
verlust, welcher durch t heilweise Reflexion an den bei-
den Flächen des Krystallblättchens und des Rhomboeders
veranlafst wird, weil derselbe nur einen Einflufs auf die
absolute Intensität der Bilder hat, und keinen auf die
relative , welche allein uns hier interessirt. Ich bezeichne
durch F die Intensität der Geschwindigkeiten, welche die
Aethertheilchen bei ihren Oscillationen in dem einfallen-
den polarisirten Lichtbündel besitzen, dann wird durch
F 2 die Lichtintensität bezeichnet, oder vielmehr die leben-
dige Kraft, nach dem mit diesem Ausdruck gewöhnlich
verbundenen Sinn, und nach der Art, wie man bei allen
optischen Erscheinungen die Lichtintensitäten berechnet,
weil es die Summe der lebendigen Kräfte und nicht die
der Oscillationsgeschwindigkeiten ist, welche, gleich der
gesammten Lichtintensität, bei den verschiedenen Thei-
lungen des Lichtes constant bleibt.
Diefs vorausgesetzt, theilt sich der einfallende Licht-
bündel, bei seinem Durchgange durch das Krystallblätt-
chen, in zwei andere, von denen, nach Malus, derje-
nige, welcher die gewöhnliche Refraction erleidet, die
Lichtintensität =.F 2 cos 2 i, und derjenige, welcher die unge-
wöhnliche Refraction erfährt, die Lichtintensität = F 2 sin 2 i
haben mufs. Die Oscillationsgeschwindigkeit wird für den
ersten =Fcos i sejn, und für den andern =.Fsin i. Mit-
hin theilt sich das einfallende Licht bei seinem Durchgange
durch das Krystallblättchen in zwei Wellensysteme, wel-
che man auf folgende Weise bezeichnen kann:
cos i. F Q sin i. F ß
P. O. P. Ei.
Die kleinen Buchstaben o und e unterhalb F ändern
nichts an dem Werthe dieser Gröfse; sie bezeichnen nur
die Länge der Wege, welche zu gleicher Zeit von den
gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strahlen, nach ihrem
Austritt aus dem Krystallblättchen, durchlaufen sind, und
bestimmen also durch ihren Unterschied o — e y den Zwi-
381
schenra tun, welcher die correspondirenden Punkte der
beiden Wellensysteme trennt. Die grofsen Buchstaben
P. O und P. JE' zeigen den succcssiven Gang der Pola-
risationsebene eines jeden Lichtbündels, um die Anwen-
dung der vorhin gegebeneu Regel zu erleichtern.
Jedes der beiden Wellensysteme wird sich, durch
die Wirkung des Kalkspaths, in zwei andere th eilen, und
so werden im Ganzen vier Lichtbündel entstehen, zwei
aus dem ersten und zwei aus dem andern Wellensysteme,
nämlich folgende:
cos i. cos (i — s)F Q . Q i cos i. sin (i — s)F , e ,
P. O. 8. P. O. T.
sin i. sin(i — s)F _±. t sini. cos(i — s )F e , e i
P. E'. S. P. E'. TL
Der erste bildet mit dem dritten das gewöhnliche
Bild, und der zweite mit dem vierten das ungewöhnli-
che. Berechnen wir zunächst die Intensität derselben.
Aus dem Gange der Polarisationsebenen, welcher durch
die grofsen Buchstaben unter den Formeln angedeutet ist,
sieht man, dafs der zweite und vierte Lichtbündel, nach-
dem sie auf eine gemeinschaftliche Polarisationsebene zu-
rückgeführt sind, um eine halbe Undulation verschieden
seyn müssen , unabhängig von dem Unterschiede o — e
zwischen den durchlaufenen Wea;en. Man mufs also zu
o — e eine halbe Undulation hinzufügen, oder, was auf
dasselbe hinausläuft, das Zeichen eines der Ausdrücke,
welche die Intensität oder den gemeinschaftlichen Factor
der Oscillationsgeschw indigkeiten darstellen, umändern.
Es handelt sich also darum, die Resultante zweier Wel-
lensysteme zu finden, deren Gang -Unterschied o — e ist,
und deren Oscillationsgeschwindigkeiten respective die In-
tensitäten besitzen:
F. cos i. sin(i — s) und — F. sini. cos(i — s)
Wendet man hier die allgemeine Formel an, wel-
che ich in einem Auszüge aus meiner Abhandlung über
382
die Diffraction in den Annales de chimie et de physigue,
T. XL p. 258. gegeben habe, nämlich:
A 2 =a 2 + ö' 2 -b-2aaicos27r f-^-J
in welchen a und a 1 die Intensitäten der Oscillationsge-
schwindigkeiten der beiden Wellensysteme bezeichnen,
2tt den Umfang eines Kreises, dessen Radius =1 ist,
c die Differenz der durchlaufenen Wege, und A die Länge
der Undulation ; so findet man für die Intensität des homo-
genen Lichtes im ungewöhnlichen Bilde:
F 2 cos 2 i.sin 2 (i — 5)+«« 2 i.cos 2 (i — s)
L t t t f / o e \~\
— 2 sin i. cos i. sin (i — s ) cos ( i — s ) sin 2 7T ( — - — j
oder:
F 2 ( — cos i. sin ( i — s ) + sini. cos (i — s Y) 2
*- . . ... . / /o—
-\-2smi.cosi.sin(i — s)cos(i — s)l 1 — cos2tt[ — —
oder endlich:
F 2 sin 2 s-\-sin2i.sin2(i — s)sin 2 7rf — - — J
Macht man eine ähnliche Rechnung über die bei-
den Lichtbündel, aus welchen das gewöhnliche Bild be-
steht, und erwägt man dabei, dafs die beiden Ausdrücke
F. cos i. cos (i — s) und F. sin i.sin (i — s), wegen des
Ganges der Polarisationsebenen, gleiches Zeichen haben
müssen; so findet man für die Intensität des Lichts im
gewöhnlichen Bilde:
F 2 \ cos 2 i — sin2i.sin2(i — s)sin 2 7r( — - — J
Diefs sind die allgemeinen Formeln, welche die In-
tensität jeder homogenen Lichtart in den gewöhnlichen und
ungewöhnlichen Bildern geben, und zwar in Function der
Undulationslänge und des Unterschiedes o — e zwischen
den Wegen, welche die durch das Krystallblättchen ge-
gangenen Strahlen zurückgelegt haben. Kennt man die
Dicke des Blättchens und die Geschwindigkeit des ge-
383
wohnlichen und ungewöhnlichen Strahles in demselben;
so wird es leicht seyn, o — e zu bestimmen. Im Gyps,
im Bergkrystall und in den meisten mit doppelter Strah-
lenbrechung begabten Krystallen, erleidet o — e durch die
Verschiedenheit der Natur der Strahlen nur sehr geringe
Veränderungen ; so dafs man sie als eine constante Gröfse
betrachten kann, wenigstens bei den Krystallen, welche
wir hier betrachten, bei denen nämlich die Dispersion
der doppelten Strahlenbrechung sehr gering ist in Bezug
auf die doppelte Strahlenbrechung.
"Wenn man, nachdem man den Gang -Unterschied
o — e berechnet hat, denselben nach einander durch die
mittlere Undulationslänge einer jeden der sieben Haupt-
gattungen von farbigen Strahlen dividirt, und diese ver-
schiedenen Quotienten folgeweise in den obigen Formeln
substituirt; so erhält man die Intensität einer jeden far-
bigen Strahlengattung in den gewöhnlichen und ungewöhn-
lichen Bildern, und man kann alsdann die Farbe dieser
Bilder mit Hülfe der empirischen Formel bestimmen, wel-
che Newton zur Auffindung der Farbe gegeben hat, die
aus irgend einem Gemische verschiedener Strahlen von
relativ bekannten Intensitäten hervorgeht. Diefs ist zum
wenigsten alles, was man bis jetzt aus der Theorie ab-
leiten kann, und hinsichtlich des übrigen, hat man die
empirische Construction von Newton zu Hülfe zu neh-
men, die, wenigstens für die sieben Hauptabtheilungen
der Farben, ziemlich wohl mit der Erfahrung überein-
stimmt.
Nehmen wir die obigen Formeln wieder auf, und
lassen den gemeinschaftlichen Factor JF 2 fort, welche man
als Einheit der Lichtintensität annehmen kann.
Gewöhnliches Bild:
cos" 1 s — sin2i.si?i2(i — s)cos 2 7r f — - — J
Ungewöhnliches Bild:
sin 2 s + sin 2 i. sin2(i — s ) sin 2 TT ( — - — ■ J
384
Bei Betrachtung dieser Formeln sieht man, dafs die
beiden Bilder weifs werden müssen, wenn das Glied, wel-
ches sin 2 TT f — - — j enthält, verschwindet, weil es das
einzige ist, welches mit der Undulationslänge variirt, oder
welches die Intensität für die verschiedenen farbigen Strah-
len verschieden macht. Mithin werden die Bilder weifs,
wenn man hat:
sin 2 /. sin2 (i — .s ) = o
eine Gleichung, welcher man Genüge leistet, wenn man
sin2i oder sin2(i — s)
gleich Null setzt; diefs giebt für i die vier Werlhe:
i=zO i=9Q z = 180 *=3ß0°
und für s:
s=i, s = 90° — i, 5 = 180°—/, s=3m°—i
Damit die Bilder weifs werden, ist es also hinrei-
chend , dafs eine dieser acht Bedingungen erfüllt sej ; d. h.
dafs der Hauptschnilt des Krystallblättchens parallel oder
senkrecht sey gegen die Ebene der ursprünglichen Pola-
risation oder gegen den Hauptschnitt des Rhomboeders.
Diefs hätte man auch leicht aus der Theorie ohne Hülfe
der Formel ableiten können; denn, wenn der Hauptschnitt
des Blättchens parallel oder senkrecht gegen die ursprüng-
liche Polarisationsebene liegt, erleidet das einfallende Licht
nur eine Art von Strahlenbrechung m dem Krystall; und,
wenn dieser Hauptschnitt parallel oder senkrecht ist ge-
gen den des Rhomboeders, so sind in jedem Bilde nur
Strahlen enthalten, welche die nämliche Refraction in dem
Krystallblättchen erlitten haben. Mithin enthält, im einen
wie im andern Fall, ein jedes Bild nur ein einziges Wel-
lensystem, folglich keine Farben mehr, da keine Interfe-
renzen mehr vorhanden sind.
Dagegen sind beide Bilder auf das allerlebhafteste
gefärbt, wenn der Coefficient des veränderlichen Gliedes
gleich Eins ist. Diefs geschieht, wenn s = und j=45° ;
alsdann werden die beiden Ausdrücke:
Ge-
385
Gewöhnliches Bild . . 1 — sm 2 7r( —c— ) oder cos*7rf -^- j
Ungewöhnliches Bild sin 2 7T ( — — ]
Es ist zu bemerken, dafs der zweite Ausdruck dem-
jenigen ähnlich ist, welcher Lei den Farbenringen die
Resultante zweier Wellensysteme giebt, die unter senk-
rechter Incidenz an der ersten und zweiten Fläche der
Luftschicht reflectirt werden , wenn deren Dicke gleich
4-(o — e) ist, mithin der Unterschied in den durchlau-
fenen Wegen gleich (o — e) wird. In der That, be-
zeichnet man durch \ die Intensität der Oscillationsge-
schwindigkeit eines jeden Wellensystemes, und erwägt
man, dafs ihre Oscillationsgeschwindigkeiten mit entge-
gengesetzten Zeichen genommen werden müssen, weil das
eine innerhalb des dichteren Mittels und das andere aufser-
halb desselben reflectirt wird, was, wie wir schon frü-
her bei Erklärung der Farbenringe bemerkt haben, den
Gegensatz des Zeichens mit sich führt — ; so findet man,
aus der schon angewandten Formel, für die Intensität des
resultirenden Lichtes:
\-\-\ — 2.\.^cos27r(°-^-\ oder £ — -| cos 2 7T (— ?- )
oder endlich:
fo — e
sin 2 TT
A
Mithin müssen die Farben des ungewöhnlichen Bil-
des, welches durch die Krystallblättchen erzeugt wird,
denen der reflectirten Ringe ähnlich seyn , wie es auch
die Beobachtungen des Hrn. Biot erwiesen haben*),
*) Die Formeln, welche Hr. Biot auf diese Aehnlichkeit gegrün-
det hat, stellen die von einem einzigen Blättchen hervorgebrach-
ten Farben mit grofser Treue dar. Statt unmittelbar die Inten-
sitäten der verschiedenen farbigen Strahlengattungen zu geben,
wie wir sie berechnet haben, verweisen sie auf Newton's Ta-
fel über die Farben der reflectirten Ringe, und geben zugleich
an, wie viel weifses Licht man, wegen relativer Lage der
Annal. d. Physik. B. 88 .St. 3. J. 1828. St. 3- B b
386
wenigstens so lange, als der, vom Krystall hervorge-
brachte, Gang -Unterschied o — e sich nicht merklich mit
der Natur der Strahlen ändert. Denn bei den Farben-
ringen beträgt dieser Gang -Unterschied das Doppelte der
Dicke der Luftschicht, und ist also in aller Strenge für
alle Strahlengattungen gleich.
Die obigen Ausdrücke
cos~ TT [ — r — und Slll^TT
D v
A 7 VA
welche respective die Intensitäten der gewöhnlichen und
ungewöhnlichen Bilder eines homogenen Lichtes, dessen
Undulationslänge A ist, geben, wenn die Axe des Kry-
stallblättchens einen Winkel von 45° mit der ursprüng-
lichen Polarisationsebene macht und der Hauptschnitt des
Rhomboeders parallel dieser Ebene ist, zeigen, dafs die
Gesarnmiheit der beiden zum Krystallblättchen hinaustre-
tenden Wellensysteme nach der ursprünglichen Polarisa-
tionsebene polarisirt seyn mufs, sobald o — e gleich Null
ist oder gleich einer ganzen Zahl von Undulationen, weil
alsdann sin- Tri J gleich Null wird, und das unge-
wöhnliche Bild verschwindet. Wenn dagegen o — e gleich
ist einer ungeraden Zahl von halben Undulationen, so wird
cos ~7r( — — j gleich Null , und dann verschwindet also
das gewöhnliche Bild; woraus man schliefsen mufs, dafs
das gesamrnte Licht nach einer gegen den Hauptschnitt
senkrechten Ebene, die hier genau im Azimuth 2i liegt,
polarisirt seyn mufs. Aber für alle intermediären Werthe
von A, kann die Gesammtheit der beiden Wellensysleine
nur eine partielle Polarisation darbieten; und es mufs
selbst vollkommen depolarisirt erscheinen, sobald o- — e
gleich ist einer ungeraden Zahl von Viertel-Undulationen,
ursprünglichen Polarisationsebene, des Hauptsclmilts der Krystall-
laraelle und des Kalkspafh-Rhombofiders, diesen Farben hinzu-
zufügen hat.
387
weil alsdann cos 2 7r( — — J und sin 2 TT f — — J beide
gleich £ werden, beide Bilder also gleiche Intensität er-
halten, und zwar immer, in welches Azimuth man auch
den Hauptschnitt des Rhomboeders drehen mag. Man
kann sich davon durch die, vorhin gegebenen, allgemei-
nen Formeln überzeugen, wenn man darin setzt:
z'=45° und sin 2 7r[ — — ) = !•
A
denn alsdann wird:
das ungewöhnliche Bild .... sin 2 s + ^cos2s-=z^.
und das gewöhnliche Bild . . . cos 2 s — ^cos2sz=.^
Eben so ist es leicht aus den allgemeinen Formeln
zu ersehen, dafs, welchen Werth auch i haben mag, das
ungewöhnliche Bild für s = o verschwindet, wann o — e
gleich Kuli oder gleich einer geraden Zahl von halben
Undulationen ist; und, dafs dieselbe Gröfse für s = 2i
Null wird, sobald o — e einer ungeraden Zahl von hal-
ben Undulationen gleich ist, dafs also das gesammte Licht,
im ersten Fall, nach der ursprünglichen Ebene polarisirt
ist, und, im zweiten, nach dem Azimuth 2i; während
bei allen intermediären Werthen von o — e keins der
Bilder vollständig verschwindet, wie man auch den Haupt-
schnitt des Rhomboeders drehe. Alle diese Folgerungen
aus der Theorie werden durch die Erfahrung bestätigt.
Wenn man das polarisirte Licht durch mehrere
Krystallblättchen gehen läfst, deren Hauptschnitte sich auf
beliebige Weise kreuzen, so werden die Erscheinungen
zwar weit verwickelter, können aber dennoch leicht nach
derselben Theorie berechnet werden. Das einfallende
Licht theilt sich zunächst in dem ersten Blättchen in zwei
Wellensysteme, deren Oscillations-Intensitäten man durch
das Mal us 'sehe Gesetz bestimmt, so wie deren relative
Lagen durch ihren Gang -Unterschied, wie wir es bei
einem einzigen Blättchen bereits gethan haben. Hierauf
theilt sich, in dem zweiten Blättchen, jedes dieser Wel-
Bb 2
388
lensysteme in zwei andere; jedes dieser vier Wellensy-
stenie theilt sich, in dem dritten Blättchen, abermals in
zwei neue, und so fort. Es ist einzusehen, dafs, wenn
man die Azimuthe der Hauptschnitte der verschiedenen
über einander gelegten Krystallblältchen und des, die bei-
den Bilder liefernden Rhomboeders kennt, die relativen
Intensitäten aller Wellensysteme, die in jedes Bild ein-
gehen, bestimmbar seyn werden, und dafs es gleichfalls
leicht ist, die Unterschiede in ihrem Gange zu bestim-
men, wenn man die verschiedenen Refractionsarten, wel-
che sie erlitten haben, berücksichtigt, wenn die Dicken
der Blältchen bekannt sind, so wie die Geschwindigkeit
der gewöhnlichen und ungewöhnlichen Strahlen, welche
durch diese hindurchgehen. Man hat also, für jedes Bild,
die relativen Intensitäten und Lagen aller Wellensysteme,
aus welchen dasselbe zusammengesetzt ist, und man fin-
det ihre Resultante durch die allgemeine Methode, welche
in meiner Abhandlung über die Diffraction, p. 256., an-
gegeben ist. In diesem Calcul ist alles durch die Fun-
damentalsätze, welche wir aus Thatsachen abgeleitet haben,
im Voraus bestimmt, und man braucht, selbst bei den ver-
wickeltsten Fällen, nichts aus der Erfahrung zu entneh-
men. Hiedurch vor allem steht diese Theorie höher, als
die der beweglichen Polarisation, welche sehr verwickelt
wird, wenn man wissen will, wie die Oscillationen der
Axen der Ltchttlieilchen sich bei dem Durchgänge von
einem Blättchen zu einem andern, dessen Hauptschnitt
einen beliebigen Winkel mit dem des ersten macht, er-
neuen. Auch hat Hr. Biot, durch seine Hypothese, die
sämmtlichen Coefficienten seiner Formeln für zwei auf
einander gelegten Blättchen nur für sehr besondere Fälle
bestimmen können. Es giebt sogar einen Fall, wo die
Thatsachen durch seine Formeln nicht mit Genauigkeit
dargestellt werden, wie ich mich durch die meinigen ver-
sichert habe; diefs ist der, wo zwei Blatt chen von glei-
cher JNatnr und gleicher Dicke sich mit ihren Axen unter
389
45° kreuzen. Die Verhandlungen über diesen besonde-
ren Fall und die allgemeinen Formeln für die Farben,
-welche zwei Blättchen geben, findet man in der zweiten
Note, die Hin. Arago's Berichte über meine Abhand-
lung, in den Annales de chirnie et de phjsioue, T. XVII.
p. 267., hinzugefügt ist.
In derselben Notiz habe ich gezeigt, wie man die
Haupteigenschaften des polarisirten Lichts, das Gesetz
von Malus und die besonderen Kennzeichen der dop-
pelten Strahlenbrechung auf die einfachste Art erklären
kann, in der Voraussetzung, dafs in den Lichtwellen die
Oscillationen der Aethertheilchen senkrecht gegen die
Strahlen und gegen das, was wir Polarisationsebene ge-
nannt haben, ausgeführt werden. Bei Annahme dieser
Hypothese würde es natürlich sejn, dafs man diesen Na-
men derjenigen Ebene gäbe, nach welcher die Oscil-
lationen geschehen; allein ich habe an dem Sinn der ein-
mal eingeführten Ausdrücke nichts ändern -wollen. Biese
Hypothese, welche besonders durch die Gesetze, die ich
mit Hrn. Arago bei der Interferenz von polarisirten Strah-
len bemerkt habe, entstanden ist, zeigt, wie diese Gesetze
nothw endig aus der Natur der Lichtwellen hervorgehen;
so dafs die Formeln, welche ich so eben für die Kry-
stallblättchen gegeben habe, so wie die, welche die Er-
scheinungen der Diffraction, der Reflexion, der Refraction
und der Farbenringe darstellen, gegenwärtig auf einer
einzigen Voraussetzimg beruhen. Denn sie stimmt eben
so gut, -wie die vorhin angenommene, mit dem Calcule
überein, welcher uns zur Erklärung der Interferenz -
Erscheinungen gedient hat, weil es, wie wir schon zu
Anfange bemerkt haben, bei diesem Calcule gleichgültig
ist, ob die Oscillationsbewegungen parallel den Strahlen
oder senkrecht gegen dieselben ausgeführt werden, vor-
ausgesetzt nur, dafs sie gleiche Richtungen in den sich
interferirenden W eilen besitzen. Zufolge dieser neuen
Hypothese besteht das gewöhnliche Licht aus der Verei-
390
nigung oder vielmehr aus der raschen Folge unzählig vie-
ler Wellen, die nach allen möglichen Richtungen pola-
risirt sind; und der Act der Polarisation besteht nicht
darin, dafs er transversale Bewegungen hervorruft, da sie
schon im gewöhnlichen Lichte vorhanden sind, sondern
darin, dafs er dieselben nach zwei unveränderlich recht-
winkligen Ebenen zerlegt, und die nach diesen beiden
Richtungen polarisirten Strahlen von einander trennt, so-
wohl durch die Richtung ihrer Strahlen, als auch nur
durch einen Unterschied in ihrer Geschwindigkeit.
Die Erfahrung und das Interferenz -Princip haben
uns gelehrt, dafs wenn ein polarisirter Lichtbündel in
zwei Wellensysteme von gleicher Intensität zerfallen ist
die nach rechtwinkligen Richtungen polarisirt und durch
den Zwischenraum von einer Viertel -Undulation getrennt
sind, derselbe, bei Wiedervereinigung dieser beiden Wel-
lensysteme, Anzeigen einer vollständigen Depolarisation
darbietet, d. h. dafs das gesammte Licht, bei Zerlegung
durch ein Kalkspath-Rhomboeder, immer Bilder von glei-
cher Intensität liefert, nach welcher Richtung man auch
den Hauptschnitt des Rhomboeders drehe, Bas so modi-
ficirte Licht ist hierin dem direclen Lichte ähnlich; aber
es weicht von ihm durch sehr sonderbare optische Eigen-
schaften ab, welche ich zum Hauptgegenstand einer der
Academie der Wissenschaften am 24. Nov. 1817 über-
lieferten Abhandlung gemacht habe.
Modification, welche die Reflexion dem polarisirten
Lichte einprägt.
Ich habe gefunden, dafs die doppelte vollständige
Reflexion im Innern eines Glases, unter einer Neigimg
von ungefähr 50°, gezählt von der Normale der Fläche,
diese Art von Modification dem einfallenden Lichte ein-
prägt, wenn dasselbe zuvor nach dem Azimuthe von 45°,
in Bezug auf die Reflexionsebene, polarisirt worden ist,
d. h. dafs alsdann das reflectirte Licht aus zwei gleichen
391
Wellensystemen besteht, die unter sich rechtwinklig po-
larisirt sind und um eine Viertel -Undulation von einan-
der abweichen.
Dieses reflectirte Licht, welches, wenn man es mit
einem Kalkspath-Rhoinboeder untersucht, keine Spur von
Polarisation mehr zeigt, besitzt dennoch wie das polari-
sirte Licht die Eigenschaft, dafs es in dünnen Krystall-
blättchen sehr lebhafte Farben hervorruft; aber diese Far-
ben sind von einer andern Natur. Es weicht noch darin
von dem polarisirten Lichte ab, dafs es im Terpentinöl
und in den Bergkrystallplatten , die senkrecht gegen die
Axe geschnitten sind, keine merklichen Farben entwickelt,
Wenn man es abermals zwei vollständige Reflexionen,
unter gleicher Incidenz und nach derselben Ebene oder
nach einer auf ihr rechtwinkligen Richtung, erleiden läfst,
so nimmt es alle Kennzeichen und alle Eigenschaften des
gewöhnlichen polarisirten Lichtes wieder an. Nach zwei
ähnlichen Reflexionen in gleichen Richtungen ist es aber-
mals vollkommen depolarisirt und hat zugleich die übri-
gen Eigenschaften wieder erlangt, welche es durch die
beiden ersten Reflexionen erhalten hatte, und so fort.
Ich werde mich nicht in ein weitläufiges Detail über
diese sonderbare Modification des Lichtes einlassen, wel-
che, wie die Polarisation selbst, sich allen Strahlengat-
tungen einprägen läfst, und unter diesem Gesichtspunkte
eben so allgemeine Eigenschaften, wie diese, darbietet.
Ich begnüge mich zu sagen, dafs ich durch die Natur der
Farben, welche das so modificirte Licht in Krystallblätt-
chen entwickelt, eingesehn habe, dafs es aus zwei Wel-
lensystemen besteht, die unter sich rechtwinklig polari-
sirt sind und um eine Viertel- Undulation von einan-
der abweichen. Von dieser Thatsache ausgehend, ist es'
mir leicht gelungen, die mannigfaltigen Erscheinungen mit
Hülfe derselben Grundsätze zu erklären und zu berech-
nen, welche wir zur Berechnung der durch das gewöhn-
liche polarisirie Licht erzeugten Farben gebraucht haben.
392
Ehe ich diese Modifikationen , welche die vollstän-
dige Reflexion dem polarisirten Lichte einprägt, ent-
deckte, hatte ich diejenigen studirt, -welche die partielle
Reflexion an der äufsern Oberfläche durchsichtiger Kör-
per hervorbringt, und dabei gefunden, dafs das Licht dann
niemals depolarisirt wird, selbst nicht partiell, welche
Neigung die Strahlen und das Azimuth der Einfalisebene
gegen die ursprüngliche Polarisationsebene auch haben
mögen, sondern dafs nur eine blofse Ablenkung der Po-
larisationsebene daraus hervorgeht. Durch die neue Hy-
pothese, welche ich über die Constitution der Lichtwei-
len angenommen habe, bin ich auf das Gesetz dieser Ab-
lenkungen geführt, welches ich bis dahin vergebens durch
empirische Formeln darzustellen gesucht hatte. Diese
nämlich stimmten mit den Thatsachen wohl in den drei
Hauptfällen: des Parallelismus der Strahlen mit der Flä-
che, der senkrechten Incidenz, und der vollständigen Pola-
risation; aber für intermediäre Incidenzen stellten sie die-
selben nicht mehr getreu dar. Die Formel, auf welche
ich zuletzt durch theoretische Betrachtungen geführt wor-
den bin, und welche sich in den Annales de chimie et
de physique, T. XVII. p. 312., in einem Zusätze zu
der schon erwähnten Notiz befindet, scheint, so weit sich
aus ihrer Uebereinstimmung mit den Beobachtungen schlie-
fsen läfst, das Gesetz der Erscheinung auszudrücken. Ich
habe sie aus den allgemeinen Formeln für die Intensität
des reflectirten Lichtes abgeleitet, welche von mir durch
diese Betrachtungen entdeckt und gleichfalls in jener Notiz
gegeben worden sind.
Indem ich hier diesen Auszug aus meinen Abhand-
lungen beschliefse, übergehe ich die theoretischen und
experimentalen Untersuchungen, welche ich über die von
Hin. Biot bei gewissen homogenen Flüssigkeiten, wie
beim Terpentinöl, Citronenöl u. s. w. , entdeckten Pola-
risationserscheinungen angestellt habe. Ich habe geglaubt,
mich auf eine Auseinandersetzung der allgemeinen Eigen-
393
Schäften des Lichtes oder derjenigen, wenn ich mich so
ausdrücken darf, elementaren Thatsachen beschränken zu
müssen, welche am häufigsten vorkommen, und von denen
die andern gewissermafsen nur mehr oder weniger ver-
wickelte Combinationen sind. Ich habe gezeigt, wie die
Undulationstheorie sie erklärt, und welche Mittel sie giebt,
die Gesetze derselben durch analytische Ausdrücke dar-
zustellen. Zur Berechnung der so mannigfaltigen Erschei-
nungen der Diffraction, der Farbenringe, die von Luft,
Wasser oder jedem andern brechenden Mittel in dünnen
Schichten hervorgebracht werden, der Refraction, bei wel-
cher das Verhältnifs des Sinus der Incidenz zu dem der
gebrochenen Strahlen genau das der Undulationslängen
in beiden Mitteln ist, der Farben und besondern Polari-
sationsarten, welche die Krystallblättchen zeigen, — zur
Berechnung aller dieser Erscheinungen reicht es hin, die
verschiedenen Undulationslängen des Lichts in diesen Mit-
teln zu kennen; sie sind die einzigen Gröfsen, welche
man aus der Erfahrung zu entlehnen braucht, und sie
machen die Grundlage aller Formeln aus. Erwägt man,
welche innige und vielfältige Beziehungen die Undula-
tionstheorie zwischen den verschiedenartigsten Erscheinun-
gen aufstellt; so mufs ihre Einfachheit und Fruchtbarkeit
in gleichem Grade auffallen und die Ueberzeugung ge-
währen, dafs selbst dann, wenn sie auch dem Emissions-
systeme nicht darin voraus wäre, dafs sie mehrere nach
diesem durchaus unbegreifliche Thatsachen erklärte, sie
schon deshalb den Vorzug verdient, weil sie Mittel giebt,
alle optischen Erscheinungen mit einander zu verknüpfen
und durch allgemeine Formeln zu umfassen.
Ohne Zweifel bleiben noch viele dunkle Punkte auf-
zuhellen, vor allem in Bezug auf die Absorption des Lichts,
wie z. B. die Reflexion an Metallflächen und an schwar-
zen Körpern, der Durchgang des Lichts durch unvoll-
kommen durchsichtige Körper und die eignen Farben der
Körper. Wahrscheinlich wird in diesen Fällen ein Thcil
394
des Lichts zerstört und in Wärme -Oscillationen umge-
wandelt, welche für unsere Augen nicht mehr sichtbar
sind, weil sie, wegen der erlittenen Umänderungen, nicht
mehr in dieselben einzudringen oder den Sehnerven in
Einklang mit ihnen schwingen zu machen vermögen. Aber
die totale Quantität der lebendigen Kraft mufs dieselbe
bleiben, wenigstens dann, wenn die Action des Lichts
nicht eine so mächtige chemische oder calorifische Wir-
kung hervorgebracht hat, dafs sie den Gleichgewichtszu-
stand der Körpertheilchen und mit ihm die Intensität der
denselben bedingenden Kräfte umändert. Man begreift
nämlich leicht, dafs wenn diese Kräfte plötzlich abnäh-
men, dadurch die Oscillationen der Theilchen des erhitz-
ten Körpers schleunig an Energie verlieren, und folglich,
um mich des üblichen Ausdrucks zu bedienen, eine Ab-
sorption von Wanne erfolgen würde. Vielleicht ist diefs
der Vorgang beim Schmelzen eines starren, oder beim
Verdampfen eines flüssigen Körpers.
Besteht das Licht, wie es die Diffractionserscheinun-
gen beweisen, nur aus einer gewissen Schwingungsart
eines überall verbreiteten Fluidums, so darf man nicht
mehr annehmen, dafs seine chemische Einwirkung auf die
Körper auf einer Verbindung seiner Theilchen mit den
Theilchen dieser beruhe, sondern, dafs sie aus einer mecha-
nischen Action bestehe, welche die Vibrationen jenes Flui-
dums auf die ponderablen Theilchen ausüben, wodurch
die letzleren, je nach der Art oder Energie der Schwin-
gungen, zu neuen Anordnungen und neuen festeren Gleich-
gewichts-Systemen gezwungen werden *), Man sieht hier-
aus, wie sehr die Hypothese, welche man über die Na-
tur des Lichts und der Wärme annimmt, die Vorstel-
lungsweisen über die chemischen Actionen verändern kann,
und wie wichtig es daher ist, zu wissen, welche Theorie
die wahre sey, um so endlich die Principien der Moleeular-
Mechanik zu entdecken, deren Kenntnifs ein grofses Licht
*) Man sehe die Nachschrift.
auf die gesammte Chemie werfen wird. Wenn etwas zu
dieser grofsen Entdeckung beiträgt und die Geheimnisse
der innern Constitution der Körper entschleiert, so ist
es das tiefere Studium der Erscheinungen des Lichts.
Nachschrift.
Chemische Wirkung des Lichts.
Hr. Arago hat durch einen sehr interessanten Ver-
such die Ansicht des Hrn. Fresnel hinsichtlich der che-
mischen Wirkung des Lichts bestätigt, und dadurch direct
bewiesen, dafs diese Wirkung nicht einer Vereinigung
der Theilchen des Lichts mit denen der Körper zuge-
schrieben werden darf.
Als Hr. Arago die Fransen, welche durch Interfe-
renz zweier an zwei gegen einander schwach geneigten
Spiegeln reflectirten Lichtbündel entstanden waren, auf
frisch bereitetes Chlorsilber fallen liefs, fand er, dafs sie
schwarze Linien auf demselben hervorbrachten, welche
durch Zwischenräume von gleicher Gröfse und wcifser
Farbe getrennt waren. Diefs beweist, dafs, wie die opti-
sche Beschaffenheit, so auch die chemische Wirkung der
Lichtsirahlen durch die Interferenz derselben abgeändert
wird, und dafs sie, je nach, dem Unterschied in den durch-
laufenen Wegen, an Intensität variirt. Ist dieser Unter-
schied einer ganzen Zahl von Undulationen gleich, so
stehen die beiden Wellensysteme in völligem Accord, und
ihre Schwingungen haben die gröfstmögliche Stärke ; folg-
lich mufs auch ihre chemische Wirkung das Maximum
erreichen. In den Punkten dagegen, wo der Unterschied
zwischen den durchlaufenen Wegen eine ungerade Zahl
von halben Undulationen beträgt, ist die Discordanz voll-
ständig, und es mufs also hier die chemische Wirkung
Null seyn, wie die Lichtempfindung, welche dieselben
Punkte im Auge bewirken. Diefs ist auch durch den
Versuch bestätigt. Nur mufs man erwägen, dafs die
396
äufseren violetten Strahlen die meiste chemische Wirkung
haben, also, bei weifsem Lichte, die schwarzen Linien
auf dem Chlorsilber nicht den hellsten Streifen entspre-
chen können, welche fast mit den Punkten des völligen
Accords der gelben Strahlen zusammenfallen.
Dieser Versuch liefert auch ein einfaches und sehr
genaues Mittel, die mittlere Länge derjenigen Lichtundu-
lationen zu bestimmen, welche die meiste chemische Wir-
kung ausüben; denn dazu reicht es hin die Zwischen-
räume zwischen den schwarzen Linien auf dem Chlorsil-
ber zu messen, und daraus, mittelst der von uns gege-
benen Formel, die Länge der Undulationen, wodurch sie
erzeugt sind, herzuleiten.
Schon vor langer Zeit hat Hr. Young, indem er
das durch die Farbenringe modificirte Licht auf Chlor-
silber fallen liefs, gezeigt, dafs es in seiner chemischen
Wirkung dieselbe Abänderung erleidet. Allein der Ver-
such des Hin. Arago hat vor dem seinigen den Vorzug,
direct zu zeigen, dafs die ungleiche Wirkung des Lichts
an den verschiedenen Punkten des Raumes, in weichein
die beiden Bündel sich vereinigen, von deren gegenseiti-
gen Einwirkung herrührt, weil, wenn man einen der Licht-
bündel forlnimmt, das Chlorsilber eine gleichförmige Farbe
annimmt, in demselben Räume, wo sich vorhin, als beide
Lichtbündel gleichzeitig dahin gelangten, abwechselnd
schwarze und helle Streifen bildeten. Bei dem, mittelst
der Farbenringe angestellten Versuch des Hin. Young
ist es immöglich, die beiden Wellensysteme zu trennen.
Man kann auch durch den Versuch des Hin. Arago
erweisen, dafs an den Punkten, wo der Unterschied in
den durchlaufenen Wegen einer ungeraden Zahl von hal-
ben Undulationen beträgt, die chemische Wirkung des
Lichtes unmerklich ist, sobald die beiden reflectirten Licht-
strahlen gemeinschaftlich dahin gelangen, während sie wie-
der zum Vorschein kommt, wenn man einen der Licht-
bündel auffängt.
397
Man sieht, dafs durch diese Thatsache, unabhängig
von jeder Theorie, die von mehreren Gelehrten ange-
nommene Hypothese, als wären die chemischen Wirkun-
gen des Lichts eine Folge seiner Verbindung mit den
Körpern, umgestofsen wird; denn, wenn diese Hypothese
gegründet wäre, müfste die Wirkung um so stärker seyn,
je beträchtlicher die Menge der Lichttheilchen wäre, und
man würde niemals die chemische Wirkung des Lichts
dadurch erhöhen können, dafs man einen Theil der auf-
fallenden Strahlen fortnimmt.
Der Versuch des Hrn. Arago schliefst noch eine
merkwürdige Thatsache ein, die sich nicht in dem des
Hrn. Y o u n g befindet, bei welchem die sich interferiren-
den Lichtstrahlen parallel sind und nach ihrer Vereini-
gimg nicht wieder aus einander gehen. Da nämlich die
beiden an den Spiegeln reflectirten Lichtbündel einen
merklichen Winkel mit einander bilden, so geschieht es,
dafs die Strahlen, welche an einem gewissen Punkt, durch
ihre völlige Discordanz, die leuchtenden und chemischen
Eigenschaften verlieren, dieselben Eigenschaften ein wenig
weiter hin wieder erlangen. Diefs beweist, wie Hr. Arago
bemerkt, dafs sie nicht gegenseitig zerstört, sondern nur
momentan neutralisirt sind, da wo die entgegengesetzten
Bewegungen ihre Schwingungen aufgehoben haben *).
Den Vorgang bei den Interferenzen wird man leicht aus
der Fig. 2. Taf. X. Bd. 81. dieser Annalen ersehen.
Der Versuch des Herrn. Arago erfordert mehrere
Vorsichtsmafsregeln, wenn man ihn mit Erfolg wiederho-
len will. Zunächst müssen die reflectirten Sonnenstrah-
len in dem dunklen Zimmer mittelst eines guten Heliosta-
ten in einer constanten Richtimg erhalten werden, damit
die Fransen, welche auf die mit dem Chlorsilber über-
zogene Fläche fallen, wenigstens innerhalb zehn Minuten
) Hr. Arago hat diesen Versuch auch als Beweis gebraucht, dafs
die Interferenzen des Lichts nicht im Auge geschehen, sondern
objectiver Natur sind. jP.
nicht merklich verschoben werden. Und damit die sehr
kleinen Verschiebungen, welche sie dennoch in diesem
Zeitraum erleiden könnten, der Sauberkeit der schwarzen
Linien nicht schädlich werden, ist es gut, wenn man den
Fransen die größtmögliche Breite giebt, was dadurch ge-
schieht, dafs man die Flächen beider Spiegel fast in eine
Ebene stellt. Statt, in dem Fensterladen der dunklen
Kammer eine sphärische Linse anzubringen, wodurch man
einen leuchtenden Punkt von zu schwachem Lichte er-
halten würde, mufs man eine cylindrische Linse anwen-
den, welche ein vortreffliches Mittel abgiebt, die Stärke
des Lichtes beträchtlich zu vermehren. I)a man aber hie-
durch keinen Lichtpunkt, sondern eine Lichtlinie erhält,
so ist es unumgänglich nöthig, dafs man die Linse in eine
mit den Fransen genau parallele Richtung . drehe, wie wir
auch schon bei Beschreibung dieses sinnreichen, von Hrn.
Arago erfundenen, Verfahrens bemerkt haben. LTebri-
gens sieht man leicht an der Deutlichkeit der Fransen,
wann diese Bedingung erfüllt ist. Die cylindrische Linse,
welche zu dem obigen Versuche angewandt wurde, hatte
eine Brennweite von einem Centimeter, und die beiden
Spiegel waren kaum um 60 Centimeter von ihr entfernt;
einen fast gleichen Abstand besafs die mit dem Chlorsil-
ber überzogene Fläche von den Spiegeln. Diese grofse
Nähe der verschiedenen Theile des Apparates war erfor-
derlich, um den Strahlen eine hinlängliche Intensität zu
erhalten. Zu bemerken ist, dafs wegen merklicher Breite
der Lichtlinie, die eine Linse von einem Centimeter
Brennweile giebt, die etwas zarten Fransen sehr verwor-
ren werden, und dafs es deshalb vor allem wichtig ist, den
Fransen die gröfstmögliche Breite zu geben. Mit einer
Linse von kürzerer Brennweite würde man zwar eine
zartere Lichtlinie erhalten; allein auch die Intensität des
Lichts würde in demselben Verhältnisse geschwächt seyn,
und um diese Schwächung zu compensiren, müfste man
die Spiegel und das Chlorsilber näher an die Linse brin-
399
gen, wodurch die Fransen, falls sie nicht eine hinlängli-
che Breite hätten, gleichfalls verworren würden. Diefs
ist die am schwersten zu erfüllende Bedingung; mit ein
wenig Geschicklichkeit und vieler Geduld gelangt man
aber immer zum Zweck.
IV. Leber den mittleren Barometerstand am
Meere unter den Tropen;
von Alexander von Humboldt.
(Aus dessen Voyage aux regions equinoaciales etc. T. XI. p. 1.
der Octav- Ausgabe.)
t
nter den numerischen Elementen, welche in der phy-
sikalischen Geographie seit langer Zeit einer genauen Be-
stimmung bedürfen, ist der mittlere Barometerstand am
Spiegel des Meeres, in den verschiedenen Zonen, eins
der wichtigsten. Diese Bestimmung umfafst zwei durch-
aus verschiedene Fragen, nämlich: 1) wie grofs ist der
absolute Mittelstand des Barometers an den Küsten von
Europa und dem mittleren Amerika, und 2) ist dieser
Stand in der gemäfsigten und heifsen Zone derselbe oder
nicht?
Keine dieser Fragen ist bis jetzt vollkommen beant-
wortet. Die Bestimmung des absoluten Barometerstandes
setzt genaue Berechnungen über die Wirkung der Ca-
pillarität voraus, d. h. über die Depression des Queck-
silbers in den Röhren der Gefäfsbarometer. Hr. Arago
hat sich mit dieser sehr delicaten Gattung von Untersu-
chungen beschäftigt, indem er Barometer nach Fortin'-
scher Construction mit Heberbarometern verglich. Er
wird die Resultate dieser Arbeit nächstens bekannt machen,
welche um so mehr Interesse besitzt, da sie mit der Frage,
ob das mittlere Gewicht der Atmosphäre in einer langen
4W)
Reihe von Jahrhunderten unveränderlich sey, in Zusam-
menhang steht.
Ich beschäftige mich indefs hier nur mit dem mittle-
ren Barometerstande unter dem Parallelkreis von 49°
und den Aequatorialregionen. Diese Untersuchung hat
seit der Zeit, dafs ich Europa verliefs, meine Aufmerk-
samkeit besonders erregt. Ich habe zwei meiner Baro-
meter sorgfältig mit dem verglichen, an welchem Hr. Bou-
vard die meteorologischen Variationen auf dem Obser-
vatorio zu Paris beobachtet. Ich glaube zu Cumana, an
der Küste des Meeres, den mittleren Barometerstand zu
337"',8 oder 762 mm ,02 bei 25° C. gefunden zu haben,
was bei 0° C. einen Stand von 758 mn, ,59 geben würde *).
Da man zu dieser Zeit (1799) den mittleren Barome-
terstand am Spiegel des Meeres, in Europa **), nach
Shuck-
*) Hr. Caldas, der den Wissenschaften, durch die Reactionen einer
blutdürstigen Politik, in einem Alter entrissen wurde, "wo er
ihnen durch seinen Eifer noch hätte nützlich seyn können, glauht,
dafs der Unterschied zwischen dem mittleren Barometerstande
nach meinen Beobachtungen und denen von Shuckburgh von der
geringen Uebereinstimmung herrührt, welche man zwischen den
ausgekochten und den nicht ausgekochten Barometern autrifft
( Semunario , T. I. p. 52.^; Dieser Umstand hat indefs auf
meine Beobachtungen zu Cumana und Guayra keinen Einflufs
haben können. Ich hatte nämlich zwei Gefäfsbarometer aus
Europa nach Caracas mit geführt, in deren Röhren das Queck-
silber mit der gröfsten Sorgfalt von sehr geschickten Künstlern
ausgekocht worden war.
**) Hr. Oriani findet, für Mailand, den mittleren Barometerstand
am adriatischen Meere zu 338 lin ,23 bei 13°,5 C. , was 76l mm ,73
bei 0° C. giebt. Nach Ferrer beträgt der mittlere Barometer-
stand zu Havannah, bei 25°,7 C, 338 lin ,55 oder 763' n m,71, also,
bei 0° C, 760 mra ,18. Diefs Resultat ist identisch mit dem des
Hrn. B o u s singaul t; aber wir wissen nicht, wie hoch das
Barometer des Hrn. Ferrer über dem Meere hing, und welche
Mittel zu Mailand und Havannah angewandt worden sind, um
die Capillarität der Röhren zu erfahren. Man sehe Dei cornbu-
stibili, Memoria del Conti Bevelacque-Lancisc. p. 107. Sc hu-
401
Shukburgh zu 76 1 1 ™, 18 (bei 0° C.) annahm, so mufste
ich nothwendig aus diesem Vergleiche schliefsen, dafs
der mittlere Barometerstand, am Spiegel des Meeres,
in der heifsen Zone ein wenig kleiner sey als in der
gemäßigten *). In Ungewifsheit hinsichtlich der Capil-
larität des angewandten Barometers, berechnete ich in
meinem Tableau des regions equinoxiales diesen Un-
terschied zu zwei Millimeter, und schrieb ihn der auf-
steigenden Bewegung der tropischen Atmosphäre zu, wel-
che die stark erhitzten Luftschichten nach den Polarre-
gionen abführte. Da ich, vor meiner Einschiffung nach
Cumana, mit meinen Instrumenten eine lange Landreise
von Paris, über Marseille, Murviedro und Madrid, nach
Corunna gemacht hatte, so legte ich wenig Vertrauen auf
meine Bestimmung. Glücklicherweise kann ich sie ge-
genwärtig durch eine andere weit genauere ersetzen.
Die Hrn. Boussingault und Ptivero haben, ge-
meinschaftlich mit Hrn. Arago, vor ihrer Einschiffung
mach er Astronom. Nachrichten. Beil. Th. II. N. 65. Her-
tha No. 3. p. 246. Ueber die ziemlich constante Depression,
welche das Barometer in der Nähe des Cup Hörn, im Meere
von Sachalin und an der Westküste Norwegens, wo heftige West-
winde wehen, erleidet, sehe man: Krusenstern, Recueil de
ßlem. hydrographia. T. I. p. 29. Leopold von Buch, in
Gilbert's Annalen der Physik, T. XXV. p. 230., auch daselbst
p. 4. über die barometrische JVindrose.
*) Man sehe meinen Essai sur la Geogr. des plantes , p. 90.
R icher, Bonguer, La Gondaroinei Ulloa und Don
Jorge Juan glaubten, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun-
derts, dafs das Barometer am Spiegel des Aequinoxialmeeres auf
27" ll'",5; 28" V" oder 28"0'" stehe. Die Instrumente, deren
sich diese Reisenden bedienten, waren ohne Zweifel sehr unvoll-
ständig von Luft befreit, denn da sie keine Correction wegen der
Temperatur anwandten, so hätten sie die Barometerstände weit
gröfser finden müssen. Dafs man neuerlich den mittleren Stand
des Barometers am Spiegel des Meeres in Europa ein wenig zu
grofs angegeben hat, rührt ohne Zweifel von der Ungewifsheit
her, in der man noch hinsichtlich der Capillaritätswirkungen ist.
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. C C
402
nach Guayra, zwei vortreffliche Fortin'sche Barometer
mit dem im Observatorio zu Paris verglichen. Diese bei-
den Barometer haben unter sich denselben Unterschied
beibehalten, welchen sie in Europa besafsen. Nun hat
Hr. Boussingault gefunden , dafs , am Niveau des
Oceans, zu Guayra, das Mittel aas dem 12 Tage lang
beobachteten Maximis und Minimis, bei 0° C, 760 mm ,17
beträgt. Hr. Arago berechnet aus 9jährigen Beobach-
tungen zu Paris den mittleren Barometerstand daseibst,
nach Reduction auf 0° C. und auf das Niveau des Mee-
res *), zu 760 m "85. Her Unterschied der beiden Mit-
telslände, welche gewissermafsen mit demselben Instru-
mente angestellt sind, steigt also auf inm ,68.
Man darf nicht vergessen, dafs selbst in der heifsen
Zone zufällige Störungen einen Einflufs auf den mittleren
Barometerstand ausüben. Ich habe sorgfältig die wahr-
scheinlichen Gränzen dieser Veränderungen berechnet,
und es geht daraus, nach der Analogie von gut beob-
achteten Thatsachen hervor, dafs selbst zu Guayra, der
aus den Maximis um 9 h und Minimis um 3 h \ abgelei-
tete Mittelstand des Barometers, in den verschiedenen
Jahreszeiten um einen Millimeter gröfser oder kleiner ge-
funden werden kann. Um die uns hier beschäftigende
Frage ganz aufser Zweifel zu stellen, müfste man das
9-jährige Mittel von Paris mit dem einjährigen Mittel an
den Küsten von Venezuela vergleichen. Aber bis jetzt
besitzen wir nur für einen einzigen Ort in der heifsen
Zone, zwischen 0° und 15° NB., stündliche Beobach-
tungen von einem ganzen Jahre; und dieser einzige Ort
ist das Plateau von Bogota, welches sich um mehr als
2600 Met. über das Niveau des Aequinoxialmeeres erhebt.
*) Der mittlere Barometerstand im Observatorio zu Paris ist 755 mm ,43.
Der Unterschied zwischen dem Observatorio und dem Hafen in
Havre , beträgt nach einjährigen correspondirenden Beobachtun-
gen an verglichenen Instrumenten : 5 lnm ,42.
403
V. Emige Bemerkungen über Quellen- Tempe-
ratur; von Leopold von Buch.
(Gelesen in der Academie der Wissenschaften d. 3. März 1825. —
Aus den so eben erschienenen Denkschrift, d. K. Acad. in Berlin
für 1825.)
s ist eine schöne Anordnung in der Oeconomie der
E
Natur, deren Entdeckung wir Hrn. Wahlenberg ver-
danken, dafs die Wärme des Bodens die mittlere Tem-
peratur der Luft um so mehr übertrifft, je weiter man
gegen Norden heraufgeht. Denn dadurch werden polari-
schen Gegenden eine Menge Gewächse erhalten, welche
sonst untergehen müfsten, ja es wird das Leben selbst
in Gegenden gebracht, welche sonst ganz todt und dürr
und von allem Lebendigen geflohen seyn würden. Wer
kann sich Anbau und Cultur denken, in einem Boden,
dessen Temperatur 1 oder 2 Grade unter dem Gefrier-
punkte steht? Nicht höher ist aber die Temperatur der
Luft in Gegenden, in welchen Städte liegen, und Korn-
bau mit Regsamkeit und Vortheil getrieben wird. Es ist
die Temperatur eines grofsen Theiles von Sibirien, von
Finnland im oberen Theile, und von mehreren bewohn-
ten Thälern in Schweden.
Die Wahlenb ergischen Beobachtungen, aus denen
ein so merkwürdiges Resultat hervorgeht, sind von mir
in Gilbert's Annalen bekannt gemacht, in eine Tabelle
gebracht und mit der Luft -Temperatur verglichen wor-
den.. Aus diesen hebe ich folgende vier Angaben aus,
welche die Natur der Erscheinung vollkommen darstel-
len werden.
Quellen- Luft- Diffe-
Temp. Teinp. renz.
In Carlscrona 56 \ Grad 6,8 R. 6,3 R. 0,5
- Upsala 60 - 5,2 - 4,45 - 0,75
- Umea 64 - 2,3-0,6-1,"
- Giworten fiäll ... 66 - 0,96-— 3- * 3,96 (Enontckis).
(1600 Fufs über dem Meere.)
Cc *
404
Wahlenberg sucht die Ursache dieser Erschei-
nimg in der beschützenden Schneedecke, durch welche,
vermöge ihrer geringen wärmeleitenden Kraft, die Win-
terkälte abgehalten werde, in den Boden zu dringen, und
auch andere haben diese Meinung vorgetragen. Sie be-
ruht auf der falschen Voraussetzung, dafs die Luftwärme
in den Boden, durch Mittheilung in der Masse selbst,
welche diesen bildet, eindringe. Wie langsam eine sol-
che Vertheilung geschehe, wie sie, um 30 Fufs zu durch-
laufen, schon sechs Monate Zeit brauche, haben Saus-
sure's Beobachtungen gelehrt, und die, welche später
in Genf während zehn Jahren in einem Brunnen ange-
stellt worden sind, welche stets das Minimum zeigten,
wenn oben die gröfste Wärme herrschte, das Maximum
zur Zeit der gröfsten Kälte. Schwerlich würde die Schnee-
decke zureichen, um bei ihrer langen Dauer während so
vieler Monate das Ausstrahlen der Wärme des Bodens
zu verhindern. Da überdiefs der Einflufs zweier ungleich
erwärmter Körper auf einander immer gegenseitig ist, so
folgt, dafs im Laufe der Jahre auch die beste wärmehal-
tende Decke nicht verhindern könne, dafs der Boden die
mittlere Temperatur der Luft nicht annehme.
Es würde auch um so weniger begreiflich seyn, wie
nördlichere Gegenden mehr für solches Ausstrahlen be-
schützt werden, als südliche, da die Menge des fallen-
den Schnees sich mit der Zunahme der Breite bedeutend
vermindert, daher die Schneedecke weniger hoch ist. Man
sieht mit einiger Befremdimg, dafs auch der berühmte
Leslie an diese Mittheilung der Temperatur durch den
Boden glaubt, eben weil es eine nothwendige und mathe-
malisch zu beweisende Folge der Gesetze der Wärme
ist. Er bemüht sich deshalb vergebens, Beobachtungen,
welche Ferguson mit Thermometern in verschiedenen
Tiefen des Bodens angestellt hat, auf ein gemeinschaftli-
ches, von der Wärme der Atmosphäre abhängiges Ver-
theilungsgesetz zu bringen.
405
Es scheint daher nothwendig, zu wiederholen, wie
dieses Gesetz von einem schneller wirkenden modificirt
und gänzlich versteckt wird, wie nämlich diese Verthei-
lung fast nur allein von dem Eindringen der atmosphä-
rischen JVässer abhängen könne, durch welche die Tem-
peratur so schnell durch den Boden und in die Tiefe
verbreitet wird, dafs die unmittelbare Einwirkung durch
Mittheilung sehr bald und in weniger Tiefe überwogen
und völlig unkenntlich gemacht werden mufs. Deswegen
aber wirkt die grofse Winterkälte des Nordens so wenig
auf den Boden, und mit so gröfserer Differenz, je nie-
driger die Temperatur ist, weil im Winter keine Wäs-
ser fliefsen, und Temperaturen unter dem Gefrierpunkte
durch diefs schnell wirkende Medium überhaupt gar nicht
verbreitet werden können. Ich bin daher völlig über-
zeugt, dafs alle Nachrichten, welche behaupten, dafs der
Boden in vielen Fufs Tiefe sich, selbst im Sommer, noch
gefroren gefunden habe, in Gegenden, welche noch im
Stande sind, strauchartige Gewächse zu ernähren, für ganz
unzuverlässig angesehen werden müssen, und Gm e lins
Nachrichten, dafs man in Brunnen in Jakutsk noch in
100 Fufs Tiefe den Boden gefroren fand, sollte nicht
mehr in physischen Lehrbüchern, wie es doch so oft ge-
schehen ist, wiederholt werden. Was Cosacken ausge-
sagt haben, die, als Gmelin diese Nachricht aus Acten
in Jakutsk zog, lange schon todt waren, und denen es
sehr leicht zu beschwerlich seyn konnte, eine harte Brun-
nenarbeit fortzusetzen, sollte nicht gebraucht werden, eine
so auffallende und so wenig glaubliche physikalische That-
sache zu bestätigen. In der Hudsonsbay, deren Mittel-
Temperatur tief unter dem Gefrierpunkte steht, laufen
Quellen, den ganzen Winter hindurch, unter einer Decke
von Schnee und Eis. (Capt. James. 1631.)
Da, wo die Winterkälte nicht so grofs ist, dafs die
Temperatur während einiger Zeit unter dem Gefrierpunkte
bleibt und den Kreislauf der Wässer verhindert, ist die
406
Temperatur der beständigen Quellen auch fast gänzlich
mit der Temperatur der Atmosphäre übereinstimmend.
Eine starke Quelle bei Edinburgh, in welcher sich das
Thermometer fortwährend auf derselben Höhe erhält, zeigt
6,96 Grad R. , die Mittel -Temperatur dieser Stadt aber
ist, nach Playfair's sechs Jahre fortgesetzten Beobach-
tungen, 7,04 Grad R., welches gar kein Unterschied ist
( Ihom. Annal. Feb. 1818). So findet man es im gan-
zen atlantischen Theil von Europa. Damit ist dann auch
die Temperatur tiefer Brunnen übereinstimmend, solcher
nämlich, welche wirklich gebraucht werden, imd in wel-
chen dadurch ein Kreislauf der Wässer erhalten wird;
nicht aber solcher, welche in Ruhe stehen, in denen da-
her die kalte Luft der Atmosphäre sich herabsenkt und
die Wände in der Tiefe mehr erkältet, als das Gesetz
der Mittheilung erlaubt haben würde. Im mittleren Eu-
ropa darf man also wohl die Angabe beständiger Quel-
len für einen leicht zu findenden Ausdruck der mittleren
atmosphärischen Temperatur halten.
Durch Humboldt erfahren wir aber, und durch
ihn zuerst, dafs diefs keinesweges der Fall in wärmeren
Ländern sey; dafs die Angabe der Quellen, daher auch
die Wärme des Bodens fast überall einige Grade tiefer
sey, als die Temperatur der Atmosphäre darüber. Er
hat diese Thatsache in der hiesigen Academie in einer
Abhandlung vorgetragen, von der nur ein Auszug in Gil-
berts Annalen gedruckt ist (B. 24. p. 46.). In den Ge-
birgen von Cuniana und Caracas, sagt er, habe er viele
Quellen stets kälter gefunden, als man nach ihrer Höhe
hätte vemiuthen sollen; so z. B. eine Quelle in 680 Toi-
sen Höhe von 13,2 R., eme andere in 505 Toisen Höhe
von 13,5 R., eme dritte in 392 Toisen Höhe von 16,8 R.
Alle waren also wenigstens drei Grade kälter, als sie es
nach der mittleren Temperatur der Gegend seyn sollten,
wo sie ausbrachen. Eine Quelle bei Cumanacoa von
18 Grad Temperatur und in 179 Toisen Höhe hätte
407
20 Grad angeben müssen, wäre sie mit der Luft -Tem-
peratur übereinstimmend gewesen. Auch geben Bestim-
mungen von John Hunt er von Quellen in Jamaica ein
ähnliches Resultat (Phil. Tr ansäet. 1788. p, 59. saa.).
Coldspring ist 3892 P. Fufs hoch und 13,22 Grad R.
warm; man hätte 16 Grad R. erwarten sollen. Ganz in
der Tiefe am Meere scheint doch dieser Unterschied weni-
ger bedeutend. Humboldt findet aus vielen Zusammen-
stellungen und Beobachtungen, dafs die mittlere Wärme
der Aequatorialgegenden 21,5 R. sey, und sagt dann fer-
ner, dai's er die Wärme des Bodens bei Cumana zwi-
schen 20 und 21 Grad wechselnd gefunden habe. Cu-
mana selbst giebt er zu 22,4 R. an. Hunt er sah die
Temperatur in 100 Fufs tiefen Brunnen, bei Kingston,
nur um ^ Grad höher oder niedriger als 21,33 Grad R.,
und eine starke Quelle in der Nähe bei Rock fort zeigte
20,9 Grad R. Ferrer fand die Wärme im Wasser eines
100 Fufs tiefen Brunnens bei der Havana 18,81 R., die
mittlere Luft -Temperatur 20,56 R. Diefs Alles würde
den Unterschied zwischen der Wärme der Luft und des
Bodens der Tropenländer am Meere auf höchstens 1 Gr. R.
feststellen.
So ungefähr fand es auch Prof. Smith auf den Cap
verdischen Inseln. Ein Brunnen, 18 Fufs tief, nahe bei
St. Yago, aus dem alle Einwohner ihr Trinkwasser hol-
ten, zeigte 19,55 R., eine schöne Quelle aber 1000 Fufs
höher, sogar 20 R. Schwerlich kann die Luft -Tempe-
ratur der Insel sich noch höher erheben,
Aber im Innern von Congo fand Smith wieder ein
Resultat, dem Humboldt'schen ähnlich. Auf der Höhe
von 1360 P. Fufs zeigten starke Quellen nicht mehr als
18,22 R. Wärme; die mittlere Luft -Temperatur würde
20,5 R. verlangt haben.
In Nepaul bei Khatmandu, 28 Grad N. Br. 4140 P.
Fufs über dem Meere, fand Buch an an die Temperatur
der Quellen 14,23 Grad R., die Temperatur der Luft
408
14,13 Grad. R. Tropische Regen fallen im Sommer, und
auch im Winter regnet es viel. Daher ist diese Ueber-
einstimmung der Temperatur der Luft und des Bodens
begreiflich. Am Fufs des Gebirges bei Bichakor zeigte
eine Quelle 18,64 Gr. R. Temperatur; das Mittel der atmo-
sphärischen Wärme würde hier wohl nahe an 20 Gr. R.
erreicht haben. (Hamilton Account qf Nepaul. Vol. IL).
Diefs sind alle Beobachtungen, welche bis jetzt über
Temperatur des Bodens tropischer Länder bekannt ge-
worden sind. Weder von Sierra Leona, noch aus Ost-
Indien, aufser denen in Nepaul, odei von den Molucken
sind ähnliche Beobachtungen jemals erschienen.
Ueber die Ursachen dieser Erkältung ist bisher nichts
gesagt worden; es sej denn eine Aeufserung von Hum-
boldt, dafs es ein Rest der kälteren Temperatur höhe-
rer Berge seyn könne, welcher durch die Quellen her-
abgebracht würde; ein Grund, der nicht gänzlich befrie-
digt , da solche Berge gewöhnlich zu entfernt sind , als
dafs man von ihnen noch untere Quellen herleiten könnte.
Die Erscheinung fängt schon an im südlichen Europa
beobachtet zu werden, und wahrscheinlich würde man in
Portugal, in Spanien und in Italien viele Quellen finden,
welche in ihrer beständigen Wärme von der Luft -Tem-
peratur noch weit mehr abweichen würden, als die Quel-
len tropischer Länder. Eine herrliche Quelle bei St. Cesa-
reo, unfern Palestrina bei Rom, fand ich am 29. August
von 9 4 Grad R. Temperatur, bei 22 Grad Wärme der
Luft, da doch die mittlere Temperatur 12,6 Grad R. ver-
langt haben würde.
So viel ich auf den canarischen Inseln Quellen habe
erreichen können, welche zu solchen Beobachtungen sich
eigneten, habe ich mich bemüht, ihre Temperatur mit
einiger Genauigkeit zu erforschen, und ungeachtet diese
Beobachtungen nicht in solcher Menge vorliegen, dafs
man Gesetze daraus ableiten könnte, so glaube ich, sind
sie doch nicht ganz ohne Belehrung. Herr Erman hat
409
die Güte gehabt, das vorzüglich von mir gebrauchte Ther-
mometer mit denen zu vergleichen, welche ihm zu seinen
Beobachtungen in den hiesigen Gegenden gedient haben,
und welche wiederum mit dem Thermometer correspon-
diren, mit welchem Wahlenberg bis 71 Grad herauf
Beobachtungen angestellt und die Temperatur des hiesi-
gen so beständigen Louisenbrunnens bestimmt hat. Das
von mir gebrauchte Thermometer von W. Jones in Lon-
don stand nach diesen Vergleichungen -| Fahrenheitische
Grade höher, als Wahlenberg's Beobachtungen es
verlangten; ich habe hiernach den Canarischen Bestim-
mungen diese ■§- Grade abgenommen, und dadurch kann
man sie mit allen Erman'schen und Wahlenberg-
schen Angaben als völlig vergleichbar ansehen.
Quellen am Meeresufer oder wenig davon entfernt.
Teneriffa.
6. Mai 1815. Quelle von ungemeiner Stärke
und Schönheit unter einem Lavenstrom her-
vor, am Cap Martianez, unter la Paz,
unweit Puerto Orotava 14,2° R.
So ist sie fortwährend geblieben, ohne je
ihre Temperatur merkbar zu ändern.
Die mittlere Temperatur der Luft ist, nach
Don Francisco Escolar zu St. Cruz
17,3° R.
8. Mai. Quelle von El Rey, zwischen Ria
lejo und Puerto, welche nach Puerto Oro-
tava geführt ist 14,3° R.
7. Juni und 6. September 14,8° R.
1. Juni. Treffliche Quellen, ganze Bäche, wie
Wasserfälle aus den Felsen unter der Mühle
von Gordaxuelo bei Ria lejo 13,3° R.
am 6. September aber 14,1° R.
410
P a I m a*
9. September. Wasser in einem Brunnen,
20 Fufs tief, am Strande bei der Stadt St.
Cruz, und nicht weit von einigen schönen
und grofsen Cocospalmen . 15,77° fv
Lancerote.
18. October. Aus Rapüli, in einem Thale
zwischen Ausbruchskegeln, welche den Ort
bedecken, wo sonst das Dorf Tigayfe lag,
kommt stets Wasser aus dem Grunde eines
5 Fufs tiefen Brunnens, trocknet nie aus,
und wird von den Umherwohnenden in
Menge geholt. Es ist eiu sehr gutes Was-
ser. Temperatur 14,11° R.
Das gäbe im Mittel eine Wärme des Bodens von
14,4 Grad R. , daher fast volle 3 Grad weniger, als die
Mittel -Temperatur der Luft.
Mehrere dieser Quellen kommen aus kleinen Ab-
stürzen, welche sanfte und sehr bebaute Abhänge been-
den, wie die schöne Quelle von la Paz; man mufs also
wohl glauben, dafs sie die Wärme des Innern dieses
Abhanges anzeigen.
So höchst sonderbar und auffallend auch diese Er-
kältung seyn mag, wenn man sie im heifsen Sommer un-
tersucht, so wird man sich doch sehr bald überzeugen,
dafs sie aus keiner anderen Ursache entstellt, als aus der,
welche im Norden den Boden erwärmt. Vom südlichen
Europa an bis zu den Wendekreisen giebt es nur eine
Regenzeit, vom November bis zum April. Vom Mai
an regnet es nicht mehr. Die Sommerwärme wird also
eben so wenig von den Wässern in das Innere verbrei-
tet werden kömien, als die Winterkälte in gefrornen Län-
dern. Es kann nur die Temperatur eindringen, welche
der Regen während seines Falles vorfindet, und mit dieser
411
werden die Quellen wieder hervorbrechen. Die Wärme
der Quellen bei Orotava ist daher wahrscheinlich die mitt-
lere der Monate Februar und März.
Bei St. Cruz winde diese Temperatur wohl etwas
höher steigen, aber es finden sich dort keine Quellen in
geringer Höhe über dem Meere, von welchen wir dar-
über belehrt werden könnten. Bas Wasser in einem
Brunnen, 20 Fufs tief, im Baranco de los Santos, un-
weit St. Cruz, zeigte 16,4 Grad R., Luft 20,6 Grad R.
Es war der Ueberrest des Wassers, welches im Winter
im Baranco geflossen war.
Quellen auf Höhen bis 3000 Fuß.
Teneriffa.
Juni und August. Fuente del Drago unter
Laguna, eine mächtige Quelle unter dich-
tem Gebüsch aus Basalschichten hervor,
1200 Fufs über dem Meere 14,2° R.
14. Mai. Fuente de los Negros, nicht sehr
starke Quelle, ostwärts über Laguna, unter
einem groisen Rubusbusch aus Basaltritzen 14,3° R.
Die Stadt Laguna liegt 1610 Fufs hoch auf einer
Ebene ; Fuente del Drago liegt unmittelbar darunter, und
wird noch von den Einwohnern zu häuslichem Gebrauche
benutzt. Ihre unveränderliche Temperatur kann daher
wohl als bezeichnend für die innere Wärme des Bodens
von Laguna angesehen werden, und somit würde diese
innere Wärme vom Meere bis zur Höhe dieser Fläche
sich noch gar nicht verändert haben. Die mittlere Tem-
peratur der Luft in Laguna steht doch mehr als 2 Gr. R.
unter der von St. Cruz.
Gar schnell vermindert sich aber nun die Wärme
der Quellen, fast ohne zwischenliegende Grade, und was
ganz merkwürdig ist, ziemlich gleichförmig im ganzen Um-
kreis der Insel. Ich werde die Quellen anführen, wie sie
412
von Laguna aus gegen Orotava hin in einer Art von
Nivellements -Linie die Insel umgeben.
21. August. Agua de las mercedes, 2200 Fufs
hoch, im Walde del Obispo über Laguna,
unter einem prachtvollen Gewölbe von rie-
senmäfsigen Lorbeeren, und zwischen Bü-
schen von Mocanera und Viburnum . . . 11,2° R.
19. Mai. Quellen, unfern der Kirche des
Eremiten bei Esperanza, unter Bäumen
von Hex Perado und Laurus foetens,
2100 Fufs hoch 12,2° R.
August. Fuente Guillen, zwischen Esperanza
und Matanza, 2556 Fufs hoch 12,1° R.
16. Juni imd 29. August. Agua Garcia, im
Walde über Tacaronte, auf dem Wege
nach Matanza, unter hohen .EWcabäumen
und von prächtigen Büschen von Farnkräu-
tern umgeben, 2465 Fufs hoch 11,2° R.
August. Fuente la Vica, über Matanza ,
2600 Fufs 11° R.
September. Fuente de Vero und Fuente de
los Villanos, zwei Quellen wie Bäche, un-
mittelbar aus dem Felsen, in den Bergen
zwischen Esperanza und Baranco Hondo;
beide genau von gleicher Temp. 2800 Fufs 10,6° R.
Mai. In einem Circus von Felsen über Ria
Lejo d'ariba stürzt eine mächtige Quelle
hervor, welche, wie die Anwohner sagen,
bei Regenwetter warm ist, bei Sonnen-
schein kalt, welches immer ein Beweis der
Unveränderlichkeit ihrer Temperatur ist.
Fuente de la Madre Juana, 2600 Fufs
hoch 11,9° R-
Mai. Juni. Quelle auf dem Berge von Ti-
gayga, zwischen Ria lejo und Icod el alto,
nicht völlig 2000 Fufs hoch 11,9° R.
413
Eine andere Quelle an der linken Seite
des Baranco, der nach Rambla herabführt,
und auf gleicher Höhe 11,7° R.
Mai. Fuenie del Rey; grofse, starke und
schöne Quelle über Icod los vinos, 1362
Fufs hoch . . . . 11,7° R.
Juni. Quelle in einem offenen Bassin im Val
St Yago, 2800 Fufs hoch 9,5° R.
Die Unterschiede zwischen diesen Beobachtungen
sind nicht so grofs, dafs man nicht vermuthen sollte, die
Uebereinstimmung würde noch weit gröfser seyn, wäre
die Wärme dieser Quellen häufiger und zu gleichen Zei-
ten bestimmt worden. Immer geht hieraus hervor, dafs
die Wärme des Bodens in 2500 Fufs Hohe auf Tene-
riffa gar wenig von 11 Grad R. abweichen wird. Daher
wäre die Abnahme von Lagunds Fläche an auf 860 Fufs
schon 3,2 Grad R. oder 279 Fufs (46 i Toise) für
1 Grad Pv. , welches überaus viel ist. Vom Meeresufer
an würde aber diese Abnahme 1 Grad R. für 735 Fufs
betragen.
Nach denen von Humboldt aufgestellten Grund-
sätzen, nach welchen aus vielen Zusammenstellungen her-
vorgeht, dafs in niederen Breiten die Temperatur der
Atmosphäre für 726 Fufs gröfsere Erhebung 1 Grad R.
abnimmt, würde diese Temperatur der Luft in 2500 Fufs
Höhe 13,9 Grad R. betragen; fast so viel, als die Quel-
len nahe am Meere zeigen, und wieder nahe an 3 Grad
von der Temperatur verschieden, mit der sie wirklich in
dieser Höhe hervorkommmen.
Die sehr starke Quelle der Agua manza,
welche als ein Bach nach Villa Orotava
geleitet ist, und in 4100 Fufs Höhe her-
vorkommt, hatte im September eine Wärme
von 10,78° R.
So sehr diefs auffallend und anomal scheint, so
glaube ich doch, möge sich bis über 4000 Fufs die
414
Temperatur der Quellen nicht sehr verändern. Es ist
die Region der Wälder, und zugleich auch der, den gan-
zen Sommer durch, von 9 oder 10 Uhr an bis 4 oder
5 Uhr Nachmittags hervortretenden Wolken.' Der Nebel
hängt sich an die Blätter der Bäume und erhält den Bo-
den stets feucht. Die Quellen, welche hieraus reichliche
Nahrung ziehen, verbreiten schnell die obere Temperatur
auf tiefer liegende Orte.
Es würde wünschenswerth seyn, zu wissen, ob nun
über der Region der Wälder die Abnahme wieder schnel-
ler fortschritte. Allein in solcher Höhe giebt es entwe-
der keine Quellen mehr, oder sie sind so schwach, dafs
sie von der Temperatur der umgebenden Luft gar bald
verändert werden müssen. Die Fuente della montana
blanca über Villa Orotava in' 6103 F. zeigte am 24. Au-
gust 7,11 Grad R. Eine schwache Quelle aus Felsritzen
in der Angostura, im Circus des Pic, auf dem Wege
nach Chasna, 6400 Eufs hoch, im Mai 4,9 Grad R.;
Luft 10,5 Grad. R.
Diese Temperaturen scheinen daher nach den Mona-
ten sehr veränderlich; könnten aber vielleicht trefflich
dienen, den jährlichen Gang der Wärmezunahme in die-
sen Höhen zu erforschen.
Quellen auf Gran Canaria.
12. Julj. Agua Madre de Moja. Herrliche
starke Quellen im tiefen Schatten von Til-
bäumen aus Basaltschichten hervor, 1387 F.
hoch.
1. Ein ganzer Bach 13,4° R.
2. Andere Quelle, tief unter Steinen
hervor 13,4° R.
3. Nahe am Baranco, von unten aus
dem Boden herauf 13,4° R.
Sauerquelle unter Moja, die weder im Ge-
415
halt an Kohlensäure, noch an Masse sehr
stark ist 17,2° R.
Stärkere Sauerquellen , unter grofsen Fels-
blöcken hervor, in der Tiefe des Baranco
della Firgine, unter Firgas 17° R.
Kleine Quellen über den Häusern von Rio
Secco, nahe dem Baranco della Virgine,
1400 Fufs hoch 13,3° R,
Luft 20° R.
Stärkere Quelle auf dem Wege zum Berge
gegen Moja \ . 13,3° R.
Starke, aber nur schwach gesäuerte Quelle,
eingefafst, aus zwei Steinröhren hervor, im
Baranco unter Teror 1461 Fufs hoch . . 17,6° R.
Es scheint daher, dafs 13 1 Grad wohl als der Aus-
druck der Temperatur des Rodens für die nördlichen Ab-
hänge von Gran Canaria bis 2000 Fufs Höhe angese-
hen werden können. Die Temperatur der Luft würde
nahe an 16 Grad R. verlangt haben.
Eine kleine laufende Quelle unter Tonte
in Tiraxana, in der Caldera und in 2250 F.
Höhe aus Granitmassen fand ich am 18. July 15,4° R.
(Es ist ein sehr geschützter und sehr war-
mer Ort.)
Eine Quelle unterhalb der Kirche von
Texeda, im engen Thale, von ziemlicher
Stärke, und 2600 Fufs hoch 16,5° R.
Sehr auffallend ist es, wie eine schwache Menge von
Kohlensäure die Temperatur dieser Quellen so bedeu-
tend zu ändern vermag ; ungeachtet die Quellen nur wenig
von einander entfernt liegen, so ist doch zwischen ihrer
Wärme ein Unterschied von nahe an 4 Grad R. So
merkwürdig diese Erscheinung aber auch sejn mag, so
ist sie dieser Insel nicht eigenthümlich, sondern ziemlich
allgemein. Zum wenigsten habe ich bis jetzt noch kein
Saueiw asser auffinden können, dessen Temperatur nicht
416
jederzeit die der laufenden und reinen Quellen übertrof-
fen hätte.
Man begreift diefs deicht, wenn man etwas unter-
sucht, wie Sauerwässer auf der Erdfläche vorkommen.
Sie sind nämlich jederzeit nur der Ausflufs der heifsen,
mineralischen, viele Stoffe enthaltenden Quellen, welche
in der Tiefe, in Spalten und in engen Thälern hervor-
brechen. Die Kohlensäure, vom heifsen Wasser zurück-
gestofsen, entweicht, dringt durch die Risse der Felsen
in die Höhe, verbindet sich dort mit den kälteren Wäs-
sern, und kommt mit ihnen zu Tage hervor. Daher wer-
den denn diese Wässer von dem emporsteigenden Gas
erwärmt und über ihre ursprüngliche Temperatur um etwas
erhoben. Unter den vielen hundert der reichsten Sauer-
quellen in der TVetterau und zwischen der Lahn und
dem Main ist nicht eine, welche nicht mehrere Grade
über dem gewöhnlichen Punkte kalter Wässer erwärmt
wäre. Selters, 800 Fufs über dem Meere, steht auf
13 Grad R. ; Groß- Karben zwischen Friedberg und
Frankfurt, eine der stärksten und dabei wasserreich-
sten aller bekannten Sauerquellen, auf 12 Grad R.;
Schwalheim auf 10 Grad R., und nie eine tiefer. In
der Spalte der Lahn, in der Verliefung gegen den Rhein,
erscheinen die heifsen Wässer von Ems und von Wis-
baden imd oben auf dem Gebirge zwischen ihnen beiden
liegen in mehreren Reihen fort, bis zum Vogelsberg hin,
die Sauerquellen, welche mit ihnen zu einer gemeinschaft-
lichen Entstehungs- Ursache gehören. Unter diesen auch
sogar noch die sogenannten Salzquellen der TVeiterau.
Hätte man die Quellen der grofsen Saline von Nauheim
nicht zum Salzsieden benutzt, man würde in ihr nie etwas
anderes als eine Sauerquelle mit schwachem Salzgehalt
gesehn haben. Sie liegt tief, kommt aus Grauwacke, und
ist \om Flötzgebirge weit entfernt. Ihre Temperatur er-
hielt sich bisher beständig zwischen 18 und 20 Gr. R.;
sie
417
sie perlte und schäumte bei dem Hervorbrechen und war
stets mit einer Schicht von kohlensaurem Gas bedeckt.
Die glücklichen Versuche auf Steinsalz am Neckar, wel-
che der grofsen Saline von Nauheim den Untergang
drohten, verleiteten auch bei Nauheim zu bohren, als
hätte man es hier mit einer wirklichen Salzquelle im
Flözgebirge zu thun, und als wäre es denkbar, dafs ein
solches Bohrloch auf eine Salzschicht führen könne. Vom
September bis December 1822 hatte man ein Bohrloch
60 Fufs tief gestofsen, und wirklich hatte sich die Sohle
von 2^- auf 3 Proc. Gehalt vermehrt. Ihre Wärme war
22 Gr. R. Im Februar 1823 ward die Arbeit bis 80 F.
Tiefe fortgesetzt. Es erschien nun eine unglaubliche
Menge Wasser, wenigstens 36000 Cubikfufs in 24 Stun-
den; die Quelle stieg schäumend und brausend bis 10 F.
unter der Schachtwand. Sie hatte jetzt 25 Grad R. Tem-
peratur gewonnen, dampfte sehr stark, und war, durch
die Menge der entbundenen und im Schacht mehr als
1 Fufs hoch stehenden Kohlensäure sogar gefährlich ge-
worden, aber der Salzgehalt hatte sich jetzt nicht ver-
mehrt. Solche Zunahme von Wärme und von Kohlen-
säure würde wahrscheinlich überall das Resultat seyn,
wenn man den Sauerwässern der Tiefe durch tiefe Bohr-
löcher neue und tiefere Auswege eröffnen wollte.
Ein anderes, und sehr merkwürdiges Beispiel dieser
Einrichtung der Natur liefert die Gegend von Carlsbad.
Die heifsen Quellen dringen mit bedeutender Wärme
(68 Grad R.) aus Granit in einem engen Thale, in einer
Art von Spalte am Ausgang des Thaies gegen die Ebene.
Dieser Granit bildet aber, wie so häufig in Gebirgen, so
auch in diesem Theile von Böhmen, eine Art von Ellip-
soid über dem Boden, oben von Gneus und Hornblend-
schiefer bedeckt. Es ist auf diese Art ein von den übri-
gen reihenförmigen Ketten ganz getrenntes Gebirge, und
wird nördlich durch das Egerthal vom Erzgebirge, westlich
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J.1828. St. 3. D d
418
vom weiten Thale, in dem Königswarlha und Plan lie-
gen, vom Böhmer Waldgebirge geschieden. Der Granit,
der die Felsen von Carlsbad bildet, findet sich ununter-
brochen am unteren Abhang dieser ellipsoidischen Masse
hin, und zuweilen auch bis zu einer grofsen Höhe. Wäre
dem Carlsbad entgegengesetzt auch ein so tiefer Abfall
bei Königs wartha oder Plan, ein eben so tief geöffne-
tes Thal, so würden wahrscheinlich auch dort eben so
heifse Wässer hervorkommen. Marienbad aber, am west-
lichen Abfall dieses Gebirges, liegt noch mehr als 1000 F.
über Carlsbad; es erscheinen also nur die Sauerquellen
über den heifsen, und diese in solcher Menge, dafs nicht
allein bei dem Marienbade ganze Sanerbäche abfliefsen,
sondern dafs auch die meisten Dörfer bis auf dem Gea
birge in ihrer Nachbarschaft eine Sauerquelle besitzen
Sehr viel Kohlensäure, noch bei weitem mehr als mit
den Wässern vereinigt ist, entweicht unmittelbar in der
Luft. Zwischen Marienbad und Einsiedel sind alle Mo-
räste so mit Kohlensäure erfüllt, dafs sie durch grofse
hölzerne Trichter aufgefangen, und als Niederschlagungs-
mittel in mehreren Fabriken genutzt wird.
Was ungestört, wohlthätig und geräuschlos mit hei-
fsen Wässern und mit Sauerquellen aus der Erde her-
vorsteigt, ist wahrscheinlich nichts anders, als was in
Yulcanen Hindernisse zersprengt, zerschmilzt, und gewalt-
sam und zerstörend weit umher über die Flächen ver-
breitet Eine fortwährende Oxydation oxydirbarer Stoffe
unter dem Granit. Was auf dem festen Lande mit Was-'
sern fortgeführt wird, mufs unter dem Meere zurückblei-
ben, bis der zu starke Druck der gefangenen Mächte sie
zu zerstörenden und wieder neu bildenden Ausbrüchen
zwingt.
419
VI. Einige Bemerkungen über den Bernstein;
von J. J. Berzelius.
(Aus den Vetensh. Acad. Handllng, für 1827.)
JLis ist bekannt, dafs der Bernstein am gewöhnlichsten
mit Braunkohlen vorkommt, nnd dafs man ihn in neuerer
Zeit wie ein Harz in einem Baumstamme abgesondert, in
der Braunkohlenmasse sitzend gefunden hat. Es bleibt
also fast kein Zweifel mehr übrig, dafs diefs fossile Harz
anfänglich ein Pflanzenharz gewesen sey. Die vielen
darin eingeschlossenen Körper, wie z. B. Spinnen, Flü-
geln von Insekten aller Arten (eine völlig aufgebrochene
Blumenkrone, welche sich in der Sammlung der Gesell-
schaft der Wissenschaften zu Upsala befindet), die zar-
ten Eindrücke von Binden und Zweigen, welche sich
nicht selten darauf finden, beweisen hinlänglich, dafs der
Bernstein, wie das gemeine Harz, als ein natürlicher Bal-
sam, aber weit dünnflüssiger wie jenes, ausgeflossen und
erst späterhin wie das Harz hart geworden ist. Die
ferneren Beweise, welche ich diesem Umstände hinzufü-
gen werde, würden daher sicher überflüssig seyn, wenn
sie nicht sonst an sich von Interesse wären.
Ich zerstiefs ein ungefähr 15 Gramm, wiegendes Stück
Bernstein, das gröfstentheils weifs und undurchsichtig, in-
wendig aber schwach gelb und durchsichtig war. Ich wurde
dabei durch einen starken imd angenehmen Geruch eines
flüchtigen Oeles überrascht, welcher dem eines Gemenges
von Pfeffer- und Bosmarinöle glich, und so lange anhielt,
als das Pulvern dauerte, von dem Pulver aber bald ver-
schwand. Das Pulver wurde mit Aether digerirt, der
frei von Weinöl war. Der Aether färbte sich gelb.
Nachdem er abfiltrirt worden, wurde neuer Aether auf-
gegossen, und damit fortgefahren, so lange sich derselbe
noch färbte. Es ist bekannt, dafs der Aether ein Harz
Dd2
420
aus dem Bernstein zieht, welches darin zu ungefähr 8 Proc.
vom Gewichte des Bernsteins enthalten ist, und dafs die
ses Harz der Tinctura Succini ihre vermeintliche Wirk-
samkeit giebt.
Die ätherische Lösung wurde in einer Retorte mit
Wasser gemischt und der Aether abdestillirt ; wobei die
Masse eine halbe Stunde lang auf ungefähr -J-50 erhal-
ten wurde, um die letzten Bückstände von Aether ab-
zuscheiden. Auf der Flüssigkeit schwamm ein weiches,
stark und angenehm riechendes Harz von der Consistenz
des Terpentins. Ein Theil desselben wurde abgenom-
men und in ein XJhrglas gelegt, wo es klar und fast farb-
los, so wie in Masse gelb wurde. Es klebte an den Fin-
gern und liefs auf ihnen den Geruch zurück, welcher erst
nach 24 Stunden verschwand. Allmälig wurde es weni-
ger klebrig, und nach acht Tagen hatte es die Eigen-
schaft, an den Fingern zu haften, verloren, war aber
selbst nach drei Wochen noch weich und riechend.
Ein anderer Theil von diesem Balsam wurde in der
Betorte mit noch mehr Wasser gemischt und destillirt.
Dabei ging ein mit dem Geruch des Harzes geschwän-
gertes Wasser über, worauf sich einige kleine Oeltropfen
sammelten. Nachdem das Sieden einige Zeit hindurch
ununterbrochen fortgesetzt worden, wurde das Feuer fort-
genommen. Das Harz war in der Siedhitze des Wassers
noch weich und halbflüssig, trübe und blafsgelb; aber es
erhärtete beim Erkalten, und war dann leicht zu Pulver
zu reiben. Es behielt dabei einen guten Theil seines
Geruchs.
Das in der Retorte zurückgebliebene Wasser war
halbklar, schmeckte zuerst kühlend, wie Pfeffermünzwas-
ser, und alsdann säuerlich, und roch nach dem flüchti-
gen Oele des Harzes. Man filtrirte es ab, wobei es fast
klar wurde, und überliefs es dem freiwilligen Verdun-
sten, worauf Bernsteinsäure zurückblieb, in schwachgel-
ben, unregelmäfsigen Krystallen, und mit dem eignen
421
charakteristischen Geschmack begabt, welchen man zu-
weilen einem durch die trockne Destillation gebildeten
imd mit der Säure innig vereinigten Körper hat zuschrei-
ben wollen. — Diefs ist also ein durchaus entscheiden-
der Beweis, dafs die Bernsteinsäure eben so im Bern-
stein, wie die Benzoesäure im Benzoeharze, enthalten ist,
und dafs keine Art von zersetzender Einwirkung des
Feuers oder der kaustischen Alkalien *)■ erforderlich ist,
um sie hervorzubringen.
Das überdesüllirte Wasser war klar, farblos, und
von einem starken, gewürzhaften Geruch, der dem des
zerstofsenen Bernsteins ähnlich, aber nicht ganz so an-
genehm war. Sein Geruch war in den ersten Augen-
blicken kühlend, wie der vom Pfeffermünzwasser, liefs
aber auf der Zunge ein lange anhaltendes gelindes Bren-
nen zurück. Eniige kleine Oeltropfen, welche darauf
schwammen, wurden auf einem Glase bald fest, und
machten es fettig, so dafs es "Wasser von sich stiefs.
Ich habe aus dem Wasser, weder durch Zusatz von
Kochsalz noch durch Abkühlung, etwas mehr von dem
darin aufgelösten Oele abscheiden gekonnt.
Digerirt man feingeriebenes Bernsteinpulver lange
Zeit mit wasserfreiem .Alkohol, so bekommt man eine
gelbe Auflösung, welche dieselben Harze enthält. Ver-
dunstet man diese Lösung in einer Pvetorte, bis der Spi-
ritus gröfstentheils übergegangen ist, mischt dann Wasser
hinzu imd destillirt wiederum, so erhält man wohl eine
Portion hellselben Harzes auf der Flüssigkeit gesammelt,
aber das meiste bleibt darin verlheilt und bildet eine
Milch, welche weder durch Sieden noch durch Pvuhe
klar wird. Nach dem Eintrocknen bleibt eine halb pul-
verförmige Masse zurück, aus welcher Wasser, mit Zu-
rücklassung des Harzes, Bernsteinsäure auszieht. — Die
*) Unverdorben hat zuerst gezeigt, dafs gepulverter Bernstein,
mit einer Lösung von kaustischem Kali in Alkohol behandelt,
bernsteinsaures Kali giebt.
422
Lösung in Wasser hinterläfst, nach dem Verdunsten, einen
blafsgelben, sauren, extractähnlichen , nicht kiystallisiren-
den Stoff zurück. In Wasser gelöst und mit ein wenig
Ammoniak versetzt, wird er gefällt und aus der filtrirten
Lösung erhält man, durch Verdunsten, saures bernstein-
saures Ammoniak in Krystallen. Was es für ein Stoff
sey, der durch das Alkali aus der Säure gefällt wird,
habe ich nicht näher untersucht.
Nachdem das flüchtige Oel von diesem Balsam ab-
destillirt worden, bleibt ein gelbes, undurchsichtiges, bröck-
liches und inwendig Blasen enthaltendes Harz, welches
beim Siedepunkt des Wassers weich und halbflüssig wird,
bei gewöhnlicher Temperatur der Luft aber so bröcklig
ist, dafs es zwischen den Fingern zu Pulver gerieben
werden kann. Für sich erhitzt, schmilzt es ziemlich leicht,
ohne durchsichtig zu werden, wozu eine höhere Tempe-
ratur erfordert wird. Es hat dann fast das Ansehen eines
klaren Bernsteins. Vom kaustischen und kohlensauren
Alkali wird es zu einer klaren gelben Flüssigkeit aufge-
löst, welche indefs nicht eher klar wird, als bis ein Ueber-
schufs von Harz hinzukommt, weil die Verbindung des
Harzes mit dem Alkali fast unlöslich ist in Wasser, wel-
ches freies Alkali aufgelöst enthält. Verdunstet man diese
Lösung, so riecht sie beständig nach dem flüchtigen Oele,
und endlich bleibt eine durchsichtige gelbe Masse von
Harz -Alkali zurück. Uebergiefst man dieses mit Was-
ser, so wird es undurchsichtig und läfst einen schleimi-
gen Rückstand ungelöst, welcher eine geringere Quanti-
tät vom Alkali enthält, und gröfstentheils ein anderes Harz
als das, welches in der Lösung bleibt. Alkohol zerlegt
das eingetrocknete Harzkali auf gleiche Weise wie das
Wasser.
Behandelt man das gelbe Harz mit Alkohol von 0,84
spec. Gewicht in der Kälte, so wird es weich und klebrig;
siedet man die Lösung, so löst es sich auf. Die Lösung ist
gelb, und setzt während des Erkaltens ein weifses Pulver
423
ab, welches fast krystallinisch aussieht. Läfst man die
Flüssigkeit verdunsten, so setzt sich noch mehr von die-
sem weifsen Pulver ab, und endlich bleibt eine gelbe
Auflösung zurück, welche, eingetrocknet, ein durchsich-
tiges gelbes, etwas weiches, noch nach dem flüchtigen
Oele des Bernsteins riechendes Harz hinterläfst. Dieses
Harz ist leicht löslich in Alkohol, noch mehr in Aether,
und giebt mit Alkalien hellgelbe Lösungen, die von einem
Ueberschufs des Alkali's gefällt werden und zu einem glän-
zenden, durchsichtigen, ohne Rückstand in Wasser lösli-
chen Firnifs eintrocknen. Säuren fällen aus diesen Auf-
lösungen ein weifses, gelatinöses Pulver, welches beim
Trocknen zusammenbackt, einen glänzenden Bruch erhält
und ein Harzhydrat ist.
Das weilse Pulver, welches sich aus der alkoholi-
schen Lösung absetzt, ist ein eigenthümliches Harz. Es
löst sich wenig in kaltem Alkohol von 0,84, löst sich
aber darin bei der Siedhitze ohne Farbe auf, und setzt
sich beim Erkalten auf dem Glase ab, woran es zuwei-
len sehr fest haftet. Vom wasserfreien Alkohol wird es
ziemlich gut in der Kälte gelöst; die Lösung ist farblos,
und wenn man sie dem freiwilligen Verdunsten aussetzt,
bleibt endlich ein schnee weifses , zartes und leichtes Pul-
ver zurück, welches keinen Geschmack und Geruch be-
sitzt. Vom Aether wird es ungefähr eben so gelöst wie
vom Alkohol. Erhitzt, kömmt es träge in Flufs und ver-
langt eine hohe Temperatur, wobei es anfängt sich zu
zersetzen, ehe es recht flüssig wird. Es verbindet sich
mit Alkalien; die Lösung ist farblos und giebt, nach dem
Eintrocknen, eine weifse, nicht durchsichtige Masse, wel-
che bei Wiederauflösung in Wasser gröfstentheils unge-
löst bleibt, in Gestalt einer weifsen, aufgeschwollenen
Masse. Die Verbindungen derselben mit Alkalien, wer-
den aus ihrer Lösung in Wasser durch freies Alkali ge-
fällt. Durch Säuren gerinnen sie; der Niederschlag ist
farblos und gesteht wie Thonerdehvdrat. Trocken, ist
424
er weifs und erdig. Die Gegenwart dieses Harzes bewirkt,
dafs eine Auflösung des gemischten Harzes in Alkohol,
auf eine Glasscheibe gebracht, einen der Kreide ähnlichen
Ueberzug hinterläfst ; auch ist es hauptsächlich dieses Harz,
welches, nach Vermischung der alkoholischen Lösung mit
Wasser und nach Abziehung des Alkohols, im Wasser
aufgeschlämmt bleibt. Es ist ferner die pulverförmige
Einmengung dieses Harzes, welche dem Rückstände, nach
Destillation mit Wasser, seine gelbe Farbe und seine Un-
durchsichtigkeit ertheilt.
Der Theil des Bernsteins, welcher vom Aether oder
wasserfreien Alkohol nicht gelöst wird, ist auch in Alka-
lien und in flüchtigen Oelen unlöslich. Man hat mit Un-
recht angegeben, dafs der E ernstein sich sowohl in koh-
lensauren als auch in kaustischen Alkalien auflösen müsse.
Wenn er, fein gerieben, lange mit einem Alkali gekocht
wird, so erhält man eine alkalische Flüssigkeit, welche
wenig Harz, aber dagegen bedeutend viel Bernsteinsäure
enthält. Filtrirt man sie vom Bernsteinpulver ab, und
übergiefst dieses, nach einmaligem Waschen mit kaltem
Wasser, mit siedendem Wasser, so löst sich Harz-Alkali
darin, und man bekommt die beiden, zuvor erwähnten,
Harze in der Lösung; sie können mit Säuren ausgefällt
werden. Auch die dabei erhaltene saure Flüssigkeit ent-
hält Bernsteinsäure. Das, was das Alkali ungelöst läfst,
ist durchaus derselbe Stoff, welcher bei Behandlung mit
Alkol oder Aether zurückbleibt.
Dieser Stoff, welcher ein Product der Veränderung
des natürlichen Balsams zu seyn scheint, beträgt mehr
als -j- 9 ^ vom Gewichte des Bernsteins, und bildet ein Pul-
ver, welches Wasser ausgiebt. In einem offenen Gefäfse
gelinde erhitzt, raucht es und riecht fast wie stark er-
hitztes Fett, wird braun und schwillt auf, aber scheint
nicht schmelzen zu wollen, ohne sich zu verkohlen. Auf
diese Weise geröstet, bis es endlich schwarzbraun gewor-
425
den ist, löst es sich, mit Alkohol oder Aether behandelt,
fast gänzlich darin auf.
Wenn dieses Pulver in einem Destillationsgefäfse
einer gelinden Hitze ausgesetzt wird, so giebt es zuerst
etwas farbloses Wasser, welches eine Spur von Bern-
steinsäure enthält, und dann kommt ein farbloses, brenz-
liches Oel, welches völlig wie Oleum cerae riecht und
bis än's Ende der Operation erscheint, wo es hellgelb
wird, und den Geruch von Bernsteinöl annimmt. Bei
einer gewissen Temperatur schmilzt das Pulver, kocht
und giebt fortwährend dasselbe Oel. Die Masse bleibt
bis aus Ende der Operation geschmolzen, wo es eine
dünne Kruste von Kohle hinterläfst, und ein wenig
eines durchsichtigen gelben Peches giebt, welches im
Halse sitzen bleibt. Der gröfste Theil der Masse hat
sich in das Oel verwandelt, welches in Berührung
mit der Luft gelb wird und sich endlich völlig dunkel
färbt, ganz wie die brenzljchen Oele der Fette.
Wasser umdestillirt, geht langsam ein farbloses Oel über
imd es bleibt ein geruchloses, gelbbraunes Pech zurück,
welches auch nach dem Erkalten weich bleibt.
Wenn der unlösliche Theil des Bernsteins in einem,
gegen den Zutritt der Luft verschlossenen Gefäfse ge-
schmolzen wird, und man die Masse, sobald sie völlig
fliefst, vom Feuer nimmt, so erhält man nach dem Er-
kalten einen durchscheinenden , dunkelbraunen, harzähn-
lichen Stoff, welcher sich leicht zu Pulver reiben läfst
und dabei ganz auffallend elektrisch wird. Die Farbe
dieses Pulvers ist gelb. Der Alkohol zieht daraus beim
Kochen eine geringe Portion eines hellgelben, gröfsten-
theils in Alkalien unlöslichen Harzes. Aether löst das
vom Alkohol Ungelöste gröfstentheils auf, mit bräunlicher
Farbe, läfst aber einen andern Theil, zähe und klebrig,
ungelöst. Dieser letztere löst sich mit brauner Farbe in
Terpentinöl und recüficirtem Petroleum auf, mit Hinter-
426
lassung einiger aufgeschwollenen hellen Schuppen. Ter-
pentinöl löst das geschmolzene Harz leicht auf, bis auf
Zurücklassung dieser Schuppen. Kaustische Alkalien zie-
hen beim Sieden etwas von dem in Alkohol löslichen
Harze aus. Der Rückstand, oder der in Aether und
Terpentinöl lösliche Theil verbindet sich nicht mit Alka-
lien. Das, was bei Auflösung in Terpentinöl zurück-
bleibt, besteht aus aufgeschwollnen , durchsichtigen, gel-
ben, elastischen Schuppen, welche, nach Verdunstung des
Oels, hart und etwas dunkel werden, wo sie dann dem
unveränderten, unlöslichen Bestandtheil des Bernsteins
ahnlich sind. Ihre Menge ist beträchtlicher, wenn die
Masse kürzere Zeit geschmolzen wird. Es ist übrigens
klar, dafs die Beschaffenheit dieses durch das Schmelzen
gebildeten Harzes ungleich ausfällt, je nachdem das Schmel-
zen längere oder kürzere Zeit gedauert hat; weil dabei
beständig brenzliches Oel entwickelt wird, von dem eine
grofse Masse fortgeht, schon ehe die Masse zu schmelzen
anfängt. Dafs durch dieses Schmelzen bereitete Harz macht
den Hauptbestandteil des Colophoniurn Succini aus.
Der in Alkohol und Aether unlösliche Stoff des Bern-
steins hat in mehrerer Hinsicht besonders Aehnlichkeit mit
dem in Alkohol und Aether unlöslichen Stoff, welcher
in geringer Menge im Gummilack enthalten ist (John's
Lackstoff), und welcher darin in noch gröfserer Menge
gebildet wird, wenn man eine Lösung des Gummilack -
Kali's mit Chlor bleicht und fällt. Des Vergleiches hal-
ber, nahm ich eine Portion von diesem Stoff und erhitzte
sie in einem Deslillationsgeschirr. Ich fand dabei, dafs
er, unter reichlicher Bildung eines dem Oleum cerae
ähnlich riechenden Oeles, zu einem analogen, durchsich-
tigen braunen Harze schmolz. Aus diesem Harze zog
Alkohol eine geringe Portion eines, nach Verdampfen
des Alkohols, gelblichen durchsichtigen Harzes, das nach
gebranntem Gummilack roch. Aus dem in Alkohol Un-
löslichen zog Aether mit gelber Farbe das meiste aus,
427
und das Zurückgebliebene gab mit Terpentinöl eine dun-
kelgelbe Auflösung, wobei ein in diesem Lösungsmittel
unlöslicher, aufgeschw ollner, elastischer Rückstand übrig
blieb, welcher ein wenig veränderter Lackstoff zu seyn
schien, ganz so wie es bei dem geschmolzenen Bernstein-
harze der Fall ist.
Da dieser eben erwähnte Stoff des Gummilacks die
Eigenschaft besitzt, dafs er, durch Auflösung in Alkali
und Fällung mit Säuren, wieder zu einem in Alkohol
löslichen, dem Gummilack ähnlichen Harze übergeht, und
da der unlösliche Theil des Bernsteins von kaustischer
Lauge nicht angegriffen wird, so kochte ich das mit Alko-
hol und Aether ausgelaugte Bernsteinpulver zusammen mit
einer Auflösung von kaustischem Natron ein, bei einer
ziemlich hohen Temperatur, bis diese Masse geschmolzen
war. Sie rauchte dabei etwas und entwickelte ein farb-
loses, flüssiges Oel. Nach dem Erkalten wurde die Masse
zu Pulver gerieben. Wasser zog daraus das Alkali aus,
und gab eine farblose Flüssigkeit, aus welcher Salzsäure
eine geringe Quantität eines weifsen Stoffes fällte, der
bei gelinder Erwärmung wie ein Harz schmolz und stark
wie Bernsteinöl roch. Nachdem die Lösung filtrirt und
bei gelinder Wärme zur Trockne verdunstet worden,
wurde das Salz mit wasserfreiem Alkohol behandelt, wo-
bei es eine Spur von Bernsteinsäure gab, welche meiner
Meinung nach von einem geringen Hinterhalte derjenigen
Bestandteile herrührt, die vom Alkohol und Aether aus-
gezogen werden, die aber zurückbleiben, wenn das Bern-
steinpulver grobkörnig ist, so dafs es nicht von diesen
Lösungsmitteln erweicht werden kann.
Das auf dem Filtrmn zurückgebliebene Pulver, einige
Mal mit kaltem Wasser gewaschen, löste sich vollkom-
men in lauwarmen Wasser, mit Hinterlassung von ein
wenig völlig unveränderten Pulvers der unlöslichen Be-
standlheile des Bernsteins. Die Lösung war braun und
hinterliefs nach dem Verdunsten zur Trockne eine Masse,
428
welche zersprungen war und vom Glase sich ablöste, ganz
wie der Rückstand einer Lösung von Braconnot's Ul-
min (oder von dem künstlichen Humusextract aus Säge-
spähnen und Kalihydrat). Als es aber in Wasser ge-
löst und mit einer Säure behandelt wurde, entstand ein
weifsgrauer Niederschlag, welcher, gewaschen und ge-
trocknet, zu einem durchsichtigen, dunkelgelben Harze
schmolz. Alkohol löste einen Theil davon mit gelber
Farbe auf; und was der Alkohol unaufgelöst liefs, löste
sich gröfstentheils und mit brauner Farbe in Aether, und
was dieser ungelöst liefs, wurde meist von Terpentinöl
aufgenommen. — Auch das ganze Harz löst sich leicht
und mit brauner Farbe in Terpentinöl auf. Die Behand-
lung mit Natronhydrat hatte folglich den unlöslichen Be-
standtheil des Bernsteins, gleich wie die Schmelzung des-
selben für sich, in ein Harz verwandelt; aber dieses Harz,
obgleich wie das zuletzt genannte aus drei besonderen
Harzen gemengt, unterscheidet sich dennoch von dem
durch blofses Schmelzen erhaltenen dadurch, dafs diese
drei Harze sich sämmtlich mit dein Alkali verbinden, und
wiewohl diese Verbindung, wie die des ursprünglichen
Bernsteinharzes, unlöslich ist in einer Flüssigkeit, welche
freies Alkali aufgelöst enthält.
Aus diesen Versuchen folgt, dafs der Bernstein zum
wenigstens fünf besondere Bestandteile enthält, nämlich:
1) Ein wohlriechendes flüchtiges Oel in geringer Quan-
tität; 2) Ein gelbes mit diesem Oel innig verbundenes
Harz, das leichtlöslich ist in Alkohol, Aether und Alkali,
leicht schmilzt und den gewöhnlichen nicht fossilen Har-
zen gleicht; 3) Ein Harz, welches nebst dem vorherge-
henden mit dem flüchtigen Oele verbunden ist, sich träge
in kaltem Alkohol löst, leichter in siedendem, und aus
ihm, beim Erkalten, in Form eines weifsen Pulvers nie-
derfällt, nach freiwilliger Verdunstung aber, in Form
eines lockeren, schneeweifsen Pulvers zurückbleibt. Die-
ses Harz löst sich in Aether und in Alkalien. Diese
429
beiden Harze und das flüchtige Oel, so wie sie durch
Aether aus dem Bernstein ausgezogen werden, bilden,
nach Verdunstung des Aethers über Wasser, einen hellgel-
ben, starkriechenden, klebrigen natürlichen Balsam, der erst
nach längerer Zeit hart wird und dabei einen Theil sei-
nes Geruches behält. Man hat allen Grund zur Verinu-
thung, dafs dieser Körper das ist, was der Bernstein ur-
sprünglich war, aber vielleicht jetzt ärmer an flüchtigem
Oel wie ehemals, und dafs die unlöslichen Bestandteile
des Bernsteins durch die Länge der Zeit sich aus diesem
Balsam gebildet, aber allmälig einen Theil desselben so
umschlossen haben, dafs dessen weitere Veränderung da-
durch gehindert worden ist. Der vierte Bestandteil ist
Bernsteinsäure, welcher von Aether und Alkohol, so wie
von Alkalien, neben jenem Balsam, ausgezogen wird.
Der fünfte Bestandtheil ist unlöslich in Alkohol, Aether
und den Alkalien, und hat einige Aehnlichkeit mit dem
Körper, welchen man im Gummilack findet (John's
Lackstoff), und welcher sich in grofser Menge bildet,
wenn die Auflösung dieses Harzes in Alkali mit Chlor
gefällt und gebleicht wird. Beide geben beim Schmelzen
in einem Destillationsgefäfs analoge Producte, und ob-
gleich der Bestandtheil des Gummilacks leicht vom Alkali
aufgenommen werden und wiederum Harz bilden, welches
nur unvollkommen und bei einer höheren, die Zusammen-
setzimg ändernden Temperatur mit dem Unlöslichen des
Bernsteins geschieht; so wird doch wieder ein Harz ge-
bildet, welches einige Eigenschaften des unlöslichen Bern-
steinharzes besitzt.
430
VII. Untersuchung über die zusammengesetzten
Aetherarten; von den HH. Dumas und
Boullay d. J.
(Annales de chimie et de physique , T. XXXVII. p. 15.^
JL'ie bis jetzt bekannten Aetherarten zerfallen in drei
Gattungen. Die erste begreift den Schwefel-, Phosphor-
und Arsenik -Aether, welche 1 , wie Hr. Boullay der Ael-
tere gezeigt hat, unter sich identisch sind; die zweite
schliefst die aus Doppelt -Kohlenwasserstoff und einer
Wasserstoffsäure zusammengesetzten Producte ein; und
die dritte umfafst die Aetherarten, welche, nach den sehr
merkwürdigen Versuchen des Hrn. T h e n a r d und denen
des Hrn. Boullay dem Aelteren, als Verbindungen von
Alkohol mit einer Sauerstoffsäure betrachtet werden.
Den Schwefeläther haben wir in einer früheren Abhand-
lung untersucht (S. 97. dies. Bandes der Ann. P.); die
Aether der zweiten Art scheinen uns wohl bekannt zu
seyn; es bleibt uns daher nur übrig, die andern hinsicht-
lich ihrer Zusammensetzung zu untersuchen. Diese Un-
tersuchung und ihre Resultate sind es, welche wir gegen-
wärtig der Academie überreichen.
Als am geeignetsten zu der beabsichtigten Untersu-
chung haben wir den Salpeter-, Essig-, Benzoe- und
Oxal-Aelher ausgewählt. Einige dieser Körper sind zwar
von vielen Chemikern untersucht worden, aber unter allen
in dieser Beziehung unternommenen Arbeiten, haben die
des Hin. Thenard die genausten Resultate geliefert.
Wir haben so oft Gelegenheit gehabt uns von deren
Genauigkeit zu überzeugen, dafs die Abweichung der
Folgerungen dieses berühmten Chemikers von denen, wel-
che wir durch unsere Versuche gezwungen angenommen
haben, uns veranlafst, die Frage von allen Seiten her zu
431
betrachten, ehe wir ein, vielleicht sonderbar scheinendes
Resultat annehmen.
In der That ist es nach Hrn. The'narcf's Versuchen
gewifs, dais der Salpeter-, Essig-, Benzoe- und Oxal-
Aether, mit kaustischem Kali behandelt, sich mehr oder
weniger schnell in Alkohol und in salpetrichtsaures (hypo-
nitrüe) *), essigsaures, benzoesaures oder oxalsaures Kali
verwandeln. Hr. Thenard schlofs daraus, was alle Che-
miker nothwendig annehme,! mufsten, dai's diese Aether-
arten aus den Säuren, die sich in den erhaltenen Kali-
salzen befanden, und den in Freiheit gesetzten Alkohol
gebildet waren.
So betrachtet waren diese Aether demnach wirkliche
Salze, in welchen der Alkohol die Stelle der Base ver-
trat. Und da die Alkalien den Alkohol auszuscheiden
vermochten, so war man durch nichts berechtigt, den ge-
ringsten Zweifel an einer so streng aus den Thalsachen
hergeleiteten Folgerung zu setzen.
Indefs stimmt die Analyse der erwähnten Aetherar-
ten nicht mit diesen Betrachtungsweisen überein. Der
Oxal- Aether z. B. enthält fast eben so viel Kohlenstoff
als der Alkohol, obgleich die Oxalsäure weit weniger von
demselben enthält. Eben so liefert der Essigäther mehr
Kohlenstoff als der Alkohol, und dennoch ist die Essigsäure
ärmer an demselben als der Alkohol. Ueberrascht von
diesem Widerspruch haben wir gesucht uns vor jeder
Fehlerquelle zu hüten, die uns hätte irreleiten können.
Wir haben den Alkohol abermals analysirt und sind
zu Resultaten gelangt, welche, wie aus unserer früheren
Abhandlung zu ersehen ist, denen gleich kommen, wel-
che die Chemiker gegenwärtig annehmen. Wir haben
auch die Analysen der organischen Säuren, die in die
Zusammensetzung der hier betrachteten Aetherarten ein-
*) Was die Verfasser Hypo-nitrite und Acide hypo-mtreux nen-
nen, ist hier, mit Berzelius, salpetrichtsaures Salz, salpetrichte
Säure genannt, da bekanntlich die acide nitreuar der Franzosen
keine Salze zu bilden iru Stande ist Man sehe darüber Ber-
zelius Lehrb. Th. g. p. 483. P.
432
gehen, wiederholt und gleichfalls Resultate erhalten, die
mit denen des Herrn Berzelius identisch sind. Die
Schwierigkeit, unsere Aether rein darzustellen, hätte uns
ohne Zweifel zu Fehlern verleiten können; allein wir
haben so viele Sorgfalt auf ihre Bereitung verwandt, dafs
diese Furcht ungegründet scheint. Diese Ueberzeugung,
hoffen wir, werden auch alle Chemiker mit uns theilen,
die unsere Arbeit mit Aufmerksamkeit prüfen werden.
Am Ende blieb kein anderes Mittel zur Erklärung
übrig, als die eben nicht wahrscheinliche Annahme, dafs
alle Versuche des Hrn. Thenard mit einem constanten
Fehler behaftet seyen. Indefs, als wir diese Versuche
wiederholten, fanden wir, wie zu erwarten stand, dafs
sich die erwähnten Salze erzeugten und der Alkohol mit
allen seinen Kennzeichen abgeschieden wurde.
Man mufste sich also nothwendig zur Annahme einer
Hypothese entschliefsen, welche allein mit jenen wider-
sprechenden Erscheinungen vereinbar war. Wir gerie-
then schon zu Anfange unserer Untersuchung auf diese
Hypothese, und waren überrascht von ihrer Ueberein-
stimmung mit unseren Resultaten; allein erst dann wag-
ten wir uns auf sie zu verlassen, als wir sie durch alle
Thatsachen, die wir sammeln konnten, unterstützt fanden.
Sie besteht in der Annahme, dafs die zusammengesetzten
Aethcrarten, welche wir untersucht haben, aus Schwefel-
äther und einer Sauerstoffsäure gebildet sind. Dafs man
also Alkohol mittelst Kali aus ihnen abscheiden kann,
rührt daher, dafs der frei werdende Aether sich des nöthi-
gen Wassers bemächtigt, um wieder in den Zustand von
Alkohol zurückzukehren.
Der Alkohol und Schwefeläther zeigen sich hier also
unter einem neuen und besonderen Gesichtspunkt, wel-
cher auf verschiedene noch dunkle Erscheinungen in der
organischen Chemie ein grofses Licht zu werfen verspricht.
Nachdem wir nun den allgemeinen Gesichtspunkt,
welcher durch unsere Untersuchung gewonnen ist, gezeigt
ha-
433
haben, wollen wir ihn im Einzelnen prüfen; denn wir
fühlen wohl, dafs ein solcher Schlufs erst dann, wenn
er auf sicheren Grundlagen ruht, angenommen werden
kann.
Wir werden demnach die vier Aetherarten, welche
Gegenstand miserer Untersuchung sind, analysiren, und
hinsichtlich deren Bereitung alles übergehen, was den
Beobachtungen des Hrn. The'nard, die uns immer äufserst
genau geschienen haben und sicher allen Chemikern be-
kannt sind, nichts hinzufügen würde.
Diese vier Aetherarten haben wir immer auf drei
verschiedene Weisen untersucht. Zunächst haben wir
ihre elementare Zusammensetzung ausgemittelt, dann die
Dichte ihrer Dämpfe gemessen, und endlich auch, zu grö-
fserer Gewifsheit, die aus ihnen abzuscheidende Menge
von Säure und Alkohol direct bestimmt. Aus der Ge-
sammtheit dieser Resultate hat sich unsere Ueberzeugung
gebildet, und wie sonderbar unsere Hypothese auch schei-
nen mag, so müssen wir sie doch für gegründet halten,
da drei so verschiedene Wege uns zu demselben Resul-
tate geführt haben.
Bereitung und allgemeine Eigenschaften der von uns
untersuchten Aetherarten.
Salpeteräther. Wir haben der Vorschrift, welche
Hr. T h e' n a r d zur Bereitung des Salpeteräthers giebt, nichts
hinzuzufügen, es sey denn die Bemerkung, dafs die Ope-
ration mn so leichter und die Ausbeute verhältnifsmäfsig
um so gröfser ist, je geringer die Menge ist, mit welcher
man arbeitet. Diefs ist leicht begreiflich, wenn man er-
wägt, mit welcher Kraft diese Reaction vor sich geht.
Arbeitet man z. B. mit 200 Grm. Salpetersäure und
200 Grm. Alkohol von 40° (wahrscheinlich Beaume)
in einer Retorte von 3 Pinten, so braucht man nicht die
R.etorte zu erkalten, wenn man nur das Feuer auslöscht,
sobald die Pveaction anfängt. Die Operation geht dann
Annal.d.Physik.B.88.St.3.J.1828.St.3. Ee
434
ruhig fort, und der Aether verdichtet sich gänzlich in der
ersten erkalteten Flasche, welche Salzwasser enthält. Man
kann also die übrigen Flaschen fortlassen, wodurch der
Apparat vereinfacht und der Druck verringert, also die
Operation bequemer gemacht wird.
Von der obigen Menge von Alkohol und Säure
haben wir, nach den bekannten Methoden gereinigt, 45
bis 50 Grm. Aether bekommen. In diesem Zustande ist
er gelblichweifs und röthet nicht das Lackmus. Bei
H-4° C. und einem Drucke von m ,760 haben wir seine
Dichte gleich 0,886 gefunden.
Essigäther. Um alle Ungewifsheit hinsichtlich der
Reinheit dieses Körpers zu vermeiden, haben wir es vor-
gezogen, ihn nach der alten Methode zu bereiten, welche
darin besteht, dafs man ein Gemenge von gleichen Thei-
len concentrirter Essigsäure und reinen Alkohols 12 bis
15 Mal destillirt. Dadurch verschafft man sich zwar leicht
einen alkoholischen Essigäther; aber allen Alkohol von
ihm abzuscheiden, ist unglaublich schwierig. Begnügt man
sich, das Product zwei bis drei Mal zu waschen, und
dann mittelst einer Destillation über Chlorcalcium zu
trocknen, so erhält man einen Aether, dessen Dichte, in
Dampfform, gleich 2,5 oder nahe gleich 2,5 ist. Wäscht
man ihn dann von neuem und trocknet ihn abermals, so
ist seine Dichte gestiegen und gleich 2,6 oder 2,7. Aber-
malige Auswaschungen bringen sie auf 2,8, auf 2,9, auf
3,0, auf 3,3 und endlich auf 3,06, wo sie dann aufhört
zu steigen. Nicht weniger als 12 bis 15 Waschungen
sind erforderlich, um den Essigäther auf diesen Punkt
zu bringen, und da das Wasser eine ziemlich beträcht-
liche Menge desselben löst, so wird ein ganz ansehnli-
ches Quantum, welches man zu Anfange erhalten hat, zu-
letzt auf einige Grammen reducirt. Daher mufs man, um
eine hinreichende Menge zu erhalten, zum wenigstens mit
einem Kilogramm des Gemenges arbeiten.
So bereitet und gereinigt, siedet der Essigäther bei
435
74 y C. unter einem Druck von m ,76; seine Dichte und
die Spannung seiner Dämpfe haben wir wegen Mangel
am Material noch nicht bestimmen können.
Benzoeäther. Der Benzoeäther läfst sich leicht nach
dem von Hin. The'naitl angegebenen Verfahren berei-
ten. Es besteht bekanntlich darin, dafs man ein Ge-
menge von Alkohol, Chlorwasserstoffsäure und Benzoe-
säure eine Zeit lang kocht. Als die Hälfte der Flüssig-
bei der Destillation übergegangen war, cohibirten wir
keit dieselbe, und diese Operation wiederholten wir 2
bis 3 Mal. Die gröfste Menge des Aethers findet sich in
dem Rückstand. Man schied ihn mittelst Wasser ab,
und einige Waschungen befreiten ihn von dem gröfsten
Theil seiner überschüssigen Säure. Wir liefsen ihn nun
über Massicot sieden, bis sein Siedepunkt fix geworden
und der Ueberschufs seiner Säure gesättigt war, und de-
stillirten ihn darauf mit Vorsicht, wodurch wir ihn völlig
rein und durchaus farblos erhielten.
Durch das angegebene Verfahren verwandelt man
fast die ganze Menge der angewandten Säure in Aether.
Kaum findet sich von ihr etwas in dem Recipienten, wenn
man die letzte Destillation gut geleitet hat.
So bereitet, siedet der Benzoeäther bei 209° C, und
hat bei der Temperatur 10°,5 C. eine Dichte von 1,0539;
die Spannung seiner Dämpfe ist sehr schwach.
Oxaläther. Wir haben diesen Aether nach der Vor-
schrift des Hrn. The'nard bereitet; allein die Mengen,
welche man nach derselben erhält, sind so unbeträcht-
lich, dafs, nach den zur Reinigung des x\ethers nöthigen
Behandlungen, selten genug übrig bleibt, um seine Eigen-
schaften erforschen zu können. Nach einigen Proben
sind wir bei dem folgenden Verfahren stehen geblie-
ben, welches uns diesen Aether in Menge geliefert hat.
Man destillirt nämlich 1 Th. Alkohol, 1 Th. Kleesalz
und 1 Th. Schwefelsäure zusammen. Dabei geht zuerst
Alkohol über, dann Schwefeläther und endlich eine ölige
Ee 2
436
Flüssigkeit, welche sich am Boden des Recipienten sam-
melt. Man kann die Destillation so lange fortsetzen, bis
die Retorte keine alkoholische Flüssigkeit mehr enthält.
Die letzten Producte sind am reichsten an Oxaläther. Er
ist es übrigens, welcher das erwähnte ölige Fluidum aus-
macht. Man mufs ihn von den darüberstehenden Alko-
hol trennen und ihn dann in einen mit Wasser gefüllten
Glashafen schütten. Oft schwimmt er auf dem Wasser;
allein in dem Maafse als der ihm beigemengte Schwefel-
äther verdampft, fällt er in grofsen Tropfen zu Boden
des Gefäfses. Giefst man den übergegangenen Alkohol
zurück oder schüttet eine neue Portion iUkohol in die
Retorte , so kann man noch eben so viel Oxaläther, wie
beim ersten Mal, erhalten. Eine dritte Destillation giebt
auch noch etwas, aber wenig. Nach Beendigung aller
dieser Operationen behandelt man die alkoholischen Pro-
ducte mit Wasser und giefst dem abgeschiedenen Oxal-
äther zu dem früher erhaltenen.
Der so bereitete Aelher ist sehr sauer und enthält
überdiefs Wasser, Alkohol und Schwefeläther. Um
ihn zu reinigen, behandelten wir ihn mit gepulverter Blei-
glätte, und liefsen ihn mit derselben sieden, bis sein Sie-
depunkt, der anfangs zwischen 90° oder 100 ' lag, auf
183° oder 184° C. gestiegen war, wo er stehen blieb.
Wenn man diese Operation in einem Ballon mit kurzem
Halse vornimmt, werden Wasser, Schwefeläther und Alko-
hol verflüchtigt, und die freie Säure bildet oxalsaures Blei-
oxyd, von dem, so wie von der überschüssigen Bleiglätte,
man den Aether leicht durch Abgiefsen trennen kann.
Man giefst nun den Aether, der ohne Wirkung auf Lack-
muspapier seyn mufs, in eine recht trockne Retorte und
destillirt ihn über.
So bereitet stellt er eine ölige Flüssigkeit dar, die
bei 7°,5 C. eine Dichte von 1,0929 besitzt, und unter
einem Druck von m ,76 zwischen 183° und 184° C. sie-
det. Seine Dämpfe haben nur eine geringe Spannung.
437
Sein Geruch ist aromatisch, und hat nebenbei einige
Aehnlichkeit mit dem von Knoblauch oder Phosphor.
Den Gebrauch des Kali's haben wir bei seiner Rei-
nigung vermieden, weil er von diesem leicht zersetzt wird.
Eben so mufsten wir auch auf die Anwendung von Chlor^
calcium verzichten, da dasselbe zersetzt wird und sicht-
lich Oxalsäuren Kalk bildet, ohne Zweifel, wie wenig-
stens der Geruch andeutet, zugleich auch Salzäther.
Auch die Waschungen mit Wasser haben wir un-
terlassen, weil schon Wasser allein diesen Aether schnell
zersetzt. Als wir einst 25 bis 30 Grm. von ihm acht
Tage lang in einem Glashafen unter Wasser stehen lie-
fsen, ist es uns begegnet, dafs nach x\blauf dieser Zeit
aller Aether verschwunden war, und das Wasser nur
eine gesättigte Lösung von Oxalsäure enthielt; die Wände
des Gefäfses hatten sich dabei mit Krystallen bekleidet,
die hinsichtlich ihrer Gröfse und der Reinheit ihrer For-
men sehr merkwürdig waren.
Man wird im Verlaufe dieser Abhandlung sehen,
welche Function die Mineralsäuren bei der Bereitung des
Renzoe- und Oxaläthers ausüben. Einige Chemiker haben
geglaubt, der Zusatz der Schwefelsäure habe hier eine
Erhöhung des Siedepunkts der Flüssigkeit zum Zweck,
wodurch die Verbindung zwischen der Säure und dem
Alkohol erleichtert werde. In dieser Hypothese würde
die Verbindung eine etwas erhöhte Temperatur zu ihrer
Bildung erfordern. Hr. The'nard dagegen hat angenom-
men, dafs die Mineralsäuren den Alkohol concentrirten
und ihn zur Bildung dieser Verbindungen geschickter
machten. Diese Meinung nähert sich mehr der unsrigen;
denn wir nehmen an , dafs der Alkohol durch die Schwe-
felsäure in Schwefeläther, als die wirkliche Basis der zu-
sammengesetzten Aetherarten, verwandelt werde.
438
Zerlegung der 11 ntersnchten Aetherarten in ihre
Elemente.
Diese Analysen wurden nach dem wohl bekannten
Verfahren mittelst Kupferoxyd angestellt, wobei wir ge-
wöhnlich den Apparat des Hrn. Gay-Lussac anwand-
ten. Die Aether wurden in kleine Fläschchen gethan und
in Dampfform über das bis zur anfangenden Rothgluth
erhitzte Kupferoxyd getrieben.
Salpeteräther (Ether hypo-nitreux). Nach den Er-
scheinungen, welche die Bildung des Salpeteräthers be-
gleiten, ist es wohl wahrscheinlich, dafs derselbe desoxy-
dirte Salpetersäure enthält. Hr. Thomson hat indefs
die Zusammensetzung desselben in der Annahme berech-
net, dafs er aus Salpetersäure und Doppelt -Kohlenwas-
serstoff gebildet sey. Diese Hypothese wird schon vor-
weg durch die sehr genauen Versuche des Hrn. The-
nard umgestofsen, da es diesem gelang den Aether in
salpetrichtsaures Kali und Alkohol umzuwandeln. In
defs könnte man sagen, die salpetrichte Säure und der
Alkohol wären nicht gebildet in ihm vorhanden, sondern
erst durch die Einwirkung der Alkalien erzeugt. Ver-
suchen wir daher, diese Zweifel durch directe Versuche
aufzuhellen.
Wir liefsen Salpeteräther in Dampfgestalt über Ku-
pferoxyd gehen, das bis zum anfangenden Glühen erhitzt
war, und trieben ihn dann durch eine ebenfalls rothglü-
liende Säule von Kupferspähnen. Bei jedem Versuche
setzte man die ersten Glocken mit Gas bei Seite, und
die übrigen prüfte man sorgfältig auf Stickstoffoxydgas und
Kohlenwasserstoffgas. Die Resultate von vier Versuchen
zeigten klar, dafs dieser Aether 4 Vol. Kohlensäure auf
1 Vol. Stickgas liefert. Wir erhielten nämlich:
Stickstoff
1) 80,4 Kohlensäure . .
. 19,6
2) 80,3 - - . .
. 19,7
3) 79,5 - - . .
. 20,5
4) 79,7 - - . .
. 20,3
Mittel 79,97 - - . .
. 20,03
439
Bei allen diesen Versuchen setzten wir das Stickgas
mit Sauerstoffgas in Berührung; aber diefs wurde nicht
geröthet, auch erlitt das Volumen beider Gase durch
ihre Mengung keine Aenderung. Als man hierauf Was-
serstoffgas zusetzte und das Gemenge verpuffte, über-
zeugten wir uns, dafs keine Kohlensäure gebildet wurde.
Die Absorption war nämlich in allen diesen Fällen genau
so, wie wenn Sauerstoff und Wasserstoff allein zugegen
gewesen wären.
Die folgenden Resultate werden die Analyse dieses
Aethers vollständig machen. Bei vier Versuchen, die auf
die gewöhnliche Weise angestellt wurden, erhielten wir:
Von ü 5 ,100 Salpeteräther . . 74,7 Kubikcentimet. Kohlen-
säure und Stickgas bei
0° C. und in ,76
- 0,100 - - 75,5 -
- 0,100 - - 75,8 -
- 0,100 - - 75,2 -
was nach dem obigen Verhältnisse 60 Kubikcentimeter
Kohlensäure und 15 Kubikcentimeter Stickgas giebt.
Anderseits haben wir das bei dieser Verbrennung
gebildete Gas gesammelt. Diefs Wasser wurde entwe-
der mit Chlorcalcium aufgefangen oder in Röhren con-
densirt, die bis — 12° C. erkaltet waren, Bei gut ge-
leiteten Versuchen war es niemals sauer noch alkalisch.
5 ,100 Salpeteräther gaben 0^,062 Wasser
0,100 - - - 0,063
0,100 - - - 0,062
0,100 - - - 0,061
Aus diesem und den vorhergehenden Resultaten folgt,
dafs der Salpeteräther gebildet ist aus:
Kohlenstoff 32,69
Stickstoff 19,00
Wasserstoff 6,85
Sauerstoff 41,46
100,00
440
Welche Resultate in Volumina umgewandelt, geben:
4 Vol. Kohlenstoffdampf, , .Kohlenstoff 32,02
1 Vol. Stickgas .... r onacll J Stickstoff 18,83
5 Vol. Wasserstoff . . f ™^. 1 Wasserstoff 6,65
2 Vol. Sauerstoff . . . J erÜalt (Sauerstoff 42,50*).
Unter einem andern Gesichtspunkt betrachtet, giebt
diese Analyse offenbar für die Zusammensetzung des
Schvvefeläthers:
4 Vol. Kohlenstoffdampfj
5 Vol. Wasserstoffgas > 1 Vol. Aetherdampf
0,5 Vol. Sauerstoffgas J
VVoÄup,} x ™ Sa 'P etrich,er #'
Diefs unerwartete Resultat wird vollends durch die
noch folgenden Resultate bestätigt.
Essigäther. Als wir die von den verschiedenen
Operationen herstammenden Aetherportionen, fanden wir
für ihre Zusammensetzung:
Kohlenstoff . . . 54,820 . . . 53,06 . . . 53,95
Sauerstoff .... 36,425 . . . 38,25 . . . 37,33
Wasserstoff. . . 8,755 . . . 8,69 ... 8,72
*) Es ist bemerkenswert]!, dafs die Analyse, bei "welcher Hr. The-
nard die Zersetzung in einem Porzellanrohr vornahm, fast ge-
nau mit unseren Resultaten übereinstimmt. Dieser berühmte
Chemiker hat nämlich gefunden ( Mem. d'Arcueil, T. II.
p. 367 J.-
Kohlenstoff 28,65
Stickstoff 14,49
Wasserstoff 8,54
Sauerstoff 48,52
Nach den gegenwärtig für die Zusammensetzung der Koh-
lensäure und des Wassers angenommenen Verhältnissen neu be-
rechnet, würde diese Analyse mehr Kohlenstoff und weniger
Wasserstoff geben. Doch weicht sie, nachdem diese Correctio-
nen gemacht sind, so wenig von dem berechneten Resultate ab,
dafs man nicht genug bewundern kann, mit welcher Geschick-
lichkeit Hr. Thenard alle die Schwierigkeiten, die mit sei-
nem verwickelten Verfahren verbunden waren, zu überwinden ge-
wufst hat.
441
Resultate, die offenbar vorstellen:
16 Vol. Kohlenstoffdampf-j denn in die--j Kohlenstoff 54,65
16 Vol. Wasserstoff . . >ser Annan- ^Wasserstoff 36,28
4 Vol. Sauerstoff . . . Jme hat man J Sauerstoff 9,07
Man kann sich also den Essigäther zusammengesetzt
denken, aus einem Atome Schwefeläther, H 10 C 8 O, und
einem Atome Essigsäure, H 6 C 8 3 .
Man wird bemerken, dafs der Essigäther 54 Proc.
Kohlenstoff enthält, wogegen im Alkohol nur 52 Proc.
und in der Essigsäure höchstens 49 Proc. enthalten sind.
JBenzoeäther. Die Analyse dieses Aethers bietet
einige Schwierigkeiten dar. Da nämlich sein Dampf eine
sehr grofse Dichte besitzt, und er eine beträchtliche Menge
von Kohlenstoff und Wasserstoff enthält, so entgeht sehr
oft ein Theil desselben der Zersetzung. Man erkennt
diefs aber ganz leicht an dem Geruch, den alsdann die
Gase oder das condensirte Wasser behalten haben, imd
oft selbst an dem Erscheinen von Oelstreifen in den er-
kalteten Theilen des Apparats. Diese Erscheinungen sind
immer mit einem zu geringen Verhältnifs von Kohlenstoff
bei der Analyse begleitet. Stellen sie sich aber nicht
ein, so sind die Mengen des Kohlenstoffs constant und
gerade so grofs, als sie es nach der Theorie, die aus
der Zusammensetzung der vorhergehenden Aether abgelei-
tet ist, seyn müssen.
Die Resultate seiner Zerlegung sind folgende:
Kohlenstoff
73,32
Sauerstoff
19,10
Wasserstoff
7,87
100,29
Wie bei den vorhergehenden Aetherarten, wird die
Zusammensetzung dieses Aethers dargestellt durch ein Atom
Benzoesäure H l2 C 30 O 3 plus ein Atom Schwefeläther
H 10 C 8 O. In der That sind die Data der Analyse, in
Volumina umgewandelt, folgende:
442
38 Vol. Kohlenstoffdampf
22 Vol. Wasserstoff
4 Vol. Sauerstoff
denn reducirt man diese Volumina auf Gewichte, so fin-
det man:
berechnet beobachtet
Kohlenstoff 72,69 statt 73,32
Sauerstoff 20,33 - 19,10
Wasserstoff 6,98 - 7,87
100,00 100,29
Oxaläther. Die Analyse dieses Aethers fiel bei
mehrmaliger Wiederholung befriedigend aus. Durch die
Leichtigkeit, mit welcher dieser Aether, wie man wei-
terhin sehen wird, sich durch Kali zerlegen läfst, eignet
er sich am besten zum Erweise des Hauptresultats die-
ser Arbeit. Wir haben fast immer so viel Kohlenstoff
in ihm gefunden, als im absoluten Alkohol; diefs würde
durchaus unmöglich seyn, wenn er aus Oxalsäure und
Alkohol gebildet wäre, weil die Säure 0,33 und der
Alkohol 0,52 Kohlenstoff enthält.
Unsere Resultate sind folgende:
Kohlenstoff . . . 49,61 . . . 48,95
Wasserstoff . . . 43,77 . . . 44,09
Sauerstoff .... 6,62 . . . 6,96
100,00 100,00
Verwandelt man diese Zahlen in Volume, so erhält
man offenbar:
12 Vol. Kohlenstoffdampf-% denn f Kohlenstoff 49,42
10 Vol. Wasserstoff . I diese J Wasserstoff 6,83
4 \ ol. Sauerstoff . . . J geben (.Sauerstoff 43,75
Diefs giebt nothwendig für die Zusammensetzung des
Oxaläthers ein Atom Schwefeläther H 10 C 8 O und ein
Atom Oxalsäure C 4 3 .
Das Hauptresultat dieser Analysen wird durch die
Dichte der Dämpfe dieser Aether vollkommen bestätigt.
443
Dichte des Dampfes der von uns untersuchten Aether.
Die Dichte dieser Aether, ausgenommen die des Salpe-
teräthers, wurde nach dem Verfahren des Hrn. Gay-Lus-
sac bestimmt. Wir haben viele Sorgfalt auf diese Versuche
verwandt, in der Ueberzeugung, dafs sie, besser wie jede
andere Methode, die wahre Zusammensetzung dieser Aether
kennen lehren würden. Fehler in der ersten Decimalstelle
sind bei solchen Versuchen unmöglich, und es ist wohl
selten, dafs zwei Hypothesen Resultate liefern, die nur
um eine Decimalstelle von einander abweichen.
Unsere Resultate über die Dichte des Salpeterälher-
Dampfs sind folgende. In drei Versuchen, die bei ge-
wöhnlicher Temperatur und unter einem Druck von m ,62
bis m ,65 gemacht wurden, erhielten wir 2,654 *), 2,626
und 2,628 für diese Dichte reducirt auf m ,76 (und wahr-
scheinlich 0° C), die der Luft als Eins gesetzt.
Nähme man an, dafs der Salpeteräther aus Alkohol
und salpetrichter Säure gebildet wäre, so würde keine
Hypothese gleichzeitig die Bedingungen erfüllen kön-
nen, die aus der Analyse und der Dichte des Dampfes
hervorgehen.
Nimmt man dagegen an, dafs der Salpeteräther aus
Schwefeläther und salpetrichter Säure in den vorhin ge-
nannten Verhältnissen zusammengesetzt ist, so findet man :
2 Vol. Schwefelätherdampf =5,1664
3 Vol. Sauerstoffgas ... =3,3078
2 Vol. Stickgas =1,9514
10,4256.
T . 10,4256 _ ___. . ; _ .
Da nun =2,6064 ist, und wir, nach dem
4
Mittel aus den beiden am besten gelungenen Versuchen,
*) Die erste dieser Zahlen ist etwas fehlerhaft, und zwar wegen
der Einwirkung des Salpeteräthers auf den Kitt des Ballons.
Bei den heiden folgenden Versuchen hatte man sich sorgfältig
gegen diesen Fehler verwahrt.
444
2,627 gefunden haben ; so führt uns diefs zu dem Schlufs,
dafs der Salpeteräther gebildet ist aus einem Volumen
Schwefeläther und wahrscheinlich einem Volumen salpe-
trichter Säure, ohne Condensation.
Essigäiher. Die Dichte seines Dampfs, auf 0° und
m ,76 reducirt, ist 3,067. Nach den vorhin angeführten
Datis, giebt die Rechnung:
16 Vol. "Wasserstoff =1,1008
16 Vol. Kohlenstoff =6,7520
4 VoL Sauerstoff =4,4104
12,2632.
12 2632
Nun ist — — =3,0658, was mit dem erhaltenen
4
Resultate vollkommen übereinstimmt.
Benzoeäther. Die Dichte seines Dampfs bestätigt
diese Resultate völlig. Wir haben dieselbe durch Ver-
suche, bei 0° und m ,76, gleich 5,409 gefunden. Be-
rechnet man sie nach der früher gegebenen Analyse, so
findet man:
38 Vol. Kohlenstoffdampf =16,036
22 Vol. Wasserstoff . . . = 1,5136
4 Vol. Sauerstoff . . . . = 4,4104
21,9600.
Nun ist--'. =5,49, eine Zahl, die sich wenig
4 °
von der gefundenen entfernt.
Oxaläther. Beim ersten Versuch fanden wir die
Dichte des Oxalätherdampfs =5,042, bei 0° und m ,76.
Ein zweiter, mit gröfseren Mengen und besonderer Sorg-
falt angestellt, gab 5,087. Darnach würde das Gewicht
eines Litres dieses Dampfes 6 S ,609 seyn, bei 0° und
m ,76.
445
Nun hat man durch Rechnung:
10 Vol. Wasserstoff =0,688
12 Vol. Kohlenstoff =4,410
4 Vol. Sauerstoff =5,064
10,162.
Aber — '— — = 5,081. Diese Zahl nähert sich der
durch den Versuch erhaltenen in dem Grade, dafs man
die Richtigkeit des Gesichtspunkts, unter welchem die
Rechnung angestellt wurde, nicht bezweifeln darf.
Zerlegung der von uns untersuchten Aether durch Kali.
Unstreitig hätten wir uns zur Aufstellung des Haupt-
gegenstandes dieser Abhandlung mit den obigen Analysen
begnügen können. Allein, wenn auch das Verhältnifs
von Säuren und Basis für den Salpeteräther nicht zwei-
felhaft ist, da es unmittelbar durch das Verhältnifs vom
Stickstoff zum Kohlenstoff gegeben wird; so mufs man
doch gestehen, dafs, für die drei andern Aether, diefs
Verhältnifs sich nur auf Versuche gründet, deren Ge-
nauigkeit nicht erweisbar ist.
Wir haben daher gesucht unsere Schlüsse durch
einfache und directe Versuche zu erweisen, wie durch die
Zersetzung mittelst wasserhaltiger oder wasserfreier Ba-
sen. Es haben sich uns dabei sonderbare Erscheinungen
gezeigt, die wir jetzt genau beschreiben werden. Wir
nehmen den Oxaläther als Muster. Er ist derjenige, des-
sen Studium in dieser Beziehung die wenigsten Schwie-
rigkeiten darbietet. Unsere Versuche mit den übrigen
Aetherarten sind zwar noch unvollständig, aber doch so
weit vorgerückt, dafs wir uns berechtigt glauben, die
hier angeführten Thatsachen zu verallgemeinern.
Man wird sehen, dafs sie möglichst gut mit den
vorhergehenden übereinstimmen.
446
3§,616 Oxaläther in Alkohol gelöst und mit reinem
Kali behandelt, winden schnell zersetzt. Die Flüssigkeit,
nach Verdünnung mit Wasser durch reine Salpetersäure
gesättigt, trübte sich nicht. Nun setzte man ihr Chlor-
calcium in geringem Ueberschufs hinzu. Der Oxalsäure
Kalk wurde gesammelt, gewaschen und über Feuer zer-
setzt, und der Rückstand, nachdem er in Gyps verwan-
delt worden, sorgfältig bis zum Rothglühen erhitzt. Der
letztere wog 3 ? ,365.
100 Tb. Oxaläther enthalten demnach 48,98 Oxal-
säure.
7 S ,348 Oxaläther, die 24 Stunden lang mit einer
concentrirten Lösung von reinem kaustischen Kali in Be-
rührung gelassen worden, wurden vollständig zersetzt.
Man brachte die Flüssigkeit in eine Retorte, welche
trocknes basisch kohlensaures Kali enthielt, spülte die
Flasche, welche die Flüssigkeit enthalten hatte, mit Was-
ser aus und gofs dasselbe ebenfalls in die Retorte, wor-
auf man nun das Ganze möglichst vorsichtig, um keinen
Verlust zu erleiden, der Destillation unterwarf. Man
sammelte hiebei 1S 3 ,277 einer alkoholischen Flüssigkeit,
deren Dichte 0,970 bei 10° C. betrug, und die folglich
0,25 absoluten Alkohols enthielt.
100 Th. Oxaläther gaben also 62,18 absoluten Alko-
hol. Man hat demnach:
48,98 Oxalsäure
62,18 Alkohol
111,16.
Das heifst, die Analyse gab einem Ueberschufs von
11,16. Diesen kann man nur dem Wasser zuschreiben,
welches sich im Moment der Trennung mit einem der
Körper verbunden hat Da nun die Oxalsäure kein Was-
ser enthalten komite, so ist klar, dafs dasselbe vom Alko <
hol aufgenommen seyn mufste. Die Rechnung beweist,
dafs es in diesem in einem solchen Verhältnisse enthalten
447
ist, dafs derselbe, wenn es abgezogen wird, in Schwe-
feläther zurückgehen würde. Denn es ist:
beobachtet
berechnet
Oxalsäure
48,98
49,28
Schwefeläther
50,06
50,72
Wasser
12,12
12,24
111,16 112,24.
Wir finden also durch die Analyse bis auf ein Hun-
dertel die Resultate wieder, welche durch die Rechnung
vorgesehen wurden, und wir glauben daher, dafs nach
diesem keine Ungewifsheit hinsichtlich unserer Bestim-
mungen übrig geblieben seyn kann.
Wie schon gesagt, haben wir auch gesucht den Ben-
zoeäther und die übrigen zusammengesetzten Aetherarten
durch Kali zu zersetzen, um diese neue Probe den be-
reits zu Gunsten unserer Meinung angeführten hinzufügen
zu können; allein, abgerechnet, dafs das Kali äufserst
langsam auf dieselben wirkt, und man zur Begünstigung
seiner Einwirkung einen Ueberschufs von ihm hinzusetzen
mufs, bilden auch die Benzoe- und Essigsäure keine ganz
unlösliche Salze, so dafs wir Mühe gehabt haben diese
Säuren quantitativ zu bestimmen. Da die Resultate, zu
denen wir gelangten, niemals mit einander übereinstimm-
ten, so versuchten wir unsere Hypothese dadurch zu veri-
ficiren, dafs wir den Oxaläther einem Verfahren unter-
warfen, wodurch wir hoffen konnten, den Schwefeläther
selbst abzuscheiden. Das Ammoniakgas, welches den Oxal-
äther augenblicklich zersetzt, schien uns diesen Zweck zu
erfüllen, und damit die Frage, ob der Oxaläther Alkohol
oder Schwefeläther enthalte, leicht entschieden zu seyn,
da bei diesem Versuche kein Wasser gebraucht wird.
Eine ungewogene Menge Oxaläther wurde einem
Strome von Ammoniakgas ausgesetzt, und dadurch bald
gänzlich in ein weifses Salz umgewandelt, welches wir
für oxalsaures Ammoniak hielten. Das flüssige Product,
448
welches bei dieser Reaction entstanden war, blieb mit
dem Salze gemengt; nachdem dasselbe durch eine gelinde
Hitze, verbunden mit der Wirkung des Ammoniakgas -
Stromes, ausgetrieben und von dem beigemengten Ammo-
niak befreit worden war, fanden wir zu unserm grofsen
Erstaunen, dafs diefs Product Alkohol war. Jedoch schien
uns auch zugleich, dafs die Quantität desselben weit ge-
ringer war, als sie es nach der Menge des angewandten
Oxaläthers hätte seyn müssen. Wir waren, wie leicht
zu denken, sehr erstaunt über dieses Resultat. Es blie-
ben uns nur zwei, gleich unwahrscheinliche Voraussetzun-
gen übrig. Erstlich, dafs unsere analytischen Resultate
und unsere Bestimmungen der Dichte der Dämpfe durch-
aus ungenau seyen; und zweitens, dafs sich bei diesem
Versuch das zur Bildung des Alkohols nöthige Wasser
gebildet habe. Im letzteren Falle hätte sich Stickgas und
Kohlenoxydgas entwickeln müssen; allein, als der Ver-
such in verschlossenen Gefäfsen angestellt wurde, zeigte
sich, dafs die Reaction ohne Entwicklung von Gas geschah.
Ueber diese sonderbaren Thatsachen nachdenkend,
und überzeugt von der Genauigkeit unserer früheren Ver-
suche, haben wir unbedenklich den Schlufs gemacht, dafs
das Ammoniak bei seiner Einwirkung auf den Oxaläther
ein Salz bilde, das aus aller Oxalsäure, aus der Hälfte
des Doppelt -Kohlenwasserstoffs und aus Ammoniak zu-
sammengesetzt sey, während die andere Hälfte des Dop-
pelt -Kohlenwasserstoffs, mit Wasser vereinigt, Alkohol
erzeuge.
Diese Annahme war leicht zu prüfen. Denn in die-
sem Falle durfte man aus einer gegebenen Menge Aether
durch Behandlung mit Kali nur die Hälfte des Alkohols
gewinnen können, und überdiefs mufste das zurückblei-
bende Salz in seinen Eigenschaften und seiner Zusammen-
setzung sehr von dem Oxalsäuren Ammoniak abweichen.
Dieser Schlufs ist durch die Erfahrimg vollkommen
bestätigt worden.
25
449
25 Gramm, reinen Oxaläthers wurden in eine Tubu-
la tretorte gebracht. In der Tubulatöffnung steckte ein
Meines Rohr, wodurch trocknes Amrnoniakgas zum Aether
geführt wurde, und der ausgezogene Hals der Retorte
ging in ein erkaltetes Rohr, worin der entwickelte Alko-
hol sich verdichten mufste. Nachdem man den Ammo-
niak-Strom einige Stunden lang unterhalten hatte, er-
hitzte man die Retorte in einem Wasserbade, bis sie
völlig trocken geworden war. Sie enthielt nun 19 s ,668
Salz; die alkoholische Flüssigkeit war sehr ammoniaka-
lisch; man sättigte sie mit verdünnter Schwefelsäure, und
destillirte sie darauf zur Trockne, Um den reinen Alko-
hol zu erhalten. , Man erhielt dadurch 14 s ,600 Weingeist
von 0,908 Dichte bei 12° C. Da der Alkoholgehalt hierin
51 Proc. beträgt, so hatte man also 7 5 ,884 absoluten Alko-
hol erhalten.
Wir erhielten also durch Ammoniak 31,536 Alkohol
aus 100 Aether; während wir durch Kali aus derselben
Menge 62,18, d. h., wie wir auch vorausgesehen, das Dop-
pelte, erhalten hatten.
Anderseits mufs das neutrale Oxalsäure Ammoniak
enthalten: 1 Atom Oxalsäure und 4 Volumina Ammoniak,
nämlich:
4 Vol. Kohlenstoffdampf.
5 Vol. Sauerstoff.
6 Vol. Wasserstoff.
2 Vol. Stickstoff.
Bei seiner Verbrennung mufs man also 2 Vol. Koh-
lensäure gegen 1 Volumen Stickgas erhalten, wie bei der
Verbrennung von Cyangas. In der That hat auch Herr
Döbereiner gezeigt, dafs das oxalsaure Ammoniak so
zusammengesetzt ist, dafs es sich unter Einwirkung der
concentrirten Schwefelsäure in Wasser und Cyan zersetzt.
Das Salz, welches wir erhalten hatten, mufste also
ganz anders zusammengesetzt seyn; denn es war eben-
falls neutral, und mufste, aufser den Elementen des vor-
Annal.d. Physik. B. 88. St. 3. J.1828. St. 3. Ff
450
hergehenden, die beiden vom Aether abgegebenen Vo
luraina Doppelt -Kohlenwasserstoff enthalten. Dadurch
mufste das Verhällnifs des Stickstoffs zum Kohlenstoff,
dem Volumen nach, wie 4:1 (wie 1:8? P.) werden.
Wir haben diefs Verhältnifs mit der gröfsten Sorg
falt mittelst Kupferoxyd bestimmt, und dabei immer ge-
nau 8 Vol. Kohlensäure auf 1 Vol. Stickgas erhalten.
Die Resultate waren so scharf, dafs diefs Verhältnifs uns
nicht einen einzigen Augenblick zweifelhaft geschienen
hat. Es lälst sich nur durch die Annahme erklären, dafs
dieses Salz, obgleich es neutral ist, dennoch nur die Hälfte
des Ammoniaks enthält, welches zur Sättigung der vor-
handenen Oxalsäure erfordert wird.
Hier die Endresultate dieses merkwürdigen Versuchs,
berechnet auf 100 Th. Oxaläther.
berechnet beobachtet
Alkohol 31,48 Alkohol 31,536
Oxalsäure 49,28^ q
Doppelt-Kohlenwasserstoff 19,24 1/ . c , ^ c /?,-r»
A • i nf-f tes Salz /8,672
Ammoniak 11,/oJ
111,75 110,208.
Die beobachteten Resultate kommen den berechne-
ten so nahe wie nur möglich , und überdiefs ist die Zu-
sammensatzung des Salzes bestimmt; denn man weii's, dafs
es alle Oxalsäure des Oxaläthers enthält, eben so viel
Doppelt-Kohlenwasserstoff wie der Alkohol, und endlich
so viel Ammoniak, als sich aus dem angegebenen Ver-
hältnifs von Stickstoff zum Kohlenstoff ergiebt.
Dieses Salz nähert sich offenbar durch seine Zu-
sammensetzung den schwefelweinsauren Salzen*), deren
*) Wir betrachten es als oxalweinsaures Ammoniak , oder viel-
mehr als ein oxalsaures Doppelsalz von Doppelt- Kohlenwasser-
stoff und Ammoniak. . Die Oxalweinsäure würde ein doppelt-
oxalsaurer Doppelt-Kohlenwasserstoff seyn, eben so wie die
schwefelweinsauren Salze schwefelsaure Doppclsalze von Doppelt-
Kohlenwasserstoff und den verschiedenen Salzbasen seyn wer-
den , und die Schwefelweinsäurc ein doppelt- schwefelsaurer
Doppelt- Kohlenwasserstoff.
451
fettiges Ansehen es auch besitzt, weicht aber durch seine
Löslichkeit ganz von ihnen ab. Denn das Wasser
löst in der Kälte sehr wenig auf, in der Wärme zwar
etwas mehr, aber doch weit weniger als vom Oxalsäuren
Ammoniak. Vom Alkohol dagegen wird es reichlicher
gelöst und in ziemlich schönen Krystallnadeln abgesetzt.
In allen Fällen fällt eine kalte oder heifse Lösung des-
selben weder die Kalksalze noch die Bleisalze. Es
scheint auch nicht auf die übrigen Melalllösungen zu wir-
ken; doch ist vielleicht die gelinge Löslichkeit dieses Sal-
zes Ursache davon. In der Wärme entwickelt der Baryt
Ammoniak daraus und bildet ein wenig lösliches Salz,
welches aber doch durch Concentration der Flüssigkeit
krystallisirbar ist. Durch Hitze zersetzt, scheint es sich
zum Theil zu sublimiren, ohne kohlensaures Ammoniak
zu geben, während ein kleiner Theil zersetzt wird, einen
Rückstand von Kohle hinterläfst und Spuren von Cyan-
wasserstoffsäure giebt.
Uebrigens werden das Studium dieses Salzes, der
darin enthaltenen Säure und der verschiedenen Arten die-
ser neuen Gattung nothwendig Gegenstand einer beson-
deren Abhandlung ausmachen, in welcher wir die Zu-
sammensetzung und Eigenschaften desselben ausführlicher
darstellen werden, so wie auch die der analogen Kör-
per, welche die anderen, uns beschäftigenden Aetherar-
ten aller Wahrscheinlichkeit nach bilden werden.
Indem wir diese Abhandlung beschliefsen, erlauben
wir uns einige aus derselben hervorgehende oder sich auf
dieselbe beziehende Ideen der Akademie aus einander zu
setzen.
Das unmittelbarste Resultat unserer Untersuchungen
besteht darin, den Schwefeläther als eine Salzbase, und den
Alkohol als ein Hydrat des Aethers zu betrachten. Man
erhält so für dieZusammensetzung dieser beiden Körper:
i t- i a iL i r 7 2 Vol. Doppelt-Kohlenwasserstoff.
1 \ol. Aetherdampf j 1 ^ ^ asserdampf<
Ff 2
452
i ir i ku i ij f f i v °l- Aetherdampf.
1 Vol. Alkoholdampf | | Vol Wasser(Iampf .
Was den Salpeter-, Essig- und Benzoe-Aether be-
trifft, so ist sehr wahrscheinlich, dafs sie bestehen aus:
4- Vol. Schwefelätherdampf.
4 Vol. Säuredampf.
Der Oxaläther macht eine Ausnahme, denn er enthält:
1 Vol. Schwefelätherdampf.
1 Vol. Säuredampf.
Aber sie alle, verglichen mit dem Alkohol, weichen
nur darin von diesem ab, dafs das Volumen des Säure-
dampfs durch ein gleiches Volumen Wasserdampf er-
setzt ist.
Es giebt indefs einen anderen, weit allgemeineren
Gesichtspunkt für die Zusammensetzung dieser Körper.
Er besteht darin, dem Doppelt -Kohlenwasserstoff selbst
einen alkalischen Charakter beizulegen; man ist dadurch
im Stande, die verschiedenartigsten Verbindungen dieser
Ordnung mit einem einzigen Blick zu übersehen. Wir legen
einigen Werth auf diesen Gesichtspunkt, und sind ver'an-
lal'st ihn wegen seiner Einfachheit dem bereits angegebe-
nen vorzuziehen.
Es fragt sich nun, ob das Doppelt-Kohlenwasser-
stoffgas wirklich den alkalischen Charakter besitzt, den
wir ihm beigelegt haben; indefs scheinen uns die folgen-
den Beweise keinen Zweifel in dieser Beziehung übrig
zu lassen.
Das Salz, welches wir durch Behandlung des Oxal-
äthers mit Ammoniak bekommen haben, enthält 2 Vol.
Ammoniak und 2 Vol. Doppelt-Kohlenwasserstoffgas, wel-
ches letztere die 2 Vol. Ammoniakgas ersetzen, die zur
Vervollständigung des neutralen Oxalsäuren Ammoniaks er-
forderlich sind. Der Doppelt-Kohlenwasserstoff besitzt also
genau dieselbe Sättigungscapacität wie das Ammoniak.
Im Chlorwasserstoff- und Jodwasserstoff- Aether ist
ein Volumen Säuregas gesättigt durch ein Volumen Dop-
453
pelt- Kohlenwasserstoffgas, eben so wie in dem neutralen
chlorwasserstoffsauren und jodwasserstoffsauren Ammo-
niak, Säure und Base zu gleichem Volumen verbunden
enthalten sind. Die Sättigungscapacität ist also auch hier
dieselbe.
Ein Atom der salpetrichten Säure, der Essig-, Benzoe-
oder Oxalsäure sättigt 4 Volumina Ammoniak. Nun ist
in den aus diesen Säuren gebildeten Aethern 1 Atom
von jeder derselben durch 4 Volumina Doppelt -Kohlen-
wasserstoff gesättigt. Also ist auch hier die Sättigungs-
capacität dieselbe.
Endlich findet man in den schwefelw einsauren Sal-
zen, welche man beliebig, entweder aus Unterschwefel-
säure, VVeinöl und einer Basis, oder aus Schwefelsäure,
Doppelt- Kohlenwasserstoff und einer Basis zusammenge-
setzt betrachten kann, nach der letzten Hypothese, dafs
1 Atom Schwefelsäure genau durch 4 Volumina Doppelt-
Kohlemvasserstoff gesättigt ist, wie dasselbe von 4 Vol.
Ammoniakgas gesättigt sevn würde. Die Sättigungscapaci-
tät wiederholt sich also auch hier genau auf gleiche Weise.
Fährt man fort, den Doppelt -Kohlenwasserstoff mit
dem Ammoniak zu vergleichen; so sieht man, dafs die
letztere Base bei ihrer Verbindung mit Wasserstoffsäu-
ren stets wasserfreie Salze giebt, während sie mit Sauer-
stoffsäuren immer Salze mit Kiystallwasser liefert, von
dem dieselben sehr schwer zu befreien sind, ohne dafs
sie nicht eine anfangende Zersetzung erleiden.
Dieselben Kennzeichen finden sich auch bei den Ver-
bindungen des Doppelt -Kohlenwasserstoffs mit den Säu-
ren. Die Wasserstoffsäuren bilden sämmtlich wasserfreie
Aether, d. h. Verbindungen von reiner Säure und Dop-
pelt -Kohlenwasserstoff. Das sind bis jetzt der Chlor-
wasserstoff- und Jodwasserstoff- Aether.
Die Sauerstoffsäuren dagegen bilden Aelher-Hydra'e,
d. h. Verbindungen von Doppelt-Kohlenwasserstoff, Säure
und Wasser.
454
Dieser letzte Gesichtspunkt umfafst, wie man sieht,
anscheinend sehr unähnliche Verbindungen. Unglückli-
cherweise hat man gegenwärtig keine Mittel, den Werth
desselben direct zu bestimmen. Da das Doppelt -Koh-
lenwasserstoffgas nicht löslich ist im Wasser, so kann es
nicht auf das Lackmus- und Veilchen -Pigment wirken,
welche gewöhnlich als Reagenzien für die Alkalien ge-
braucht werden. Man könnte noch entgegnen, dafs die
Aether, wenn sie Salze wären, mit den gewöhnlichen
Salzen doppelte Zersetzungen geben müfsten, welche man
doch nicht beobachtet hat; allein diese Erscheinungen sind
in ihrem Detail zu wenig bekannt, als dafs sie einen ge-
gründeten Einwurf abgeben können, da der Mangel an
Wirkung Folge der Erzeugung von löslichen, den schwe-
felweinsauren Salzen ähnlichen Verbindungen sevn kann.
Allein dennoch schmeicheln wir uns der Hoffnung,
dafs die hier erörterte Meinung angenommen werde; denn
ist nicht das beste aller Kennzeichen einer Base die Eigen-
schaft, den sauren Charakter eines damit begabten Kör-
pers zu zerstören? und findet man wohl offenbar neutra-
lere Salze als die Aether? Ueberdiefs kann ihre Flüs-
sigkeit oder Gasförmigkeit bei dieser Frage nicht in Be-
tracht kommen; denn es giebt Ammoniaksalze, die flüs-
sig sind, und das cyanwasserstoffsaure Ammoniak ist nahe
daran gasförmig zu sejn.
Die von uns beobachteten sonderbaren Umwandlun-
gen des Aethers in Alkohol und des Alkohols in Aether
würden wahrscheinlich ohne Widerspruch angenommen
werden, wenn wir sie durch ein schlagendes und unbe-
streitbares Beispiel unterstützen könnten. Ein solches
finden wir unter den merkwürdigen Untersuchungen des
Hrn. Chevreul über die fetten Körper.
Diese Körper scheinen uns die gröfste Aehnlichkeit
mit den von ims untersuchten zusammengesetzten Aethern
in besitzen. Wie diese, sind sie aus einer organischen
Basis und einer Säure zusammengesetzt; wie diese, wer-
455
den sie durch Einwirkung der Alkalien zersetzt ; wie diese
endlich, haben sie zur Basis einen Stoff, welcher, bei sei-
ner Trennung von der Säure, Wasser absorbirr, welches
man ihm dann nicht mehr entziehen kann.
Diese Beziehungen sind dem Scharfblick des Hrn.
Che vre ul nicht entgangen; aber sie erhalten durch un-
sere Versuche einen hohen Grad von Evidenz und In-
teresse, indem' die Bindung des Wassers, welche schon
bei der Verseifung eintritt, sich hier unter denselben Um-
ständen wieder findet. Wenn noch einige Zweifel über
die Salz -Natur der Oele und Fette übrig geblieben wären,
würde dieser Vergleich, wie uns scheint, hinreichend seyn,
sie zu heben. Bis auf den Umstand, dafs die Synthese
für jetzt die Oele mittelst der aus ihnen gezogenen Säu-
ren und Basen nicht wieder zusammensetzen kann, ent-
sprechen alle chemischen Kennzeichen derselben denen,
welche wir bei unseren Aethern aufgefunden haben. Es
ist in dieser Beziehung interessant, die Verseifung der
Ceiine z. B. mit der Behandlung des Oxaläthers mit Kali
zu vergleichen. Die fetten Säuren und die Oxalsäure ab-
sorbiren bei ihrer Abscheidung Wasser, welches man
ihnen nur" entziehen kann, wenn man sie mit einer Basis
behandelt. Die Cetine enthält Doppeit-Kohlenwasserstoff,
welcher bei der Verseifung sich mit Wasser zur Bildung
des Ethals verbindet; der Oxaläther enthält Schwefel-
äther, welcher bei der Einwirkung des Kali's sich mit
Wasser zur Bildung von Alkohol vereinigt. Die Aehn-
lichkeit läfst nichts zu wünschen übrig.
Eidlich scheint der Gesichtspunkt, der aus unsern
Resultaten hervorgeht, ein grofses Licht auf die Erschei-
nungen der geistigen Gährung zu werfen. Jedermann
weifs, wie viele Untersuchungen diese sonderbare Um-
wandlung des Zuckers erregt hat, und Wenigen wird es
imbekannt seyn, dafs es Hin. Gay-Lussac gelungen
ist, die Producte derselben auf die einfachste und zier-
lichste Weise darzustellen. Nach diesem berühmten Che-
456
miker wird der Zucker seiner Zusammensetzung nach durch
Alkohol und Kohlensäure dargestellt. Die Gährung ver-
setzt ihn in diesen neuen Zustand, indem sie seine Ele-
mente unter dieser neuen Form vereinigt. Soll aber diese
Hypothese annehmbar werden, so mufs man voraussetzen,
dafs der Zucker 4 oder 5 Proc. Kohlenstoff enthält, die
nicht wirken oder auf eine unbekannte Weise fortgeführt
werden; denn es ist nicht denkbar, dafs ein Fehler in
der Analyse des Zuckers vorhanden sey. Die Versuche
der HH. Gay-Lussac und Thenard, Berzelius,
Th. de Saussure und Eines von uns, stimmen zu gut
mit einander überein, als dafs ein solcher Fehler im ge-
ringsten wahrscheinlich seyn sollte.
Die Theorie der Gährung, wie sie von Hrn. Gay-
Lussac aufgestellt ist, läfst also einiges zu wünschen
übrig; aber diefs ist nicht mehr der Fall, sobald man
den Aether statt des Alkohols in der theoretischen Zu-
sammensetzung des Zuckers annimmt. Dann wird die
Uebereinstimmung zwischen der Theorie und der Erfah-
rung vollkommen, wie man sich leicht überzeugen kann.
Nach der Analyse des Hrn. Berzelius ist nämlich der
wasserfreie Zucker gebildet aus:
6 Vol. Kohlenstoffdampf.
5 Vol. Wasserstoff.
24 Vol. Sauerstoff.
Der Schwefeläther enthält:
4 Vol. Kohlenstoffdampf,
5 Vol. Wasserstoff.
4 Vol. Sauerstoff.
Es bleiben also übrig:
2 Vol. Kohlenstoffdampf.
2 Vol. Sauerstoff.
Das heifst, der Zucker kann betrachtet werden als
bestehend aus einem Volumen Aetherdampf und zwei
Volume Kohlensäure ; und daraus folgt, dafs bei seiner
Gährung das Volumen Aetherdampf ein Volumen Was-
457
serdampf aufnimmt, um in Alkohol überzugehen. Wenn
dem so ist, so mufs die Gewichtszunahme sehr beträcht-
lich und bestimmbar seyn. Auch haben wir uns vorge-
nommen, diese Erscheinung von Neuein mit der Aufmerk-
samkeit, welche sie verdient, und mit Hülfe der analyti-
schen Methoden zu untersuchen, welche Lavoisier und
dem Hrn. The'nard fehlten, als sie sich hiermit beschäf-
tigten.
Es sej uns erlaubt bis dahin bemerklich zu machen,
bis zu welchem Punkte unsere Erklärung mit den analy-
tischen Datis übereinstimmt. Der einzige Unterschied, wel-
cher zwischen den von uns angenommenen und den von
Hrn. Berzelius gefundenen ist, betrifft den Wasserstoff.
ISach ihm sind in dein Zucker 24 Vol. Kohlenstoffdampf,
10 Yol. Sauerstoff und 21 Vol. Wasserstoff. Wir nah-
men von letzterem nur 20 Vol. an , und wurden darin
durch die Untersuchungen der HH. Gay-Lussac und
Thenard, so wie durch die vieler anderen Chemiker
unterstützt, welche den Sauerstoff und Wasserstoff in
dem zur Bildung von Wasser erforderlichen Verhältnisse
im Zucker gefunden haben. Bemerken wir überdiefs,
dafs dieser Fehler von V T im Wasserstoff ungefähr dem-
jenigen proportional ist, welchen dieser so genaue Chemiker
bei seiner Analyse der Oxalsäure begangen hat. Diese
Betrachtungen mögen die Correction rechtfertigen, welche
wir uns erlaubt haben, und sind keinesweges übertrieben,
wenn es sich um Analysen von Hrn. Berzelius handelt,
Analysen, deren ungemeine Genauigkeit sich mit jedem
Tage bestätigt, und die eine so wichtige Epoche in der
Geschichte der Chemie ausmachen.
Der Trauben- und Stärkmehlzucker scheinen vor
allem darin vom Rohrzucker abzuweichen, dafs sie sich
wirklich als aus Kohlensäure und Alkohol zusammenge-
setzt betrachten lassen.
Denn nach der Analyse des Hrn. Th. de Saussure
enthalten diese Zucker C 6 H 7 3 -|, welche man auch so
458
darstellen kann: H 6 C 6 3 +HOJ, wobei das halbe Atom
Wasser als Krjstallwasser angenommen ist. Es bleibt
dann
H G C 6 3 ==C 2 2 +(H 4 C 4 +H 2 0),
d. h. der Stärkmehlzucker kann dargestellt als zusammen-
gesetzt aus gleichen Volumen Kohlensäure und Alkohol.
Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich der Rohr-
und Stärkmehlzucker als zwei Arten von kohlensaurem
Kohlenwasserstoff ansehen, die nur darin von einander
verschieden sind, dafs o*ie erste zwei Mal so viel Kry-
stallwasser enthält als die letztere.
Wir glauben und hoffen, dafs diese Betrachtungs-
weise mehr wie irgend eine andere geeignet ist, die wesent-
lichen Kennzeichen beider Zuckerarten zu erklären; auch
scheint sie uns mehr als irgend eine andere als Richt-
schnur pafslich, nicht blofs bei den Versuchen, durch wel-
che man die chemischen Eigenschaften derselben kennen
lehren könnte, sondern auch bei der Erklärung der dadurch
erhaltenen Resultate. Wir hoffen übrigens dieses noch bes-
ser zu belegen, wenn wir die Arbeit über die Zuckerarten
und die Gährung, mit der wir uns gegenwärtig beschäfti-
gen, der Academie vorlegen werden.
Wir haben die sämmtlichen Thatsachen, welche diese
Abhandlung einschliefst, in der folgenden Tafel zusam-
mengestellt und zwar in Atomen -Formeln ausgedrückt,
damit die Darstellung conciser sey. Man wird darin
eine solche Aehnlichkeit zwischen dem Ammoniak und
dem Doppelt -Kohlenwasserstoff bemerken, dafs wir zu
der Hoffnung berechtigt sind, man werde unsere Mei-
nungen als durch die Thatsachen vorgeschrieben anse-
hen. Unser einziger Wunsch ist, den Chemikern bei
der Erörterung dieser Thatsachen und den Folgerungen
aus ihnen eine Richtschnur zu geben ; sollten wir uns
irren, so wird die Zeit und die Erfahrung unsere Irrthü-
mer berichtigen; beim gegenwärtigen Gesichtspunkte aber
scheinen unsere Folgerungen fast abgedrungen zu seyn.
459
Vergleichimg der Verbindungen des Doppelt-Kohlen-
wasserstoffs mit denen des Ammoniaks.
Namen der Verbindungen.
Chlorwasserstoffsaures Ammoniak
Chlorwasserstoffsaurer Doppel t-Koh-
Ienwasserstoff . ( Chlorwasserstoff-
äther}
Jodwasserstoffsaures Ammoniak . . .
Jodwasserstoffsaurer Doppelt-Kohlen-
■wasserstoff {Jodwasserstoffäther)
Wasserhaltiges salpetrichtsaures Am-
moniak . . . ,
Wasserhalt, salpetrichtsaurer Dop-
pelt- Kohlenwasserstoff {Salpeter-
äther) > • • •
Wasserhalt, essigsaur. Ammoniak . .
Wasserhalt, essigsaur. Doppelt-Koli-
lenwasserstoff {Essigäther) . . .
W^asserhalt. benzoes. Ammoniak . .
Wasserhalt, benzoes. Doppelt-Koh-
lenwasserstoff {Benzoeäther) . .
Oxalsaures Ammoniak, krystallisirt
und getrocknet
Wasserhalt, oxalsaur. Doppelt-Koh-
lenwasserstoff (Ojcalälher) . . . .
Doppelt -schwefelsaures Ammoniak .
Doppel t-schwefelsaur. Doppel t-Koh-
lenwasserstoff {Schwefels einsäure)
Doppelt -oxalsaures Ammoniak . . . .
Doppelt-oxalsaurer Doppelt-Kohlen-
wasserstoff {Oxalw einsäure) . . .
Wasserhaltiges doppelt- kohlensaures
Ammoniak . . -
Wasserhalt. doppelt-kohlens.Doppelt-
Kohlenwasserstoff {Rohrzucker) .
Basis.
AzH 3
Säui
4H 2 C 2
2 AzH 3
4H 2 C 2
2 AzH 3
4H 2 C 2
2 AzH 3
4H 2 C 2
2 AzH 3
4H 2 C 2
2 AzH 3
4H 2 C 2
2 AzH 3
4H 2 C 2
2HCh
2H 2 C 2
2HC1
AzH 3
2HJ
2H 2 C 2
2HJ
2 AzH 3
Az Az
Az Az
H 6 C 4 3
H 6 C 4 3
H 12 C 30 O 3
H 12 C 30 O 3
C 4 3
C 4 3
2S
2S
2C 4 3
2C 4 3
4G
4G
Wassei
HH
HH
HH
HH
HH
HH
HH
HH
HH
IUI
460
Nanien der Verbindungen.
Basis.
Saure.
Wasser
Doppelt- wasserhalt, doppelt- kohlen-
saurer Doppelt -Kohlenwasserstoff
4H 2 C a
4C
2HH
Achtel-Doppeltkohlen wasserstoff-Hy-
drat (Ethal)
16H 2 C 2
HH
Halb -Doppeltkohlenwasserstoff- Hy-
4H 2 C 2
HH
Doppeltkohlenwasserstoff- Hydrat
4H 2 C 2
2HH
AzH 3
2HH
Man sieht, dafs alle in dieser Tafel aufgeführten
Verbindungen, mit Ausnahme der Hydrate, einander ge-
nau entsprechen.
Die Ammoniakflüssigkeit dagegen enthält doppelt so
viel Wasser als das Alkohol; diefs läfst glauben, dafs
man in dem mit Wasser verdünnten Alkohol irgend eine
Eigenschaft entdecken werde, die zur Festsetzung einer
der Ammoniakilüssigkeit entsprechenden Gränze geeig-
net sey.
Recht wünschenswerth wäre es, dafs die Chemiker
die systematischen Namen annähmen, welche wir für die
Aether vorgeschlagen haben. Es würde ein grofser Schritt
zur Beförderung der organischen Chemie seyn. Freilich
haben die Namen das Unbequeme, dafs sie ein weniger
länger als die alten sind; allein sie machen es dadurch
wieder gut, dafs sie ein getreues und niedliches Bild von
den durch sie bezeichneten Verbindungen geben. Alle
Personen, welche sich mit dem Studium der organischen
Chemie beschäftigt, müssen eingesehen haben, wie be-
schwerlich und lästig dieses Studium dadurch ist, dafs
aller Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung und
dem Namen mangelt, wodurch man gehindert wird, den
Verfolg einer Reihe von Erscheinungen mit Leichtigkeit
zu übersehen.
461
Die Chemiker werden sich erinnern, dafs es Hrn.
Faraday gelungen ist, den Doppelt-Kohlenwasserstoff
direct mit concenlrirter Schwefelsäure zu verbinden. Sie
werden sich auch erinnern, dafs derselbe Chemiker zu-
erst die Meinung ausgesprochen hat, die Schwefelsäure
werde von diesem oder den analogen Gasen gesättigt.
Gerechterweise mufs man aber hinzusetzen, dafs diese
Hypothese weniger die von Hin. Faraday beobachte-
ten Thatsachen und gemachten Analysen erklärt, als die
des Hrn. Gay-Lussac, in dem Grade, dafs wir noch
heute die Resultate seiner Analysen als den triftigsten
Einwand betrachten, den man gegen unsere Ideen machen
könnte. Das heifst, wenn die letzteren angenommen wer-
den, halten wir uns berechtigt, den Beweis von ihnen als
in der That uns angehörend zu betrachten.
Folgerungen.
Aus den in dieser Abhandlung enthaltenen Thatsa-
chen geht, wie uns scheint, hervor:
1. Dafs der Doppelt Kohlenwasserstoff die Rolle
eines sehr mächtigen Alkali's spielt, welches an Sättigungs-
capacität dem Ammoniak gleich ist, und vielleicht die
meisten Reactionen desselben zeigen würde, wenn es,
wie dieses, im Wasser löslich wäre.
2. Dafs der Schwefelälher und Alkohol Hydrate
vom Doppelt-Kohlenwasserstoff sind.
3. Dafs die zusammengesetzten Aetherarten Salze
vom Doppelt-Kohlenwasserstoff sind, und zwar wasser-
freie, wenn sie mit Wasserstoffsäuren, und dagegen was-
serhaltige, wenn sie mit Sauerstoffsäuren gebildet sind.
4. Dafs mehrere Säuren, wie es scheint, im Stande
sind mit dem Doppelt-Kohlenwasserstoff saure Salze zu
bilden, entsprechend der Schwefelweinsäure. Diese sau-
ren Salze, mit Basen vereinigt, geben Doppelsalze, die
den schwefelweinsauren Salzen ähnlich sind.
5. Dafs der Aether im Momente seiner Freiwer-
462
düng sich oft in Alkohol verwandeln kann, unter ver-
schiedenen Umständen, welche ihn Wasser absorbiren
oder vielmehr Doppelt-Kohlenwasserstoff verlieren lassen.
6. Dafs, wie schon Hr. Chevreul angedeutet hat,
eine offenbare Beziehung zwischen der Zusammensetzung
der Fette und der der Aether vorhanden ist.
7. Und endlich, dafs alle Erscheinungen der Gäh-
rnng mit den Analysen des Rohr- und Traubenzuckers
in Uebereinstimmung kommen, wenn man diese Körper
als Verbindungen von Kohlensäure, Doppelt-Kohlenwas-
serstoff und Wasser ansieht; dafs auch der Rohrzucker
als kohlensaurer Schwefeläther und der Traubenzucker
als kohlensaurer Alkohol betrachtet werden kann.
VIII. Octaedrischer Borax.
Wie bekannt krystallisirt das neutrale borsaure Natron
(der Borax) gewöhnlich in Krystallen, die hinsichtlich
ihrer Form zum zwei- und eingliedrigen (Weifs) oder
tetartoprismatischen (Mohs) Systeme gehören, 10 Atome
Kryslallwasser enthalten und ein spec. Gewicht von 1,740
besitzen. Nach Hrn. Payens Beobachtung (Journ. de
chirn. thedic. 1828, iV. IV, p. 153.) ist es indefs auch
fähig in einer andern Form, mit geringerem Wasserge-
halte anzuschieisen. Löst man nämlich in Wasser von
100° C. so viel Borax auf, dafs die Lösung eine Dichte
von 1,246 bekommt, und läfst dieselbe langsam erkalten,
so erhält man von 79° C. an, bis zu 56° C. , Krystalle
von octaedrischer Form, welche nur 5 At. Krystallwas-
ser enthalten, ein spec. Gewicht von 1,815 besitzen, här-
ter sind wie gewöhnlicher Borax, und sich auch darin
von diesem unterscheiden, dafs sie in Wasser oder feuch-
ter Luft durch Absorption von Wasser trübe werden.
Bei weiterer Erkaltung, unterhalb 56° C, giebt die Lö-
sung wiederum die gewöhnlichen Krystalle. — Mehrere
Beispiele von dem Einflüsse der Temperatur auf die Kry-
stallisation der Salze findet man übrigens in dem Aufsatze
des Prof. Mitscherlich, Bd. 87. S. 323. dies. Annalen.
463
IX. Beobachtungen über die Ausdehnung des
Meerwassers zwischen -j-8° und — 3° R.;
von G. A. Er man Juri.
inige Beobachtungen, welche in den Polarregionen über
die verhältnifsmäfsige Dichte und Temperatur des Meer-
wassers, an der Oberfläche und in grofser Tiefe, gemacht
worden sind, scheinen die Hypothese zu begünstigen, dafs
die Gewässer in einer beständigen Strömung begriffen
seyen, unten von dem Pole zum Aequator und oben um-
gekehrt vom Aequator zu dem Pole. Es ist klar, dafs
diese Hypothese oder jede andere, welche man an ihre
Stelle .setzen könnte, nothwendig und ausschliefslich von
der Lösung der Aufgabe ausgehen mufs: Ob das Meer-
wasser, wie das süße Wasser, vor Erreichung seines
Gefrierpunkts zu einem Maximum seiner Dichte ge-
lange.
I)e Luc, der Graf Rumford und Marcet haben
diese Frage zuerst berührt. Die Zweifel, welche ihre
Versuche übrig lassen, erklären sich leicht, wenn man
ein Mifsverständniis beachtet, zu welchem ihre, Metho-
den Anlafs gegeben haben. Sie mafsen nämlich die Aus-
dehnung des Meerwassers in Thermometerröhren. So-
bald nun in dem Behälter dieser Apparate die Bildung
von Eis begann, wirkten die Ausdehnung dieses und die
fortfahrende Zusammenziehung des noch flüssigen Theils
in entgegengesetztem Sinne, und da hiedurch eine Com-
pensation beider Wirkungen eintrat, so glaubte man, dafs
bei dem Meerwasser wirklich ein Maximum, wenn gleich
unterhalb 0° , vorhanden sey. Man hat sogar von die-
sem Satze bereits einige Anwendungen auf die Physik
der Meere gemacht.
Es ist daher zweckmäfsig solche Methoden zu wäh-
len, bei denen keine so verwickelte Wirkungen auftreten,
464
wie auch in der That hei dem freien Meerwasser, wel-
ches den eigentlichen Gegenstand dieser Aufgabe aus-
macht, nicht der Fall ist.
Die ausführliche Auseinandersetzung der angewand-
ten Methoden wird zeigen, dafs sie frei sind von den
Einwürfen, welche man der thermometrischen Methode
machen kann.
Vielleicht haben diese Untersuchungen sich einer be-
sonderen Aufmerksamkeit der Physiker zu erfreuen, da
sie auf Aufforderung des Hrn. Alexander von Hum-
boldt unternommen worden sind.
Vier Methoden haben, abgerechnet einige geringe
Unregelmäfsigkeiten, einstimmig das Resultat gegeben, dafs
in der Zusammenziehung des Meerwassers zwischen +8°
und — 3° R. keine Anomalie vorhanden ist.
Diefs Resultat wurde erhalten:
1) Durch Wägungen mittelst einer vortrefflichen
hydrostatischen Wage. Die zu untersuchende Flüssigkeit
war in einem kaum 4 Kubikzoll fassenden Gefäfse ent-
halten und mit einer Kältemischung umgeben; durch öfte-
res Umrühren wurde sie vollkommen auf eine gleichför-
mige Temperatur gebracht.
2) Mittelst eines Nicholson'schen Aräometers, wel-
ches zur Controlle der Wägungen mit der Wage diente.
3) ISach der Ho pe 'sehen Methode durch Beobach-
tung der aufsteigenden Ströme.
4) Durch eine Methode, die meines Wissens in die-
ser Art noch nicht angewandt worden ist, und die mir
eine grofse Genauigkeit mit der elegantesten Einfachheit
zu vereinigen scheint. Sie erfordert nämlich blofs, dafs
man das stufenweise Erkalten eines Thermometers beob-
achte, welches entweder in reines Wasser oder in die
zu untersuchende Lösimg eingetaucht ist.
465
I. Bestimmungen der hydrostatischen Wage.
Der eingetauchte Körper war eine Glaskugel.
Das absolute Gewicht derselben war .... 674s ran ,424
Das G ew. im destillirten Wasser bei + 12 ° R. 400,200
Das Gew. in einer Kochsalzauflös. bei + 12°R. 392,940
Diei's giebt zunächst das specifische Gewicht der un-
tersuchten Lösung == 1,0270, wenn das des Wassers zur
Einheit angenommen wird. Da nach Hrn. Berzelius
das specifische Gewicht des Meerwassers zwischen 1,028
und 1,026 schwankt, so kann unsere Lösung als ein Meer-
wasser von mittlerer Dichte angesehen werden.
Die nachstehende Tafel enthält in der zweiten Ko-
lumne die Gewichtsabnahmen der Glaskugel, welche den
Temperaturen in der ersten Kolumne entsprechen. Die
dritte Kolumne giebt die daraus hergeleiteten Dichten,
berichtigt nach der von den HH. Dulong und Petit
gegebenen kubischen Ausdehnung des Glases.
Reanmur.
Gewichts-
Spec. Gewicht das
Grad.
abnahme.
bei 0° R. = 1 gesetzt
— 3,10
284,36
1,00002
— 2,30
284,36
1,00002
— 0,20
281,34
1,00000
0,00
284,34
1,00000
+ 0,88
284,28
0,99977
+ 0,88
284,28
0,99977
+ 1,50
284,26
0,99960
+ 2,00
284,26
0,99960
+ 2,20
284,24
0,99956
+ 2,40
284,18
0,99928
+ 2,60
284,16
0,99930
+ 2,90
284,16
0,99926
+ 3,10
284,16
0,99926
+ 4,48
284,16
0,99922
+ 6,22
284,16
0,99917
+ 6,67
284,06
0,99880
+ 7,11
284,04
0,99870
+ 7,55
283,96
0,99844
+ 8,00
283,96
0,99842
+ 8,49
283,90
0,99818
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. S
,3. Gg
466
Wendet man die Methode der kleinsten Quadrate
hierauf an, so findet man für die Dichten die Gleichung :
d<v = 1 — 0,0001474. t — 0,000006026. t 2
wo d^ die Dichte bezeichnet, welche der in Reau-
mur 'sehen Graden ausgedruckten Temperatur t entspricht.
Durch Differenziren der Gleichung überzeugt man sich,
dafs zwischen den Glänzen der Beobachtung ( + 8° und
— 3°) die Dichte kein Maximum erreichen kann. Die
Gleichung giebt zwar ein Maximum für — 12° R. ; allein
es ist klar, dafs für so weit aufserhalb der Beobachtung
liegende Temperaturen der analytische Ausdruck nicht
mehr genau seyn kann.
Die obigen Gewichte und die aus ihnen abgeleiteten
Dichten sind das Ergebniis mehrerer Reihen von Beob-
achtungen, die hier ohne Unterschied und Ausnahme,
nach den Temperaturen geordnet, zusammengestellt sind.
Die Uebereinstimmung zwischen den Beobachtungen, wel-
che gleichen Temperaturen entsprechen, kann zugleich
die Vorzüglichkeit der Methode und die Zuverlässigkeit
der erhaltenen Resultate beweisen.
Es ist sehr wichtig zu bemerken, dafs bei der Beob-
achtung, welche bei — 3 Ü ,00 gemacht wurde, sich nicht
die geringste Spur von Eis gebildet haue, was nur da-
durch möglich war, dafs man die Flüssigkeit in völliger
Ruhe erhielt. Läfst man, nachdem einmal zwischen — 2°,3
und 2°, 5 die Bildung von Eis an den Wänden- des Ge-
fäfses begonnen hat, die Kältemischung anhaltend auf die
Lösung wirken, so schreitet die Eisbildung am Boden
fort, ohne dafs dadurch die Wägungen gestört werden;
allein der flüssig gebliebene und über dem Eise befind-
liche Theil der Lösung erreicht kein Maximum der Dichte,
sondern verdichtet sich in's Unbestimmte, und die Incre-
mente dieser Verdichtung sind sehr verschieden von denen,
welche man zwischen -f-8° und — 2° beobachtet. Un-
ter solchen Umständen habe ich gesehen:
467
.._. Gewichtsverlust Specifisches
fhermometer. ^ Glaskugel> Gewicht.
— 2°22 285,s r ,06 1,00380
Das specifische Gewicht der Lösung bei 0° dabei
als Einheit genommen. Diese anscheinend anomale Con-
densation erklärt sich sehr genügend durch die Eisbil-
dung, welche die Lösung concentrirt hat.
II. Bestimmungen mittelst des Nie ho 1 son's chen
Aräom et ers.
Das angewandte Aräometer bestand aus einem Cylin-
der von Weifsblech, welches zur Abhaltung der chemi-
schen Wirkung der Lösung überfirnifst worden war. Das
absolute Gewicht desselben betrug 2130 Gran. Nach La-
voisier und Laplace beträgt die kubische Ausdehnung
cles Weifsblechs für einen Grad Reaumur 0,000045 des
Volumens bei 0° R. Mit diesen Angaben sind die rela-
tiven Dichten der Kochsalzlösung aus den beobachteten
Zulage - Gewichten berechnet, wie folgende Tafel zeigt:
Temperatur. Zulage- Gewichte. Dichtigkeiten.
— 1°,0 631,90 1,00010
0,0 632,00 1,00000
+ 1,0 631,43 0,99976
2,0 630,75 0,99946
3,0 630,55 0,99936
4,0 630,40 0,99924
5,0 629,80 0,99900
6,0 629,25 0,99875
7,0 628,90 0,99857
8,0 628,25 0,99830
9,0 627,27 0,99789
10,0 626,89 0,99773
11,0 626,62 0,99758
+ 12,0 626,15 0,99716
Wendet man die Methode der kleinsten Quadrate
Gg*
468
zur Bestimmung der constanten Coeficienten an, so findet
man für die Dichten die Gleichung
d i ö = 1 — 0,0001841. t — 0,000004099. t 2
welche eine etwas stärkere Ausdehnung als die Methode
der Wägungen geben würde. Es ist indefs sehr wahr-
scheinlich, dafs diese Verschiedenheit zwischen beiden
Resultaten nur von den Temperaturen abhängt, welche
man für die aräometrische Substanz vorausgesetzt hat.
Wir haben nämlich, als wir das Aräometer wegen sei-
ner Ausdehnung berichtigten, vorausgesetzt, dafs dasselbe
gleiche Temperatur mit der Flüssigkeit hatte, obgleich
es nicht sehr wahrscheinlich ist, dafs die Incremente der
Temperatur, welche man der Flüssigkeit ertheilte, dem
Aräometer augenblicklich mitgetheilt wurden.
Giebt man der Annahme den Vorzug, dafs das Aräo-
meter während der ganzen Dauer des Versuchs eine gleich-
förmige Temperatur gehabt habe, so findet man die Glei-
chung:
d( ' )==;! — 0,0001391. t — 0,000004 109. t-
welche, mit dem Resultate der hydrostatischen Wägung
verglichen, nach der entgegengesetzten Seite neigt. Man
sieht hieraus, dafs man in der Voraussetzung, das x\räo-
meter sey bei steigender Temperatur um etwas gegen die
Temperatur der Flüssigkeit zurückgeblieben, die Resul-
tate beider Methoden vollkommen in Uebereinstiummng
bringt.
III. Bestimmungen nach der Hope'schen Methode.
Obgleich zur Zeit der Anstellung dieser Versuche
die Atmosphäre nicht kalt genug war, um alle die sinn-
reichen Variationen, welche Hope angegeben hat, her-
vorzubringen; so steht doch zu hoffen, dafs die Folge-
rungen, welche sich aus den nachstehenden Beobachtun-
gen ergeben, schon hinreichen werden, um die in Rede
stehende Thatsache zu bestätigen.
Erster Versuch. Ein cylindrisches Gefäfs, 21 Z. hoch
469
und 3,1 Zoll im Durchmesser, wurde mit einer Kochsalz-
lösung gefüllt, die ein specifisches Gewicht von 1,027 und
eine Temperatur von 6°,0 R. besafs. Man stellte drei
Thermometer in das Gefäfs: No. I. am Boden, No. II.
zehn Zoll oberhalb des Bodens und "No. III. zwanzig Zoll
oberhalb des Bodens, und setzte es nun der erkaltenden
Wirkung der Atmosphäre aus, deren Temperatur + 1 ü R.
betrug. Die Thermometer No. I., IL, III. wurden zuvor
mit einander verglichen, so dafs die unten stehenden
Zahlen von den Fehlern der Instrumente befreit anzu-
sehen sind.
Th erm oraeter
„ . . . No. I. No. II. No. III.
Beobacfatungszeit. am Bodeu- 1 Z. üb. d.Boden. 20Z. üb.d.Boden.
l h 25' 5°,25 5°,11 5°,30
30
5,75
5,33
5,16
36
4,70
4,80
5,12
41
4,25
4,44
4,50
46
4,20
4,30
4,50
l h 57'
3,60
3,60
3,90
2 h 5'
3,10
3,40
3,70
15
2,90
3,11
3,45
23
2,60
3,11
2,20
30
2,25
2,84
1,95
40
2,00
2,75
1,70
2 h 52'
1,70
2 ; 22
1,70
Ungeachtet der Beobachtungsfehler, die von Able-
sungen unter ziemlich ungünstigen Umständen herrühren,
sieht man:
dafs um 2 h 5' eine Schicht von 3°, 70 über einer von 3°, 10
und um 2 h 15' - - - 3°,45 - - - 3°,10
sich befand , so dafs ein Maximum der Dichtigkeit in der
Nähe von 3°,50 sehr unwahrscheinlich wird; noch spre-
chender aber ist der Umstand, dafs die Erkältung von
3°, 6 bis zu 1°,7 am Boden des Gefäfses mit nahe glei-
cher Schnelligkeit erfolgte, als die Erkältung von 5°,6
470
bis zu 3°,7. — Vorzüglich unter diesem letzteren Ge-
sichtspunkt scheinen die zwei folgenden Beobachtungsrei-
hen, welche eine unmittelbare Vergleichung des Verhal-
tens von süfsem Wasser und Salzwasser gestatten, von
einigem Werthe zu seyn. Der oben beschriebene Cylin-
der wiederum mit den Thermometern in den früher an-
gegebenen Höhen versehen,- wurde in einem Zimmer, des-
sen Temperatur +12°,0 R. betrug, aufgestellt, und eine
erkältende Mischung, bei — 15°0 R. erhalten, umgab den
untern Theil des Gefäfses.
Zweiter Versuch. Cylinder mit heißem Wasser.
Temperatur
Beobachtungszeit, am Boden, in 10 Zoll Höhe, in 20 Zoll Höhe.
11°,90 11,80
11,80 11,80
11,90 11,90
12,00 12,00
nicht beobachtet
10,00 12,00
9,77 12,00
6,18 12,00
6,11 12,00
6,00 —
6,00 —
Freilich war bei diesem Versuch die Temperatur der
oberen Schicht zu hoch ( + 12°,0 R.), als dafs dieselbe
unter das durch fortgesetzte Erkältung ausgedehnte Was-
ser hätte sinken können, und daher winde denn auch
der Stand des obern Thermometers durch keine aufstei-
gende Strömimg geändert. — Aber die in 10" Höhe er-
folgte Temperaturabnahme und die gänzliche Unbeweg-
lichkeit des unteren Thermometers, welches in der Mitte
eines Wassers von — 15°,5 auf -f- 1°,10 lange Zeit sich er-
hielt, bezeugen so deutlich die Anwesenheit eines Maxi-
4 h 20'
6°,00
28
3,50
43
3,20
46
2,50
49
2,00
59
1,80
5 h 12>
1,75
22
1,50
39
1,10
5 h 52'
1,00
6 h 30'
1,20
471
iniims der Dichtigkeit, dafs die Empfindlichkeit des ange-
wandten Apparates genugsam erwiesen ist.
Nun gab unter vollkommen identischen Umständen
eine Kochsalzauflösung von 1,027 specif. Gewicht fol-
gende Resultate.
Dritter Versuch. Cylinder mit Salzwasser von 1,027
specißschem Gewicht angefüllt.
Thermomete
r
jachtungszeit.
am Boden.
in 10 Zoll Höhe.
in 20 Zoll Hol
2h 40'
+ 6°,5
+ 11°,H
+ 11°,30
45
5,0
11,11
11,40
48
4,0
11,11
11,40
52
3,0
11,16
11,40
2 h 55'
2,0
11,16
11,40
3 h 2'
+ 1,0
11,21
11,50
8
0,0
11,16
11,50
19
-1,5
11,16
11,50
3 h 24'
2,0
11,16
11,70
Vollwichtigere Zeugnisse, als die Unbeweglichkeit
des mittleren Thermometers und die schnelle Erkältung
des Bodens, bleiben kaum zu wünschen übrig; unter voll-
kommner Gleichheit der Umstände fiel die Temperatur
am Boden des Salzwassers von + 2°,0 bis zu — 2°,0,
in 29', während das Thermometer am Boden des süfsen
Wassers während länger als einer Stunde zwischen +1°,5
und +1°,1 beobachtet wurde.
Nichtsdestoweniger konnte man verlangen, durch die
Methode der Strömungen noch directere Beweise von der
Nichtexistenz eines Maximums der Dichtigkeit zu erhalten,
als die, welche bisher angeführt wurden. Es mufste zu
diesem Ende ein solches Zusammentreffen von Umstän-
den herbeigeführt werden, dafs im süfsen Wasser kältere
Schichten über wärmeren längere Zeit im Gleichgewicht
sich zeigten, und der Versuch mufste beweisen, dafs auch
472
unter diesen Verhältnissen das Salzwasser nichts Aehnli-
ches zu zeigen im Stande sey. Auch in Ermanglung
einer hinlänglich niedrigen Temperatur der Atmosphäre
wurden bei folgendem Versuch dergleichen Umstände er-
halten; ein cjlindrisches Glasgefäfs von 1" Durchmesser
und 10" Höhe, mit zwei Thermometern (am Boden und
in 9" Höhe befindlich) versehen, wurde von allen Sei-
ten mit einer erkältenden Mischung umgeben. Süfses
Wasser und Salzwasser, welche nach einander in das
auf diese Art aufgestellte Gefäfs gefüllt wurden, zeigten
den in folgender Tafel zusammengestellten Gang der Er-
kältung:
Vierter Versuch.
Süfses Wasser. Salzwasser v. 1,027 sp. Gew.
Thermometer.
Thermometer.
Beobach-
tungszeit.
Unteres.
Oberes.
Beobach-
tungszeit
Unteres.
Oberes.
9 h 25'
+ 2°,70 + 2°,10
10 h 56'
— 1°,40
— 5°00
26
+ 2,60
+ 1,50
ll h 0'
— 1,60
+ 3,50
27
+ 2,50
+ 1,25
1
— 1,60
+ 2,00
28
+ 2,30
+ 0,80
4
— 1,60
+ 0,50
28,5
+ 2,20
+ 0,60
5
— 1,60
0,00
29
+1,80
+ 0,25
6
— 1,60
— 0,50
30
+ 1,60
+ 0,00
7
— 1,60
— 1,00
31
+ M5
— 0,25
9
— 1,60
— 1,25
32
+ 1,18
— 0,50
ll h 12'
— 1,60
— 1,50
32,5
+ 0,80
— 0,75
33
+0,50
— 1,00
33,5
+ 0,20
— 1,25
9 h 35',0
— 0,10
— 1,50
Während der ganzen Dauer des Versuches sieht man
an der Oberfläche des silsfen Wassers Schichten, wel-
che um ungefähr 1°,6 kälter sind, als die am Boden be-
findlichen, und von einer ähnlichen Anomalie für das Salz-
473
wasser findet sich keine Spur; im Gegentheil beweist für
die Salzlösung der Versuch, dafs zwischen +5° und
— 1°,50 kein Grad der Temperatur sich befindet, bei wel-
chem Salzwasser dichter wäre, als dasselbe bei — 1°,6 ist.
Um Mißverständnisse zu vermeiden mufs erwähnt
werden, ehe wir die Versuche durch Strömungen verlas-
sen, dafs wir, Salzlösungen nach dieser Methode behan-
delnd, den Versuch nie bis unter Temperaturen von
— 2°,0 fortgesetzt haben, weil das Eis, welches bei die
ser Temperatur sich zu bilden und gegen die Oberfläche
aufzusteigen anfängt, das normale Gleichgewicht der Tem-
peraturen nothwendig gestört haben würde. —
IV. Versuche nach der Methode der Erkältungszeiten,
Während einer Lufttemperatur von — 15 °,5R. tauchte
ich einst die Kugel eines Thermometers in ein Glasgefäfs
mit süfsem Wasser von 1",5 Höhe und l y/ ,0 Durchmes-
ser; so dafs die Thermometerkugel eine Linie über dem
Boden sich befand; das Thermometer und das daran be-
festigte Glasgefäfs wurden in der kalten Atmosphäre frei
aufgehängt, um die alimälige Erkältung des Wassers zu
beobachten, dessen anfängliche Temperatur etwa + 7°,0R.
war. Folgendes war das, man möchte sagen überraschende
Resultat des Versuchs:
Beohachtungszelt. Thermometer. Zeltintervalle.
6 h
5' 5"
55
6 50
7 40
8 45
10 37
13 55
14 55
16 5
+ 6°,6
5,5
5,0
4,5
4,0
3,5
3,0
2,5
+ 2,0
50"
55
50
50
65
198
60
70
Mit der gröfsten Klarheit spricht sich der Einflufs
eines Maximums der Dichtigkeit bei dieser Art des Ver-
474
suches aus; die plötzlich verzögerte Erkältung zwischen
4° und 3°, und vorzüglich zwischen 3°, 5 und 3°,0 wäre,
ohne vorläufige Kenntnifs von der anomalen Ausdehnung
des Wassers, ein unerklärliches Räthsel gewesen Sehr
leicht müfste sogar der Calcul Mittel finden, die Tempe-
ratur der gröfsten Dichtigkeit aus dieser Art des Versu-
ches herzuleiten, da die blofse Anschauung der erhalte-
nen Zahlen aufser Zweifel setzt, dafs das Maximum nur
zwischen 4° und 3° , und sogar viel näher an 3 Ü ,5 als
an 3,0 sich befinde (siehe dritte Spalte der obigen Tafel).
Die Anwendung dieser Methode auf den Gegenstand der
hier vorliegenden Versuche bot sich sehr natürlich dar.
In Ermanglung sehr niedriger atmosphärischer Temperatu-
ren braucht man nur ein, auf die eben beschriebene Art
mit einem Thermometer versehenes Gefäfs, mit der zu
untersuchenden Salzlösung angefüllt, in eine erkältende
Mischung gänzlich einzutauchen. Die berührende kalte
Masse mufs dann die Stelle einer erkältenden Atmosphäre
vertreten, mit der einzigen Ausnahme, dafs hier das Lei-
tungsvermögen die in der Atmosphäre statt findende Strah-
lung ersetzen mufs, und dafs daher eine viel schleunigere
Erkältung bedingt werden wird.
Die Reihe dieser Versuche wurde mit einem vorläu-
figen begonnen, bei welchem süfses Wasser in einer er-
kältenden Mischling sich befand, um einen durchaus un-
mittelbaren Vergleichungspunkt auf diese Art zu gewinnen.
Kleiner Glascylinder mit süfsem Wasser in einem
Gemenge von Schnee und Chlor calcium.
)bachlungszcit.
Thermometer.
Zeitintervalle,
6 0' 2',2
+ 7°'
. 12",4
. 16,8
. 40,8
. 208,2
. 17,0
. 30,0
15,2
32,0
1 12,8
4 41,0
58,0
5 28,4
-i-6 ' '
+ 5
+ 4 * •
+ 3 ' '
+ 2 ' •
+ 1
475
Diese Reihe beweist, dafs die Stelle der Atmosphäre
vollkommen durch eine erkältende Mischung ersetzt wird.
— Die Bemerkung, dafs alle hier zu erwähnenden Er-
kältungszeiten an einem vortrefflichen Kessel sehen Chro-
nometer, welches 0",4 schlägt, beobachtet wurden, wird
wenigstens von dieser Seite den Versuchen einiges Zu-
trauen verschaffen. —
Die nun folgende Reihe wurde mit Salzwasser von
1,027 speeifischem Gewicht angestellt, und enthält also
Alles, was diese vierte Methode in Bezug auf die vorlie-
gende Frage geliefert hat.
Dasselbe Gefäfs in derselben erhaltenden Mischung,
Salzwasser von 1,027 Gew. enthaltend.
Beobachtungszeit. Thermometer
6 h 15' 28",0
41,2
56,8
16' 10,8
29,6
52,8
17' 20,1
54,8
18' 33,6
19' 20,4
20' 16,4
+ 6 Ü ,0
+ 5,0
+ 4,0
+ 3,0
+ 2,0
+ 1,0
0,0
-2,0
2,0
3,0
-4,0
Zeitintervalle.
, . 13",2
. 15,6
. 14,0
, . 18,8
. 23,2
, . 27,6
. . 34,4
, . 38,8
. . 46,8
. . 56,0
Die Intervalle schreiten fort ohne jede Unterbrechung
der Regelmäfsigkeit, und nur die zufälligen Beobachtungs-
fehler bewirken einige Abweichungen von dem für die
festen Körper geltenden Erkältungsgesetz. Die vierte
Methode giebt uns hiemit einen sehr sicheren Beweis von
der regelmäßigen Ausdehnung des Salzwassers zwischen
den Graden +6°,0 und — 4,0 R.
Für die Theorie der Erscheinung schien es von
Wichtigkeit, zu untersuchen, bei welchem Grade des Salz-
476
gehaltes das Wasser die Eigenschaft ein Maximum zu er-
reichen verliere. Die vierte Methode wurde zu diesem
Ende von neuem angewendet:
auf eine Lösung A. vom specif. Gewicht 1,020
- -JB. vom specif. Gewicht 1,010.
Es folgen hier die Resultate dieser Versuche:
Lösung A. vom specif. Gewicht 1,020.
Temperatur.
4-7°
6
5
1
3
2
4-1°
— 1°
Zeiten.
1 35' 26"
33
41,5
35'51,ö
36' 4,0
19,5
36' 40,0
37' 4,0
43,0
Intervalle.
7",0
8,5
9,5
13,0
15,5
20,5
24,0
39,0
Das Thermometer blieb darauf lange Zeit unbeweg-
lich bei — 1°,25, und der Boden des Gefäfses fand sich
mit Eis bedeckt. Ein zu diesem Behuf angestellter Ver-
sach bewies, dafs — 1°,25 der Temperaturgrad der Eis-
bildung in der untersuchten Lösung ist. Es leuchtet also
ein, dafs eine Lösung von 1,020 specif. Gew. kein Maxi-
mum der Dichtigkeit hat, welches höher als bei — 1°,0
liegt, und dafs, wenn überhaupt ein Maximum vorhan-
den ist, dasselbe dem Gefrierpunkte der Lösung so nahe
liegt, dafs die Wirkungen der Liquefactionswärme und
die des Maximums der Dichtigkeit für die Beobachtung
zusammenflielsen.
477
Lösung B. vom specif. Gewicht 1,010
13",0
18,0
16,5
30,5
133,5
Zeiten. Intervalle.
+ 6°,0 7 h 32'29",0
5,0 42,0 *
4,0 33' 0,0 *
3,0 16,5 *
2,0 33' 47,0 '
1 K CThermomet. stationair .
~*~ ' ö< Jvon 34'22" bis 36' 0"
Das Thermometer fiel darauf bis — 2°,0, ohne dais
das Wasser der Flüssigkeit gefroren wäre ; erst nach die-
ser Zeit bildete sich Eis, und das Thermometer stieg
plötzlich bis zu — 0°,50. Dieses ist also der Gefrier-
punkt der Lösung, und das lange Verweilen des Ther-
mometers zwischen 2° und l ü ,5 kann nur einem Maxi-
mum der Dichtigkeit zugeschrieben werden, welches bei
diesem Grade der Temperatur eintritt.
Die Ergebnisse der hier mitgetheilten Versuche wären
also :
1) Daß das Salzwasser von 1,027 spec. Gewicht
kein Maximum der Dichtigkeit hat , so lange es flüssig
ist, und daß, selbst wenn Eis sich darin bildet, der
flüssig gebliebene Theil beständig und sehr stark an
Dichtigkeit zunimmt.
2) Daß Salzwasser von 1,020 spec. Gewicht eben-
falls kein Maximum erreicht, oder doch keines, welches
vom Gefrierpunkte der Lösung ( — 1°,25) merklich ent-
fernt wäre.
3) Endlich: daß eine Lösung von salzsaurern Na-
tron von 1,010 spec. Gewicht ein Maximum erreicht,
aber bei einer Temperatur, die niedriger ist als die der
gröfsten Dichtigkeit für süßes Wasser; denn
das Maximum des Salzwassers
von 1,010 spec. Gewicht entspricht . . +1°,50 R.
478
Es scheint demnach, als ob eine Beimischung von
salzsaurem Natron, je stärker sie wird, den Punkt des
Maximum desto tiefer hinabrückt, am Ende aber ihn ganz
verschwinden macht. Hier möchte man beinahe es für wahr-
scheinlich halten, dafs die anscheinende Nichtexistenz des
Maximum nichts Anderes ist, als ein bis in den Zustand
der Festigkeit hinabgerücktes Maximum. Dieser Um-
stand, der für das Rose 'sehe Metallgemisch erwiesen ist,
würde vielleicht bei mehreren Körpern sich finden, wenn
man ihre Volumveränderungen in der Nähe des Schmelz-
punktes untersuchte.
X. Ueber die Anziehung zwischen gleichartig und
ungleichartig elektrisirten heitern.
Die nachstehende Beobachtung macht keinen Anspruch
darauf, über die Anziehung zwischen elektrisirten Leitern und
der Vertheilung der Elektricität in ihnen etwas wesentlich
Neues zu bringen; wohl aber kann sie dazu dienen, mehrere
Sätze aus der Mechanik der Elektricität auf eine einfache Art
zu erläutern. Aus diesem Grunde wird sie gewifs hier eine
Stelle verdienen, selbst wenn sie auch vielleicht schon sonst
von Jemand gemacht worden seyn sollte. Ich entlehne diese
Beobachtung aus einem Schreiben des Hrn. Prof. Strehlke
in Danzig an mich, worin sie folgendermafsen beschrieben
wird.
Zwei congruente Kreisscheibchen von Stanniol, von etwa
\" im Durchmesser, hing ich an feine Fäden von roher Seide
auf. Um die Scheiben einander zu nähern oder dieselben von
einander zu entfernen, befestigte ich die Fäden, welche ich
etwa 8 Zoll lang nahm, an den Spitzen eines Zirkels, dessen
Charnier an einem vertical stehenden Gegenstand festgebunden
wurde. Als nun beide Scheibchen mit gleichartiger oder ent-
gegengesetzter Elektricität versehen wurden; so zeigte sich ein
Gegensatz in der Stellung der verticalen Scheibchen. Bei
gleichartiger Elektrisirung stellten sich dieselben nämlich paral-
lel (senkrecht gegen die Linie, welche ihre Mittelpunkte ver-
binden würde) und blieben in dieser Lage, bei ungleichartiger
aber, stellten sie sich in dieselbe gerade Linie, in ihre gegen-
seitige Verlängerung.
479
XL JJeber die Bereitung einer reinen Titansäure;
von Heinrich Rose.
enn man sich eine reine Tifansäure aus Titaneisen
(titansauren Eisenoxydul) bereiten will, das man leichter
in grofser Menge erhalten kann, als Rutil, so kann diefs
auf folgende Weise geschehen. Das titansaure Eisenoxy-
dul wird fein gepulvert, oder, was freilich besser ist, ge-
schlämmt, und darauf in einem Porzellanrohre sehr stark
geglüht, während ein Strom von Schwefelwasserstoffgas
darüber geleitet wird, der vorher durch eine Röhre von
Chlorcalcium geht. Das Eisenoxydul wird dadurch re-
ducirt und in Schwefeleisen verwandelt, während die Ti-
tansäure dabei nicht verändert wird. Es erzeugt sich
Wasser, aber es entweicht auch mit demselben Schwefel,
weil sich nicht gerade Schwefeleisen im Minimum von
Schwefel, sondern auch künstlicher Schwefelkies bildet.
Nach dem Erkalten digerirt man das erhaltene Product mit
concentrirter Chlorwasserstoffsäure, wodurch eine starke
Entwicklung von Schwefelwasserstoffgas entsteht, aber
auch Schwefel sich abscheidet, der sich mit der durch's
Glühen in der Säure ganz unauflöslich gewordenen Titan-
säure mengt und dieselbe grau färbt. Wenn keine Ent-
wicklung von Schwefelwasserstoffgas mehr statt findet,
filtrirt man die Titansäure, süfst sie aus, trocknet und
glüht sie, wodurch der mit ihr gemengte Schwefel ver-
flüchtigt wird.
Wenn man diese Operation nicht noch einmal wie-
derholt, so ist die erhaltene Titansäure nicht frei von
Eisenoxyd, und daher nach dem Glühen röthlich. Der
Grund davon ist der, dafs die Menge des Eisenoxyduls
im titansauren Eisenoxydul, und daher auch die Menge
des gebildeten Schwefeleisens sehr bedeutend ist. Letz-
teres schmilzt, sintert mit der Titansäure zusammen, und
480
verhindert, dafs der Kern der zusammengesinterten Masse
vollständig zersetzt werde. Man braucht daher bei der
ersten Operation die Masse nicht so lange in der Atmo-
sphäre von Schwefelwasserstoffgas zu glühen, bis sich
durchaus gar kein Wasser mehr erzeugt, was auch sehr
lange dauern würde, sondern nur so lange, bis dasselbe
aufhört sich in grösserer Menge zu entwickeln. Man be-
handelt dann die zusammengesinterte Masse auf die be-
schriebene Art, und unterwirft die erhaltene röthliche
Titansäure einem zweiten Glühen, während Schwefelwas-
serstoffgas darüber geleitet wird. Wird dann die erhal-
tene Masse mit Chlorwasserstoffsäure behandelt, die Titan-
säure sorgfältig ausgesüfst und geglüht, so ist sie nach dem
Glühen ganz weifs und vollkommen rein.
Es versteht sich, dafs man jede nicht ganz reine
und etwas eisenhaltige Titansäure auf die beschriebene
Weise leicht reinigen kann. Der Rutil könnte ebenfalls
so behandelt werden, nur mufs er vorher geschlämmt wor-
den seyn.
Ich halte diese Methode, sich reine Titansäure zu
verschaffen, für die kürzeste und wohlfeilste. Die Me-
thode, die ich früher vorgeschlagen habe *), das titan-
saure Eisenoxydul in Chlorwasserstoffsäure aufzulösen,
Weinsteinsäure der Auflösung hinzuzufügen, und das
Eisenoxydul durch wasserstoffschwefliges Schwefelammo-
nium zu fällen, ist viel zu umständlich und kostbar, und
liefert, da alle käufliche Weinsteinsäure, die ich Gele-
genheit gehabt habe zu untersuchen, Kalkerde enthält,
eine kalkhaltige Titansäure.
Wenn das titansaure Eisenoxydul, während Schwe-
felwasserstoffgas darüber geleitet wird, nicht heftig ge-
glüht wird, so erhält man bei der nachherigen Behand-
lung eine Titansäure, die, wenn sie mit Wasser ausge-
süfst wird, zum Theil milchicht durch's Filtrum läuft, was
nicht
*) Poggendorff's Ann. Bd. III. S. 163.
481
nicht der Fall ist, wenn eine stärkere Hitze dabei ange-
wandt worden ist. Man kann daher diese Operation nur
in einer Porzellanröhre vornehmen, nicht aber in einer
Glaskugel, die durch eine Spirituslampe mit doppeltem
Luftzuge erhitzt wird.
Statt des Schwefelwasserstoffgases kann man sich
nicht mit gleichem Erfolge des Wasserstoffgases bedie-
nen. Das Eisenoxydul wird zwar dadurch reducirt, und
das redueirte Eisen löst sich in Chlorwasserstoffsäure auf,
während die Titansäure ungelöst zurückbleibt; ich erhielt
indessen auf diese Weise immer eine Titansäure, die etwas
eisenhaltig und daher nach dem Glühen röthlich war. —
Dasselbe ungünstige Resultat erhielt ich auch, wenn ich
statt des Schwefelwasscrstoffgases Chlorwasserstoffgas an-
wandte
Aus titansaurem Eisenoxydul kann man sich noch
auf eine leichtere Weise Titansäure, aber keine vollkom-
men reine, bereiten. Man menge das geschlämmte Pul-
ver desselben mit Schwefel und schmelze es damit in
einem hessischen Tiegel. Die erhaltene Masse, die eine
Mengung von Schwefeleisen und Titansäure ist, und auch
Eisenoxyd enthalten kann, wenn der Zutritt der Luft
nicht gehindert worden ist, wird mit Chlorwasserstoff-
säure digerirt, die ungelöste Titansäure ausgesüfst, ge-
trocknet und geglüht. Sie enthält indessen noch immer
viel Eisen und sieht roth aus, doch ist die Menge des-
selben ungefähr nur so grofs, wie im Rutil. Wenn man
die so erhaltene Titansäure in einer Porzellanröhre auf
die beschriebene Art glüht, während Schwefelwasserstoff-
gas darüber geleitet wird, so erhält man sie nach Be-
handlung mit Chlorwasserstoffsäure ganz rein. Diese
Methode ist noch vortheilhafter, als das zweimalige Glü-
hen des titansauren Eisenoxyduls in der Porzellanröhre
Annal.d. Physik. B.88.St. 3. J. 1828. St. 3. Hh
482
XII. Neue Bereitungsart des Jodwasserstoff säur e-
Gases.
-Llie gewöen des Tetraeders liegen,
die Flächen des Drei- mal -vierflächners, der den erste-
ren / zum Leucitoeder ergänzt. Seine Flächen unterschei-
den sich von den Flächen /, aufser der Gröfse, durch eine
Slreifung, die parallel den Kanten mit dem Granatoeder
geht. Die Flächen u sind die Abstumpfungsflächen der
Kanten zwischen den Würfel- und Granatoederflächen,
wie auch Zuschärfungsflächen der Kanten x des sechs-
mal -vierflächners s. Aus dem erstem Parallelismus folgt
schon, dafs diese Flächen die eines Vier -mal- sechsfläch-
ners sind, aus den letzteren, dafs sie die des Vier-mal-
sechsflächners (a-.^a-.ooa) sind, der bei dem Fahlerze,
wie bei dem von Dillcnburg, Gersdorf etc., gewöhnlich
vorkommt. Die Neigung der Flächen u gegen einander
beträgt 154° 9' 29", die von u gegen g 153° 26' 6".
Der Sechs- mal - vierflä ebner (a-.^a-.-^a) ist bis jetzt
noch bei keinem andern Minerale beobachtet worden.
Es ist bis jetzt nur der Sechs-mal-vierflächner ia:^a:\d)
bekannt gewesen, der beim Borazite vorkommt, und von
Haidinger zuerst beschrieben ist. Bei dem Fahlerze
aus Cornwall, das unter dem Namen Tcnnantit bekannt
ist, findet sich noch ein anderer Sechs-mal-vierflächner.
Die Königliche Mineraliensammlung in Berlin enthält da-
von mehrere Stücke mit diesen Formen, doch waren die
Flächen zu matt, um sie messen zu können, wahrschein-
lich ist er derselbe, der beim Borazite vorkommt.
491
XIV. lieber den JBotryogen, oder den rothen
Eisenvitriol von Fahlun;
von JVilhelrn Hai ding er.
B
erzelius hat vor längerer Zeit ein rotlies Eisensalz
besehrieben und die Analyse desselben gegeben, welches
wohl als eigentümliche Species in dem Mineralsysteme
aufgeführt zu werden verdient, von dem man aber bis
jetzt zu wenig in Hinsicht auf die äufsern Verhältnisse
kannte. Durch die Güte der Hin. B erzelius in Stock-
holm und Pohlheim er in Fahlun, welche mir Stücke
dieses merkwürdigen Körpers mittheilten, bin ich im Stande
eine etwas genauere Beschreibung desselben, als die altern,
zu liefern. Ich werde derselben einen Auszug aus der
Abhandlung von Berzelius *) beifügen, die noch nicht
in deutschen Journalen erschienen ist. .
Die regelmäfsigen Formen des Bötryogens gehören
in das hemiprismatische System. Die gewöhnlichsten Kry-
stallisationen sind in den Figuren 2 und 3 Taf. III. vor-
gestellt. Der Grundrifs der zweiten, auf der Basis in
der Richtung der Axe entworfen, ist Fig. 4. Taf. III.;
woraus man leicht den nothwendigen Parallelismus der
verschiedenen Kanten erkennen kann. Aus der Messung
der Kanten zwischen P und (J , P und g, und zwischen
g und g erhielt ich folgende Winkel:
n gegen
n
= 125° 22'
9 '
9
= 141
P -
8
= 113 37
8 "
8
= 119 56
F -
F
= 81 44
y -
P
= 125 31
*) Analys af ett fossilt seilt fr an Fahlu grufca, och Insjö sänk-
ning, af J. G. Gähn och J. £ erzelius. Afhundl'mgar i Fj-
sik etc. IV. p. 307.
492
Wenn man die Pyramide, Fig. 5. Taf. III., als die
Grundgestalt der Krystallreihe betrachtet, zu welcher die
Combinationen gehören, so ist das Verhältnifs der vier
Linien a-.b-.c: */= 1,98: 3,62: 5,59:1. Nach der krystal-
lographischen Methode von Mohs gelten folgende Zei-
chen: P — go für P, — — für ji, — - — für r , Pr
2 2
— 1 für q, P-I-gd fürg', (Pr-J-oo) 3 für F, und Pr+oc
für u.
Die Krystalle, obwohl sich ihre Gestalt im Ganzen
genommen recht gut erkennen liel's, waren zu unvoll-
kommen gebildet, als dafs die oben angeführten Winkel
mehr als Annäherungen innerhalb zehn Minuten seyn könn-
ten. Die Krystalle sind nicht über zwei Linien lang, und
die Prismenflächen F und g parallel ihrer Axe gestreift;
die geneigten Flächen sind vollkommener gebildet.
Die Theilbarkeit parallel den Flächen g ist ziemlich
deutlich, man findet auch Spuren parallel den Flächen/^
Der Botryogen besitzt Glasglanz und ist durchschei-
nend. Die Farbe ist in Krystallen ein dunkles Hyazinth-
roth, welches sich aber bei kleinkörnigen zusammenge-
setzten und dichten Varietäten bis in's Ochergelbe ver-
läu ft welches auch die Farbe des Strichs ist.
Dieses Salz ist milde; es nimmt unter dem Messer
etwas Glanz an. Seine Härte ist =2,25 . . . 2,5, fast
so grofs wie die des Alauns; sein eigentümliches Ge-
wicht fand ich =2,039. Es löst sich nur sehr langsam
im Wasser auf, sein zusammenziehender Geschmack ist
daher auch schwächer als der des Eisenvitriols.
Die Krystalle sind gewöhnlich in nierförmigen und
traubigen Gestalten, von an einander gewachsenen Ku-
geln gruppirt. Ein kleines, sehr nettes Stück, etwa halb
so grofs als Fig. 6. Taf. III. in der Sammlung des Hrn.
Allan in Edinburg, sieht wirklich mehr als irgend etwas
L ö , OXV.XJU ».U11XX..H «IUI! QIO U qV
im ganzen Mineralreiche einer Weintraube ähnlich. Die
einzelnen Kugeln, welche die Beeren vorstellen, haben
493
eine krystallinische, drüsige Oberfläche. Der Trivial-
name Botryogen, Traubenbilder, bezieht sich auf die
Neigung dieses Salzes, dergleichen Gestalten hervorzu-
bringen. Er ist um so notwendiger, da man noch gar
keine, nicht einmal eine chemische Benennung für das-
selbe besitzt.
Es findet sich in dem Mellanrums - Ort in der gro-
fsen Kupfergrube zu Fahlun als Ueberzug auf Gyps oder
Schwefelkies, mit Bittersalz, basischem schwefelsauren
Eisenoxydul, und dem gewöhnlichen schwefelsauren Eisen-
oxydul. Es beschlägt an feuchter Luft mit einem schmutzig-
gelben Ueberzug, bleibt aber an trockner Luft unverändert.
Der Botryogen bläht sich vor dem Löthrohr auf, und
giebt in der Glasröhre Wasser, wobei eine rothgelbe Erde
zurückbleibt. Diese verwandelt sich nach Maafsgabe der
Flamme in Eisenoxyd oder Eisenoxydul. Mit Phosphor-
salz geschmolzen, erhält man ein rothes Glas, welches
im Abkühlen seine Farbe verliert. In kochendem Was-
ser aufgelöst, bleibt ein gelber Ocher zurück, dieser ist
daher ein integrirender Theil der Mischung. Die Auflö-
sung, mit Salpetersäure versetzt, giebt einen Niederschlag
mit salzsaurem Baryt, nicht aber mit salpetersaurem Sil-
beroxyd. Wenn man das Salz mit kaustischem Ammo-
niak übergiefst, und in einem zugestopften Glase dige-
rirt, so wird die Säure ganz ausgezogen, und das Eisen
bleibt als ein schwarzes, wenig grünliches Pulver zurück.
Dieses Metall ist daher nicht als reines Oxyd, sondern
als Oxydul -Oxyd in dem Salze enthalten, welches im
freien Zustande schwarz und in der Auflösung roth ist.
Das Resultat dreier Analysen war wie folgt:
I. II. III.
Basisches schwefelsaures Eisenoxyd .... 6,77 6,85 "i
Doppeltschwefelsaures Eisenoxydul-Oxyd 35,85 39,92 J '
Schwefelsaure Talkerde 26,88 17,10 20,8
Schwefelsaure Kalkerde 2,22 6,71 0,0
Wasser und Verlust 28,28 31,42 30,9
494
Die zweite Analyse ist die sicherste für die Quanti-
tät des Wassers. Berzelius nimmt an, dafs im Bitter-
salz das Oxygen des Wassers fünfmal das der Base ist,
und schliefst daraus, dafs im doppeltschwefelsauren Eisen-
oxydul-Oxyd der Oxygengehalt des Wassers dreimal so
grofs als der der Base sey. Uebrigens hält er in der
Mischung alles, aufser diesem Eisensalz für fremdartig,
selbst die schwefelsaure Talkerde, die in den drei Ana-
lysen von 17 bis beinahe 27 vom Hundert beträgt.
Einer der Begleiter des Botryogens ist ein schön
schwefel- und citronengelbes Mineral, als krystallinisches
Pulver, welches ich für das von Berzelius angeführte
basisch schwefelsaure Eisenoxyd halte. Ein ähnliches
Mineral kommt auch und zwar in ziemlich ansehnlicher
Menge, ebenfalls als schwefelgelbes krystallinisches Pul-
ver, zu Goslar am Harze vor. Man nennt es dort Misy;
auch wird es unter diesem Namen von Hausmann*)
mit aufgeführt. Es wird gut seyn den Trivialnamen Misy
für das gelbe Salz aufzubewahren, wenn es einst besser
beschrieben und als eigenthümliche Species im Mineral-
reiche aufgeführt werden wird, nicht aber denselben auf
das rothe Salz zu übertragen, wie dieses Leonhard **)
thut. Misy ist ein alter plinischer Name, dessen ur-
sprüngliche Bedeutung wohl dem verwitterten und mit
verschiedenen Salzen geschwängerten Alaunschiefer gegol
ten hat ***).
*) Handbuch, S. 1058.
-) Handbuch, S. 113.
*••) Libr. XXXIV. Cap. 12.
495
XV. Leber die Krys tüllform des Dichroits; von
F, Tarnnau.
H;
aüy, der zuerst die Krystallform des Dichroits be-
stimmte, nahm die Gestalten desselben für rhomboedrisch
(ögliedrig, nach Weif s) an, worin ilmiLeonhard, und
in neuester Zeit Phillips folgten. Mohs war der Erste,
der diese Formen als zu seinem prismatischen System (dem
zwei und zweigliederigen, nach Weifs) gehörig erkannte,
ohne jedoch Winkelmessungen anzugeben. Breithaupt
endlich giebt in seiner neusten Ausgabe der Charakteri-
stik des Mineralsysiems Messungen an, die fast ganz mit
den hier zum Gmnde gelegten übereinstimmen, indem sie
sich von Letzteren nur dadurch unterscheiden, dafs Hr.
Professor Breithaupt die beiden verticalen Prismen zu
120° 32' und 119° 28' annimmt, während sie mir voll-
kommen 120° zu seyn schienen. Da indessen noch keine
Winkelmessungen mit Hülfe des Reflexions -Ganiometers
an Dichroitkrystallen gemacht werden konnten, indem die
Flächen derselben nicht glänzend genug waren, so dürfte
diese Annahme wohl durch spätere Beobachtungen Ver-
änderungen erleiden.
In den letzten Jahren sind zu Bodenmais in Baiern
Dichroitkrystalle vorgekommen, die alle früher bekann-
ten an Gröfse und Schönheit übertreffen. Besonders aus-
gezeichnete Reihen davon befinden sich in der Königl.
Mineraliensammlung zu Berlin, deren vollständige Be-
nutzung ich der Güte der HH. Professoren Weifs und
G. Rose verdanke. Auch in dem Cabinet des Herrn
Medicinalraths Bergemann, welches sich überhaupt zu
den ausgezeichnetsten Sammlungen zählen darf, so wie
unter meinen eigenen Mineralien befinden sich sehr aus-
gezeichnete Bodenmaiser Dichroitkrystalle. Leider fehlt
es mir indessen ganz und gar an eben so guten Stücken
496
von Orijerfvi in Finnland, von Grenadille und Cabo de
Gata in Spanien, und von Simiutack und Ujortlersoak
in Grönland, so dafs es mir unmöglich war, die dort
vorgekommenen Gestalten mit denen von Bodenmais zu
vergleichen. An den übrigen Fundorten des Dichroits
sind, soviel mir bekannt ist, nur derbe Varietäten vor-
gekommen, und nur vom Laacher-See ist mir noch ein
Krystall davon bekannt, der sich in der oben erwähnten
Sammlung des Hrn. Medicinalrathes Berge mann be-
findet.
An mehreren sehr deutlichen Krystallen wurde mit
möglichst 'grofser Genauigkeit die Neigung von T zu T
über k (siehe Fig. 10. Taf. III.) zu 120° und die Nei-
gung von P zu T zu 140° bestimmt, und diese Abmes-
sungen den folgenden Berechnungen zum Grunde gelegt.
Die ungleichschenkliche vierseitige Pyramide P (Fig. 7.
Taf. III.) wurde als Grundgestalt angenommen. Nennt
man die Axe derselben a, die grofse Diagonale b, die
kleine c, so ist das Verhältnifs derselben nach obigen
beiden Annahmen:
«:Z»:c=l:l // 2,81635: ^0,93879
und daraus ergeben sich als Abmessungen der Grund-
gestalt:
Die Axenkante aus b = 96° 52' 43"
Die Axenkante aus c =134 57 28
Die Kante an der Basis = 100
Die beobachteten Flächen sind folgende:
Bezeichnung
nach Mohs nach Weifs *) in den Figuren
P— x .... (oca:ODb:c) M.
P — 1 .... (a:b:4c) s.
P
*) Hr. Profess. Weifs nennt stets die senkrecht stehende Dimen-
sion c, die auf den Beobachter zulaufende a, und die mit dem-
selben parallel gehende b; dagegen bezeichnet Hr. Prof. Mohs
mit a stets seine Hauptaxe, die senkrecht stehende Dimension,
und von den beiden andern die gröfsern mit b und die kleinern
mit c, T.
497
Bezeichnung
nach Mohs nach Weifs in den Figuren
P (a:b:c) ....... P.
Pr (<xa:b:c) n.
(P) 3 . . (a4b:c) O.
P+OD (a:b:ccc) T.
(P+x) 3 . . . (abblase) d.
ti
Pr+co (a:ccb:aoc) . . . . k.
Pr+cc (od a:b : co c) ;.'../.
Aufser diesen Flächen tritt noch zuweilen eine Ab-
stumpfung der Ecken zwischen k, P und Tauf. Da es
indessen nicht möglich war, eine auch nur oberflächliche
Messung einer Kante dieser Fläche zu nehmen, und da
sich durchaus kein Parallelismus der Kanten sehen liefs,
so war ich nicht im Stande deren krjstallographisches
Zeichen zu bestimmen. Theils in der oben erwähnten
Sammlung, theils während eines Aufenthaltes in Wien
hatte ich Gelegenheit, folgende zahlreiche Combinationen
zu beobachten:
1.
M.T.d.k
. Fig.
8. Taf. III.
2.
M.T.d.k.e
. Fig.
9.
3.
M.P.T.k
. Fig.
10.
4.
M.P.T.k.l
. Fig.
11.
5.
M.P.T.d.k
. Fig.
12.
6.
M.P.T.d.kJ
. Fig.
13.
7.
M.P.o.T.d
.Fig.
14.
8.
M.P.o.T.d.h
9.
M.P.o.l.d.L
10.
M.P.o.T.d.k.l . . .
. Fig.
15.
11.
M.s.P.o.T.d.
12.
M.s.P.o.T.d.k . . .
. Fig.
16.
13.
M.s.P.o.T.d.l . . .
. Fig.
17.
14.
M.s.P.o.T.d.LL
15.
M.P.n.T.d.l.
Annal. d.
Physik. B. 88 .St. 3. J. 1828. St
.3.
li
498
16. M.P.n.T.d.h.l
17. M.s.P.n.T.d.l
18. M.s.P.n.T.d.k.l . . . Fig. 18.
19. M.P.n.o.T.d.l
20. M.P.n.o.T.d.Ll . . . Fig. 19.
21. M.s.P.n.o.T.d.l.
22. M.s.P.n.o.T.d.Ll . . Fig. 20.
Die Krystalle erscheinen häufig sehr in der Rich-
tung der Hauptaxe verkürzt. — Zwillingskrystalle mit
deutlich einspringenden Winkeln sind mir mehrere vor-
gekommen, jedoch nicht deutlich genug, um das Gesetz
ihrer Zusammensetzung zu bestimmen.
Die vorzüglichsten Winkel, unter denen die oben
angeführten Flächen sich gegen einander neigen, sind fol-
gende:
M:S
= 149 (
> 12' 37"
M.P
= 130
M-.n
= 149
12 37
M-.o
= 115
50 53
S:s
= 150
20 27
s:s über n
= 127
22 6
s.P
= 160
47 23
P.P
= 134
57 28
P.P über n
= 96
52 43
P.o
= 151
19 1
P.n
= 138
26 21
P:k
= 131
33 38£
P.T
= 140
P.P über T
= 100
0:71
= 153
15 28
o-.o über n
= 126
30 57
o-.o über d
= 128
18 14
o:d
= 154
9 7
n.l
= 120
47 23
n.n über /
= 61
34 46
n.n über M
= 118
25 14
499
k:T
= 150°
0'
0"
T:d
= 150
d:l
= 150
T: T über k
= 120
d:d über /
= 120
Die blaue Färbung des Dichroits scheint keineswegs
ein wesentliches Kennzeichen für ihn zu seyn, denn ich
habe mehrere Krystalle davon gesehn, die sehr durch-
scheinend und von fast vollkommen weifser Farbe waren,
in welcher Richtung gegen die Axe man sie auch be-
trachtete. Sie sind in diesem Zustande, wenn man ihre
Flächen nur unvollkommen sieht, sehr schwer von den
Quarzkrystallen zu unterscheiden, mit denen sie zusam-
men im Magnetkies eingewachsen vorkommen.
XVI. Zweiter Nachtrag zu dem Aufsatz über
die Metallreductionen auf nassem Wege;
von N. VF. Fischer.
(Der erste Nachtrag findet sich in dies. Annal. ßd. 86. S. 603.
D
I. Wiederhers tel lung des Osmium.
ieses Metall wird, wie bekannt, als Oxyd im Was-
ser aufgelöst von allen Metallen bis zum Silber, und die-
ses mit begriffen reducirt.
Bei meinen Versuchen, und indem ich nur eine sehr
verdünnte Auflösung dieses Oxyds im Wasser anwenden
konnte, fand bei allen Metallen, selbst beim Zink, nur
eine sehr schwache Reduction statt; hingegen mit einer
Säure versetzt, erfolgt sie bei allen vollständig. Bei eini-
gen Metallen, wie beim Zink, Eisen, Zinn und Kadmium,
fällt das reducirte Osmium als ein bläulich- oder röth-
lichschwarzes Pulver nieder, welches in der ganzen Flüs-
sigkeit zertheilt und lange schwebend erhalten, ihr eine
blaue Farbe mittheilt; beim Silber, Quecksilber, Kupfer,
Ii 2
500
Antimon, Wismuth und Blei hingegen, legt sich das
Osmium fest an diese Metalle an, besonders das Silber
läuft daher mit verschiedenen Farben und zuletzt schwarz
an, ohne dafs die Flüssigkeit selbst gefärbt wird. Beim
Blei erfolgt die Reduction überhaupt sehr unvollständig,
und nach einiger Zeit schlägt sich ein weifses Pulver
nieder.
Sehr auffallend ist die Empfindlichkeit des Silbers
für die Gegenwart des Osmiurnoxyds , indem es in so
verdünnte Auflösungen dieses Oxyds, dafs sie kaum Ge-
ruch zeigen, dieses farbige Anlaufen zeigt. Der Grund
beruht hier auf der starken Anziehung des Silbers zum
Osmium, so wie die Reduction der selenigen Säure auf
die Anziehung zum Selen. Die Verbindung des Silbers
mit dem Osmium ist zugleich sehr innig, so, dafs sie
durch blofses Erhitzen keinesweges getrennt werden kann;
dabei stellt sich die merkwürdige Erscheinung dar, dafs
beim starken Erhitzen das geschwärzte Silber allerdings
weifs erscheint, beim schwachen Anblasen mit der Löth-
rohrflamme hingegen, wieder regenbogenfarbig anläuft,
wodurch dieses mit Osmium belegte Silber ein ähnliches
Verhalten wie das Palladium zeigt, nur dafs bei diesem
für beide Zustände eine höhere Temperatur nöthig ist.
Und dieser Wechsel vom Verschwinden und Wiederer-
scheinen der Farbe kann zu wiederholten Malen hervor-
gebracht werden, nur mufs das Erhitzen nicht bis zum
Glühen gehen, weil dann allerdings das Osmium getrennt
und verflüchtigt wird.
Berzelius Angabe, dafs das reducirte Osmium nicht
rein metallisch seyn könne, weil eine Säure zur Auflö-
sung des gebildeten Metalloxyds fehlt, und weil das so
erhaltene Osmium von Salpetersäure aufgelöst wird, wel-
ches das reine Metall nicht auflöst, scheint mir nicht be-
gründet; denn, was den ersten Umstand betrifft, so habe
ich bereits beim Silberoxyd gezeigt, dafs es ebenfalls blos
im Wasser aufgelöst von mehreren Metallen reducirt wird.
501
Und dieses ist höchst wahrscheinlich bei allen Metall-
oxyden, in sofern sie im Wasser auflüslich, und als
Salze leicht reducirbar sind, der Fall; auch zeigte sich
bei meinen Versuchen kein wesentlicher Unterschied bei
der Reduction durch alle Metalle, ob die blofse wäfsrige
Auflösung angewendet, oder ob sie mit Salpetersäure oder
Salzsäure vermischt worden war, was doch nothwendig der
Fall hätte seyn müssen, wenn, nach Berzelius Angabe,
der bei Anwendung der blos wäfsrigen Auflösung erhal-
tene Niederschlag eine Verbindung des gebildeten Metall-
oxyds mit einer niedrigem Oxydationsstufe des Osmiums
wäre. Ferner verhält sich auch das durch Metall redu-
cirte Osmium ganz gleich mit dem durch Weingeist oder
Aether aus der wäfsrigen Auflösung niedergeschlagenen;
so z. B. zeigt auch dieses keinen Metallglanz, auch nicht
beim Streichen des trockenen Pulvers; und auch dieses
löst sich leicht in Salpetersäure auf.
Was nun dieses Verhalten der Salpetersäure noch
besonders betrifft, so ist der Grund: dafs sie dieses aus
der wäfsrigen Auflösung präcipitirte Metall so leicht auf-
löst, während sie das reine, wie Berzelius sich aus-
drückt, nicht löst, was wohl nichts anders als das scharf
getrocknete oder geglühete heifsen mufs, indem wir doch
dieses Metall auf keinem andern Wege als eben auf die-
sem nassen darzustellen vermögen; was also dieses Ver-
halten der Salpetersäure betrifft, so beruht es offenbar
auf dem verschiedenen Cohäsionszustand des Metalls, der
in so vielen andern Fällen eine ähnliche und auch noch
gröfsere Verschiedenheit hervorbringt *). Endlich mufs
*) Berzelius selbst sagt kurz vor der angeführten Angabe über
das reducirte Osmium wörtlich: (S. Lehrb. d. Chem. übers, von
Wo hier, Bd. II. S. 143.) Osmium, welches einer höhern Tem-
peratur ausgesetzt gewesen ist, wird nicht mehr aufgelöst, we-
der von der Salpetersäure, noch vom Königswasser; aber das so
eben gefällte Metall löst sich etwas darin auf, obgleich nur sehr
langsam.
502
hier noch bemerkt werden, dafs man bei dieser Reduction
das Osmium mit der eigenthümlichen röthlichgrauen Farbe
und vollkommenem Metallglanz dann erhalten kann, wenn
das reducirende Metall, z. B. Zink, in Verbindung mit
Platin in die Osmiumoxydauflösung gebracht wird. Da
wo die Spitze des Platins das Glas berührt, legt sich das
Osmium vollkommen metallisch an, und ragt das zweite
Ende des Platins aus der Flüssigkeit heraus, so legt es
sich als Metallhäutchen auf die Oberfläche der Flüssig-
keit an.
II. Wiederherstellung des Tellurs.
Dieses Metall wird aus seiner salpetersauren Auflö-
sung durch Zink, Cadmium, Eisen, Zinn, Blei, Kupfer
und Quecksilber reducirt, im Allgemeinen als schwarzes
Pulver; beim Blei, welches überhaupt schnell und unter
Luftentwicklung einwirkt, wird es in Dendriten abgeson-
dert. Bei keinem erfolgt jedoch die Wiederherstellung
alles Tellurs, sondern es wird nach Sättigung der Salpeter-
säure entweder ein Theil Oxyd als basisches Salz oder
verbunden mit dem Oxyd des fällenden Metalls, als tel-
lursaures Salz präcipitirt, wie dieses im Allgemeinen bei
der Reduction aller metallischen Säuren — zu welcher
auch das Telluroxyd, besonders rücksichtlich dieses Ver-
haltens, gehört — der Fall ist, und wie ich dieses bei
den Säuren des Arseniks bereits nachgewiesen habe. Am
vollkommensten erfolgt die Reduction durch Zink und
Cadmium, beim Eisen scheidet sich nach einiger Zeit
Telluroxyd aus; beim Blei tellursaures Bleioxyd; eben
so beim Quecksilber tellursaures Quecksilberoxyd; das
Zinn schlägt nach der anfänglichen Ausscheidung des re-
ducirten Metalls ein schwarzes Pulver, eine Legirung bei-
der Metalle oder eine Verbindung des Zinnoxyds mit
Tellursuboxyd oder Oxydul nieder, ähnlich dem Product,
welches das Zinn oder ein Zinnoxydulsalz mit der
Gold-, Platin-, Silber- und Palladiiunauflösung hervor-
503
bringt. In manchen Fällen, bei viel freier Salpetersäure,
wird auch hier nach einiger Zeit das weifse Telluroxyd
präcipitirt, oder auch die angegebene Verbindung des Zinns
in ein weifses Salz — tellursaures Zinnoxyd — umge-
schaffen. Am Kupfer legen sich metallische grünlich ge-
färbte Blättchen an, wahrscheinlich eine Legirung beider
Metalle, oder eine Verbindung beider im niedrigem Oxy-
dalionszustand.
Als reducirendes Metall wirkt das Tellur nur auf
Gold-, Platin-, Silber- und Palladiumauflösung, und zwar
bei allen erfolgt die Reduction nur sehr langsam und un-
vollständig. Am schnellsten ist die Wirkung auf Gold-
auflösung; das Tellur überzieht sich mit Gold, dadurch
hört aber alle fernere Wirkung auf, und zwar selbst bei
höherer Wärme.
Noch langsamer erfolgt die Reduction des salpeter-
sauren Silbers. Das schwarze Pulver, welches nieder-
fällt, ist jedoch nicht metallisches Silber, nimmt daher
beim Glätten nicht Metallglanz an, sondern eine Verbin-
dung beider Metalle im niedrigsten Oxydationszustande,
wie das Verhalten zur Salpetersäure und zum Ammoniak
darthut. Noch weit langsamer ist die Wirkung auf Platin-
und Palladiumauflösung, und das ausgeschiedene Pulver
scheint hier von derselben Art wie beim Silber zu seyn.
III. "W iederherstellung der Metalle durch Legirungen.
Es ist leicht vorauszusehen, dafs, so wie die Legi-
rungen in Rücksicht ihrer physischen und zum Theil auch
chemischen Eigenschaften ein ganz anderes Verhalten zei-
gen, als das Mittel beider Bestandlheile vermuthen läfst,
sie auch ganz verschieden in Rücksicht der Reduction
wirken werden. Die hierüber angestellte Untersuchung,
die auf den ersten Blick sehr weitläufig zu werden
versprach, liefs jedoch bei näherer Ueberlegung eine
bedeutende Beschränkung zu, wie aus Folgendem her-
vorgeht:
504
Eine Legirung kann nur dann die Reduction eines
aufgelösten Metalls bewirken, wenn entweder beide —
und wie sich's von selbst verstellt, ist hier nur die Rede
von Legirungen aus zwei Metallen — oder eines yon bei-
den das Aufgelöste wieder herzustellen im Stande ist. Im
letztern Falle wird die Reduction um so sicherer erfol-
gen, je mehr dieses positivere Metall an Menge das ne-
gative der Legirung übertrifft, oder je weniger innig oder
chemisch die Verbindung ist. (Als Prüfstein dieses letz-
tern Umstands kann das Verhalten zu denjenigen Säuren
dienen, welche das positive leicht, das negative hinge-
gen nicht auflösen. Ist die Verbindimg chemisch, so wer-
den dann diese Säuren kaum oder schwach einwirken,
ist sie hingegen blos mechanisch, so erfolgt die x\uflösung
beinahe eben so leicht als bei Einwirkung auf das posi-
tive Metall allein.) Dafs umgekehrt niemals eine Re-
duction erfolgen wird, wenn keins der beiden Metalle
sie zu bewirken im Stande ist, versteht sich von selbst.
Folgende Ergebnisse dieser Versuche verdienen wohl einer
besonderen Erwähnung:
1 ) Messing, als Blech oder Draht, reducirt leicht Silber-
und Quecksilbersalze, aber weder Kupfer-, noch
Rlei-, noch Zinnsalze.
2) Zink -Silber reducirt ebenfalls leicht und vollkom-
men Silber- und Quecksilbersalze, aber keine eines
mehr positiven Metalls, selbst nicht salpetersaures
Kupfer, mit Ueberschufs an Säure. Aehnlieh ver-
hält sich die Legirung des Silbers mit Zinn und Blei.
3) Die Legirung des Silbers mit Kupfer reducirt nur
die Quecksilbersalze, und zwar selbst bei Anwen-
dimg von zwölflöthigem Silber, bei noch gröfserem
Gehalt hört die Reduction auf.
IV. Wiederh erstellung der Metalle durch nicht metal-
lische Körp er.
1) Phosphor reducirt Gold, Silber, Platin, Palladium,
Osmium, Quecksilber und Kupfer. Bei allen ist
505
kein wesentlicher Unterschied, in welcher Säure das
Metall aufgelöst ist; beim Silber und Gold erfolgt
sogar die Reduction eben so gut aus den alkali-
schen Auflösungen dieser Metalloxyde oder der Me-
tallsalze; ausgenommen beim Kupfer, welches, in
Salzsäure aufgelöst, aus dem Grunde nicht reducirt
wird, weil es in salzsaures Kupferoxydul übergeht
und aus der Auflösung niederfällt.
2) Schwefel wirkt bei gewöhnlicher Temperatur gar
nicht, bei erhöheter reducirt er das Gold. Der
Schwefel erscheint dann an einzelnen Stellen wie
mit Goldadern durchzogen. Beim Silber erfolgt
ebenfalls die Reduction nur bei erhöheter Tempe-
ratur, und der Schwefel überzieht sich mit Schwe-
felsilber. Die übrigen Metalle werden nicht re-
ducirt.
3) Kohle reducirt, wie schon aus Rumford's Ver-
suchen hervorgeht, bei gewöhnlicher Temperatur
und ohne Einwirkung des Lichts nicht; bei erhö-
heter Wärme, und zwar selbst noch unter dem
Siedepunkte des Wassers, erfolgt auch beim Aus-
schlufs des Lichts die Reduction des Goldes und
Silbers. Das Erstere überzieht die Kohle als eine
glatte metallische Fläche; das Silber hingegen legt
sich an einzelnen Stellen in vollkommen metallisch
glänzenden Dendriten an.
4) Selen reducirt nur bei erhöheter Temperatur die
Goldauflösung. Das Gold überzieht vollkommen
metallisch das Selen, wodurch die fernere Reduction
der Auflösung verhindert wird. Silber, Platin und
die übrigen Metalle werden nicht reducirt.
506
XVII. VulcaniscJie Hebungen in den Molucken.
nbezweifelt ist die Bildung neuer Inseln im Meere,
das Entstehen neuer Berge des Festlandes durch vulca-
nische Thätigkeit ein Gegenstand von der höchsten Be-
deutung. , Der Einflufs, welchen Vorfälle dieser Art von
Zeit zu Zeit auf die Vorstellungen von der Bildung
der Erdrinde geübt haben, beweiset es deutlich. Die
Erhebung des Troezenischen Hügels bei Methone, das
unerwartete Erscheinen des Monte nuovo bei Pozzuoli,
das mehrfach wiederholte Entstehen neuer Inseln in der
ringförmigen Umwallung des Erhebungs-Craters von San-
torin, und ähnliche Erscheinungen mehr, sind in alter
und neuer Zeit die Quellen von fast eben so viel geolo-
gischen Theorien geworden. Ansichten dagegen, welche
den erhebenden und zerreifsenden Kräften des Innern
einen kaum bemerkenswerthen Antheil an der Bildung
der Massen, welche die Erdrinde zusammensetzen und
an der Vertheilung der Höhen und Tiefen in ihrem ge-
genwärtigen Zustande gestatteten, konnten sich nur in
Ländern ausbilden, welche dem Schauplatze solcher Vor-
gänge fern liegen.
Wichtiger indefs noch und von dauerndem Einflufs
auf die Gestaltung der Wissenschaft sind diese Ereignisse
geworden, seit die Aufmerksamkeit der Gebirgsforscher
sich den eigenthümlichen Verhältnissen ihres Auftretens
in verschiedenen Gegenden der Erde mehr zugewendet
hat. Die phlcgräischen Felder Campaniens und die Um-
gebungen des Aetna konnten ihren Beobachtern nur das
Beispiel neugebildeter Berge darbieten, welche mit den
allgemein verbreiteten Gebirgen der Nachbarländer kei-
nen Vergleich dulden. Die regelmäfsig geschichtete Kalk-
steinkette der Apenninen und das ähnlich gebildete Kü-
stengebirge Siciliens konnten weder durch die Substan-
507
zen, von denen sie gebildet werden, noch auch durch
die Anordnung ihrer Bestandteile, nur im entferntesten
an jene regellosen Anhäufungen lose ausgew orfner Mas-
sen erinnern, aus welchen der Schlackenkegel von Poz-
zuoli und der später entstandene monte rosso bei Nico-
losi bestehn. Die Zeiten sind lange vorüber, in welchen
man noch mit Lazzaro Moro voraussetzen durfte, dafs
auch alle geschichteten und organische Reste umschlie-
fsenden Gebirgsarten nur ein vom Wasser modificirtes
Aggregat von vulcanischen Auswürflingen seyen; sehr neu
dagegen ist die Belehrung, dafs nicht alle, ja die wenig-
sten neu entstandenen Berge und Inseln vulcanischen
Ursprungs den erwähnten Erhebungen gleich gebildet
wurden.
Die Beobachtungen Alexander von Humboldt's
in den vulcanischen Districten von America, die Wahr-
nehmungen, welche gleichzeitig Leopold von Buch
an den Puys der Auvergne und später mit so grofsem
Erfolg im Gebiete der canarischen Inseln anstellte, zeig-
ten zuerst, dafs Quadratmeilen Landes durch vulcanische
Kräfte gehoben, dafs die Schichten verschiedenartig ge-
bildeter Gebirgsarten zerrissen und aufgerichtet werden,
und dafs die Inseln, die dem Meere entsteigen, dem
wesentlichsten Theil ihrer Masse nach, Theile des Mee-
resgrundes selbst sind, durch dessen Zerreifsung und Er-
hebung die unterirdischen Expansiv-Kräfte sich Bahn bra-
chen. Schon eine aufmerksame Verfolgung des Ganges
der Erscheinungen, die uns von der Bildung der letzten
Insel bei Santorin berichtet werden, hätte dazu beitra-
gen können, so folgenreiche Thatsachen wahrscheinlich
zu machen. Denn erst lange, ja fast einen vollen Mo-
nat später, als die Hauptmasse der neuen Insel unter hef-
tigen Erschütterungen des benachbarten Landes an die
Oberfläche getreten war, begann unmittelbar neben ihr
ein vulcanischer Ausbruch. Da erst entstiegen dem Meere
Rauch, Flammen und Asche Bimmsteine und Schlacken
508
•wurden herausgeschleudert, und bildeten eine lose auf-
geschüttete Decke auf der zusammenhängenden Grund-
lage *). —
Das merkwürdige Beispiel der vulcanischen Hebung
einer ansehnlichen Landstrecke an der Küste von Chili,
welche successiv in verschiedenen Perioden erfolgte, und
von welchem in diesen Annalen berichtet worden, mit
ihm unleugbare Beweise für ähnliche Ereignisse, welche
sich namentlich an mehreren Punkten der Küste Ita-
liens **), an den hebridischen Inseln***) u/s. w. haben
•wahrnehmen lassen, schliefsen sich unmittelbar an diese
*) Die kurze Darstellung, welche wir von den wesentlichsten die-
ser Vorgänge aus dem Berichte des Pater Bourignon an den
Marquis de Ferriol genommen, in der Schrift eines deutschen
Geologen finden, welcher zuerst die Erhebung neuer Berge und
Inseln einer critischen Betrachtung unterwarf, ist in der That
so musterhaft, dafs es vielleicht nicht ganz überflüssig erscheint,
sie wörtlich hieher zu setzen. — Wir lesen in Raspe: spe-
cialen etc. de novis e mure nutis insulis 1763. p. 48.
Post terrae motum d. 23. Juri. 1707, absque ullo ulteriori
fragorc, motu oculis sensibili, nonnunquam tarnen inaequali
et remittente, ex immensi antea maris profunditate rupes
antea non visa prodiit. Rupes Hin albi coloris et rotundae
figurae. Terra quae inhaerebat levior , argillae similis. In-
haerebant et ostreae saporis exquisitissimi. — — Tandem
d. 16. Juli fumus supra mure cisus est, simulque prope hanc
rupem jugum octodecirn aliarum , obscuri et adusti coloris.
Ad diern 19. Juli ardere coeperunt etc.
Merkwürdig ist es, dafs derselbe Naturforscher schon sehr wohl
einsah, wie wichtig es seyn müsse, die innere Structur jener
neu erhobenen Inseln kennen zu lernen, und durch Beobachtun-
gen auszumitteln , was Buffon noch für sehr unwahrscheinlich
hielt: An recens natarum insularum eadern sit interna struetura
et stratorurn ordo, quam terrae continentis? Ein Bäthsel, des-
sen Lösung er von der Zukunft hoffte: si itinere in unam ulte-
ramve novarum insularum suseepto per vir um hujusmodi
rerumperitum certiores ficrimus. —
**) S. u. a. Brocchi in d. Bibl. italiana. 1821. Septbr.
*** ) S. u. a. V e t c h in den Geolog ical Tr ansäet See. Series, Vol. I.
part. IL 416.
509
Reihe von Thatsachen an, welche den geologischen An-
sichten unserer Tage eine so veränderte Gestalt gegeben
haben. Die lehrreiche Darstellung Leopold v. 15 u c h 's
über die Natur der vulcanischen Erscheinungen, und die
sorgsamen Arbeiten des Hrn. von Hoff in seinem wich-
tigen Werke über die Veränderungen der Erdoberfläche,
enthalten eine erfrische Aufzählung aller bis jetzt bekann-
ten Fälle vom Entstehen neuer Berge und Inseln durch
vulcanische Thätigkeit. Es wird daher unstreitig nicht
unwillkommen seyn, den bestehenden noch einige Nach-
richten ähnlicher Art hinzuzufügen , welche aus andern
Gegenden der Erde neuerdings berichtet worden sind.
Wh' entnehmen diese Nachrichten aus einer vor Kur-
zem zu Leyden erschienenen Dissertation *), deren Ver-
fasser, Herrn van der Boon Mesch, es gestattet war,
die zahlreichen, bis jetzt nur noch handschriftlichen Nach-
weisungen zu benutzen, welche Herr Rein war dt, Pro-
fessor zu Leyden, während seines mehrjährigen Aufent-
haltes auf Java und den moluckischen Inseln zu sam-
meln Gelegenheit fand. — Es sind zwei Ereignisse der
Erhebung neuen Landes in einem Gebiete, das um so
merkwürdiger ist, weil es den Vereinigungspunkt von
drei mächtigen vulcanischen Reihen, den Schaarungspunkt
von eben so viel gigantischen Spalten bildet, welche die
Massen der Continente von Asien und Australien begrän-
zen. Das am ausführlichsten beschriebene trug sich neben
dem thätigen Vulcan Gonung Api in der Gruppe der
BaTida- Inseln zu, der, wie wir aus anderweitigen Nach-
richten **■) wissen, im Julius 1820 seinen letzten sehr
heftigen Ausbruch hatte. Auf der Westseite der Insel,
die er bildet, befand sich damals noch eine weite vom
*) Sie führt den Titel: De incendiis montium igni ardentium in-
sulae Javae , eorumque lupidibus , disputatio geologica. Lug-
duni Batav. 1826.
**) Asiatic Journal and monthly Register XI. p. 201., XII.
p. 488.
510
Meere erfüllte Bucht In dieser erhob sich eine mäch-
tige Masse von schwarzem Gestein, welche gegenwärtig
beträchtlich über dem Wasser hervorragt, und die Mee-
resbucht ausfüllend sich mit dem Fufse des Berges ver-
einigte. Herr Prof. Bein war dt besuchte diese merk-
würdige Stelle im J. 1821. Er erfuhr dort, dafs die Er-
hebung derselben ohne alles Geräusch erfolgte, und dafs
die Bewohner der nächsten bewohnten Insel Neira, wel-
che auf der entgegengesetzten Seite des Berges liegt, erst
von dieser neuen Erscheinimg in Kenntnifs gesetzt win-
den, als sie das Meer sich erhitzen sahen und als die
Erhebung schon vollendet war. Herr Beinwardt fand
den Ort noch sehr heifs, und die neu erhobne Masse
sliefs siedendheifse Dämpfe aus. Er bemerkt ausdrück-
lich, dafs es ein Felsen von basaltischer Natur und aus
grofsen Massen bestehend war, ohne Vermischung mit
Asche und Lapilli, deren Aufschüttung seiner Entstehungs-
weise fremd ist. — An der Basis des Gonung Api selbst
beobachtete er deutlich, dafs der gröfseste Theil dieser
Masse aus dicken Schichten bestand, welche eine geneigte
Lage hatten, und zwar so, dafs die Mitte derselben auf-
gerichtet und gekrümmt war, und er folgert daraus, dafs
sie während der Erhebung in einem erweichten Zustande
gewesen sey *). —
Wir finden ferner noch kurz erwähnt, dafs sich ein
völlig gleichartiges Ereignifs an der Küste von Ternate
*) Leider ist an der angeführten Stelle (p. 86.) die Eruption des
Vulcanes ganz mit Stillschweigen übergangen, und wir wissen
daher nicht, ob die Erhebung gleichzeitig, kurz vor oder nach-
her statt fand; auch finden wir keine Nachricht von der unge-
fähren Höhe, welche der neue Felsen über dem Meere erreichte.
Aus einer späteren Bemerkung (p. 87.) müssen wir schliefsen,
dafs der Berg gerade ruhig war, als die Erhebung erfolgte; indefs
sind die Einzelnheiten dieser Beschreibung überhaupt sehr un-
deutlich, und wir müssen daher sehr wünschen, dafs es Herrn
Reinwar dt gefallen möge, recht bald seine wichtigen Beobach-
tungen in einer eigenen Arbeit dem Publicum vorzulegen. —
511
zutrus. Die Masse des dort erhobenen Gesteines war
völlig dieselbe wie auf Banda. Sie ragt am Abhänge des
Berges dieser Insel aus dem Meere hervor, und ihr Um-
fang ist noch gröfser. Die Zeit aber, in welcher diese
Erhebung sich zutrug, ist nicht bemerkt. —
F. H.
XVIII. Notiz über die warmen Mineralquellen in
den Alpen und Pyrenäen.
In einer Mittheilung an die Herausgeber des Philoso-
phical Magazine (January 1828, p. 14. sq.) finden wir
einige bemerkenswerthe Nachweisungen über das häufige
Vorkommen von heifsen Mineralquellen im Gebiete der
penninischen Alpen von Herrn Rob. Bake well. Der
Verf. bemerkt, dafs die meisten derselben erst seit Saus-
sure 's Reisen in diesen Gebirgen entdeckt worden sind,
und zählt deren folgende auf. — Zu Naters im obern
Wallis mit 21° R. Temperat., zu Leuk mit 37,7—42° R.,
im Thal von Bagnes (verschüttet im J. 1545), im Cha-
mouni (1821 entdeckt), St. Gervaise am Montblanc mit
27,5 — 29,3° R. (1806 entdeckt), Aix les Bains in Sa-
voyen 35,5 — 37,7° R. mit zahlreichen heifsen Quel-
len in der Umgegend, Moutiers in der Tarentaise, Brida
in Tarentaise (früher verschüttet und 1819 wieder her-
vorgetreten) 27 — 29° R. , Saute de Pucelle zwischen
Moutiers und St. Maurice, Courmayeur und St. Di-
dier am südlichen Abstürze des Montblanc mit 27° R.,
einige bei Grenoble (im Jahre 1820 entdeckt). Die
Austrittsorte aller dieser Quellen liegen, nach Hrn. B's
Beobachtungen, theils im Urgebirge der Centralkette selbst,
theils, und zwar am häufigsten am Rande derselben, an
der Gränze des Urgebirges mit den Secundär-Formationen.
Er glaubt daher, in Ermangelung aller neueren vulcani-
512
sehen Gebirgsarten in diesem von so gewaltigen Zerrei-
fsungen heimgesuchten Theile der Alpen, das Erscheinen
dieser Quellen, deren wahrscheinlich noch eine grofse
Menge bis jetzt unbekannt geblieben ist, als einen hin-
länglich begründeten Beweis ansehn zu dürfen, dafs sich
unter der Urgebirgskette ein gemeinsamer Heerd der Er-
hitzung befinde, dessen Wirkungen in früheren Perioden
im Stande waren, ihre gegenwärtige Stellung zu erzeugen
Dafs der Sitz dieser mineralischen Quellen übrigens in
der That im Urgebirge selbst gesucht werden müsse, er-
giebt sich unter andern auch noch aus der merkwürdigen
Thatsache, dafs deren in der hohen Kette des Berner
Oberlandes, welche von einer mächtigen Decke von Flöz-
gebirgsmassen gebildet wird, so wenige und so unbedeu-
tende gefunden werden. — Es erscheint wichtig, mit die-
ser, fast allgemein in so vielen Theilen der Erde wie-
der erkannten Erscheinung, welche die Theorie von Ent-
stehung der Gebirge einen Schritt weiter geführt hat, eine
noch wenig bekannt gewordene Nachweisung von Pal as-
s o u über die zahlreichen warmen Mineralquellen der Py-
renäen zu vergleichen. Wir ersehen nämlich aus den
fleifsigen Zusammenstellungen dieses unermüdlichen Beob-
achters (3Iem. pour servir ä Ihist. naturelle des Pjre'-
ne'es 1815, p. 435. so.), dafs nicht nur die Hauptmasse
der heifsen Quellen dieses Gebirges im Gebiete des gro-
fsen Granit -Bezirks an der östlichen Seite (im Roussil-
lon, zwischen den Thälern des Tech und der Teta) liegt,
sondern dafs auch alle die andern nur in Schluchten des
Jüngern Gebirges austreten, in welchen der Granit an der
Basis der Abhänge aus der Tiefe hervortaucht; ja es ist
merkwürdig, dafs sich auch nach der verschiedenen Offen-
heit des Ursprunges aus der krystallinischen Axe des Ge-
birges selbst die Höhe der Temperatur dieser Quellen
auf eine auffallende Weise richtet; so zeigen die Quel-
len im Roussillon bei Oletle 70° B. , die Bäder von
Dax im Ländchen Foix 66° Reaum., die wärmsten von
Sag-
513
Ragneres de Luchon weiter westlich 50°, die von Bar-
reges 40°, die eaux bonnes und eaux chaudes im Thale
von Ossau höchstens 30°, und endlich die von Carnbo,
nicht fern von Bayonne und am fernsten von der Haupt-
Granitmasse liegend nur 17°.
XIX. lieber die Zusammendrückung des VFas-
sers in Gefäjsen von verschiedener Zusam-
rnendrückbarkeit; von J. C. Oer st ed.
nter den Aufgaben, welche sich bei den Untersuchun-
gen über die Zusammendrückbarkeit der Flüssigkeiten
darbieten, ist, bei Gelegenheit einer von der Pariser Aca-
demie der Wissenschaften aufgegebenen Preisfrage auch
die zur Sprache gebracht: Welchen Einflufs die Zusam-
mendrückbarkeit der Wände des Gefäfses, das den Ge-
genstand des Versuches einschliefst, auf die Resultate
haben würde. Dieser Einflufs kann unter zwei verschie-
denen Gesichtspunkten betrachtet werden. Einige Phy-
siker haben geglaubt, dafs die Wände des Gefäfses nach
allen Richtungen zusammengedrückt werden, so dafs das
Gefäfs durch den Druck, welcher ihm von der zusam-
mengedrückten Flüssigkeit mitgetheilt wird, an Capacität
verliere. Andere dagegen haben geglaubt, dafs dieser
Druck nur die Wirkung auf das Gefäfs ausübe , dafs es
seine Wände dünner mache. In diesem Falle wird die
Capacität des Gefäfses durch den Druck ein wenig ver-
gröfsert, aber um eine sehr unbeträchtliche Gröfse. Ich
bin immer dieser letzteren Meinung gewesen. Die Gründe
für die eine oder die andere dieser Meinungen sind zu
bekannt, als dafs man sie hier zu wiederholen brauchte.
Ich begnüge mich daher mit einem Berichte von Versu-
chen, durch welche ich gesucht habe die Frage zu ent-
scheiden.
Annal. d. Physik. B. 88. St. 3. J. 1828. St. 3. K k
514
Ich habe die Zusammendrückung des Wassers in Ge-
fäfsen von sehr verschiedener Zusammendrückbarkeit vor-
genommen. Da die Zusammendrückbarkeit des Blei's
mehr als 18 Mal gröfser ist, als die des Glases, so habe
ich bei meinen neuen Versuchen hauptsächlich von die-
sem Metalle Gebrauch gemacht Die HH. Colladon
und Sturm haben, in ihrer schönen Arbeit über die
Zusammendrückung der Flüssigkeiten, zuvor die Verlän-
gerung, die ein Glasstab durch einen gewissen Zug er-
leidet, gemessen, und nach diesem Versuch die Längen-
zusammenziehung des Glases auf 11 Zehnmilliontel für
den Druck von einer Atmosphäre festgesetzt. Da sie
meinen, dafs die Wände des Gefäfses, worin die Flüs-
sigkeit eingeschlossen ist, nach allen Richtungen zusam-
mengedrückt werden; so folgern sie, dafs das Glasgefäfs,
worin die Zusammendrückung des Glases beobachtet wird,
33 Zehnmilliontel von seiner Capacität durch den Druck
von einer Atmosphäre verliere, und dafs man diese
Gröfse der scheinbaren Zusammendrückung des Wassers
hinzufügen müsse, um die wahre Zusammendrückimg des-
selben zu erhalten. —
Nach den Versuchen des Hrn. Tredgold, welche
derselbe in seinem vortrefflichen Werke über die Stärke
des Gufseisens und anderer Metalle anführt, wird eine
Bleistange, deren Querschnitt einen Quadratzoll englischen
Maafses beträgt, um t |tt durch einen Zug von 1500 engl.
Pfunden verlängert. Ein gleiches Gewicht würde die
Stange um dieselbe Gröfse verkürzen. Ein Druck von
1500 englischen Pfunden auf einen engl. Ouadratzoll ist
gleich dem Drucke von 101,7 Atmosphären. Diefs macht
für den Druck von einer Atmosphäre eine Längen -Ver-
kürzung von 0,00002048. Eine Berechnung, nach dem
von den HH. Colladon und Sturm angenommenen
Satze, giebt für eine Flasche von Blei eine Gapacitäts-
Verringerung von 0.0000614-1. Da, nach diesen beiden
Physikern, die 'Zusammendrückung des Wassers, durch
515
eine Atmosphäre, nur 51 Milliontel und, nach meinen
Versuchen, noch weniger beträgt; so mufs das Wasser,
wenn es in bleiernen Gefäfsen zusammengedrückt wird,
eine scheinbare Ausdehnung zeigen. Hätte auch der ge-
schickte englische Baumeister bei seinen Versuchen eine
zu grofse Gröfse gefunden, hätte er sich sogar um mehr
als die Hälfte geirrt, welches zu glauben ich weit ent-
fernt bin; so müfste dennoch der hier in Rede stehende
Versach entscheidend sejn.
Die bleierne Flasche, deren ich mich bediente, war
an der Mündung mit einem messingenen Ringe eingefafst,
worin ein hohler Glasstöpsel, in dem eine gut calibrirte
Glasröhre steckte, vollkommen schlofs,. da er darin gut
eingerieben war. Nachdem das Wasser von Luft befreit
worden, wurde der Stöpsel mit seiner Röhre aufgesetzt,
und zwar so, dafs keine Luft unter dem Stöpsel bleiben
konnte und das Wasser in die Röhre steigen mufste.
Die obere Oeffnung der Röhre war mit einer kleinen
Glocke von kegelförmiger Gestalt bedeckt. Es versteht
sich, dafs die Röhre mit einer Skale versehen war. Uebri-
gens wurde der Versuch über die Zusammendrückung
des Wassers mit dieser Flasche eben so angestellt, als
ich ihn früher mit Glasflascheu angestellt habe.
Die nämliche Röhre mit ihrem Stöpsel, welche ich
zu dem Versuche mit der Bleiflasche gebrauchte, hatte
ich sehr oft zu Versuchen mit einer Glasflasche ange-
wandt, in deren Mündung der Stöpsel gleichfalls einge-
schliffen worden war. Es war also leicht, die Versuche
mit den beiden Flaschen mit einander zu vergleichen.
Nach gemachter Reduction, wegen der Verschiedenheit
ihrer Capacitäten, fand ich, dafs die scheinbare Zusam-
mendrückung in der Bleiflasche ein wenig gröfser war,
als in der Glasflasche. Dieser Unterschied überstieg, für
den Druck von einer Atmosphäre, nicht 2 Milliontel vom
Volumen des W 7 assers. Diefs Resultat stimmt vollkom-
Kk 2
516
rnen mit meiner Meinung überein, und ist der von mir
bestrittenen durchaus entgegen.
Aehnliche Versuche habe ich mit Flaschen von Mes-
sing und Zinn angestellt, und dabei ähnliche Resultate
erhalten. Ausführlich werde ich meine sämmtlichen Ver-
suche über die Zusammendrückung der Flüssigkeiten im
4. Bande der Denkschriften der K. Gesellschaft der
Wissenschaften zu Kopenhagen bekannt machen. Hier
begnüge ich mich zu bemerken, dafs man bei den be-
sprochenen Versuchen sich vor den Luftblasen in Acht
zu nehmen habe, die oft bei fortgesetzter Berührung
des Wassers mit dem Metalle gebildet werden. Wenn
das Wasser einen Tag hindurch in der Bleiilasche ge-
standen hat, linden sich fast beständig kleine Luftblasen.
Ich glaube auch gefunden zu haben, dafs das Wasser
eine gröfsere Zusammendrückbarkeit zeigt, wenn es nur
kurze Zeit mit einer Fläche, sie sey von Glas oder von
Metall, in Berührung gestanden hat. Ich bin noch mit
Versuchen über diesen Gegenstand beschäftigt.
XX. Leber die jLusziehung elastischer Druide
und Platten; ron Herrn JPoisson.
{Ann. de chim, et de phys. XXXVI. p. 384.)
JLis sey a die Länge eines elastischen Drahtes, welcher
überall dieselbe Dicke besitzt, b der Flächenraum eines
Querschnitts senkrecht gegen die Länge des Drahts, und
folglich ab sein Volumen. Man nehme an, dafs er um
etwas ausgezogen werde, so dafs seine Länge a (\~{-a)
wird, wo et ein sehr kleiner Bruch ist. Zugleich wird
i Faden dünner werden. Wenn man nun mit b (1 — ß)
das bezeichnet, was der Flächenraum des senkrechten
Querschnitts wird, wo ß ebenfalls ein kleiner Bruch ist;
so wird sein neues Volumen sehr nahe =.ab (l+# — ß).
517
Zufolge der Theorie elastischer Körper, die ich künftig
in einer Abhandlung aus einander setzen werde, mufs
man haben:
woraus folgt, dafs ein elastischer Faden, durch die Ver-
längerung cl, in dem Yerhältnifs (l + ^a):l an Vo-
lumen zunimmt, und im umgekehrten Verhältnisse an
Dichte abnimmt.
I)iefs Resultat stimmt völlig mit einem Versuche
überein, den Hr. Cagniard-Latoxir neuerlich der Aca-
demie mitgetheilt hat. Er ist folgender.
Hr. C. nahm einen Messingdraht und tauchte ihn in
ein mit Wasser gefülltes Rohr. Bas so eingetauchte Stück
des Drahts hatte eine Länge von 2 m ,03. Das untere
Ende desselben berührte den Boden. Er zog den Draht,
ohne ihn auszudehnen, in die Höhe, so dafs jenes Ende
sich 6 IT,m über dem Roden befand; er bemerkte dabei,
dafs das Wasser sich um 5 mm in dem Rohre gesenkt
hatte. Er befestigte hierauf das Ende des Drahts am
Roden des Gefäfses und verlängerte ihn hierauf durch
einen Zug nach seiner Länge, um 6 mm ; seine Dicke nahm
ab, und das Wasser in dem Rohr fiel um 2 mm ,5 oder
um halb so viel als vorhin. Der Verfasser schlofs hieraus,
dafs in Eolge dieser Verlängerung das Volumen des Drah-
tes zugenommen habe.
Um die Gröfse dieser Volumenszunahme zu erfahren,
und sie mit der, die nach der Theorie statt finden soll,
zu vergleichen, nehme ich wieder die vorherigen Bezeich-
nungen an; überdiefs nenne ich h die Höhe, in welcher
sich das Ende des Drahts, nachdem man diesen gehoben
hat, sich über dem Boden der Röhre befindet, und c
die Wassermeuge, welche unter das ursprüngliche Ni-
veau gefallen ist. Diese Gröfse milfs das Volumen bh
des Drahtes ersetzen, welches zwischen dem gehobenen
Ende und dem Boden des Gefäfses befindlich ist. Man
hat folglich:
bh=zc
518
Bezeichnet man die Verlängerung des Drahts, wie
vorhin, mit act, so hat man, da die Zunahme seiner
Länge der Erhebung h gleich ist,
act=h
Das Volumen des in Wasser getauchten Theils wird,
nach dieser Verlängerung, seyn ab(l — ß), wenn man
immer mit b(l — ß) das bezeichnet, was der Querschnitt
senkrecht gegen die Länge geworden ist, und dabei bei
dem Versuch des Hrn. Cagniard, gegen diese Länge,
die Mveaudifferenz des Wassers vernachlässigt, d. h. 2 mra ,5
gegen 2 m ,03. Das Volumen des eingetauchten Theils, wel-
ches ursprünglich gleich ab war, wird sich also um ab ß
verringert haben; und da diese Volumendifferenz durch
die Menge des nach der Verlängerung gesunkenen Was-
sers ersetzt worden ist, so hat man, wenn diese Was-
sermenge mit c 1 bezeichnet wird:
abß = c'
Elmiinirt man a und b zwischen diesen drei Glei-
chungen, so kommt
ß= C 'a
' c
und da Hr. Cagniard c 1 halb so grofs wie c gefunden
hat, so erhält man ß = ^cL, was genau mit dem Resul-
tate der Theorie übereinstimmt.
Es sey b der Flächenraum einer Platte oder Mem-
brane, deren Dicke constant und gleich a ist. Man nehme
an, dafs diese Fläche nach allen Richtungen gleich stark
ausgezogen werde, und dafs sie b(l-\-ß) werde, wo ß
ein sehr kleiner Bruch ist. Zugleich wird die Dicke ab-
nehmen. Wir bezeichnen mit a(l — et) das, was diese
Dicke wird, wo et ebenfalls ein sehr kleiner Bruch ißt.
Das Volumen, welches ab war, Avird sich sehr nahe in
ab(l-+-ß — et) verwandeln. Nun hat man nach der oben
angeführten Theorie
*=f/3
519
folgl'ch nimmt das Volumen in dem Verhältnisse (l-\-fß):l
zu. Diefs Resultat ist indefs schwieriger als das vorher-
gehende durch einen Versuch zu bestätigen.
XXI. yiuszug aus einer Arbeit über die bei der
Verbrennung entwickelte Wärme;
von Hrn. C. Despretz.
(Annales de chimie et de physiaue XXXVII. p. 180.)
Di
iese Arbeit hat die Verbrennung des Kohlenstoffs,
Wasserstoffs, Phosphors, mehrere Metalle u. s. w. zum
Gegenstand. Der zu diesen Versuchen angewandte Ca-
lorimeter hat den Vorzug, dafs mittelst seiner die Wärme,
die bei der Verbrennung eines jeden Körpers, selbst bei
der Verpuffung von Schiefspulver entwickelt wird, ge-
messen werden kann. Er ist vorzüglicher als der von
Rumford, der zu keiner genauen Messung tauglich war,
und worin selbst Rumford niemals Kohle verbrennen
konnte, geschweige denn, dafs er hätte Metalle verbren-
nen können. Diefs ist, wie ich glaube, das erste Mal,
dafs man die bei der Verbrennung der Metalle entwik-
kelte Wärme mifst.
Es geht aus dieser Arbeit hervor, dafs für ein Gramm
Sauerstoff
der Wasserstoff entwickelt 2578°
der Kohlenstoff - - 2967
das Eisen - - 5325.
Phosphor, Zink und Zinn entwickeln Wärmemen-
gen, die wenig von der vom Eisen entwickelten abwei
chen. Die Zahlen sollen näher angegeben werden, sobald
alle Versuche genugsam wiederholt worden sind, dafs
man ihre Genauigkeit nicht mehr bezweifeln kann.
Unter allen Körpern ist also der Wasserstoff der-
jenige, welcher bei gleicher Menge von absorbirtem
520
Sauerstoff dje wenigste Wärme entwickelt. Die Metalle
entwickeln dagegen am meisten.
Es ist merkwürdig, dafs der Kohlenstoff, welcher
das Volumen des Sauerstoffs ungeändert läfst, eine Wär-
memenge entwickelt, die f- von der ausmacht, welche
das Eisen und überhaupt die Metalle entwickeln.
XXII. lieber die Verbrennung unter verschiede-
nem Drucke; von Hrn. C. Despretz.
(Ann. de chim. et de phys. XXXVIl. p. 182.)
E
s geht aus dieser Arbeit hervor, dafs die Wärme-
menge, welche ein Körper entwickelt, der das Volumen
des Sauerstoffgases nicht ändert, bei jeder Dichte dieses
Gases die nämliche ist.
Diefs Resultat ist bis jetzt nur mit dem Kohlenstoff
erhalten, aber es ist ungemein wahrscheinlich, dafs der
Schwefel und die Körper, welche das Volumen des ver-
brennenden Gases nicht ändern, das nämliche Resultat
geben werden.
Ich glaube, dafs die Wärmemenge, welche ein Kör-
per entwickelt, der den gesammten Sauerstoff in den Zu-
stand der Starrheit versetzt, um so geringer ist, je grö-
fser der Druck ist, und dafs der Unterschied die Wärme
vorstellt, welche der Sauerstoff bei seiner Volumensver-
ringerung verloren hat. Man hat also hicdurch ein Mit-
tel, diese Wärme kennen zu lernen. Durch anderwei-
tige Versuche, bei denen Wasserstoff, Kohlen o'xyd und
Kohlensäure eine Rolle spielen, wird es möglich zu er-
kennen, ob alle Gase bei gleicher Volumensverringerung
dieselbe Wärmemenge abgeben oder nicht.
Aus den Versuchen, die mit Kohlenstoff unter ver-
schiedenem Drucke angestellt sind, kann man noch eine
sehr wichtige Folgerung ziehen, nämlich die: dafs, unter
521
dem angewandten Drucke, der Sauerstoff und die Koh-
lensäure durchaus gleiche Mengen von Wärme enthalten.
Wenn die Versuche mit dem Schwefel auch unter ver-
schiedenem Drucke eine gleiche Wärmemenge geben; so
mufs man daraus schliefsen, dafs auch das Schwefligsäure-
Gas und das Sauerstoffgas die nämliche Menge Wärme
enthalten; und da die drei Gase, das Sauerstoff-, Koh-
lensäure- und Schwefligsäure -Gas, in ihren Eigenschaf-
ten sehr verschieden sind, so wird es erlaubt seyn, diese
Folgerimg auf alle Gase auszudehnen.
XXIII. Zerlegung eines pulvcrförmigen Minerah
aus Nordamerica;
vom Grafen Trolle- TV acht meist er.
(Aus den K. reifnsL Acad. Handl- f. 1827, St. 1.)
ei Hobohen und Slaten- Island, bei New -York in
den vereinigten Staaten, kommt ein mächtiges Lager von
Talkformation vor, welches in Verbindung mit den Gra-
nitbergen stehen soll, die von New -York -Island ausge-
hen. Hier, im Serpentin, hat Hr. Pierce, neben einer
Menge von kohlensaurer Talkerde, ein weifses pulverför-
miges Mineral gefunden, welches nur sparsam vorkommt
und für Talkerdehydrat angesehen wurde. Von diesem,
völlig wie Magnesia alba aussehendem Minerale, habe ich
von Hrn. Torrey in New -York eine geringe Quantität
erhalten, welches mir Anlafs zu einer Analyse gegeben
hat, die ich die Ehre habe hier mitzutheilen.
Eine Probe, welche zuerst durch gelinde Erwärmung
und hernach unter der Luftpumpe vom hygroskopischen
Wasser befreit worden war, wurde in einem Kolben ge-
glüht, der in Verbindung stand mit einer Vorlage, die
mit geglühtem, gröblich zerstofsenem Chlorcalcium gefüllt
und am andern Ende zu einer fernen offenen Spitze aus-
522
gezogen war. Die Gewichtszunahme des letztgenannten
Salzes winde für den angegebenen Wassergehalt des Mi-
nerals angesehen, und was darüber erforderlich war, um
den Glühverlus.t der Probe zu ersetzen, wurde als Koh-
lensäure betrachtet.
Das geglühte Mineral wurde mit Chlorwasserstoff-
säure behandelt, wobei einige gröfsere Bröckchen unge-
löst blieben, welche sich vor dem Löthrohr theils wie
Serpentin, theils wie Kieselsäure verhielten, und für
mechanische Einmengungen angesehen wurden.
Die Lösung, eingetrocknet , hinterliefs einen kleinen
Theii Kieselsäure. Aus der Flüssigkeit, in welcher Kalk-
erde aufgesucht aber nicht gefunden wurde, liefs sich mit
kohlensaurem Ammoniak eine geringe Menge von Eisen-
oxyd fällen. Das übrige
war
Talkerde.
Die Analyse gab:
Talkerde
42,41
Kohlensäure
36,82
Wasser
18,53
Kieselsäure
0,57
Eisenoxyd
0,27
Fremde Beimischungen 1,39
99,99.
Wenn wir die Zusammensetzung der Magnesia alba
(=MgAq 8 +3MgC 2 , deren Atomengewicht ist =4618,68),
so finden wir für die Atomenge wichte der Bestandteile
folgendes:
Mg: 516,72x4=2066,86 = 44,75 Proc.
C: 275,33x6 = 1651,98 = 35,77
Aq: 112,48x8= 899,84 = 19,48
4618,68 100,00.
Vergleichen wir hiemit das durch die Analyse erhal-
tene Resultat, so finden wir das procentische Verhältnifs
523
bei beiden sehr nahe übereinstimmend, und daraus er-
giebt sich also, dafs das Mineral gleiche Zusammensetzung
mit der Magnesia alba hat, und dafs es nur gemengt ist
mit einer Spur von wasserhaltiger neutraler kohlensaurer
und kieselsaurer Talkerde, so wie mit Bruchstücken der
Bergarten, worin der untersuchte Stoff vorkommt.
Bei Berechnung der Zusammensetzimg der Magnesia
habe ich die älteren Atomengewichte angewandt. Bei
Annahme der neueren, noch nicht allgemein bekannten,
entsteht dasselbe Verhältnifs; aber die Formel mufs dann
so ausgedrückt werden: MgH 4 +3MgC.
XXIV. lieber ein Mittel zur Messimg mehrerer
chemischen Actionen; voji Hrn. Hab in et.
{Arm. de chim. et de physiq. XXXVII. p. 183.)
-js giebt eine grofse Menge von chemischen Prozessen,
bei denen eine Gasentwicklung statt findet. Bei den Pro-
zessen der Salzbildungen z. B. werden oft Wasserstoff,
salpetrige Säure, Stickstoffoxyd, Kohlensäure, Chlor und
schweflige Säure entwickelt.
Nimmt man sie in geschlossenen Gefäfsen vor, so
halt die chemische Action ein, wenn das Gas eine hin-
längliche Expansivkraft erreicht hat; sie ist aufgehoben
bis zu dem Moment, wo man das comprimirte Gas ent-
weichen läfst, dessen Expansivkraft gewissermafsen der
chemischen Action, welche es zu entwickeln sucht, das
Gleichgewicht hält. Diese Expansivkraft des Gases, im
Moment wo sie die chemische Action unterbricht, scheint
mir ein Maafs für die Stärke dieser Action bei verschie-
denen Temperaturen und verschiedenen Substanzen ab-
geben zu können, wenigstens ein nützliches Mittel zur
ungefährigen Schätzung dieser noch so wenig bekannten
Kräfte.
Mein erster Versuch dieser Art schreibt sich aus dem
524
J. 1818 her. In der Absicht, Windbüchsen mit einem
sehr zusammengedrückten Wasserstoffgase zu füllen, liefs
ich versuchsweise eine kupferne Bombe mit einem Hahne
zum Verschliefsen derselben verfertigen. Ich füllte sie
mit Wasser, Zink und Schwefelsäure, und legte sie ( un-
streitig, nachdem sie verschlossen worden war. P.) auf
einen mit Schnee bedeckten Boden; allein zu meinem
grofsen Erstaunen zerplatzte die Bombe nicht.
Im folgenden Jahre liefs ich bei Hrn. Pixii ein star-
kes Rohr aus Kupfer bohren; ein Schraubenbolzen ver-
schlofs dieses Rohr. Nachdem ich es, wie die Bombe,
gefüllt hatte, konnte ich die Entwicklung des Wasser-
stoffgases nach Belieben abwechselnd unterbrechen und
erneuen. Die Heftigkeit, mit welcher das Gas bei Ab-
schraubung des Bolzens entwich, zeigte, dafs es eine
grofse Expansivkraft besafs.
Um diese Kraft zu messen, liefs ich einen Apparat
verfertigen, welcher im Ganzen dem gewöhnlichen Pa-
pin'schen Topfe ähnlich war, sich aber darin von ihm
unterschied, dafs er statt des Hahnventils mit einer Baro-
meterprobe versehen war, ähnlich der bei den Compres-
sionspumpen. Das Rohr dieser Barometerprobe war sehr
stark und am oberen Ende zugeschmolzen. Die Zusam-
menziehung der im oberen Theil dieses Rohres einge-
schlossenen Luft, nebst der Länge der gehobenen Queck-
silbersäule, gab die Elasticität des Glases für den Augen-
blick, wo sie die chemische Action aufhob und das Gleich-
gewicht eintrat.
Bei 25° C. betrug die Elasticität des Wasserstoff-
gases, welches durch Wasser, Zink und Schwefelsäure
entwickelt wurde, mehr als 33 Atomensphären.
Das letzte Mittel, bei welchem ich stehen blieb, be-
stand darin, dafs ich, statt der Barometerprobe, einen
kleinen kupfernen Ballon, der durch einen Hahn zu ver-
schliefsen war, an den Apparat schrob. Dieser Ballon
füllte sich mit dem Gase, das um so mein- verdichtet war,
525
je lebhafter die Entwicklung gewesen war. Man nahm
ihn fort und öffnete ihn unter einer graduirten Glocke.
Als der Ballon, bei 10° C, der vorhergehenden Reaction
entzogen wurde, fand sich, dafs er ungefähr 13 Mal so
viel Gas, als unter dem gewöhnlichen Drucke der Atmo-
sphäre, enthielt. Die Entwicklung war hier also bei einer
Expansivkraft von 13 Atmosphären stehen geblieben.
Bei 0° würde die Expansivkraft des Wasserstoffga-
ses weit schwächer gewesen seyn, wenigstens läfst sich
diefs aus der Langsamkeit abnehmen, mit welcher die Gas-
entwicklung bei dieser Temperatur in unverschlossenen
Gefäfsen vor sich geht. Wendet man Eisen statt des
Zinkes an, so ist die Wirkung noch schwächer. Eben
so hat das Chlor, welches bei gewöhnlicher Temperatur
mittelst Manganoxyd aus Chlorwasserstoffsäure entwickelt
wird, nur eine Elasticität von ungefähr 2 Atmosphären.
Man kann diese Gase als mechanische Mittel ge-
brauchen, um einen starken Druck ohne Stöfse hervorzu-
bringen, um Windbüchsen zu laden, Wasser fortzuspritzen,
Dampf zu ersetzen u. s. w.
Die vorhergehenden Versuche hat man nur als jene
vorläufigen zu betrachten, durch die man sich versichert,
ob die Apparate ihre Dienste gehörig verrichten. Es
würde *eine grofse Zahl sorgfältig angestellter Versuche
erforderlich seyn, um die Stärke genau zu bestimmen,
welche mehrere Klassen von chemischen Actionen nicht
blofs zwischen verschiedenen Substanzen, sondern auch
zwischen denselben Substanzen bei verschiedenen Tem-
peraturen besitzen. Die Entwicklungen von Chlor und
salpetriger Säure, welche weit schwächer sind als die von
Wasserstoffgas, können ohne Gefahr in gewöhnlichen
Röhren mittelst einer Quecksilbersäule unterbrochen wer-
den. Da ich nicht beabsichtige, diese Arbeit zu verfol-
gen, so halte ich es für nützlich, diese Gattung von Un-
tersuchungen bekannt zu machen, indem sie für einige
Beobachter vielleicht von Interesse sind.
526
XXV. Methode, Baryt von Strontian zu unter-
scheiden.
m schnell zu erfahren, ob man es mit kaustischem
Baryt oder Strontian zu thun habe, rathen die HH. Ju-
lia-Fontenelle und Quesneville (Journ. de chi-
rnie med. Ann. IV. p. 129.) das fragliche Oxyd zu pul-
vern und mit concentrirter Schwefelsäure zu übergiefsen
Ist es Strontian, so findet blofs eine heftige Erhitzung
statt, ist es aber Baryt, so tritt bekanntlich neben die-
ser auch ein Erglühen ein, das einige Zeit anhält. Der
Baryt mufs hiezu frisch gepulvert werden, damit er keine
Feuchtigkeit enthalte. — Die gewöhnliche Scheidungs-
methode beruht, wie bekannt, darauf, dafs Chlorstron-
tium in absolutem Alkohol löslich ist, Chlorbaryum aber
nicht oder sehr wenig. Ein anderes Verfahren, Baryt
und Strontian, selbst quantitativ, mittelst kieselhalti-
ger Flufssäure zu trennen, findet man von Berze-
lius im Bd. 76. S. 195. dieser Annalen angegeben. —
Uebrigens ist zu bemerken, dafs auch kaustische Talk-
erde jenes Erglühen mit concentrirter Schwefelsäure zeigt.
XXVI. Krystallform der Hämatine.
JL^ie Krystallform der Hämatine scheint nach Hrn. Te-
schem achers Messungen {Phil. Mag. et Ann. of Phil.
III. p. 28.) zum viergliedrigen oder pyramidalen Systeme
zu gehören. Er beschreibt sie als rechtwinklig viersei-
tige Prismen, mit geraden Abstumpfungen der Seitenkan-
ten, gerade angesetzter Endfläche, und drei Flächen, wel-
527
che die Kanten zwischen der Erdfläche und den Säulen-
flächen ersetzen, und gegen die Endfläche respective um:
122° 10'; 118° 15' und 116° 15' neigen. Die Substanz
wurde kristallinisch gebildet in Campecheholz gefunden,
und blofs mittelst Weingeistes umkrystallisirt.
XXVII. Torläufige Erwiederung auf des Hrn. Dr,
Grüner t Abhandlung in diesen jLnnalen
1827 , Stück 7. No. VI.; vorn Bergcommis-
sionsrathe von Busse zu Freyberg.
^eite 463. in dieser Abhandlung heifst es, dafs man im
Mittelpunkte der Erde die Untersuchung von neuem an-
fangen müsse, wie es der Hr. Prof. Brandes in seiner
Auflösung der Aufgabe schon ganz richtig bemerkt habe.
Hieraus scheint mir zu erhellen, dafs dem Hrn. Verfas-
ser mein Bedenken gegen diese Auflösung im Hesperus
No. 18. des 27. Bandes, gedruckt zu Prag im Septem-
ber 1820, nicht bekannt geworden ist.
Da ich ferner in dieser Abhandlung die Kräfte in be-
schleunigende und verzögernde mit Hrn. Francoeur
abgetheilt, und überdiefs auch andere in Frankreich ge-
wöhnliche Begriffe und Formeln der höhern Mechanik
gebraucht sehe, so finde ich mich veranlafst hierüber ein
Wort zu seiner Zeit gesprochen in einer andern Zeit-
schrift drucken zu lassen, weil es für diese Annalen zu
viele Mathematik enthalten möchte.
Aus einer dortigen umständlicheren Erwiederung wird
es auch abermals erhellen, dafs die stätige Durchfahrung
der Erde durch eine auch calculatorisch stätige Formel,
ohne Benutzung meines algebraisch -geometrischen Rich-
tungs=p nicht erweisbar werden kann.
528
Wenn übrigens der Hr. Verfasser, der ja als den-
kender Mathematiker schon bekannt ist, auch nur den
ersten Bogen in Carnot's und meine Ansicht der Al-
gebra durchlesen wollte, so dürfte es ihm einleuchtend
werden, dafs es ein vergebenes Unternehmen seyn würde,
Hrn. Klügel's Theorie gegen die meinige fernerhin in
Schutz nehmen zu wollen, auch es mir nicht zu verdenken
seyn möchte, falls ich darüber die Geduld verlieren sollte.
Berichtigungen.
Im Aufsatz des Prof. M i t s ch c rli ch , in Heft I. dies. Bandes :
Seite 139. Zeile 9. statt 104° 18' lies 105° 42'
- 12. - 134° 19' - 112° 9'£
- 13. - 125°19'i - 115° 19'^
- 16. - e:e' lies c:c"
142. - 9. und 13. statt s lies d
In Bezug auf den Aufsatz des Hrn. v. Humboldt, im Heft II.,
ist zu bemerken, dafs derselbe schon im J. 1825, früher als der
erste des Hrn. Prof. Hällström, erschienen ist.
In dem Aufsatz: Beob. einer Störung der Magnetnadel u. s. w..
im Hefte IL, ist S. 330. der Schlufs der Note: denn er sagt u. s. w. }
bis zu Ende, auszustreichen.
In dem Aufs, über den Isopyr , fehlen S. 333. nach Zeile 10.
folgende Zeilen :
Spröde. Schwache Wirkung auf die Magnetnadel.
Härte =5,5 . . . 6,0. Specif. Gewicht =2,912
S. 334. Zeile 17. mufs es heifsen :
"Wacke am Saesebühl statt Grauwacke zu Saesebühl.
Gedruckt bei A. "W. Schade in Berlin.
ANNALEN
DER PHYSIK UND CHEMIE.
JAHRGANG 1828, VIERTES STÜCK.
I. Ueber die bleichende Verbindung des Chlors
mit den Rasen; von J. J. JBerzelius.
(Uebersetzt aus dessen Jahresberichte für 1827 von G. Magnus.)
ie bleichende und geruchzerstörende Flüssigkeit, wel-
che Labarraque in Gebrauch gebracht hat, und welche
man erhält, wenn 15 Th. krystallisirtes kohlensaures Na-
tron in 40 Th. Wasser aufgelöst und mit so viel Chlor-
gas gemischt werden, als man von 2 Th. Braunstein und
6 Th. Salzsäure bekommt, ist der Gegenstand mehrerer
Untersuchungen gewesen, um zu erfahren, in welcher
Form das Chlor darin enthalten sey, oder, woraus die
bleichende Flüssigkeit bestehe. Bekanntlich nehmen die
französischen Chemiker an, dafs dieselbe eine Verbin-
dung von Chlor und Natron sey, wonach die bleichende
Eigenschaft derselben auf der Reduction des Natrons zu
Natrium beruhen mufs, eben so wie dieselbe, beim Blei-
chen mit Chlorwasser, auf der Reduction des Wassers
zu Wasserstoff beruht.
Da indefs die einfachen Körper sich sehr selten mit
den Oxyden verbinden, so haben viele Anstand genom-
men, diefs ohne alle weitere Untersuchung anzunehmen,
wiewohl es scheint, als sey die Möglichkeit einer sol-
chen Verbindung dadurch erwiesen, dafs das Jod sich
mit der Kalk- und Talkerde zu braunen Verbindungen
Annal.d. Physik. B. 88. St. 4. J.1828. St. 4. LI
530
vereinigt, wenn man Jodkalium mit jodsaurer Kalk- oder
Talkerde mischt und abdampft. Es ist indefs bis jetzt
noch nicht untersucht, ob diefs wirklich Verbindungen
von Jod mit den oxydirten Metallen sind; sie können
eben so gut Gemenge seyn von basisch jodsauren Sal-
zen (zu deren Bildung die Jodsäure grofse Neigung hat)
mit Jodmetallen, welche doppelt so viel Jod enthalten,
als die gewöhnlichen, zumal da ähnliche Verbindungen
schon sonst beim Kalium und Natrium bekannt sind.
So lange also dieser Umstand nicht ausgemacht ist, kön-
nen diese farbigen Verbindungen von Jod mit Kalkerde
und Talkerde zu keinem Beweise dienen.
Granville hat sich bemüht diese Frage durch Ver-
suche zu beantworten *). Er übersättigte eine Natron-
auflösung mit Chlor, und fand, dafs dieselbe die von
Labarraque angegebenen Eigenschaften zeigte; als er
sie aber abdunstete, fand er, dafs das Chlor fort ging,
und dafs das zurückbleibende Salz ein Gemenge von
chlorsaurem Natron und Kochsalz war. Hieraus schlofs
er, dafs in der bleichenden Flüssigkeit nur der Ueber-
schufs von Chlor, welchen sie auch ohne alle Gegen-
wart von Natron enthalten könne, das Bleichende sey.
Faraday hat späterhin bemerkt, Granville habe
seinen Entzweck dadurch verfehlt, dafs er die Basis mit
Chlor übersättigte und folglich chlorsaures Natron bil-
dete, da doch Labarraque vorschreibe, dafs dieselbe
nur mit dem aus einer gewissen Quantität Braunstein und
Salzsäure entwickelten Chlor gemengt werden solle. Wenn
man diefs befolgt, wird, nach Faraday, kein chlorsau-
res Nation gebildet, und die Flüssigkeit hat ganz die
bleichende Eigenschaft des Chlors. Wenn dieselbe schnell
eingekocht wird, geht kein Chlor fort, und man erhält ein
Salz, welches noch den eigentümlichen Geschmack und
die bleichende Kraft der Flüssigkeit besitzt. Wenn man
aber die Lösung in einem offenen Gefäfse sich selbst
*) T/ie quarterly Journal of Science N. S. Tom. I. p. 371.
531
überläfst, so entweicht allmälig Chlor, und es schiefst
nur kohlensaures Natron an, was nur davon herzurühren
scheint, dafs in dieser Flüssigkeit doppelt kohlensaures
Alkali während der Operation entstanden ist, welches, wenn
die Flüssigkeit durch freiwillige Verdunstung concentrirt
wird, unter Entweichung von Chlor wieder in gewöhnli-
ches kohlensaures Alkali zurückgeht; beim Kochen da-
gegen wird das Bicarbonat zersetzt und das Chlor bleibt
in der Verbindung. Durch diese und einige andere Ver-
suche hat Faraday zu zeigen gesucht, dafs diese Ver-
bindung Aufmerksamkeit verdiene, ohne übrigens eine
Vermuthung zu äufsern, wie man ihre Zusammensetzung
anzusehen habe.
Phillips *) hat hernach denselben Gegenstand un-
tersucht, und dabei gefunden, dafs man diese neue Ver-
bindung durch Abdunsten bis zur Salzhaut in feinen na-
delförmigen Krystallen erhalten könne, welche, wenn sie
an der Luft liegen, ihr Chlor verlieren. Er betrachtet
diese Krystalle als aus Chlor und kohlensaurem Natron
zusammengesetzt.
Di n gier, der Sohn, hat in einer sehr weitläuftigen
Abhandlung, mit weniger Erfahrung als die vorhergehen
den Chemiker, und deshalb mit gröfserer Neigung, sich
an eine gewisse Meinung festzuhalten, gesucht, den Kno-
ten zu zerhauen, statt ihn aufzulösen **). Er fängt
nämlich an, die Sache damit abzumachen: „Unter den
einfachen nicht metallischen Körpern haben das Jod
und das Chlor die Eigenschaft sich mit den Metalloxy-
den zu vereinigen und damit salzartige Verbindungen
darzustellen. Das Jod verbindet sich wie der Blaustoff
geradezu mit den Metalloxyden ; diese Verbindungen des-
selben sind aber noch sehr wenig untersucht. Das Chlor
hingegen vereinigt sich mit den Metalloxyden nur dann,
wann diese selbst zuvor eine chemische Verbindung mit
*) Phil. Mag. and Ann. of Phil. I. p. 376.
*•) Dingler's Polytechn. Journ. XXVI. p. 223.
LI*
532
Wasser eingegangen haben, oder also im Zustande von
Hydraten sind; es behält in seiner Vereinigung mit die-
sen Körpern seine chemischen Eigenschaften bei u. s. w."
Was die Jodverbindungen betrifft, so habe ich in
dem Vorhergehenden die Möglichkeit gezeigt, dafs sie
das, wofür man sie hält, nicht sind. Dafs sich Cyan
mit den Metalloxyden verbinde, ist hingegen ein Irrthum,
wenn damit nicht solche Verbindungen gemeint sind, in
denen sich Cyan zersetzt, die hier indefs wohl nicht als
Beweis angeführt werden können.
Weiterhin äufsert Dingler folgendes: „Schwefel-
säure, Salpetersäure, Salzsäure u. s. w. entbinden aus dem
Chlorkalk reines Chlorgas, welches, wenn ihm keine
atmosphärische Luft beigemengt ist, nicht nur vom Was-
ser, sondern auch von Quecksilber und Kalilauge voll-
kommen verschluckt wird, und daher weder salzsaures
Gas noch Sauerstoff enthält. Das durch Säuren entbun-
dene Gas explodirt auch nicht, wenn man es auf
+ 150° R. erhitzt, und wird nach dem Erhitzen auch
wie zuvor von Quecksilber und Kalilauge vollständig ab-
sorbirt. Diefs beweist, dafs die Meinung von Berze-
lius, der das Kalkchlorür für chlorichtsauren Kalk hält,
unrichtig ist; denn wenn dem wirklich so wäre, müfste
durch die Säuren aus dem Chlorkalk entweder Chlorgas
und Sauerstoffgas entbunden werden, und dann könnte
das Gas von Quecksilber und Kalilauge nur zum Theil
absorbirt werden, oder es müfste sich chlorichtsaures Gas
entwickeln, welches sich aber beim Erhitzen unter Explo-
sion zersetzt. Auch müfste der Chlorkalk, wenn er ein
chlorichtsaures Salz wäre, immer eine sehr beträchtliche
Menge salzsauren Kalk enthalten, so dafs er wohl sehr
bald an der Luft zerfliefsen würde; er kann aber, wie
ich mich überzeugt habe, mehrere Wochen der Luft aus-
gesetzt werden, ohne so viel Wasser anzuziehen, dafs
er wirklich zerfliefst."
Veranlafst durch die positive Widerlegung, die ich
533
hier von einem jungen Chemiker erhalten habe, der mit
den Schwierigkeiten der Entscheidung dieser Sache nicht
bekannt zu seyn scheint, will ich hier einige Worte über
meine Ansichten und meine Gründe zu denselben sagen,
obgleich sie schon in das Lärbok i Kernten, 1. Del-
Andr. Upl. (Stockholm 1817) p. 489. 628. 631. einge-
rückt sind, in Folge von Versuchen, die Behufs der Be-
arbeitung dieses Buches angestellt wurden.
Ich löste in reinem kohlensauren Kali so viel Chlor-
kalium auf, als diefs aufnehmen wollte, und leitete durch
eine am Ende trichterförmig erweiterte Röhre Chlor in
die Flüssigkeit. Nach wenigen Augenblicken begann
Chlorkalium niederzufallen, und als der Boden einen
Zoll hoch damit bedeckt war, besafs die Flüssigkeit
noch die Eigenschaft, geröthetes Lackmuspapier erst blau
zu färben und dann zu bleichen. Ich schied das Salz
ab. Es war Chlorkalium, das nur eine Spur von chlor-
saurem Kali enthielt. Diefs letztere Salz ist indefs be-
kanntlich so schwerlöslich, dafs es bei seiner Bildung
gröfstentheils sich ausscheidet. Folglich hatte sich bei
dieser Quantität Chlorkalium nicht mehr chlorsaures Kali
gebildet, als in der Flüssigkeit aufgelöst bleiben konnte,
w r as indefs so wenig war, dafs es kaum in Betracht kom-
men konnte. Es hatte sich also hier an dessen Stelle
eine andere Verbindung gebildet, die den Sauerstoff ent-
hielt, welchen das Kalium des niedergefallenen Chlorka-
liums hatte fahren lassen ; und sie mufste sich in der blei-
chenden Flüssigkeit befinden, deren eigenthümlicher Ge-
ruch, Geschmack und bleichende Eigenschaft an chlo-
richte Säure erinnern, ganz so wie schweflichtsaure und
phosphorichtsaure Salze nach der in ihnen enthaltenen
Säure schmecken.
Ich nahm nun die bleichende Flüssigkeit, welche
vom Chlorkalium getrennt war, und sättigte sie vollstän-
dig mit Chlor; jetzt wurde chlorsaures Kali gefällt, das
ganz wenig Chlorkalium enthielt.
534
Hieraus zog ich den Schlufs : dafs wenn man Chlor in
eine Auflösung von Kali leite, anfänglich chlorichtsaures Kali
gebildet werde, das aufgelöst bleibe, und Chlorkalium,
das, sobald die Flüssigkeit mit demselben gesättigt sey, sich
ausscheide; dafs die Bildung der chlorichten Säure fort
fahre, bis das Alkali zu einem gewissen Grade gesättigt
sey, dafs aber, wenn man mehr Chlor hineinleite, um die
Basis vollkommen zu sättigen, sich die in dem aufgelös-
ten Salze enthaltene chlorichte Säure, mittelst des durch
das Chlor von der Basis abgeschiedenen Sauerstoffs, zu
Chlorsäure oxydire, und dafs deshalb in dem Salze, wel-
ches sich ausscheide, weit mehr chlorsaures Kali als
Chlorkalium enthalten sey.
Da die bleichenden Flüssigkeiten, welche man durch
unvollkommne Sättigimg von INatron oder Kalk mit Chlor
erhält, im Geruch, Geschmack und an bleichender Kraft
sich ganz wie das Kalisalz verhalten, dessen Natur ich als
unzweideutig ansehe, so schlofs ich der Analogie nach,
dafs diese Verbindungen gleichfalls chlorichtsaure seyen,
die durch vollständige Sättigung der Basis in chlorsaure
verwandelt würden.
Ich komme nun zu Dingler's Widerlegung. Wir
wollen voraussetzen, dafs meine Ansicht auch für den
Chlorkalk richtig sey, und dafs das Chlor, welches von
Kalkhydrat absorbirt wird, wirklich in Chlorcalcium und
chlorichtsauren Kalk verhandelt werde; dann müfsen die
Theilchen beider Salze gleichmäfsig vertheilt liegen, und,
wenn man eine Säure hinzusetzt, mufs das Calcium in
dem Chlorcalcium sich auf Kosten der chlorichten Säure
oxydiren, um sich mit der Säure vereinigen zu können,
und es mufs folglich Chlor frei werden, gerade so, wie
wenn man Schwefelarsenik in kaustischem Kali auflöst
und eine Säure hinzufügt, dasselbe sich wiederum nie-
derschlägt, gleich als wenn es bei seiner Auflösung nicht
theilweise zersetzt worden wäre. Was ferner den Um-
535
stand betrifft, dafs der Chlorkalk nicht an der Luft zer-
lliefst, was derselbe nach Dingler 's Meinung thun müfste,
wenn er Chlorcalcium enthielte, so ist diefs ganz unrich-
tig; denn es ist ein basisches Salz, da bekanntlich Chlor-
calcium sich mit Kalkhydrat zu einem festen Salze ver-
einigt, welches schwerlöslich ist und erst zerfliefst, wenn
es durch die Kohlensäure der Luft neutralisirt worden
ist. Man braucht sich nur an das Verhalten der Masse
zu erinnern, welche bei der Destillation des Ammoniaks
aus Salmiak und kaustischem Kalk zurückbleibt, wenn,
wie es gewöhnlich geschieht, der letztere in Ueberschufs
zugesetzt worden ist.
Dingler hat gefunden, dafs der Chlorkalk immer
Chlorcalcium und dennoch keinen chlorsauren Kalk ent-
halte; aber er hat nicht angegeben, wohin seiner Mei-
nung nach der Sauerstoff gegangen sey, der doch noth-
wendig bei der Bildung des Chlorcalciums abgeschieden
worden seyn mufs. Er hat ferner gefunden, dafs der
Chlorkalk, wenn er destillirt wird, erst Chlor und dann
Sauerstoff, nebst ein wenig Chloroxyd liefere, und er
schliefst daraus, dafs der Chlorkalk zuerst Chlor verliere
und dann in Chlorcalcium und chlorsaurem Kalk ver-
wandelt werde. Aber in diesem Falle läfst sich nicht
einsehen, warum Chlor entweicht, da, wenn die Verbin-
dung Chlorkalk gewesen wäre, kein Grind vorhanden
ist, weshalb ein Theil Chlor entweichen und nicht Alles
in Chlorcalcium und chlorsauren Kalk verwandelt wer-
den sollte. Ist dagegen die Verbindung ein Gemenge
aus basischem Chlorcalcium und chlorichlsauicm Kalk,
so ist klar, dafs das letztgenannte Salz sich in ein chlor-
saures verwandelt, und zwar dadurch, dafs ein Theil Chlor
entweicht.
Die Entscheidimg dieser Frage ist an sich leicht, so-
bald sie nicht in einen Meinungsstreit übergeht. Ich habe
gezeigt, dafs wenn man Chlor mit einer Lösung von Kali
verbindet, worin zuvor Chlorkalium bis zur Sättigung
536
aufgelöst ist, die Flüssigkeit wenige Augenblicke hernach
durch Absetzung von Chlorkalium trübe wird, und die-
ses eine ganze Zeit lang fortfährt, ohne dafs chlorsaures
Kali gebildet wird. Die bleichende Flüssigkeit, die man
bekommt, enthält also aufser Kali und Chlor auch Sauer-
stoff. Aber wie der Sauerstoff darin enthalten sey, läfst
sich unmöglich auf eine solche Weise ausmachen, dafs
darüber kein Streit entstehen könne. Sicher ist, dafs
derselbe entweder mit dem Chlor, oder mit dem Kali,
oder mit dem Wasser verbunden ist. Wäre in der Flüs-
sigkeit Wassersuperoxyd mit Chlorkalium gemengt oder
verbunden, so müfste diefs Superoxyd durch hineinge-
brachtes Silber oder Platin leicht zersetzt werden, beson-
ders so lauge ein Ueberschufs von Alkali in der Flüs-
sigkeit befindlich ist; aber diefs geschieht nicht. Kalium-
superoxyd geht, wenigstens so weit wir Avissen, unz er-
setzt keine Verbindungen mit andern Körpern ein. Da-
gegen hat das Chlor einen Oxydationsgrad, welcher ana-
log der salpetrichten Säure, aus 2 Atomen Chlor und
3 Atomen Sauerstoff besteht, und eine eigene Säure aus-
macht ; denn diese Verbindung röthet erst Lackmuspapier
und bleicht es dann, und aus ihrer analogen Zusammen-
setzung mit der salpetrichten, phosphorichten und arse-
nichten Säure läfst sich schliefsen, dafs sie auch Verbin-
dungen mit Basen eingehen könne, wenn auch nicht direct,
doch indirect, wie es auch der Fall mit der salpetrichten
Säure ist. Man hat also zwischen den drei Verbindun-
gen zu wählen: Chlorkalium mit Wasserstoffsuperoxyd,
Chlor mit Kaliumsuperoxyd, und chlorichte Säure mit
Kali, wovon die letzte offenbar die wahrscheinlichste ist.
Damit stimmt auch die Thatsache überein, dafs diese
Verbindimg, wenn man sie bei Ausschlufs der Luft vor-
sichtig abdampft, ein eignes krystallisirtes Salz bildet, des-
sen Auflösung bleichend wirkt. Wird die Lösung ge-
kocht, so erhält man Sauerstoff, der entweicht, und Chlor-
kalium mit chlorsaurem Kali, welches niederfällt.
537
Diese Erscheinungen zeigen, dafs die chlorichtsauren
Salze unter gewissen Umständen auf zweierlei Art zer-
setzt werden können, nämlich: a) dadurch, dafs sie ihren
Sauerstoff abgeben, wie beim Bleichen, oder beim Ko-
chen, wobei dann das Salz in Chlormetall verwandelt
wird, und b) dadurch, dafs sich von 1 Atom des Sal-
zes der Sauerstoff trennt und 2 Atome desselben in chlor-
saures Salz verwandelt. Diese Sauerstoffentwicklung, wel-
che schon Berthollet beobachtet hat, beweist deutlich,
dafs bei der Bildung der bleichenden Flüssigkeit der
Sauerstoff darin eine sehr lockere Verbindung eingeht,
und dafs dieselbe also etwas anderes als eine blofse
Verbindung von Chlor und Alkali ist.
Bei der Vereinigung von Chlor mit Kalkhydrat kann
man nicht mit gleicher Bestimmtheit, wie im vorigen Falle,
zeigen, dafs Chlorcalcium gebildet werde, da die Masse
in fester Form bleibt. Löst man dieselbe in Wasser, so
erhält man, wie bekannt, eine alkalische bleichende Flüs-
sigkeit.
Gay-Lussac zeigte, dafs diese Flüssigkeit die Sil-
berlösung fällt; da er aber annahm, dafs diese Verbin-
dung nichts anderes als Chlorkalk sey, so glaubte er
auch, diese Fällung entstehe dadurch, dafs in dem Au-
genblick der Zersetzung, indem das Chlor den Kalk fah-
ren lasse, Chlorsilber und chlorsaures Silberoxyd, wel-
ches aufgelöst bleibt, gebildet werden. Die Gegenwart des
letzteren zeigte er dadurch, dafs er die Flüssigkeit ab-
dunstete und den Bückstand erhitzte , wobei Sauerstoff
entwickelt wurde und Chlorsilber zurückblieb *). Diese
Versuche, welche im J. 1819 bekannt gemacht wurden,
sind nebst denen, welche ich vorhin anführte, die einzi-
gen, welche, so viel ich weifs, angestellt worden sind,
um die Frage zu entscheiden. Ich will nun einige Ver-
suche anführen, die ich gelegentlich angestellt habe
*) Annales de chirnie et de phys. XI. p. 109.
538
Aus dem, was Gay-Lussac angenommen hat,
scheint zu folgen, dafs, wenn die Auflösung des Chlor-
kalks mit salpetersaurem Silber in Ueberschul's versetzt
worden ist, alles Chlor in Chlorsilber und chlorsaures
Silberoxyd verwandelt seyn, und die Flüssigkeit ihr
Bleichvermögen verloren haben müsse. Diefs zu unter-
suchen, schien mir leicht zu seyn. Ich löste also Chlor-
kalk in Wasser und fällte die Lösung mit neutralem sal-
petersauren Silberoxyd. Der Niederschlag war schwarz,
in dem die überschüssige Basis Silberoxyd gefällt hatte.
In dem Maafse, als der Ueberschul's an Basis auf diese
Weise abnahm, wurde die Flüssigkeit immer mehr und
mehr bleichend, und zuletzt entstand in einem Augen-
blick ein heftiges Aufbrausen, es entwickelte sich Sauer-
stoffgas, und die bleichende Kraft war verschwunden.
Es war also klar, dafs der erste Niederschlag Chlor-
silber enthielt, das von dein Sauerstoff, welcher sich nun
entwickelte, ausgeschieden war. Wiewohl diese Erschei-
nung zu beweisen schien, dafs die Lösung etwas anderes
als Chlorsilberoxyd enthielt, so liefs sich doch nicht leicht
entscheiden, ob diefs ein Oxydationsgrad des Chlors oder
Wasserstoffsuperoxyds war, auf welche beide das Silber-
oxyd zersetzend wirken könnte. Wasserstoffsuperoxyd
reducirt bei seiner Zersetzung das Silberoxyd; ich wusch
daher den schwarzen Niederschlag gut aus und übergofs
ihn dann mit Salzsäure, um hernach mit Ammoniak das
Chlorsilber von dem reducirten Silber zu trennen; aber
die Salzsäure verwandelte die schwarze Masse augenblick-
lich in Chlorsilber, unter Entwicklung von ein wenig
Chlor. Es war diefs also nicht reducirtes Silber, son-
dern gerade im Gegentheil Silbersuperoxyd.
Ich versuchte nun den Chlorkalk mit einer Auflö-
sung von neutralem Salpetersäuren Bleioxyd zu fällen.
Diefs fällte im Augenblick eine weifse Masse, die bald
anfing gelb zu werden. Ich setzte sogleich das Bleisalz
in Ueberschul's hinzu; die Masse wurde dick wie ein Brei
539
gefällt; sie war im ersten Augenblick weifs, fing aber
schnell an gelb zu werden. Dieselbe wurde auf ein Fil-
trum gebracht, und das Durchgegangene, das nun Blei-
salz in Ueberschufs enthielt, bleichte eben so wie zuvor,
nur schneller. Die Masse auf dem Filtrum wurde fort-
während dunkler und zuletzt braun. Diese allmälige Oxy-
dation des ausgefällten basischen Bleisalzes bliebe uner-
klärlich, wenn die, Fällung von Chlorblci, die sogleich
und in so grofser Menge geschieht, dadurch entstände,
dafs das Chlor bei seiner Verbindung mit Bleioxyd so-
gleich in Chlorblei und chlorsaures Bleioxyd verwandelt
würde.
Es ist klar, dafs, nachdem die Fällung von Chlorblei
geschehen ist, die Lösung noch eine oxydirende Substanz
enthält, welche ihre oxydirende Wirkung auf das Blei-
oxyd fortwährend ausübt. Bei diesem Versuche entstand
keine Entwicklung von Sauerstoffgas, aber die filtrirte,
bleichende Flüssigkeit trübte sich allmälig, wurde sauer
und setzte einen braunen Niederschlag ab, während Chlor ,
in derselben frei wurde. Diese Entbindung von Chlor
in der Flüssigkeit, während Bleisuperoxyd ausgefällt wird,
kann wohl schwerlich als eine Folge der anwesenden
Salpetersäure erklärt werden, dafs nämlich das Bleioxyd
(wenn man dasselbe als mit Chlor verbunden in der
Flüssigkeit annimmt) etwa auf Kosten der Salpetersäure
des überschüssig zugesetzten neutralen Bleisalzes sich zu
Superoxyd oxydirt und das Chlor habe fahren • lassen ;
auch kann man wohl nicht annehmen, dafs diefs auf
Kosten des Wassers oder eines Theils des im salpeter-
sauren Bleioxyd enthaltenen Bleioxyds geschehen sey;
denn alsdann hätten Salzsäure und Chlorblei entstehen
müssen. Dagegen kann diefs nur dadurch geschehen seyn,
dafs das Bleioxyd, sowohl das des Salpetersäuren als des
chlorichtsauren Salzes, die chlorichte Säure zu Chlor ie-
ducirte, während es sich selbst überoxydirte.
So weit ich gegenwärtig sehe, ist diese Thatsache
540
entscheidend. Da das Bleisuperoxyd kein Sauerstoffgas,
sondern Chlor aus der Flüssigkeit enwickelte, so ist klar,
dafs das, wodurch bei dem früheren Versuche das Sil-
beroxyd in Superoxyd verwandelt wurde, kein Wasser-
stoffsuperoxyd war.
Ich mischte nun Chlorkalk mit Wasser und setzte
darauf Salpetersäure zu, bis die Masse sich ganz aufgelöst
hatte. Sie roch durchaus nicht nach Chlor, bleichte ein-
getauchtes Lackmuspapier augenblicklich, und schmeckte
vollkommen wie chlorichtsaures Kali. Auf die Haut ge-
bracht, gab diese Flüssigkeit einen eigenen Geruch, ganz
gleich mit dem, welchen Wasserstoffsuperoxyd entwickelt.
Ich liefs deshalb einen Tropfen von derselben auf der
Hand eintrocknen, aber derselbe erzeugte nicht den milch-
weifsen Fleck, den Wasserstoffsuperoxyd hervorbringt.
Es ist also ziemlich sicher, dafs die bleichende Substanz
darin nicht Wasserstoffsuperoxyd ist, wiewohl diefs auf
dieselbe Weise bleicht, nämlich vermöge einer Oxydation.
Diese völlig neutrale Auflösung roch nicht im ge-
ringsten nach Chlor. Ein Tropfen neutrales, salpeter-
sanres Silberoxyd fiel darin als ein Aveifser Klumpen nie-
der. Ich mischte sie darauf auf einmal mit einem Ueber-
schufs des Silbersalzes (das Salz war eingetrocknet und
wieder aufgelöst worden); es entstand ein farbloser Nie-
derschlag, und die Flüssigkeit roch nicht im geringsten
nach Chlor. Sie wurde schnell filtrirt; sie ging schnell
durchs Filtrum, schmeckte zugleich nach Silber und chlo-
riqhter Säure, und bleichte eben so schnell und vollkom-
men, wie vor der Fällung*). Sie begann aber bald
trübe zu werden, es fällte sich Chlorsilber, und es bil-
dete sich chlorsaures Silberoxyd, in demselben Verhält-
nisse als die bleichende Kraft abnahm ; zuletzt wurde sie
*) Bei der 'Anstellung dieses Versuches kann man sich am besten
der Silberlösung bedienen, um zu bestimmen, wann die Auflö-
sung neutral sey; denn so lange der Silberniederschlag gefärbt
ist, enthält die Flüssigkeit einen Ueberschufs von Kalk, und
■wenn dieselbe nach geschehener Fällung nacli Chlor riecht, ent-
hält sie Säure in Ueberschuls.
541
wieder klar, reagirte sauer auf Lackmus, ohne zu blei-
chen und ohne nach Chlor zu riechen.
Als die Flüssigkeit mit Silberoxyd gemischt war, zer-
setzte sich also das chlorichtsaure Salz unter Entwicklung
vom Sauerstoffgas; als dieselbe aber keinen Bestandteil
enthielt, der desoxjdirend wirken konnte, zerfiel dieses
Salz in ein Atom Chlorsilber, welches sich niederschlug,
und in zwei Atome chlorsaures Silberoxyd, welche auf-
gelöst blieben.
Aus dem Angeführten ist folglich klar, dafs Gay-
Lussac's Versuch in seinem Endresultat richtig ist, dafs
aber derselbe keinesweges beweist, dafs das Chlorsilber,
welches beim ersten Vermischen von Chlorkalk mit sal-
petersaurem Silberoxyd niederfällt, nur von dem in der
Flüssigkeit aufgelösten Chlorkalk und nicht von dem in
ihr enthaltenen Chlorcalcium herrühre.
Wenn vorsichtig mit Salpetersäure neutralisirte chlo-
richtsaure Kalkerde mit salpetersaurem Bleioxyd in Ueber-
schufs gefällt wird, so entsteht augenblicklich ein Magma
von weifsem Chlorblei, das schnell sich überoxydirt, und
die farblos durchgegangene bleichende Flüssigkeit wird
schnell gelb, und fängt an nach Chlor zu riechen, sobald
sie sich durch braunes Bleioxyd trübt.
Ich glaube durch diese Versuche, so weit es für
jetzt möglich ist, bewiesen zu haben, dafs, wenn Chlor
auf nassem Wege mit einer oxydirten Basis vereinigt
wird, dieselbe Zersetzung wie bei Verbindung des Schwe-
fels mit einer Salzbasis entsteht, nur dafs, statt der Schwe-
fel ünterschweflichte Säure und Schwefelmetalle bildet,
das Chlor ein Chlormetall nud einen niederen Oxydations-
grad als die Chlorsäure bildet, welcher sich mit dem Oxyde
zu einem Salz verbindet. Diefs Salz besitzt eine grofse
Neigung, Sauerstoff abzugeben, und dadurch hat es die
ausgezeichnete Bleichkraft. Wenn dasselbe mit gewissen
organischen Körpern zusammenkommt, so oxydirt und
zerstört es dieselben, wodurch es selbst in Chlormetall
verwandelt wird. Von einigen elektronegativen Metall-
542
oxyden, welche das Wasserstoffsuperoxyd unter Entwick-
lung von Sauerstoff zersetzen, wird auch diefs Salz un-
ter Sauerstoffentwicklung in Chlormetall verwandelt, und
da die Cohäsion der Verbindungen zu Hülfe kommt, d. h.
da der Unterschied in der Löslichkeit des Chlormetalls
und des chlorsauren Salzes sehr grofs ist; so wird das-
selbe allmälig von selbst in chlorsaures Salz und Chlor-
metall zersetzt.
Welcher Oxydationsgrad diefs sey, entscheiden die
Versuche nicht; da aber das Chloroxyd nicht bleicht, Ver-
bindungen von einem Atome Chlor sowohl mit einem
Atome als mit zwei Atomen Sauerstoff bis jetzt nicht be-
kannt sind, so bleibt, wiewohl ich die Möglichkeit nicht
läugnen will, dafs die bleichenden Verbindungen ein
solches Oxyd enthalten können, nur die Annahme übrig,
dafs es die Verbindung von 2 Atomen Chlor mit 3 Ato-
men Sauerstoff sey, welche, wegen ihrer analogen Zu-
sammensetzung mit der salpetrichten und phosphorichten
Säure, chlorichte Säure genannt werden kann, und von
welcher man annehmen darf, dafs sie Verbindungen mit
Basen einzugehen vermag.
Eine Thatsache, die gegen diese Ansicht zu sprechen
scheint, ist gewiis die, dafs die bleichenden Verbindun-
gen, wie man weifs, sowohl durch die Kohlensäure der
Luft, als auch durch einen Strom von kohlensaurem Gas
sich vollständig zersetzen lassen, unter Entwicklung von
Chlor, das langsam, aber vollständig entweicht. Man
könnte glauben, dafs, wenn man auch die leichte Zer-
setzbarkeit des chlorichtsauren Salzes zugäbe, doch das
Chlormetall nicht zersetzt werden würde. Aber jedes
frei werdende Atom der chlorichten Säure oxydirt einen
Theil des Metalls im Chlormetall, und die Kohlensäure
bildet so ein Bicarbonat , das . vom Chlor nicht zersetzt
wird; sobald das auf diese Weise ausgeschiedene Chlor
entweichen kann, geht die Zersetzung ununterbrochen
fort. Auf gleiche Weise kann man ein auf nassem Wege
in kaustischem Kali aufgelöstes Schwefelarsenik oder
Schwefelzinn durch kohlensaures Gas ausfällen, wenn
man dasselbe lange in die Flüssigkeit leitet, ohne dafs
man die geringste Spur von der arsenichten Säure oder
dem Zinnoxyd wahrnimmt, womit das Kali verbunden
gewesen ist, weil diese die Basis oxydiren, mit der sich
die Kohlensäure verbinden soll.
543
IL Ueber das Verhalten des Phosphors zu den
Alkalien und alkalischen Erden;
von Heinrich Rose.
Nachdem Berzelius die Resultate seiner Arbeiten über
die Schwefelalkalien bekannt gemacht hatte, mufste na-
türlich die Frage entstehen, ob der Phosphor gegen die
wasserfreien alkalischen Erden und Alkalien dieselbe Rolle
spiele, wie der Schwefel. Aber aufser den Versuchen,
die schon vor sehr langer Zeit Gay-Lussac darüber
angestellt hat *), sind nur von Dumas vor Kurzem
darüber Untersuchungen gemacht worden *.*')., die in-
dessen den Gegenstand noch nicht völlig aufklären.
Berzelius betrachtet die Verbindungen der trock-
nen Baryt- und Kalkerde mit Phosphor als Gemenge von
phosphorsaurer Baryt- und Kalkerde mit Phosphorbaryum
und Phosphorcalcium **#). Derselben Ansicht sind auch
Thenard und Leopold Gmelin in ihren Lehrbüchern.
So wahrscheinlich diese aus der Analogie des Phosphors
mit dem Schwefel hergenommene Ansicht auch ist, so
liefse sich dagegen einwenden, dafs der Phosphor in
wenigen Fällen dem Schwefel analoge Verbindungen
bildet, und dafs, wenn man Verbindungen des Chlors
mit Alkalien und alkalischen Erden annimmt, man auch
ähnliche Verbindungen des Phosphors mit denselben an-
nehmen kann. Da die Verbindung des Phosphors mit
der Kalkerde durch eine etwas starke Hitze gänzlich ihren
Phosphorgehalt verliert und reine Kalkerde zurückläfst,
so scheint dadurch die Ansicht, dafs diese Verbindung
wirklich aus Kalkerde und Phosphor bestehe, an Wahr-
*) Annales de chimie et de physiaue , T. P*I. p. 328.
**) Annales de chimie et de physique , T. XXXIII. p. 362.
'**) Berzelius Lehrbuch der Chemie, Uebersetzung von "W ö li-
ier, Bd. I. P . 810. u. 819.
544
scheinlichkeit zu gewinnen, denn sie ist in der That ein-
facher, als die Annahme, dafs durch Erhitzung der Ver-
bindung Phosphor nicht nur aus dem Phosphorcalcium ent-
weiche, sondern auch aus der Phosphorsäure der phosphor-
sauren Kalkerde, welche durch das Calcium reducirt werde.
Ich habe mehrere Versuche angestellt, um zu ent-
scheiden, welche von diesen beiden Ansichten die rich-
tige sey. Die meisten derselben wurden mit dem Phos-
phorkalke gemacht, nicht nur weil dieser in der gröfsten
Menge am leichtesten zu bereiten ist, sondern auch, weil,
wenn derselbe durch Wasser zersetzt wird, die phosphor-
saure Kalkerde sehr leicht von der entstandenen unter-
phosphorichten zu trennen ist. — Es ist indessen weit
schwerer, durch Versuche hier entscheiden zu können,
als bei den analogen Schwefelverbindungen. Die Schwe-
felalkalien lösen sich ohne zersetzt zu werden in Was-
ser auf; und da in dieser Auflösung die Schwefelsäure
durch die gewöhnlichen Reagentien entdeckt werden kann,
so wird man dadurch von der Gegenwart des schwefel-
sauren Kali's in der gewöhnlichen Schwefelhepar über-
zeugt. Die entsprechenden Phosphorverbindungen aber
werden durch das Wasser zersetzt, und die Producte der
Zersetzung des Phosphorkalks durchs Wasser sind, wenn
man die Einwirkung desselben durch Erhitzung unter-
stützt hat, selbstentzündliches Phosphorwasserstoffgas, un-
terphosphorichtsaure und phosphorsaure Kalkerde, wie das
schon vor längerer Zeit Dulong gezeigt hat *). Die
phosphorsaure Kalkerde ist von ganz weifser Farbe, wenn
Kalkerde im Ueberschufs vorhanden gewesen ist. Nimmt
man nun an, der Phosphorkalk bestehe aus Phosphor
imd Kalkerde, so mufs man annehmen, dafs der Phos-
phor durch Gegenwart einer alkalischen Substanz das
Wasser auf ähnliche Art zerlege, wie Zink oder Eisen
durch Gegenwart einer Säure. — Nimmt man hingegen an,
der Phosphorkalk bestehe aus Phosphorcalcium und phos-
phor-
•) Memoire* d'Arcueil, T. III. p. 411. u. 412.
545
phorsaurer Kalkerde, so drängt sich die Frage auf, ob
die ganze Menge der durch Zersetzung mit Wasser erhal-
tenen phosphorsauren Kalkerde schon im Phosphorkalke
enthalten war, oder ob durch Zersetzung des Phosphor-
calciums unterphosphorichtsanre und phosphorsaure Kalk-
erde gebildet werde. Da kein unterphosphorichtsaures
Salz ohne Wasser und in solcher Hitze bestehen kann,
die zur Bereitung des Phosphorkalkes nöthig ist, so mufs
die ganze Menge der unterphosphorichten Säure erst durch
die Behandlung mit Wasser entstehn.
Ich habe, um dieses zu entscheiden, mehrere Ver-
suche angestellt, die mir indessen keine genügende Re-
sultate gegeben haben. Ich behandelte Phosphorkalk mit
Chlor, wie diefs auch Dumas gethan hat*), und habe
dieselben Producte wie er erhallen. Es destillirte, wenn
ein Ueberschufs von Chlor angewandt wurde, fester Chlor-
phosphor über, und es blieb im Apparat ein Gemenge
von Chlorcalcium und phosphorsaurer Kalkerde zurück,
und auch noch freie Kalkerde, wenn der Phosphorkalk
sie enthielt, diese nicht mit Chlor verbunden, da dasselbe
auf wasserfreie Kalkerde nicht einwirkt. — Diese Er-
scheinungen sprechen, obgleich sie durchaus nicht ent-
scheidend sind, sehr für die Ansicht, dafs im Phosphor-
kalke schon phosphorsaure Kalkerde enthalten sej, und
dafs sich dabei Phosphorcalcium durch Chlor in Chlor-
calcium verwandle. Denn, da Chlor auf trockne Kalk-
erde nicht einwirkt, so ist es sehr wahrscheinlich, dafs,
bestände der Phosphorkalk aus Kalkerde und Phosphor,
durch Behandlung mit Chlor, nur Chlorphosphor und
freie Kalkerde entstehen würde. Es wäre indessen auch
möglich, dafs durch die Gegenwart des Phosphors die
Kalkerde durch Chlor zum Theil desoxydirt würde, und
so Chlorcalcium und phosphorsaure Kalkerde entstehen
könnte.
Statt des Chlors behandelte ich darauf Phosphorkalk
*) Annales de Chimie et de Physique , T. XXXIII. p. 366.
Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4. Mm
546
mit einem Ueberschusse von Schwefel ; das Ganze wurde
in einem kleinen Kolben so lange erhitzt, bis der Ueber-
schufs von Schwefel abdestillirt worden war. Die Er-
scheinungen waren aber fast dieselben wie die, die bei der
Behandlung des Phosphorkalks mit Chlor statt fanden,
indessen enthielt der Rückstand aufser phosphorsaurer
Kalkerde und Schwefelcalcium noch schwefelsaure Kalk-
erde, die offenbar indessen nur durch Einwirkung des
Schwefels auf die freie Kalkerde des Phosphorkalkes ent-
standen war.
Denn es ist sehr schwer, den Phosphorkalk ganz
frei von überschüssiger Kalkerde zu erhalten, da die
Hitze, bei welcher er sich in Phosphor und Kalkerde
zersetzt, nicht sehr stark zu sevn braucht. Ich habe da-
her keine quantitative Analyse des Phosphorkalks ange-
stellt, weil ich immer überzeugt war, dafs ich keine über-
einstimmende Resultate erhalten würde, da der von mir
bereitete Phosphorkalk selten ganz gleichförmig war. Ich
bereitete ihn so, dafs ich sehr reinen gebrannten Marmor
von Carrara in einer Porzellanröhre stark glühte, dar-
über erst Wasserdämpfe streichen liefs, um gewifs zu
seyn, dafs er keine Kohlensäure nachher mehr enthielt,
und dann bei einer schwachem Hitze Phosphordämpfe.
War der Marmor zu stark erhitzt worden, während die
Phosphordämpfe darüber strichen, so enthielt er nachher
keinen Phosphor. Der phosphorreichste Phosphorkalk, den
ich erhielt, sah schwarz aus; enthielt er weniger Phos-
phor, so war er braun; in beiden Fällen immer ohne
metallischen Glanz. Durch nicht zu starkes Erhitzen in
einer Retorte wurde der schwarze Phosphorkalk in brau-
nen verwandelt, während sich Phosphor entwickelte ; diefs
geschah bei einer noch geringeren Hitze, wenn Wasser-
stoffgas über schwarzen Phosphorkalk geleitet wurde.
Wenn zur Bereitung des Phosphorkalks sehr grofse Stücke
von gebranntem Marmor genommen wurden, fand ich [sie
fast immer so verwandelt, dafs sie eine weifse Rinde hat-
547
ten, die, wenn die atmosphärische Luft gut abgehalten
worden war, aus reiner Kalkerde bestand, und keine phos-
phorsaure Kalkerde enthielt; dann folgte eine Schicht von
braunem Phosphorkalk, und der Kern enthielt schwar-
zen Phosphorkalk. Manchmal war aber auch der Kern
weifs, und das Aeufsere braun, aber nur in den Fällen,
wenn während des Erkaltens Phosphordämpfe über Kalk-
erde geleitet wurden.
Da ich einsah, dafs keine Versuche mit dem Phos-
phorkalke über die Art seiner Zusammensetzung entschei-
den konnten, so untersuchte ich die Erscheinungen, wel-
che statt finden, wenn eine Verbindung von Phosphor
mit einem alkalischen Metalle durch Wasser zersetzt wird.
Ich wählte dazu Kalium. Schmolz ich Kalium mit Phos-
phor zusammen, und zersetzte die Verbindung, nachdem
der überschüssige Phosphor davon abdestillirt worden
war, mit Wasser, so entwickelte sich selbstentzündliches
Phosphorwasserstoffgas, dem eine kleinere Menge eines
nicht von selbst entzündlichen Gases beigemengt war;
es setzte sich ein gelbes Pulver ab, das Phosphor war,
und die Flüssigkeit enthielt unterphosphorichtsaures Kali,
dem aber immer gröfsere oder geringere Spuren von phos-
phorsaurem Kali beigemischt waren. Da aber bei diesen
Versuchen der Zutritt der atmosphärischen Luft nicht
sorgfältig abgehalten worden und das angewandte Ka-
lium auch mit dünnen Rinden von Kali umgeben war,
da ferner nur sehr geringe Mengen von Kaliimi genom-
men wurden, weil es gefährlich war, gröfsere Mengen
von Phosphorkalium mit Wasser in einem Gefäfse zu
zersetzen, das mit einer Gasableitungsröhre versehen war,
so stellte ich genauere Versuche auf folgende Art an:
Es wurde ein ziemlich geräumiger Kolben mit langem
Halse von dünnem Glase mit wasserfreiein W^asserstoff-
gase angefüllt. Der Kolben war mit einem Korke luft-
dicht versehen, durch den zwei Löcher gebohrt worden
waren. Durch das eine Loch ging eine dünne Glasröhre,
Mm 2
548
die fortwährend Wasserstoffgas zuführte, das vorher erst
durch eine Röhre mit Chlorcalcium getrocknet wurde.
Durch das andere Loch des Kolbens ging zur Ableitung
des Gases ebenfalls eine dünne Glasröhre, die an allen
Stellen leicht zugeschmolzen werden konnte. Es wurde
dann schnell in den Kolben ein Stück Kalium, von der
Gröfse einer grofsen Haselnufs, und ein entsprechendes
Stück ganz trocknen Phosphors gebracht Das Kalium
war aus der innern Masse einer gröfseren Menge heraus-
geschnitten und mit dem benetzenden Steinöl in den Kol-
ben gebracht worden. Auf diese Weise konnte sich durch-
aus keine Spur einer Kruste von Kali bilden. Es wurde
darauf der Kolben nach und nach erhitzt, während das
Wasserstoffgas langsam darüber geleitet wurde. Das Ka-
lium schwoll zuerst an, und vermehrte sich bedeutend an
Volumen, während es Dämpfe von Phosphor absorbirte.
Dann erfolgte eine Feuererscheinung, wodurch die Masse
schmolz und der überflüssige Phosphor abdestillirte. Die
Hitze wurde so lange verstärkt, bis aller überflüssige
Phosphor sich aus dem Kolben durch die Gasableitungs-
röhre verflüchtigt hatte, was durch den Strom des Was-
serstoffgases sehr befördert wurde. Beim Erkalten er-
starrte die Masse und wurde krystallinisch, aber bei dem
Krjstallisiren warf sie Blasen, oder kochte doch wenig-
stens auf. Diese Erscheinung konnte man so oft wie man
wollte durch neues Erhitzen und Erkalten wiederholen.
Nach dem völligen Erkalten war die Masse metallisch
glänzend und hatte die Farbe des japanesischen Kupfers.
Es wurden während neuer Erhitzung beide Röhren, die
durch das Loch des Korkes gingen, zugeschmolzen, und
der Kolben wurde vollständig erkaltet. — Da, wenn man
die Masse des Phosphorkaliums mit einem Male mit Was-
ser zersetzt hätte, eine Explosion entstanden wäre, so
wurde der Kolben umgewandt, und die Spitze einer Glas-
röhre unter Wasser abgebrochen. Das Wasser stieg nun
in den Kolben, aber lange nicht so weit, dafs es die Masse
549
des Phosphorkaliums berührte. Durch die feuchte Atmo-
sphäre wurde nach und nach nicht von selbst entzündliches
Gas entwickelt, welches aber das Wasser aus dem Kolben
nicht herausdrängen konnte , da die Glasröhre mit der
abgebrochenen Spitze bis in die Mitte des Kolbens reichte.
Nach längerer Zeit wurde dieser endlich umgekehrt, da-
mit das Wasser das zerflossene und fast schon gänzlich
zersetzte Phosphorkalium auflösen konnte. Es blieb ein
gelbes Pulver ungelöst zurück, das durch Kochen der
Flüssigkeit nach und nach gröfsteniheils. zu Phosphor-
kügelchen sich vereinigte. Die Flüssigkeit enthielt eine
grofse Menge von unterphosphorichtsaurem , aber keine
Spur von phosphorsaurem Kali. Das Phosphorkalium war
also durch das Wasser in Phosphorwasserstoffgas, das sich
entwickelt, in unterphosphorichtsaures Kali, das sich auf-
gelöst, und in Phosphor, der sich ungelöst abgeschieden
hatte, verwandelt worden. — Dieser Versuch, mit den-
selben Vorsichtsmafsregeln und denselben Quantitäten von
Kalium drei Mal wiederholt, gab immer dasselbe Resultat.
Da sich nun bei der Zersetzung des Phosphorkaliums
durch Wasser kein phosphorsaures Salz bildet, so kann
dasselbe eben so wenig bei der Zerseizung des Phos-
phorcalciums entstehen. Da nun der Phosphorkalk bei
der Zersetzung durch Wasser phosphorsaure Kalkerde
liefert, so mufs diese in ihm schon vor der Zersetzung
mit Wasser enthalten seyn. Der Phosphor zeigt daher
gegen trockne alkalische Erden ein dem Schwefel analo-
ges Verhalten.
Wenn man eine Auflösung eines fixen Alkalfs oder
einer alkalischen Erde oder eine Mengung letzterer mit
Wasser mit Phosphor kocht, so zeigen sich ganz die-
selben Erscheinungen, als wenn Phosphorkalk oder
ihm analoge Verbindungen mit Wasser behandelt wer-
den. Es bilden sich hiebei keine phosphorichtsaure, son-
dern nur unterphosphorichtsaure und phosphorsaure Basen
denn hat man Phosphor mit Kalkmilch gekocht, und
550
den Zutritt der atmosphärischen Luft während des Ko-
chens sorgfältig abgehalten, so bringt die Auflösung der
ausgewaschenen phosphorsauren Kalkerde in Chlorwas-
serstoffsäure keinen Niederschlag von Quecksilberchlo-
rür in Quecksilberchloridauflösung hervor. — Es ist in
diesen Fällen daher wahrscheinlich, dafs hierbei immer im
ersten Momente der Einwirkung des Phosphors Phosphor-
metall und phosphorsaures Oxyd entstehe, wovon aber
ersteres im Äugenblicke der Entstehung wieder durch
Wasser zersetzt wird, und Phosphorwasserstoffgas und
unterphosphorichtsaures Oxyd erzeugt. Wird dabei Phos-
phor ausgeschieden, so erfolgt wiederum durch neues Al-
kali eine ähnliche Zersetzung, so dafs zuletzt aller Phos-
phor verschwindet, wenn genug Alkali vorhanden ist, und
das Ganze immer in der Kochhitze erhalten wird. — Es
scheint mir, dafs diese Erklärung der gewöhnlichen, die
man in den chemischen Lehrbüchern angiebt, vorgezogen
zu werden verdient. Nach dieser nimmt man an, dafs
wenn Phosphor, Wasser und eine alkalische Substanz
mit einander gekocht werden, durch Hülfe der letztern
das Wasser durch den Phosphor zersetzt werde, und dafs
sich ein Theil desselben oxydire, ein anderer Theil mit
Wasserstoff verbände. Die Ansicht, die ich aufgestellt
habe, ist vielleicht aus folgenden Gründen wahrscheinlicher:
Aus den Versuchen, die ich so eben angeführt habe,
geht hervor, dafs wenn Phosphor mit einer trocknen
alkalischen Basis behandelt wird, er ein ähnliches Ver-
halten wie der Schwefel gegen dasselbe zeigt ; diese Ana-
logie zwischen Schwefel und Phosphor würde auch, wenn
noch Wasser hinzukäme, statt finden, wenn man annähme,
dafs Phosphormetall dadurch entstände. — Nach der ge-
wöhnlichen Erklärungsart ist es ferner schwer zu erklä-
ren, warum hierbei durch die Oxydation des Phosphors
zwei Säuren entständen, während nach der andern Er-
klärungsart die Phosphorsäure bei der Behandlung des
Phosphors mit Kalkmilch durch Bildung des Phosphor-
551
kalks, die unterphosphorichte Säure hingegen durch Zer-
setzung des Phosphorcalciums durch Wasser entsteht.
Es kann aber gegen die Ansicht noch eine wichtige
Einwendung gemacht werden. Da bei Gegenwart von
kaustischen Basen unterphosphorichtsaure Salze, durch
Zersetzung des Wassers, in phosphorsaure verwandelt wer-
den *), so könnte man annehmen, dafs beim Kochen von
Wasser mit Phosphor und starken Basen nur unterphos-
phorichte Säure entstände, und nur durch Oxydation der-
selben durch Gegenwart der Base die ganze Menge der
Phosphorsäure erzeugt würde. Es ist indessen dazu noth-
wendig, dafs die Auflösung der Base sehr concentrirt sey.
Es entwickelt sich z. B. durch unterphosphorichtsaure
Kalkerde nur dann erst Wasserstoffgas, wenn dieselbe
mit Kalkmilch, die sehr viel Kalkerde gemengt enthält,
gekocht wird; ist die Kalkmilch sehr verdünnt, so ist
die Gasentwicklung nur sehr unbedeutend. Nun aber
erzeugt sich schon Phosphorsäure wenn man Phosphor
mit Kalkwasser kocht, denn so wie dasselbe in's Kochen
kommt, so sind die aufsteigenden Blasen mit einer unlös-
lichen Haut von phosphorsaurer Kalkerde umgeben. Das-
selbe findet statt wenn Phosphor mit verdünntem Baryt-
wasser gekocht wird. Man mufs daher annehmen, dafs
in diesen Fällen Phosphorsäure und unterphosphorichte
Same zugleich entstehen.
Beim ferneren Kochen, vorzüglich wenn ein grofses
Uebermaafs von freier Base vorhanden ist, vermindert sich
indessen die Menge der unterphosphorichten Säure in dem-
selben Verhältnisse, wie sich die der Phosphorsäure ver-
mehrt. Es ist daher unmöglich, aus den Mengen der bei-
den Säuren einen Schlufs auf die Zusammensetzung des
Phosphorkalks machen zu können, der sich wahrschein-
lich im ersten Augenblicke der Einwirkung des Phosphors
auf eine Auflösung einer starken Base bildet. Ich hatte
in frühern Zeiten, ehe es mir bekannt war, dafs die unter-
') Poggendorff's Annalen, Bd. XII. p. 297.
552
phosphorichte Säure durch Basen oxydirt werden kann,
einige Versuche darüber angestellt, die natürlich verschie-
dene Resultate geben mufsten; ich werde indessen das
Resultat derselben hier kürzlich angeben, weil daraus
wenigstens hervorgeht, dafs die Menge des Phosphors in
der gebildeten unterphosphorichten Säure weit bedeuten-
der ist, als die in der entstandenen Phosphorsäure.
Eine kleine Menge Phosphor wurde mit einer gro-
fsen Menge reiner Kalkerde und Wasser in einem ge-
räumigen Kolben gekocht, der mit einem Korke verse-
hen war, durch den eine zwei Mal rechtwinklich gebo-
gene Röhre ging, die sechs Fufs lang war. Das gebil-
dete Phosphorwasserstoffgas ging mit Wasserdämpfen fort.
Ich sah sehr darauf, dafs das condensirte Wasser, das
an der Mündung der Röhre Phosphorsäure, durch Ver-
brennung des Phosphorwasserstoffgases erzeugt, enthal-
ten konnte, nicht in den Kolben zurückflofs. Hatte sich
die Wassermenge im Kolben sehr verringert, so wurde
ein ziemlich langes Stück der Röhre, die Phosphorsäure
enthalten konnte, abgeschnitten, die Mündung unter Was-
ser gehalten, worauf der Kolben erkalten mufste und sich
mit Wasser wieder anfüllen konnte. Dann wurde von
]Seuem gekocht, und diese Operation so lange wieder-
holt, bis nur Wasserdämpfe, die gar nicht mehr nach
Phosphorwasserstoffgas rochen, entwichen, und aller Phos-
phor vollständig verschwunden war. Hiezu war nöthig,
dafs das Ganze 30 bis 40 Stunden kochte. Das Aufge-
löste wurde abfiltrirt, und der Rückstand, der aus phos-
phorsaurer Kalkerde und vieler freier Kalkerde bestand,
so lange ausgesüfst, bis er keine unterphosphorichtsaure
Kalkerde mehr enthielt. Er wurde darauf in Chlorwas-
serstoffsäure gelöst, abgedampft und in einer Platinschale
mäfsig geglüht. Die trockne Masse wurde mit Wasser
behandelt, das gelöste Chlorcalcium abfiltrirt, und die
phosphorsaure Kalkerde geglüht. Sie wog 2,247 Grm.
Sie wurde mit Schwefelsäure zersetzt; die erhaltene schwe-
553
feisaure Kalkerde, die mit Alkohol ausgesüfst wurde,
wog nach dem Glühen 2,692 Grm. — Die Auflösung
der unterphosphorichtsauren Kalkerde, die viel aufgelöste
freie Kalkerde enthielt, wurde abgedampft und mit Sal-
petersäure oxydirt. Die phosphorsaure Kalkerde wog
nach dem Glühen 3,294 Grm. Mit Schwefelsäure be-
handelt gab sie 4,298 Grm. schwefelsaure Kalkerde, die
mit Alkohol ausgesüfst wurde.
Eine andere Menge Phosphor wurde mit einem Ucber-
schufs von Kalkmilch nur einige Stunden gekocht. Das
Ungelöste, nachdem es so schnell wie möglich ausgesüfst
worden war, wurde in Chlorwasserstoffsäure gelöst, wo-
bei viel Phosphor ungelöst zurückblieb. Im Uebrigen
wurde eben so verfahren wie im ersten Versuche. Ich
erhielt aus dem unlöslichen Hockstände 1,995 Grm. phos-
phorsaure Kalkerde, die mit Schwefelsäure zersetzt 2,323
Gram, schwefelsaure Kalkerde gaben. — Das im Was-
ser Aufgelöste gab nach der Oxydation mit Salpetersäure
5,191 Grm. phosphorsaure Kalkerde, die mit Schwefel-
säure behandelt 7,635 Grm. schwefelsaure Kalkerde gab.
Der vorige Versuch wurde wiederholt. Das im Was-
ser Ungelöste gab 0,799 Grm. phosphorsaure Kalkerde,
und diese nach der Behandlung mit Schwefelsäure 0,874
Gram, schwefelsaure Kalkerde. — Das im Wasser
Aufgelöste gab nach der Oxydation mit Salpetersäure
2,610 Grm. phosphorsaure Kalkerde, die nach der Be-
handlung mit Schwefelsäure 4,004 Grm. schwefelsaure
Kalkerde lieferte.
Diese Versuche können keine Ansprüche auf grofse
Genauigkeit machen. Wenn der im Wasser unlösliche
Rückstand in Chlorwasserstoffsäure aufgelöst wurde, die
Auflösung zur Trocknifs abgedampft, und zur Entfernung
aller überschüssigen Chlorwasserstoffsäure schwach ge-
glüht wTirde, so mufste die im Wasser unlösliche phos-
phorsaure Kalkerde eine kleine Menge von Chlorcalcium
enthalten, wie das aus den Versuchen hervorgeht, die
554
ich in diesen Annalen, Bd. VIII. p. 211., beschrieben
habe.
Wir sehen indessen deutlich, dafs die Resultate des
ersten Versuches, bei welchem das entwichene Phosphor-
wasserstoffgas mehr freies Wasserstoffgas enthalten mufste,
sehr abweichen von denen der beiden letzteren Versuche,
die unter sich, gewifs aber nur durch Zufall, ziemlich über-
einstimmen. — Im ersten Versuche enthielt die gebildete
Phosphorsäure 0,496 Grm. Phosphor, und die gebildete
unterphosphorichte Säure 0,663 Grm. Phosphor; im zwei-
ten Versuche die Phosphorsäirce 0,571 Grm. Phosphor,
und die unterphosphorichte Säure 0,967 Grm.; im drit-
ten Versuche die Phosphorsäure 0,192 Grm. Phosphor,
und die unterphosphorichte Säure 0,316 Grm. — Die
Phosphormengen der gebildeten Phosphorsäure verhalten
sich daher in den beiden letzten Versuchen zu den Phos-
phormengen in der gebildeten unterphosphorichten Säure
wie nahe 3:5; in dem ersten hingegen, bei welchem kein
überflüssiger Phosphor zugegen war ungefähr wie 3:4.
Später habe ich diese Versuche mit sehr verdünnten Auf-
lösungen von Baryfhydrat wiederholt; die Menge des
Phosphors in der unterphosphorichten Säure gegen die in
der Phosphorsäure aber noch bedeutender gefunden, als
in den erwähnten Versuchen.
555
III. Verzeichnifs von Erdbeben, vulcanischen
Ausbrüchen und merkwürdigen meteorischen
Erscheinungen seit dem Jahre 1821;
von K. von Hoff.
(Dritte Abtheilung; die zweite findet sich in dies. Ann. Bd. 85. S. 589.)
zu 1822.
Nachträge
Julius 23. ^3 urnatra, Sunda - Insel. Ausbruch des Vul-
cans Gunong-Ber- Api {Eisen -Feuer -Berg) in der
unteren Provinz Tana- Datar (12000 Fufs über der
Meeresfläche). Der Ausbruch scheint nicht aus dem
nahe am Gipfel befindlichen Krater, sondern an einer
Seite des Berges erfolgt zu seyn. I)ie Nachricht da-
von bestimmt die Stelle des Ausbruchs bei Pagar-
Ujong, der Hauptstadt von Menang-Kabou, etliche
Milles von der Basis des Gipfels. Es war ein von
unterirdischem Getöse begleiteter Auswurf von Feuer
und Steinen, der nur eine Viertelstunde dauerte. Ihm
folgte eine Woche lang nur Ausstofsen von Dampf.
Seit fünfzehn Jahren hatte der Berg nicht ausgeworfen.
September (ohne Angabe der Tage). Sumatra. Erd-
beben in der Provinz Menang - Kabou zwischen den
beiden Vulcanen Gunong-Ber- Api und Gunong- Tal-
lang (letzterer liegt in der Provinz Tiga-Blas). Die
Erdstöfse wurden während 24 Stunden ungefähr alle
Stunden gespürt, und waren von unterirdischem Ge-
töse begleitet, das bald von dem einen, bald von dem
andern Vulcan herzukommen schien. Der Tallang
dampft nur zuweilen, aber man weifs seit langer Zeit
von keinem Ausbruche desselben. — Ferussac,
Bullet, des Scienc. natur. T. IX. p. 20. u. 21. aus
Asiatic Journal 1826, Mai, p. 577.
556
Zu 1822.
November 19. Von den heftigen und ausgebreiteten Wir-
kungen des Erdbebens in Chili (s. diese Annal. Bd. 7.
(83.) S. 299.) in den Gebirgen und Bergwerken, nament-
lich in der Grube des Goldbergwerkes El Bronze, wo
Alles erschüttert und Stücke von Felswänden abgeris-
sen wurden, finden sich ausführliche Nachrichten in
Capt He ad Rough Notes taken etc. ort the Pam-
pas, und daraus in Froriep's Notizen No. 374. (1827)
S. 344.
Zu 1823.
Febr. 9. Zu den an diesem Tage im Meere empfunde-
nen Erdstöfsen (s. diese Annal. Bd. 9. (85.) S. 590.)
gehört noch folgende Nachricht. 1 U. 10' Ab. unter
1° 21' N. Br. und 85° 35' O. L. (wahrscheinlich v.
Greenwich) empfand das englische Schiff Winchelsea
einen Stofs, von dem der Berichterstatter (Lachlan)
glaubte, dafs er mit einer vulcanischen Bewegung auf
Sumatra in Verbindung gestanden habe. — Edinburgh
Journal qf Science , 1826, Apr., S. 264. Fe'russac,
Bulletin des scienc. naiur. T. IX. p. 21.
März 5. Sicilien. Die oben (Ann. Bd. 9. S. 592 ) von
dem Erdbeben dieses Tages gegebenen Nachrichten
sind unvollständig und fehlerhaft. Da mir Ferrara's
darüber mitgetheilte im Original nicht zu Gesichte ge-
kommen sind, so gebe ich diesen Nachtrag aus einem
Auszuge von Ferrara's Schrift, der sich in Brew-
ster's Edinburgh Journal of Science. No. VII. S. 155.
befindet.
5 U. 26' Ab. erfolgte der erste Stofs, von unten
herauf, darauf ein zweiter stärkerer- wellenförmig, ein
dritter von ähnlicher Art, doch minder stark, ein vier-
ter, wie der zweite, und ein fünfter, wie der erste.
Ihre Dauer (eines jeden, oder Aller zusammen?) war
16 bis 17 Secunden. Ihre Richtung von Nordost nach
Südwest. So war es in Palermo. Westlich von Pa-
557
Zu 1823.
lermo in den Bergen war das Erdbeben weniger stark ;
stärker jedoch in der Nähe der Küste als tiefer im
Lande. Weiter westlich, z. B. in Castelamare, wurde
nur sehr wenig davon empfunden. An der Küste öst-
lich von Palermo war die Erschütterung äufserst heftig.
Altavilla, Trabia, Godiano , Termini litten fürchter-
lich. Von dem Berge Bisambra unweit Godiano wur-
den grofse Eelsenmassen abgerissen und herabgestürzt.
Die warmen Quellen, sowohl in den Bädern, als
die in der Nachbarschaft denselben Ursprung in den
Bergen längs der Küste von Termini haben, flössen reich-
en O '
licher, waren wärmer, und von dem Thone, aus dem
sie quellen, stark gefärbt. Die Stöfse scheinen mit der
zunehmenden Entfernung von Palermo gegen Osten stär-
ker gewesen zu seyn. Achtundvierzig (ital.) Meilen da-
von, in Cefalu, waren sie sehr zerstörend. Das Meer warf
dort zwei ungeheuere Wellen nach einander mit gro-
fser Gewalt auf den Strand. Polina und Finale lit-
ten ebenfalls.
Gegen das Innere des Landes nahm die Stärke
der Stöfse ab. Ciminna (südlich von Termini) und
Cerda empfanden sie noch heftig und mit Zerstörung.
In Roccapalomba, Scillato , Gratteri, Colesano wur-
den noch Gebäude zerstört und stark beschädigt. In
der Nachbarschaft von Pozzillo und Sta. Agata und
auf einem weiterstreckten Landstriche waren mehrere
lange Spalten und Höhlen entstanden. Aehnliche Höh-
len und Spalten hatten sich im Argillaceous Chalk
(ich weifs nicht, welcher deutsche geognostische Kunst-
ausdruck dieser Gebirgsart gebührt) bei der kleinen
Stadt Ogliastro, 16 Meil. südl. von Palenno, geöffnet.
Isnello am Fufse der Madonischen Berge, Geraci, Ca-
stelbuono, St. Mauro, eben so gelegen, litten Schaden.
Die Orte an der südwärts eingebogenen Küste
zwischen Capo Orlando und Capo Calava, den Lipa-
558
rischen Inseln gegenüber, erlitten die heftigsten Stöfse.
Darunter wurde Nato (nicht Noto, wie oben Bd. 9.
S. 593. steht) fast ganz zerstört. Es entstand dort eine
Erdspalte, und man fürchtete das Herabstürzen des gan-
zen Hügels, auf dem der Ort steht. Sehr litt die Stadt
Patti, die der Insel Volcano gerade gegenüber liegt
Pozzodigotto , Meri und Barcellona litten nur wenig.
Zu Milazzo auf der Küste und zu Sta. Lucia war
der Stofs zwar stark, aber unschädlich,* In Messina
litten einige Häuser.
Im Innern der Insel wurden die Stöfse schwächer
empfunden; nur schlechte schadhafte Gebäude litten
dort davon etwas, wie in Caltaniuso und Alirnena;
zu Catania empfand man ihn kaum. In Syracus und
benachbarten Orten haben nur einige Personen etwas
davon bemerkt. Eben so in der Gegend von Modica
bei Cap Passaro. In den südlichen und westlichen
Theilen der Insel geschah kein Schade? zu Alcamo
fühlte man das Erdbeben ziemlich stark, zu Tropani
sehr schwach.
Eerrara bemerkt bei dieser Gelegenheit, da Pa-
lermo zum Theil auf festem Kalkstein, zum Theil auf
angeschwemmten Boden erbaut ist, dafs zwar in der
Regel die letztere Art des Bodens die Erdstöfse weni-
ger gut fortpflanze, als die erstere, dafs aber deshalb
schlechte Gebäude auf diesem Boden doch weniger ge-
gen die Zerstörung durch Erdbeben gesichert seyen, als
die soliden Gebäude auf Felsengrund, wenn gleich die-
ser von den Erdstöfsen am heftigsten erschüttert zu
werden pflege. Er belegt diefs mit Beispielen von den
Erdbeben v. J. 1726 zu Palermo und anderen zu Mes-
sina und Catania. Zugleich äufsert er die Vemiuthung,
dafs die Brunnen und Oeffnungen, welche von den
Alten als Sicherungsmittel gegen die Erdbeben betrach-
tet worden seyen, diese Eigenschaft wohl nicht dadurch,
dafs sie unterirdischen Dämpfen und Gasarten den Aus-
559
gang gestatteten, sondern um deswillen besäfsen, weil
sie die Fortpflanzung der Stöfse durch Unterbrechung
des fortpflanzenden festen Mittels unterbrächen. Ich
gestehe, dafs mir diese Erklärungsweise weniger ein-
leuchtet, als die erste, weil solche Arten von Aushöh-
lungen des Bodens, wie Brunnen und ähnliche denen
man die erwähnte Eigenschaft zuschrieb, einem Erd-
stofs, er komme von unten oder von der Seite, wohl
zu wenig Fläche darbieten, um das Fortpflanzen des-
selben im festen Gestein zu hemmen.
Julius 1 — 15. Zufolge Nachrichten aus Island vom 14.
März 1821, sollen, nachdem die in den vorgenann-
ten Tagen erfolgten Ausbrüche des Koetlegiaa aufge-
hört hatten, von diesem Vulcan auf's Neue so grofse
Mengen von Wasser ausgeworfen worden seyn, dafs
eine grofse Ueberschwemmung in der Gegend verur-
sacht worden ist. — Revue encycloped. 1824, Nov.
S. 514. —
1824.
Januar 2. Macao, China, 7 U. Ab. Eine Erderschüt-
terung fünf Secunden dauernd. — Asiatic Journ. 1824,
Nov. S. 488. Daraus in Ferussac Bull.des Scienc.
natur. 1825. T. 1. p. 9.
Januar 5. Trinidad, Insel, Südamerica. Zwischen 3 u.
4 U. Morg. ein ziemlich starker Erdstofs. — Archives
des de'couv. 1824. p. 212.
Januar 6. Bergen, Norwegen. 5 \ U. Morg. starke Erd-
erschütterungen in der Richtung von SW nach NO.
Dabei unterirdisches Getöse, das länger als 1 Minute
dauerte. — Arch. des decouv. 1824. p. 212.
Januar 6 — 19. Erzgebirg und Ficht elgebirg. Eine merk-
würdige Reihe von Erderschütterungen. (S. auch un-
ten 2 — 5. Februar.)
Schon am 1. Januar hatte man zu Hartenberg im
560
1824.
Ellenbogener Kreise, bei grofser Kälte und Windstille,
ein donnerähnliches Getöse gehört. Den 6. u. 7. in
der Nacht empfand man daselbst Erdstöfse. Am 7. Mor-
gens einen so starken, dafs in einem Zimmer des Schlos-
ses die Tünche von der Decke fiel. Am 9. Morgens
84- U. Erderschütterung im untern Theile des Landge-
richts JVunsiedel am Fichtelgebirg, gegen die böhmi-
sche Gränze zu ; zum Theil mit hörbarem unterirdischen
Rollen. — An demselben Tage 3 U. 15' Ab. u. 11 XJ.
Abends. Desgleichen am 10. 2 U. 45' Morg. ja. 3 ü.
u. 5 U. Morg. Erschütterung zu Hartenberg, Gossen-
grün , Silbergrün, Bleystadt, Annadorf, Schossenreut,
Pirkles , Mar kies grün, JBulerbach und Heinrichs grün;
sehr heftig in den Primiesser Bergwerken. Am 10.
4 U. Abends ging, bei einem Thermometerstande von
— 7° 1\. , das Eis (also nicht durch Wärme) auf der
Zwoda bei Hartenberg auf, und man empfand 7 U.
30' Ab., 9 U. u. 11 U. Ab. Erschütterungen, eben so
am 11. und in der Nacht zum 12., in letzterer vor-
züglich stark, und mit unterirdischem Getöse.
Auch an den vorhin angeführten Orten am Fich-
telgebirg empfand man am 10. 11^ IT. Ab., am 11.
10 ;J U. Morg., und am 13. in der Mittagsstunde Er-
schütterungen.
Am 13. 1 U. Ab. war die Erschütterung wieder
in den böhmisch - erzgebirgischen Orten sehr stark, be-
sonders in Fribut und Bleystadt, am stärksten aber
in den Dörfern Prinkles , Pernau und Leopoldham-
mer. Quellen in der dortigen Gegend, welche seit
Jahren versiegt gewesen waren, wurden plötzlich was-
serreich, eine Erscheinung, die auch bei Adorf bemerkt
wurde.
Am 14. und einigen folgenden Tagen erfolgten schwa-
che Erschütterungen mit unterirdischem Gelöse zu Har-
tenberg.
Am
561
1824.
Am 15. 34-U. Morg. im Landgerichte Münchberg
am Fichtelgebirge.
Am 18. 8 U. Morg. nach vorhergegangenem un-
terirdischen, donnerähnlichen Getöse zwei heftige Stöfse
zu Hartenberg. Desgleichen mehrere 7 U. 45', 10 U.,
11 U. 45' Ab. bei starkem Westwind, Schneefall und
geringem Sinken des Barometers.
Am 19. 5 U. Morg. ein starker Erdstofs, desglei-
chen 9 U., 9 U. 30', 11 U. 30' und 11 U. 35' zu
Hartenberg. Dann 3 U. und 4 U. Ab. zu Graslitz.
— 4 U. zu Eger. — 4 U. 30' zwei sehr heftige Stöfse
nach starkem unterirdischen Rollen zu Hartenberg, diese
beiden waren die heftigsten von Allen. Man fürchtete
den Einsturz des Schlosses. Auch zu Heinrichsgrün
empfand man den Stofs 4 U. Ab. sehr stark. Der Zug
der Erschütterungen schien von Graslitz nach Eger
und von da nach Hartenberg zu gehen. Sämmtlich
aber schwach wurden diese Erdstöfse empfunden zu
Falkenau und Ellenbogen; stärker zu Stolzenhayn,
Holzbach, Böhmisch Wiesenthal u. s. w.
— Allgem. Zeitg. 1824. No. 23. S. 91. — Preufs.
Staatszeitg. 1824. No. 47. S. 211. — Hallaschka
in Kastner 's Archiv. Bd. 1. S. 320.
Januar 15. Zu Arenazzo, unweit Ferrara, ereignet sich
ein Meteorsteinfall. — Chladniin Poggendorff's
Annalen. Bd. 6. S. 27.
Januar 23. Schnelles Fallen des Barometers und in der
zweiten Hälfte dieses Tages aufserordenllich tiefer Stand ;
am 24. eben so schnelles Steigen desselben in Deutsch-
land, Frankreich, ganz Italien u. s. w. — Kastner's
Archiv. Bd. 1. S. 125. — Bd. 2. S. 394. folg.
Februar 2 — 5. Wiederholte Erdstöfse zwischen dem
Erzgebirge und dem Fichtelgebirge, besonders bei
Heinrichsgrün; am 2. 9 U. Morg. u. 11 U. Ab., das
unterirdische Getöse dauert 1 Stunde lang. — Am 3.
Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4» N n
562
1824.
2 und 6 U. Morg. schwache, 10 f U. Morg. stärkere
Erschütterung. — Am 4. 7. U. Morg. zwei starke Stöfse.
— Am 5. 54- U. Morg. — Preufs. Staatszeitg. 1824.
No. 47. S. 211.
Die Orte, an denen die Erdstöfse vom 6 — 19. Ja-
nuar und vom 2 — 5. Febr. empfunden worden sind,
liegen fast sämmtlich in einer von NO. nach SW. ge-
richteten Linie, deren nordöstlichste Endpunkte Grafs-
litz und Fribus sind, die südwestlichen aber Wun-
siedel und Eger. Sie liegen auf dem südlichen Ab-
hänge des Erzgebirges, und auf der von demselben
nach dem EgerÜusse abfallenden Verflächung des Lan-
des. Auf dem rechten (südlichen) Ufer der Eger sind
keine Erschütterungen wahrgenommen worden. Die
Richtimg der unterirdischen Bewegungen scheint von
Nordost nach Südwest gegangen zu sevn; doch läfst
sich dieses aus den oben angegebenen Zeitbestimmun-
gen nicht mit völliger Gewifsheit schliefsen. In dem
nördlichen Theile des beunruhigten Landstrichs schei-
nen die Erschütterungen stärker gewesen zu seyn, als
in dem südlichen; am stärksten aber zu und um Har-
tenberg, welcher Ort ungefähr in der Mitte des gan-
zen Striches liegt. Merkwürdig ist dabei die Seiten-
richtung, nach welcher man auch zu Adorf und im
Landgerichte Münchberg etwas von den Erschütterun-
gen empfunden haben will.
Februar 11. Irkutzk, Sibirien. Leichte Erderschütterung.
— Archwes des decouvertes. 1824. p. 212. — Pog-
gendorff's Ann. Bd. 2. p. 155.
Februar 21. 8 U. Ab. Sta. Maura, Jonische Insel.
Ein heftiger Erdstofs, der mehrere Gebäude beschä-
digte. *— Arch. des decouv. 1824. p. 212.
März 2. und 3. Tiefer Barometerstand in Deutschland,
Frankreich, Italien. Orcan im mittelländischen Meere,
vorzüglich um die Küsten von Italien; starker Schnee-
563
1S24.
fall in Rom, Neapel u. s. w. — Kastner's Archiv.
Bd. 1. p. 382., Bd. 2. p. 401. folg.
April 10. Einige Minuten vor 10 U. Ab. Kingston, Ja-
maica. Ein sehr heftiger Erdstofs, den man auch an
mehreren Orten der Insel empfand; seit vielen Jahren
der heftigste. Die Erschütterung, der ein starker Wind
vorausging, dauerte ungefähr 30 Secunden, und war
mit unterirdischem Getöse verbunden. Drei bis vier
Häuser sind eingestürzt.
Bis zum 15. erfolgten noch einige minder heftige
Stöfse. Einige Häuser in Kingston und Liquinea ha-
ben gelitten. Zu Spanischtown und Oldharbour waren
die Erschütterungen sehr stark.
Zu Yallahs fühlte man in der Nacht vom 13. um
dieselbe Stunde wie Tags zuvor (?) eine neue Erschüt-
terung, eben so wie die erste von unterirdischem Brül-
len begleitet. Endlich am 14. zwischen 1 und 2 U.
Morg. einen dritten Stofs, den schwächsten.
Zu Port Royal und in seiner Umgegend empfand
man in der Nacht vom 12. April, ungefähr 12 Minu-
ten vor 10 U. , einen starken Erdstofs, der fast 1 Mi-
nute dauerte, aber keinen Schaden that. Einen an-
dern in der Nacht vom 13. um dieselbe Zeit; er war
viel schwächer, dauerte aber länger. — Verneur, Jour-
nal des Voyages. Vol. XXIII. p. 101.
April 20. Gegen 3 U. Morg. St. Thomas, Westindi-
sche Insel. Heftige Erderschütterung mit donnerähn-
lichem Getöse. Viele Personen werden aus den Bet-
ten geworfen. In der hier benutzten Nachricht wird
hinzugesetzt: ,, un bäiiment sest englouti par suite de
la commotion;" und es bleibt zweifelhaft, ob dabei
vom Wasser oder vom Lande die Rede ist. — Arch.
des decouv. 1824. p. 213.
April 22. Erster Anfang des Ausbruchs des Goenong
Apie auf Banda. — S. unten 9. Junius.
Nn2
564
1824.
Mai 31. 4 U. Morg, Bury (wo liegt dieser Ort?). Leichte
Erderschüttermig. — Arch. des decouv. 1824. p. 213.
Junius (ohne Angabe des Tages). Unweit Leeds auf
den Grenzen von Lancashire, 9 engl. Meil. von Keigh-
ley und 6 von Colne, liegt, bedeutend höher als das
Niveau des Aire- Flusses bei Leeds, ein Morast. Aus
demselben entspringen kleine Bäche, die dem Aire-
Flusse durch eine tiefe Schlucht zufallen. Der natür-
liche Damm, welcher diesen Morast hielt, brach im
genannten Monate durch unbekannte Ursachen. Das
abströmende Wasser bildete sich einen Canal von un-
gefähr 12 Verges (vermuthlich im Originale Yards)
Breite und 6 Verges Tiefe, und Alles, was ein Raum
von 1200 V. im Umkreise enthielt, Festes und Flüs-
siges, ging durch die Oeffnung fort, und stürzte sich
in die Schlucht. Die Bewegung dieser Ungeheuern
Masse, beschleunigt durch den Fall, rifs Alles mit
sich fort. Wohin der Strom sich verbreitete bedeckte
dicker Schlamm die Felder; Felsenstücke wurden mehr
als eine engl. Meile weit fortgeführt.
Einige Personen schrieben diese Begebenheit einem
Erdbeben zu, aber man hat ringsum nirgends etwas
von einem solchen empfunden. Da in dem Augen-
blicke, als der Durchbruch erfolgte, eine dicke Gewit-
terwolke den Himmel bedeckte, so hat man vermuthet,
dafs eine Wasserhose auf unterirdische Wasser gewirkt
habe. Aehnliche Ereignisse sind im 16. und 17. Jahr-
hundert in der Umgegend von Lancaster vorgekom-
men. — Revue Encyclope'd. 1821. Oct. p. 229., aus
Leeds Mercury genommen. — Nach Anderen soll
sich diese Begebenheit im September ereignet haben.
S. Poggend. Ann. Bd. 3. p. 155., auch Phil. Magaz.
No. 317. p. 229.
Junius 2. Schiraz, Persien. An diesem Tage soll man
565
1824.
dort zuerst, vor dem folgenden grofsen Erdbeben, einige
Bewegungen empfunden haben.
Junius 9. Banda, Sunda- Insel. Ausbruch des Vulcans
(Gonung Api), an welchem sich schon am 22. April
ein neuer Krater geöffnet hatte. Der Ausbruch dauerte
bis zum 14., mit Ausstofsen grofser Dampf- und Aschen-
wolken, Auswerfen glühender Steine u. s. w. Darauf
ruhete der Berg bis zum 25., an welchem ein neuer
Ausbruch mit Erderschütterungen erfolgte, die drei Mi-
nuten lang anhielten. Das Ausstofsen von Steinen,
Aschen- und Dampfwolken dauerte noch lange Zeit
fort. — Hertha. Bd. 1. 1825. — Geograph. Zeitg. p. 92.
und 226.
Junius 23. oder 25. 5|- U. Morg. Persien. Heftige
Erdstöfse, welchen 6 Tage und 6 Nächte hindurch
mehrere minder heftige folgen. Die Stadt Schiraz lei-
det dadurch am meisten, und zwar vorzüglich durch
den ersten Stofs und drei andere, die demselben bis
10 Uhr Morgens folgen. Ein Theil der Stadt wird
fast ganz dadurch zerstört und versenkt, Nächst ihr
leidet vornehmlich die Stadt Kazroun. In den Gegen-
den dieser Städte sollen Berge geebnet worden seyn.
Der Tag des heftigsten Erdbebens war nach dem Per-
sischen Kalender der 27. des Monats Chaval, J. 1239.
— Frick und Devilleneuve (sonst Verneur)
Journal des voyages. Vol. XXV. p. 118.; aus dem
Courier von Bombay. — Revue encyclopedique, 1825.
März. p. 846. — Eine*' Nachricht, welche dieses Erd-
beben in den April versetzt, beruht wohl auf einem
Irrlhum. S. Allgem. Zeitung, 1824. No 313. S. 1372.
Julius 9. Neu- Braunschweig, Bril tisch Nordamerika.
Starke Erderschütterung mit einem Knall, wie von einer
Kanone. — Ar eh. des decouv. 1824. p. 213.
Julius 18. Zu Re'almont, 1| Lieue nördlich von Per-
566
1824.
pignan, depart. des Pyrene'es orientales, beobachtete
man am Morgen ungewöhnliche Wärme. Um Mittag
stieg das Thermometer R. auf 27°, 1£ U. auf 29°.
So blieb es bis 34- U. , da erhob sich auf einmal ein
starker und so warmer Nordwestwind, dafs es noch
auf 30°, 75 stieg. Abends 10 U. 8' erfolgte ein Erd-
stofs mit Geräusch wie vom Rollen eines Wagens,
Gläser klirrten u. s. w. Auch zu Perpignan und an
anderen Orten empfand man diese Erschütterungen.
Am Morgen des 21. stand das Thermometer nur 15°.
— Fe'russac, Bullet, des Sc. mathe'm. 1824. T. II.
p. 178.
Zu Ptoussillon schien die Erschütterung von NO.
nach SW. gerichtet. Sie dauerte 4 bis 5 Secun-
den. Zu Collioures hörte man vor derselben ein un-
terirdisches Getöse, das 4 bis 5 Secunden nach dersel-
ben fortdauerte. Zu Montlouis war der Himmel den
ganzen Tag rein und die Luft ruhig gewesen; aber
gleich nach der Erschütterung erhob sich ein heftiger
Orcan. Zu Perpig?ian war das Thermometer gegen
Abend bis zu 35° Hundertth. Sc. (28° R.) gestiegen,
die Atmosphäre schien mit brennenden Dünsten erfüllt,
und man wurde von der Luft unangenehm afiicirt. Zu
Carcassonne war die Erschütterung von einem hefti-
gen Pfeifen des Windes begleitet, das die Einwohner
mit dem Zischen einer Rakete verglichen. Alle Punkte
des Horizontes waren den Tag über von Rlitzen durch-
kreuzt worden, denen kein Bonner folgte. — Ar eh.
des decouv. 1824. p. 213.
Ohne dem Umstände nur irgend eine Bedeutung
beilegen zu wollen, mag ich doch nicht unerwähnt las-
sen, dafs zu Gotha, nachdem dort am 17. das Ther-
mometer bis auf 21° R. gestiegen war, am 18. bei 18°
zwischen 1 und 2 U. Ab. ein sehr heftiges Gewitter
mit einem Hagelfall losbrach, bei welchem alle Körner
567
1824.
die Gröfse von Büchsenkugeln, und manche die von
Taubeneiern und darüber hatten. Der grofse Hagel
ist in und nahe bei der Stadt Gotha eine so seltene
Erscheinung, dafs man sich seit dem Jahre 17S3 eines
eigentlichen Hagelwetters dort nicht erinnerte. — Der
gewitterhafte Zustand der Atmosphäre mag an diesem
Tage über einen grofsen Theil von Europa verbreitet
gewesen sejn.
Julius 19. 5 U. Morg. Lissabon. Ein sehr fühlbarer
Erdstofs. Tags zuvor stieg die Wärme der Luft über
36° R. bei einem Nordostwind, welcher die Trauben
am Stocke auf der Stelle trocknete, auch Thiere und
selbst Menschen auf der Stelle tödtete. — Journ. de
Francfort. 1824. No. 226.
Julius 19. (oder 29.?) ereignete sich im See von Mas-
saciuccohy nahe bei dem Dorfe Vecc'aiano im Gebiete
von Lucca, folgende Erscheinung. Morgens, nach einem
kurzen, heftigen Regen und einigen ziemlich starken
Donnerschlägen, wurde am westlichen Ende des See's
das Wasser trüb, und färbte sich wie von Seife oder
Kalk. Erst am 21. wurde es wieder hell. Darauf sah
man eine grofse Menge grofscr und kleiner Fische todt
auf dem W asser. Ihre Anzahl war so grofs, dafs poli-
zeilich Anstalten getroffen wurden, das Verpesten der
Luft zu verhüten. Während der Bewegung des Was-
sers spürte man einen starken Schwefelgeruch, ver-
mischt mit dem Gerüche von faulenden Pflanzenstof-
fen. — Ferussac, Bullet, des Sc. naturelles. 1824.
T. III. p. 164; aus der Antologia di Firenze. —
Ann. de Chimie et de Phjs. T. 27. p. 386. — Den
19. giebt an Kastner Archiv. Bd. 4. p. 383.
Julius 27. Bei Voigtsbach in der Herrschaft Reichen-
berg, Böhmen, Nachmittag gegen 4 U. eine zerstö-
rende Windhose von SW. nach NO. ziehend in ab-
wechselnder Breite von 60 bis 400 Schritten. Sie er-
568
1824.
streckt ihre Verwüstungen auf 1 Meile in die Länge,
zerbricht und entwurzelt über 6000 Bäume, hebt Ge-
bäude auf, reifst Felsenstücke ab u. s. w. Zugleich
ein heftiges Gewitter. — Kastner 's Archiv. Bd. 3.
p. 449.
Julius 29. Lanzerote, Canarische Insel. An diesem
Tage wurden die Einwohner durch einzelne Erdstöfse
beunruhigt. Bis zum 31. wurden solche immer hefti-
ger, und an diesem Tage öffnete sich die Erde 1 Stunde
westlich von der Hauptstadt ( Teguise) zwischen Tao
und Tiangua. Der neu entstandene Krater warf in
kurzer Zeit einen hohen Berg auf, indem Flammen
und glühende Steine aus seinem Schlünde ausgestofsen
wurden. Eine andere Nachricht giebt die Ortsbestim-
mung für diesen Krater zu 1 Lieue vom Port du Recif
und -z Lieue vom Berge Famia. Dieser Auswurf dauerte
bis zum 1. August, an welchem Tage der Schlund sich
geschlossen und nur Spalten offen gelassen zu haben
schien, aus welchen dicke Dampfwolken hervordrangen,
— Am 2. August, Morgens, bildeten sich drei grofse
Dampfsäulen, jede von anderer Farbe, die eine weifs,
die andere schwarz, die dritte entferntere schien roth
zu seyn. Aus anderen Nachrichten folgt: — und da-
mit mag die Beschreibung von den drei Rauchsäulen
übereinstimmen — dafs die Erde an drei verschiede-
nen Orten aufgebrochen ist, also drei neue Krater ge-
bildet worden sind. Einer dieser Ausbrüche scheint
am 22. August statt gefunden zu haben. Aus dem
zuerst aufgebrochenen soll keine Lava geflossen seyn,
hingegen soll er zwischen dem 22. und 24. Wasser
ausgestofsen haben, welches einen Bach gebildet habe,
von dem noch am 26. etwas (im filet d'eau) abgeflos-
sen sey. Keiner von diesen drei Kratern war länger
als acht. Tage in Thätigkeit, und der letzte, nachdem
er 24 Stunden lang nur Lava ausgespieen hatte, warf
569
1824.
mit aufserordentlicher Gewalt eine Säule von Salzwas-
ser aus, von 4 Fufs Durchmesser, und 200 Fufs hoch,
auf welche sodann ein dicker Dampf folgte. Die bei
diesen Ausbrüchen ausgestofsene Lava ging sieben Mil-
le s weit bis zum Meere, in welches sie sich unweit
und unter dem Winde von Gariota ergofs, WNW.
von Porto Naos (also an der diesem Hafen entgegen-
gesetzten nordwestlichen Seite der Insel). Eine an-
dere Nachricht sagt, dafs noch am 6. Oclober Lava
ausgeflossen sey. — Diese nicht durchaus klaren und
nicht mit Sicherheit zu vereinigenden Nachrichten sind
genommen aus Moniteur. 1824. No. 298. p. 1405. (wo,
wahrscheinlich irrig, der 29. August als Tag des ersten
Ausbruchs angegeben ist). — Moniteur. 1825. No. 24.
p. 94. — Journal de Francfort. 1825. No. 17. —
Kastner's Archiv. Bd. 4. p. 246. — Leonhard's
Zeitschr. 1825. ßd, 1. p. 71.; 1826. Bd. 1. p. 451.
Nach den oben angegebenen Ortsbestimmungen hat
sich dieser Ausbruch in einer Gegend der Insel ereignet,
die ungefähr 1 geographische Meile mehr nördlich liegt
als der Schauplatz der grofsen Ausbrüche vom Jahre
1730 und folgenden, über welche Hr. von Buch so
schätzbare Nachrichten gesammelt hat. (Abhandl. der
physik. Classe der K. Preufs. Acad. v. d. J. 1818 und
1819, und Beschreibung der canarischen Inseln.) Der
Weg aber, welchen bei der neueren Eruption die Lava
bis zum Meere genommen haben soll, bedarf einer nähe-
ren Angabe, als man aus der vorstehenden Beschrei-
bung entnehmen kann, wenn man sie mit der von Hrn.
von Buch gegebenen Charte zu vergleichen sucht.
August 1. mid 2. Granada, Andalusien. Acht Erd-
stöfse. — Ar eh. des decouv. 1824. p. 214.
August 4, Nieder-Wesseling, Dorf zwischen Kölln und
Bonn. Wasserhose, die gegen 1 U, Ab. von SSW.
nach NNO. streicht, und auf den Feldern, so wie an
570
1824.
den Häusern des Dorfes, grofse Zerstörung anrichtet.
Das Meteor ging über den Rhein, und seine Wirkun-
gen hörten ungefähr 1 Stunde jenseits des rechten Ufers
auf, bei der Langeiter Mühle. Einige wollen beim
Verschwinden desselben eine feurige Erscheinimg wahr-
genommen haben. — Nöggerath in Kastner's Ar-
chiv. Bd. 3. p. 52.
August 8. Comrie, Pertshire, Schottland. Morgens
starke Erderschütterung mit einem Getöse, das die Ein-
wohner mit dem von einem schweren auf dem Pflaster
rollenden Wagen verglichen. — Arch. des decouv. 1824.
p. 214.
August 10. Kirchenstaat. Im Gebiete von Passerano,
welches an das von Tivoli stöist, versank eine Strecke
Landes. Aus der Tiefe drang so viel Wasser hervor,
dafs es einen See bildete von 130 Palmen im Umfange
und 27 Palmen Tiefe. Ein eigentlicher Erdfall. —
Preufs. Staatszeitimg. 1824. No. 217. p. 954.
August 12. und 13. San Pieiro di Bagnc und Saha-
piana, Toscana. In den Morgenstunden gegen zwan-
zig Erderschütterungen, unter denen doch nur drei so
stark waren, dafs sie die Glocken anschlagen machten.
Einige Schornsteine fielen ein. Den folgenden Tag
und die folgende Nacht spürte man noch mehrere Stöfse,
doch ohne bedeutende Wirkung. Vor Eintritt der Er-
schütterungen hatte man in der Luft um die Sonne eine
besondere Art von Nebel bemerkt. Die Sonne schien
wie umschleiert und glich mehr dem Monde. In der
Nacht vorher hatte ein Reisender eine Feuerkugel ge-
sehen. — Preufs. Staatszeitung. 1824. No. 217. S. 954.
Arch. des decouv. 1824. p. 214.
August 18. llarderwyk, Niederlande an der Zuydersee.
Erderschütterungen gegen SW. gerichtet, mit einem gro-
l'sen Geräusche, nie von einem schnell über ungleiches
571
1824.
Pflaster rollenden Wagen. — Arch. des decouv. 1824.
p. 215. — Revue Encyclop. 1824. Oct. p. 244.
August 25. Zu Mendoza am Plata-Slrow. fällt ein Staub-
regen. — Chladni in Poggendorff's Annal. Bd. 6.
p. 28.
September 2. Nertschinsk , Sibirien. 5 Uhr Morgens
wurde in der Grube Klintschkinks, in der Richtung
von N. nach S., ein Getöse vernommen. Barauf folgte
ein Erdstofs, von welchem alle Gebäude wankten. Im
Jahr 1800 hatte man dort eine ähnliche Erscheinung
gehabt. Das dortige Gebirge besteht aus Granit, und
nicht weit davon sind warme Quellen. — Ferussac,
Bulletin des Sc. natur. T. VIII. p. 20., aus dem Cou-
rier von Sibirien (Sibirsfy Vestnick). 1824. JSo. 15.
et 16. p. 97.
September 7. In der Nacht zum 8. Guadeloupe, West-
indische Insel. Heftiger Orcan mit einigen Erdstöfsen
und Gewitter, und am folgenden Morgen heftigen Re-
gengüssen. Zwischen 1 und 2 U. Morg., da der Orcan
am stärksten wüthete, fiel das Barometer sieben Linien
unter seinen gewöhnlichen Stand; dort ein unerhörtes
Beispiel. — Journal de Francfort. 1824. No. 325.
September 9. Basseterre bei Guadeloupe 10 U. Abends
etliche Erdstöfse. — Arch. des decouv. 1824. p. 215.
(wenn nicht vielleicht dieselbe in der vorhergehenden
Angabe erwähnte Begebenheit durch Verwechselung der
Tage auch hier bezeichnet ist).
September 13. Plymouth, England. Aufserordentliche
Bewegung im Meere. Irreguläres und schnell auf ein-
ander folgendes Steigen und Fallen desselben, mit ge-
waltsamen und zerstörenden Wirkungen auf die Ufer
und Schiffe. Den folgenden Tag wurden die Erschei-
nungen noch fürchterlicher. Erst Nachmittags 2 Uhr
nahm Ebbe und Fluth ihren regelmäfsigen Gang wie-
572
1824.
der an. Der Berichterstatter glaubt, es müsse in irgend
einem Winkel der Erde eine Zuckung der Natur statt
gefunden haben, weil im Jahr 1798, bei dem Erdbe-
ben zu Siena, sich etwas Aehnliches ereignet habe. —
Fe'russac, Bullet, des Scienc. Mathem, 1825. T. III.
p. 176., aus Annais of Philos. 1824. Sept. p. 234.
October 3. 1 U. Morg. Martinique, Westindische Insel.
Zwei Erdstöfse, welche zwar die Menschen aus dem
Schlafe wecken, aber keinen Schaden thun. — Ann.
of Phil. 1824. Sept. p. 204., daraus in Revue encyclop.
i825. Febr. p. 542.
October 14. Jßerauner Kreis in Böhmen. Meteorstein-
Fall. — Chladni in Poggendorff's Annal. Bd. 6.
p. 28. — Kastner's Archiv. Bd. 3. p. 200.
Octob. 20. Orenburger Gouvernement, Rußland. Hagel-
fall, bei welchem die Hagelkörner Kerne von krystal-
lisirtem Schwefelkies haben. — Chladni in Po gg en-
do rff's Annal. Bd. 6. p. 30.
October 26. Schon früher im Laufe dieses Monats hatte
man auf der Insel Lugon einige leichte Erderschütte-
rungen empfunden. Am genannten Tage erfolgte zu
Manilla ein so heftiger Erdstofs (seit 1795 [1796?]|
war kein so heftiger dort erfolgt), dafs einige Kirchen,
eine der Brücken und mehrere Privathäuser einstürz-
ten. Ungefähr vier (engl.?) Meilen von der Stadt,
nahe am Flusse, brach die Erde mit lautem Krachen
auf, und kurz darauf sah man eine Menge todter Fische
auf der Oberfläche des Wassers schwimmen, die der
Strom ins Meer führte. (Es ist nicht ausgedrückt: ob
das Wasser mit diesen Fischen aus den Erdspalten
kam, oder ob sie sich nur auf dem Flusse zeigten.)
Die Einwohner flüchteten aus der Stadt auf das Land,
so dafs jene fast verlassen blieb. Da die Casernen
von Gnuad aus durch das Erdbeben zerstört waren,
so wurde auf einer etwas entfernten Ebene ein Lager
573
1824.
aufgeschlagen. Aber den 1. November brach ein Orcan
los, der nicht nur alle Zelte wegführte, sondern auch
an vielen Häusern die Dächer zerstörte, und sechs
Schiffe im Hafen auf den Strand warf. — Aus Chro-
nica of Singapore. 25. Nov. 1824. , in Asialic Jour-
nal. 1825. Jim., und daraus in Fe'russac, Bulletin
des Sc. natur. Vol. V. 1825. p. 323.
October 28. Dubossar in der Krym. Ziemlich starke
Erdstöfse. Am 1. November wüthete ein heftiger Orcan
in der Krym. — Joum. de Franc/. 1825. No. 9.
October 29. Charnbery, Savoyen, und Umgegend. 8 U.
und einige Minuten Abends ein leichter Erdstofs. —
Arch. des decouvertes. 1824. p. 215.
Der grofsen Ueberschwemmungen, die in diesem und dem
folgenden Monat Statt fanden, wird im Anhange zu
diesem Artikel gedacht werden.
October 29. in der Nacht zum 30. Braunschweig. Ei-
nige Personen wollen während des Sturms von dieser
Nacht einen Erdstofs empfunden haben. Die darüber
vernommenen Thorwachen aber hatten nichts derglei-
chen wahrgenommen. — Allg. Zeit. 1824. Beil. 241.
November 3. Tracht, Bern, Schweiz. Ein Bergfall, der
den Lauf des Trachtbaches hemmt. — Moniteur. 1824.
No. 323.
November 13. in der Nacht zum 14. Maynz. Eine Erd-
erschütterung und eine Feuerkugel. — Allgem. Zeitg.
1824. Beil. 225. p. 903.
November 15. 5|U. Morg. Odensee, Dänemark. Ei-
nige Personen wollen "während eines heftigen Sturmes
auch eine Erderschütterung empfunden haben. — Preufs.
Staatszeit. 1824. No. 282. p. 1219. *)
*) Da in diesen Tagen sehr heftige Stürme und Windstöfse wüthe-
ten , so mag man immer den meistens nur von einzelnen Perso-
nen herrührenden Erzählungen von empfundenen ErdstÖfsen mifs-
traucn.
Um nicht blofs bewahrheitete Thatsachen zu berichten, son-
574
1824.
November, in den letzten Tagen. Catanzaro und Co-
senza, Calabrien. Einige Erdstöfse, die keinen Scha-
den thaten. Darauf folgte am erstem dieser beiden
Orte das heiterste Wetter, am letztern heftiger Regen.
— Journal de Francfort. 1824. No. 359.
November 30. 3 U. 3' Ab. Martinique, Westind. Ein
starker Erdstofs von unterirdischem Getöse begleitet.
Dieses schien anfangs sich in der mittleren Region der
Atmosphäre fortzupflanzen und nicht aus dem erschüt-
terten Roden zu kommen. Dem Erdbeben ging grofse
Hitze voraus, nach demselben fiel die Temperatur;
eine hohe Fluth warf zu St. Pierre mehrere Schiffe
auf den Strand; es erfolgte ein heftiger Regen, der
zehn Tage lang anhielt. — Revue encyclop. 1825. Febr.
p. 542. — Ferussac, Bull, des Sc. maihem. T. III.
p. 303. und T. VI p. 17.
November. In diesem Monate soll auch wieder ein vul-
canischer Ausbruch auf der Canarischen Insel lanze-
rote Statt gefunden haben; nordwestlich von Puerto
de Naos, und nicht weit vom Cap de los Ancones.
dem auch dem Glauben an grundlosen Erfindungen entgegenzu-
wirken, erwähne ich eines Gerüchtes von einer Erscheinung, die
gleichfalls in dem Monat November 1824 sich ereignet haben
sollte.
Es wurde nämlich in öffentlichen Blättern erzählt: der Don-
nersberg, südlich von 3Iaynz, habe wahrend vierzehn Tagen die
Bewohner der Umgegend durch ein in seinem Innern hörbares
Getöse erschreckt; darauf seyen Spalten an dem Berge entstan-
den und Flammen aus demselben hervorgekommen. — ßloniteur.
'1824. No. 345. p. 1595- — Hernach las man in Annales de
Chimie et de Physique. 1824. Dec* p. 384., und daraus in Fe-
russac Bulletin des Scienc. natur. Vol. IV. (\%2&) p. 167.
und 296. , dafs das Factum von dem gehörten Getöse und Deto-
nationen zwar richtig, aber die Nachricht von ausgebrochenen
Flammen erdichtet sey. Endlich aber hat sich durch mehrere
glaubhafte Nachrichten ergeben, dafs weder das Eine noch das
Andere gegründet, sondern das ganze Gerücht aus einer scherz-
haften Erfindung entstanden ist.
575
1824.
— L. v. Buch Beschreib, der Canar. Inseln p. 325.
— Da nähere Nachrichten hierüber mangeln, und Hr.
v. B. denjenigen Ausbruch nicht besonders anführt, der
vom Julius d. J. bis in den Herbst fortwüthete, so ist
vielleicht hier nur von einem spätem Acte desselben
Ausbruchs die Rede.
Decemer 6. 2| U. Ab. Portsmoulh, Havant, Aldwick,
BagJior, Ernsworth, Chichester {England). Erder-
schütterung 3 bis 5 Secunden dauernd. Der Boden
schien sich ein wenig zu heben, die Fenster klirrten,
und hängende Dinge schwankten. Am Morgen war
der Himmel voll von elektrischen Wolken; nach dem
Stofs erhob sich ein SW.-Wind. Seit 1812, da man
dort zu gleicher Zeit, als Caraccas zerstört wurde, eine
stärkere Erschütterung als die gegenwärtige empfand,
hatte man in der bezeichneten Gegend nichts derglei-
chen gespürt. — Philos. Magaz. 1825. Jan. p. 70 —
Ferussac, Bull, des Sc. natur. T. VI. p. 186.
December 10. Corigniano und Langobucco, unweit Ros-
sano in Calabria Citra, mehrere Erdstöfse, von denen
die genannten beiden Orte sehr gelitten haben; es stürz-
ten dabei Häuser ein, und drei Menschen kamen um.
_ Journ. de Francfort. 1824. No. 364. — Preufs.
Staatszeit. 1825. No. 3. p. 20.
December 17. 6 4 U. Ab. Neuhaus, Böhmen. Herab
fallen einer harzigen Masse aus der Luft mit einem
Feuermeteor. — Chladni in Poggend. Ann. Bd. 6.
p. 31.
December 22. bis 23. in der Nacht. Harnburg. Wäh-
rend eines heftigen Sturmes will man Erdstöfse empfun-
den haben. — Journ. de Franc f. 1825. No. 2.
— — in derselben Nacht. Alfter, Dorf, eine Stunde
von Bonn am Rhein. Zweimalige starke Frderschüt-
terung, von der die Betten geschwankt haben sollen.
— Gothaische Zeitung. 1825. No. 4.
576
1824.
December 30. Schiraz, Persien. Erdstöfse. — Journ.
de Francfort. 1825. No. 50.
Nachtrag von den Ueberschwemmimgen und Stiirmflu-
then in den letzten Monaten des Jahres 1824.
Schon im Jiinius hatten durch starke Gewitterregen
in mehreren Gegenden grofse Ueberschwemmimgen statt
gefunden. Am 25. durch die Moldau in Böhmen, die
Eger, die Elbe (die namentlich bei Dresden grofse Zer-
störimg anrichtete) u. s. w. Auch in einigen andern Ge-
genden Deutschlands fielen heftige Gewitterregen, und
hie und da Wolkenbrüche. Am 13. Junius fiel in Thü-
ringen Schnee, der auf den höheren Bergen des Thürin-
ger Waldes über 24 Stunden liegen blieb. In diesem
Monate indessen sind dergleichen Erscheinungen nicht un-
gewöhnlich.
Auffallender und merkwürdiger aber waren die meteo-
rischen Erscheinungen am Schlüsse des Jahres. Diese
scheinen sich der Zeit und der Localität nach in drei
Hauptabschnitte zu theilen: 1) die Ueberschwemmimgen
an dem nördlichen und westlichen Abhänge der Alpen
vom 26. October und folgenden Tagen. 2) Die Orcane
und Sturmfluthen vom 18. November und folgenden Ta-
gen. 3) Die Orcane und Sturmfluthen vom 20. Decem-
ber und folgenden Tagen.
Am 26. October verbreitete sich ein Zug von schwe-
ren Gewittern mit stürmischen Westwinden aus dem süd-
lichen Frankreich über und längs der Alpenkette durch
das südliche und mittlere Deutschland. Bis in das nörd-
liche Deutschland kamen die Gewitter nicht ; aber in Thü-
ringen hatten wir an dem Abend desselben Tages star-
ken Weststurm, und vom 25. bis 26. fiel in Gotha das
Ba-
577
Barometer ungefähr 5 Lin. unter seinen mittlem Stand.
Die Elektricität der Luft scheint in den Gegenden, durch
welche diese Gewitter zogen, von äufserst starker Span-
nung gewesen zu sejn. (Schübler in Po ggendorff's
Annalen. Bd. 3. p. 148.)
Auf diese Gewitter, die selbst hie und da von star-
ken Platzregen begleitet waren , folgten drei Tage lang
die heftigsten Regengüsse, merkwürdig dadurch, dafs sie
so stark wie Gewitterregen, und wie Landregen verbrei-
tet waren. Der Bereich derselben war die Kette der
Alpen von Frankreich bis Tyrol, der Jura, der südliche
Theil der Voghesen und der Schwarzwald. So wie in
den niedrigeren Gegenden der Regen in ungewöhnlicher
Menge fiel, so erfolgte auf den hohen Alpen ein unge-
wöhnlich starker Schneefall, und der gefallene Schnee
schmolz sehr schnell.
Dadurch entstand ein ungewöhnliches und unbe-
schreiblich schnelles Anschwellen aller Flüsse und Bäche,
die in den genannten Gegenden entspringen. Es betraf
die Saone, die Isere, die Loire, die Maas, die Mosel,
und alle Bäche und Flüsse, die aus dem südlichen Theile
der Voghesen, aus dem Schwarzwalde und den Alpen
jenen Flüssen, dem Rhein und der Donau, zufallen. Am
stärksten aber war dasselbe bei den vom Schwarzwalde
kommenden Flüssen; daher der Neckar dadurch einen
Ungeheuern Zuflufs von Wasser erhielt. Die Gegenden
im Gebiete dieses Flusses litten in den Tagen vom 29.
October bis 1 November die fürchterlichsten Verwüstun-
gen und unsägliches Unglück. Der Bodensee trat aus
seinen Ufern, die Hier, der Lech, die Isar, der Inn,
die Donau richteten auch viele Zerstörung an. Sogar
wurden dadurch einige Bergschlipfe verursacht, z. B. bei
Wild, unweit Sargans in St. Gallen, bei Krinau in
Toggenburg , an der Achalm bei Reutlingen, bei dem
Dorfe Hör gen, unweit Zürich.
An einigen Orten will man, kurz vor und während
Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4. Oo
578
dieser Erscheinungen, Erderschütterungen gespürt haben,
wie am 22. und 25. October bei Hofstaat im würten-
bergischen Theile des Schwarzwaldes, am 28. im JVild-
bad zwischen Calw und Vaihingen, an demselben Tage
an mehreren Orten in der Schweiz und im südlichen
Frankreich, — ja nach einer Nachricht sogar in Leip-
zig *), am 30. Morgens f Uhr nach Mitternacht bei Nie-
derweiler und Mühlheim im Breisgau am Fufse des Blauen
— wo in 10 bis 15 Secunden drei Erdstöfse auf einan-
der gefolgt seyn sollen, dann eine Viertelstunde später
(oder vielleicht zugleich, bei so unsicherer Zeitbestim-
mung) bei Gutach in Baden, und zu Hornberg und
Schramberg **),
Die Erscheinungen dieser letztern Art, das ganz
Ueberraschende einer so grofsen, für die Jahreszeit un-
gewöhnlichen und weit verbreiteten Ueberschwemmung
hat Mehreren Anlafs zu der Vermulhung gegeben, dafs
dieselbe nicht blofs durch atmosphärisches Wasser, son-
dern durch ein Emportreiben des Flüssigen aus der Erde
vermittelst von innen wirkender Kräfte verursacht wor-
den seyn möge.
Hie und da will man wirklich das Wasser aus der
Erde hervordringen, ja gleich Springbrunnen aus dersel-
ben hervorspritzen gesehen ***) haben. Indessen scheinen
nicht alle Nachrichten dieser Art auf sehr zuverlässigen
Wahrnehmungen zu beruhen, oder es scheinen wenig-
stens manche vielleicht richtige Wahrnehmungen nicht
*) „Die grofsen Stürme und Ueberschwemmungen in Deutschland,
England, Frankreich, Rufsland und anderen Ländern Europa's
im J. 1824. Eine Erzählung der wichtigsten Thatsachen u. s. w.
Leipzig, 1825. 8. p. 14." — Dieses Werkchen ist eine nicht
sehr geordnete und eben so •wenig kritische Compilation von
Nachrichten, die zwar viele Erzählungen von Zerstörung und
Unglücksfällen, aber wenig Belehrendes über phvsische Verhält-
nisse enthält.
**) In derselben kleinen Schrift, p. 14. 15. und 35.
*") Ebendaselbst, p. 13. 14. und 19.
579
ganz richtig gedeutet worden zu seyn. Man würde zwar,
wie mir scheint, Unrecht thun, wenn man die Möglich-
keit, dafs Wasser aus dem Innern der Erde hervorge-
trieben werden könnte, bei diesen Ereignissen ganz in
Abrede stellen wollte, da bei Erdbeben diese Erschei-
nung allerdings vorgekommen ist, auch die in diesem
Jahre so aufserordentlich häufigen und zum Theil sehr
heftigen Erderschütterungen in vielen Gegenden der Erd-
kugel auf aufserordentliche Bewegungen im Innern der-
selben deuten. Ich kann daher hierin nicht unbedingt
der Meinung beitreten, die Hr. Pr. Muncke — ohne
nähere Rücksicht auf mehrere der wahrgenommenen ein-
zelnen Erscheinungen zu nehmen — in dieser Hinsicht
auf Voraussetzungen gegründet hat, welche wenigstens
nicht die einzigen zu seyn scheinen, unter denen Was-
ser dem Innern der Erde hervorgetrieben werden kann *).
Aber Hr. Pr. Schübler hat in einem sehr lesenswer-
then Aufsatze **) wenigstens die Möglichkeit dargethan,
dafs die Ueberschwemmungen in den October- und No-
vember-Tagen des Jahres 1824 auch ohne das Hervor-
brechen unterirdischer Gewässer anzunehmen, blofs aus
der Wirkung des atmosphärischen Wassers erklärt wer-
den können.
Was aber auch mit dafür spricht, ist, dafs in den
Tagen dieser grofsen Ueberschwemmungen am Fufse des
Schwarzwaldes u. s. w., doch auch in entfernteren Ge-
genden, nach denen der Gewitterzug ging, Ueberschwem-
mungen statt fanden, wenn sie gleich nicht so grofs und
furchtbar waren wie jene. Diefs geschah z. B. bei meh-
reren dem Mayn zufallenden Flüssen, bei der Fulda,
der Saar, der Blies, der Orne, der Ourthe, Meurthe,
Vezonze u. s. w.
Einzelne ausführliche Nachrichten über diese Vor-
fälle s. Allgemeine Zeitimg. 1824. No. 225. 349. 1825.
*) Poggendorff's Annalen. Bd. 3. p. 129.
*•) Ebendaselbst, p. 145.
Oo 2
580
Beilage 67. — Preufsische Staatszeitung. 1824. No. 265.
269. 271. 279. 282. 283. 301. — Moniteur. 1824 No.
323. 324. 345 346,
I)ie Stürme im Canal und im Deutschen Meere,
welche ungewöhnlich hohe Fluthen hervorbrachten, fin-
gen schon ungefähr um dieselbe Zeit an, in welche die
zuletzt erwähnten Ueberschwemmungen fielen. Man kann
vielleicht schon die oben angeführte Meeresbewegung vom
13. September als einen von derselben Disposition der
Atmosphäre und der Erde herrührenden Vorboten der
folgenden Erscheinungen betrachten. Vom 3. bis 5. No-
vember wütheten Stürme von den Küsten der Nieder-
lande bis in's Cattegai. Am 3. November trieb eine
hohe Fluth die Elbe zurück und setzte die Insel Neu-
werk ganz unter "Wasser; bis nach Schweden wüthete
der Sturm. Am 5. Abends wurde das Wasser im Lym-
fiord in Jätland, das am Morgen desselben Tages seinen
niedrigsten Stand gehabt hatte, auf den höchsten getrie-
ben. In Thüringen hatten wir in der Nacht vom 2. zum
3. einen fürchlerlichen, und am 4. gegen 7 Uhr Morgens
einen sehr heftigen Weststurm.
Gegen die Mitte des Monats erneuerte sich diese
Erscheinung mit gröfserer Stärke. Auch damals hatten
wir in Thüringen, besonders am 10. Abends, in der
Nacht vom 12. zum 13., und am 14. den ganzen Tag
die heftigsten Südweststürme; wobei das Barometer in-
dessen kaum 5 Linien unter seinem mittlem Stande war,
dagegen es in Stockholm am 13. den niedrigsten Stand
hatte, von welchem dort Nachrichten vorhanden sind.
In und um Herzogenbusch hatte man am 15. einen sehr
hohen Wasserstand. Die Binnenländer von Orthern,
Empel, Alem, Maren, Kessel u. s. w. wurden so schnell
unter Wasser gesetzt, dafs die Bewohner nichts zu ber-
gen vermochten. Das Y bei Amsterdam war so ange-
581
schwollen, däfs die Keller und niedrigen Theile der Stadt
unter Wasser standen. Am Helder war das Meer in der
Nacht vom 14. zum 15. so hoch angeschwollen, als seit
Menschengedenken nicht geschehen war. Am 13., 14. und
15. erfolgten an der Elbemündung (wo die Fluth 19 Fufs
3 Zoll stieg) und an den Westküsten von Holstein und
Schleswig sehr hohe Fluthen und Ueberschwemmungen.
Am 18. und 19. aber — da wir in Thüringen nur
frischen, doch mäfsigen Wind und beinahe mittlem Ba-
rometerstand hatten — wütheten im Canal, im Deutschen
und Baliischen Meere die furchtbarsten Stürme.
Der Orcan, der sich am 18. erhob, ist eine der ge-
waltigsten und merkwürdigsten Erscheinungen dieser Art,
in Stärke, Geschwindigkeit und Wirkung. Seine Wir-
kungen erstreckten sich vom Westende des Canals bis
in das Ostende des Finnischen Busens, Er scheint un-
gefähr folgende Richtung genommen zu haben. Durch
den Canal und zwischen den Küsten von England und
Holland hindurchstreichend, wühlte er das Deutsche
Meer auf, verursachte zahlreiche Schiffbrüche an der
Nordküste von Jütland, zog über Gothenburg und Stock-
holm mit immer zunehmender Gewalt, warf in Schweden
ganze Wälder nieder, und bliefs mit gröfster Heftigkeil
über das Baltische Meer in den Finnischen Busen hin-
ein. Die Linie, die er auf diese Weise beschrieb, scheint
eine zweimal gekrümmte gewesen zu seyn, und wurde
vermuthlich durch die Lage und Richtung der Küsten und
Bergzüge bestimmt. Ihre Länge beträgt 370 bis 400
Stunden.
In wie viel Zeit der Sturm diesen grofsen Raum
durchlaufen hat, ist schwer auszumilteln , besonders da
er mehrere Stunden anhielt, anfangs zunehmend und her-
nach abnehmend. Es ist behauptet worden, dafs er den
ganzen Raum in wenigen Minuten durchlaufen habe ; doch
diefs ist gewifs übertrieben. In Pljrnouth tobte er am
18. gegen die Mitte des Tages, zerstörte viele Schiffe
582
und beschädigte stark den neuen riesenhaften Hafendamm,
Breakwater genannt. An demselben Tage stieg bei Nyrn-
wegen die Waal bis auf 21 Fufs 9 Zoll, und die Maas
bei Grave 18 Fufs 1 ? Zoll. Abends 7 Uhr erreichte
er in seiner gröfsten Kraft Christiania, zwischen 10 und
11 Uhr Abends Stockholm (wo man vor 10 Uhr nur
einen gewöhnlichen starken Wind gehabt hatte; und bei
St. Petersburg kam das Wasser erst am 19. Morgens
7 4- Uhr zum Steigen.
Hier stieg die Fluth des durch den Orcan in den
Finnischen Meerbusen zusammengetriebenen Meerwassers
und des zurückgedrängten Wassers der Newa von dieser
Stunde an bis 2 Uhr Nachmittags mit unglaublicher Kraft
und Schnelle, und richtete dort die beklagenswerthen
Zerstörungen an, die allgemein bekannt sind. Die Fluth
stieg in der Newa zu -5"/. Petersburg in folgenden Ab-
stufungen über den gewöhnlichen Stand.
19. November 7^ Uhr Morg.
8
9
10
11
12
1 - Ab.
2 -
Von diesem Zeitpunkte
an fiel das Wasser und
stand 11 - - =3
Noch am 23. und 24. erneuerten sich die Stürme
und Fluthen im Canal, und thaten an den Brittischen
Küsten von Devonshire und an den Französischen um
Havre de Grace vielen Schaden.
Auch diese Stürme und Fluthen hat man hie und da
auf Rechnung von sogenannten Zuckungen der Natur, Erd-
beben u. s. w. schreiben wollen; von Bewegungen die-
ser Art ist indessen damals (aufser dem Erdbeben auf
= 3'
7"
= 4
1
= 5
4
= 6
6
= 8
7
= 10
= 10
6
= 11
10 t
583
Lufon, 26. Oct.) nichts so Auffallendes wahrgenommen
worden, dafs es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf
diese Begebenheiten beziehen liefse. Wenigstens ist bei
uns nichts davon bekannt geworden. Wenn man daher
die Meinung behaupten wollte, dafs die Orcane und Flu-
then durchaus mit solchen Bewegungen in Verbindung
gestanden haben müfsten, so würde man sich mit der
vagen Vermulhung zu begnügen haben, dafs diese sich
in Gegenden ereignet hätten, von denen keine Nachrich-
ten zu uns gelangen. Aber, kann nicht allerdings eine
Beziehung, oder wohl gar eine Analogie zwischen der
Erscheinung aufserordentlicher Bewegungen in der Atmo-
sphäre und der aufserordentlicher Bewegungen im Kör-
per der Erde in der Art statt finden, dafs die eine Er-
scheinung die andere vertritt oder vorstellt? und dafs
gerade damals in dem Theile der Erde, in welchem die
Orcane wütheten, eine andere Zuckung der Natur (wie
man sagt) nicht statt gefunden hat, eben weil die erste
Erscheinung eintrat? Immer liegt die Vermuthung nicht
ganz fern, dafs besondere, vielleicht im Erdkörper selbst,
und wo nicht allein, doch zugleich in seinen kosmischen
Verhältnissen, gegründete Umstände die heftigen Bewe-
gungen verursacht haben. Zu dieser Vermuthung wird
man auch durch die, während auf einander folgenden
fünf Monate, v. Sept. 1824 bis Ende Jan. 1825, statt
gefundene fast periodische Wiederkehr dieser Erscheinun-
gen geleitet. Wenigstens ist diese nicht durch die ge-
wöhnliche periodische Wiederkehr der Meeresfluth allein
zu erklären. Während des gesammten Zeitraums sollten
die höchsten Flulhen der Syzygien im Canal, dem Deut-
schen Meere u. s. w. fallen: auf 9. September gegen Mit-
ternacht, 23. Oct ober gegen 8 U. Ab. , 22. November
gegen 8 U. Morg., 21. Dec. gegen 11 U. Abends. Die
Stürme und Sturmfluthen aber, an dem zuletztgenannten
Tage allenfalls ausgenommen, trafen nicht mit diesen Zeit-
punkten zusammen.
584
Ausführliches über diese Ereignisse siehe in Allgem,
Zeitung. 1824. No. 351. 354. 357. 358. 364. — Preufs.
Staatszeit. 1824. No. 269. 271. 275. 276. 281. 282. 284.
289. 291. 295. — Momteur. 1824. No. 331. 342. 346. 351.
3.
In der Mitte des Decembers erneuerten sich die Stürme
im Deutschen und Baltischen Meere, und in den diese
Meere umgebenden Ländern.
Schon am 13., 14. und 15. erhoben sich heftige
Sturmwinde bei Königsberg und am frischen Haff, von
Gewittern begleitet, und trieben das Wasser des Pregels
über die Ufer.
Weit heftiger aber wurden dieselben vom 20. De-
cember an. Am Abende dieses Tages wurden z. B. Karls-
crona und Nyborg davon heimgesucht. Um Mitternacht
verursachte ein mächtiger Südweststurm bei Königsberg
in Preufsen wieder ein sehr starkes Austreten des Flusses.
Am 22. und 23. tobte der Südweststurm durch Nord-
Deutschland in der Breite von Harnburg bis zum Thü-
ringerwalde. In Gotha war derselbe in den eisten Mor-
genstunden vom 23. wahrhaft fürchterlich. Er drückte
im Schlosse Friedenstein mehrere Fenster ein, rifs einen
Theil des Geländers an den nach diesem Schlosse von
der Stadt führenden Auffahrten nieder, zerbrach an
verschlossenen Thoren starke Balken, und verursachte
grofse Windbrüche im Thüringerwalde. Das Barometer
war dabei 1 k Uhr Morgens mehr als zehn Linien unter
den mittlem Stand gefallen.
Benierkenswerth ist, dafs dieser Sturm in Nordosten,
wohin er wehete, früher gewesen zu seyn scheint, als in
Südwesten, woher er kam; da es am 21. in Königsberg
war, und erst in der Nacht vom 22. zum 23. in Ham-
burg und Gotha.
Das Gleichgewicht der Atmosphäre blieb aber noch
länger gestört, da am 24. wieder ein heftiger Sturm in
Stockholm, am 27. ein Sturm mit hoher Fluth bei Emden,
und am 28. ein Orcan bei Gothenburg tobte.
S. Allgem. Zeit. 1824. No. 365. 368. — Preufs. Staats-
zeitung. 1824. No. 305. u. 308 ; 1825. No. 2. 3. 13. —
Sommer in Kastner's Archiv. Bd. 5. p. 375.
585
IV. Heber einen merkwürdigen VFetterschlag auf
den Lcuchlthurm zu Genua;
vorn Prof. T. Kries in Gotha.
in Januar- Stück von 1827 der in Mailand herauskom-
menden Biblioteca italiana ertheilte der Professor Fer-
dinando Elice in Genua von einem merkwürdigen
Wetterschlage , der den mit einem Blitzableiter versehe-
nen Leuchthurm in Genua, am 4. Januar 1827 um 6 .'- Uhr
des Morgens, getroffen hatte, in einem Briefe Nachricht.
Der Thurm steht auf einem kleinen isolirten Hügel,
der sich auf 48 Meter aus dem Meere erhebt, ist vier-
eckig, an der Basis auf jeder Seite 9 Meter breit, und
hat eine Höhe von 76,6 Meter. Die Leuchte auf der
Spitze, die 4 Meter im Durchmesser hält und von oben
mit Blei gedeckt ist, endigt sich in ein eisernes Kreuz,
das aufser der mittlem Spitze auf dem Qucerstabe noch
zwei Spitzen trägt, alle drei vergoldet und von gleicher
Höhe. Von dem Kreuze geht ein aus drei Kupferdräh-
ten, jeder 4 mm dick, bestehendes Geflechte herab, wel-
ches den eigentlichen Abieiter bildet, und daher oben
mit der übrigen metallenen Bekleidung in Verbindung
gesetzt, längs dem Thurme aber in einem Abstand von
beinahe 2 Decim. von der Mauer herabgeführt ist, und
sich mit einem Gewicht von 2 Kilogr. in einer Cisterne
endigt, die 4 m lang, 2 ,n breit und 4 m tief ist, und auf
2 ,n tief mit Wasser gefüllt ist. Der Abieiter ist vor etwa
50 Jahren vom Mechaniker Rossi angelegt worden, und
war durch die Länge der Zeit ganz oxydirt, die Spitzen
aber sind seit der Zeit wohl 20 Mal erneuert worden,
weil sie vom Blitz etwas geschmolzen waren; die mitt-
lere aber immer mehr, als die andern.
Als der Blitz an dem gedachten Tage in den Thurm
eingeschlagen hatte, untersuchten die Wächter, die sich
586
in demselben befanden, sogleich den Abieiter, und be-
merkten folgendes:
1) Das Kreuz auf der Spitze war weg, bis auf die
verticale Stange desselben, die, an ihrem Ende abgebro-
chen, nicht geschmolzen war.
2) Der Abieiter war etwa 14 m von dem untern Ende
entzwei, ein Stück ungefähr 9 m lang herausgerissen, und
dieses wieder in 6 Stücke zertheilt, von denen fünfe nahe
an der Mauer des Thurmes lagen, das sechste aber, einen
halben Meter lang, sich in einer Entfernung von 12 Me-
ter, nicht weit von einer Mauer fand, in welcher ein
Loch von 15 mm war, das nach der Meinung der Leute
von dem Blitze herrührte.
3) Die Enden aller dieser 6 Stücke waren mehr
oder weniger geschmolzen, und eben so die beiden En-
den des Abieiters selbst, zwischen welchen diese geses-
sen hatten. Diefs sind also zusammen 14 Enden, und
da jedes derselben aus 3 Drähten besteht, so hat man
zusammen 42 Spitzen, die alle geschmolzen waren.
4) Weder der obere noch der untere Theil des Ab-
ieiters war weiter im geringsten beschädigt; beide Theile
aber waren desoxydirt, mit Ausnahme desjenigen Stücks,
welches über die Leuchte auf der Spitze weggeht und
mit den oben erwähnten Metallen in Verbindung steht.
5) Endlich war die Querstange des Kreuzes mit
den darauf befindlichen beiden Spitzen auf mehr als 30 m
weit von dem Thurme weggeschleudert, ohne ein Zeichen
von Schmelzimg an sich zu tragen; die mittlere Spitze
mufste noch weiter geflogen sejn, und hatte sich bei dem
Abgange des Briefes noch nicht gefunden.
Der Thuim selbst hatte nicht den geringsten Scha-
den gelitten, und nur in der Cisterne waren die beiden
Thürchen aufgebrochen und die Thürangeln losgerissen.
Die 12 Menschen, welche zur Zeit des Einschiagens in
dem Thuime waren, hatten einen flammenden Schein ge-
587
sehen, und nur einen einzigen Donnerschlag, wie der
Knall einer Kanone, gehört.
Weder an der Querstange des Kreuzes, noch an dem
übrigen Eisen, war irgend eine Spur von Magnetismus
wahrzunehmen, nur eine einzige Klammer fand sich, wel-
che etwas Eisenfeile anzog.
Der Verfasser dieser Nachricht glaubt, dafs, wenn
der Abieiter nur eine Spitze und eine längere Querstange
gehabt hätte, und wenn die Cisterne geräumiger gewe-
sen wäre, die Elektricität der Wolke in gröfserer Ent-
fernung angezogen und allmälig abgeleitet worden wäre.
Noch besser scheint es ihm, wenn der Thurm in der Ge-
gend, wo der Abieiter zerrissen war, an den vier Ecken
mit vier horizontalen, etwa 2 m langen, Spitzen versehen
gewesen wäre, die mit dem Abieiter in Verbindung ge-
standen hätten; weil es ihm wahrscheinlich ist, dafs der
Elitz den Abieiter nicht oben in der Spitze, sondern von
der Seite an der zerrissenen Stelle getroffen habe; die
horizontalen Spitzen würden daher die Heftigkeit des An-
falls vermindert haben.
Ich gestehe, dafs ich diesen Ansichten des Verfassers
nicht beitreten kann. Zwar glaube ich auch, dafs eine
einzige Spitze oben an dem Abieiter hinreichend gewe-
sen wäre, weil drei Spitzen, die nur eine gemeinschaft-
liche Ableitung haben, nicht mehr wirken können, als
eine einzige. Ja es ist die Frage, ob sie nicht eher stö-
rend auf einander wirken, und dadurch die Wirkung der
einzelnen geschwächt wird. Denn wenn durch die Elek-
tricität der Gewitterwolke in dem Abieiter die entgegen-
gesetzte Elektricität hervorgerufen wird, und wir uns
diese als eine elektrische Materie denken, die in dem
Abieiter heraufgezogen wird, so wird diese durch die
Vertheilung unter drei Spitzen mehr geschwächt, und kann
auf die entgegengesetzte Elektricität weniger wirken, als
wenn sie auf eine einzige Spitze concentrirt wird. Ueber-
diefs wirken die drei gleichartig elektrisirten Spitzen ab-
588
stofsend auf einander, und schwächen dadurch ihre elek-
trische Wirksamkeit. Auf alle Fälle hängt die Wirk-
samkeit eines Abieiters, caeteris paribus, von seiner gan-
zen Capacität ab, und diese kann durch den Ansatz von
ein Paar Spitzen nicht sehr gewinnen. Ob aber in dem
vorliegenden Falle der Ableiler bei einer einzigen Spitze,
und wenn sie auch länger gewesen wäre, die Kraft er-
langt hätte, wie der Verfasser meint, die Elektricität all-
niälig aus den Wolken abzuleiten, ist eine andere Frage,
worüber ich aus den weiter unten angeführten Gründen
ihm nicht beistimmen kann.
Eben so wenig scheint mir eine längere Querstange
an dem Kreuz geeignet, die Kraft des Abieiters zu ver-
stärken, denn was sind ein Paar Fufs mehr oder weni-
ger gegen die Entfernung, aus welcher der Blitz herab-
kommt? und findet der Blitz den Weg zu der längern
Stange, so wird er auch die kürzere erreichen. Die
Querstange überhaupt halte ich zur Ableitung für über-
flüssig. Man hat sonst die Seitenspitzen an einem Abiei-
ter für nöthig erachtet, um die von der Seite herkom-
menden Strahlen aufzufangen. Aber man rechnete dabei
auf die Kraft der Spitzen zu viel, und vielleicht auf die
Heftigkeit des explodirenden Blitzes zu wenig. Es ist
genug, dafs man ihm durch den Ableiler überhaupt einen
Weg bahnt, auf welchem er zur Erde gelangen kann;
ihm durch die Spitze auch das Pünktchen bezeichnen zu
wollen, an welchem er den Weg treffen soll, heifst die
Vorsicht zu weit getrieben.
Was der Verfasser endlich durch eine Erweiterung
der Cisterne für die Kraft des Abieiters zu gewinnen
glaubt, ist mir am wenigsten verständlich. Reicht der
Abieiter bis auf den Erdboden, so kann die eine Art
der Elektricität durch ihn in die Erde abiliefsen, und die
entgegengesetzte aus derselben herbeiströmen, in so gro-
i'ser Menge, als nur immer durch den Einflufs des Ge-
witters auf den Abieiter möglich ist. Die Cisterne giebt
nicht die letztere her, so wenig als sie durch die erstere
angefüllt wird, sondern der mit ihr in Verbindung ste-
hende Erdboden. Bei einer geräumigem Cisterne würde
man nur den Vorlheil haben, dafs nicht so leicht eine
Aufsprengung der in ihr befindlichen Thüren statt finden
könnte, die unstreitig durch den Stofs des Wassers und
der Luft, die bei dem Durchfahren des Wetterstrahls
plötzlich nach allen Seiten zurückgetrieben und ausge-
dehnt wurden, bewirkt worden ist. Der Abieiter selbst
aber kann dadurch nicht die Kraft erlangen in gröfserer
Entfernung auf die Gewitterwolke zu wirken,
Ueberhaupt ist es mir eben so unwahrscheinlich, dafs
die Kraft eines Abieiters sich bis zu der Gewitterwolke
erstrecke, und ihr nach und nach die Elektricität entziehe,
als dafs der Blitz die Entladung einer allmählig in der
Wolke angehäuften Elektricität sey. Man mufs die metal-
lene Spitze dem Conductur einer Elektrisirmaschine schon
ziemlich nahe bringen, wenn eine bedeutede Wirkung
erfolgen soll; wie weit ist dagegen die Spitze des Abiei-
ters noch von der Wolke entfernt! Die gröfsere Kraft
der Gewitterwolke mag zwar in weiterer Entfernung auf
den Abieiter wirken, als der Conductor auf die Spitze,
aber der Abieiter kann ihr nach Verhältnifs nicht mehr
entziehen, als diese dem Conductor. Ferner ist die Wir-
kung des Abieiters, wenn sie sich auch bis zur Wolke
erstreckt, zunächst nur auf einen einzigen ' Punkt dersel-
ben gerichtet, und kann daher nur sehr gering seyn.
Denn die Wolke ist keineswegs ein so leitender Körper,
wie der Conductor einer Elektrisirmaschine; sie läfst da-
her ihre Elektricität nicht so leicht fahren, und wenn sie
auch an einer Stelle einigen Verlust erleidet, bleibt ihr
elektrischer Zustand im übrigen ungeändert. Ist aber der
Blitz nicht die Folge einer allmähligen x\nhäufung der
Elektricität in der Wolke, sondern wird er, wie de Luc
und Andere mit guten Gründen behauptet haben, durch
irgend einen chemischen Prozefs plötzlich erzeugt, so kann
590
der Abieiter um so weniger ihn allmählig zur Erde füh-
ren, und seiner Entstehung gleichsam vorbeugen.
Ich stelle mir vor, dafs die Spitze eines Abieiters
der sie umgebenden Luft beständig einen Theil ihrer freien
Elektricität entzieht und zur Erde ableitet. Gewöhnlicher-
weise ist nur die Elektricität so schwach, dafs keine Zei-
chen derselben am Abieiter wahrzunehmen sind. Ist aber
die Luftelektricität beträchtlich, so kann man an einein
gehörig angebrachten Elektrometer die Kugeln aus ein-
ander fahren, und an einem künstlich unterbrochenen
Abieiter sogar Funken von einem Theil zum andern über-
springen sehen, ohne dafs ein Gewitter am Himmel ist *).
Diefs geschieht also auch bei einem vorhandenen Gewit-
ter; und dadurch entsteht um die Spitze des Abieiters
herum in der Luft der entgegengesetzt elektrische Zu-
stand von dem der übrigen Luft und der Gewitterwolke;
und dieser elektrische Wirkungskreis des Abieiters ist
nach Verschiedenheit der Umstände — der Stärke der
Luftelektricität, der Leitungsfähigkeit der Luft — gröfser
oder kleiner, und trägt daher mit dazu bei, einen in
*) Auf dem einen Thurm des hiesigen Herzogl. Schlosses ist der
Blitzableiter, der aus starken eisernen Stäben besteht, durch das
Fenster in ein Zimmer hineingeführt, und endigt sich hier in
horizontaler Richtung in eine messingene Kugel. In einem klei-
nen Abstände von dieser ist er weiter fort und zu demselben
Fenster hinaus nach der Erde geleitet, das obere Ende aber ist
mit einem verschiebbaren Messingstück, das sich gleichfalls in
eine Kugel endigt, versehen, wodurch man es in seiner Gewalt
hat, die beiden Kugeln einander so nahe zu bringen, als man
will, oder auch auf etwa einen halben Fufs weit von einander
zu entfernen. Hier hat man oft Gelegenheit, bei starker Luft-
elektricität, ohne Gewitter, z. B. während eines Graupeln- Wet-
ters, die Funken mit grofser Lebhaftigkeit überspringen zu sehen.
Ist ein Gewitter in der Nähe, so sind die überspringenden Fun-
ken, so oft es blitzt, auffallend stärker, als vorher und nachher
— aus demselben Grunde, aus welchem bei der Entdeckung von
Galvani die Froschpräparate zuckten, so oft ein Funken aus
der Elektrisirmaschine gezogen wurde, und das anatomische Mes-
ser gegen den Frosch gekehrt war.
591
der Nähe ausbrechenden Blitzstrahl auf den Abieiter zu
führen.
Der Vorschlag des Verfassers, den Thurm in der
Mitte an seinen vier Ecken mit horizontalen Spitzen zu
versehen, scheint mir von keiner praktischen Brauchbar-
keit. Denn da man nicht vorher wissen kann, an wel-
cher Stelle ein seitwärts auffallender Blitz den Abieiter
treffen möchte, so läfst sich auch nicht bestimmen, wo
die Spitzen am besten anzubringen wären; man müfste es
also in verschiedenen Höhen thun, und dadurch würde
der Abieiter nicht nur kostbarer, sondern auch zusam-
mengesetzter werden, und ein seltsames Ansehen erhal-
ten. Ja es jwäre die Frage, ob durch solche Spitzen,
die doch ziemlich tief in der Mauer befestigt seyn müfs-
ten, nicht ein Strahl oder ein Theil desselben in die
Mauer selbst hineingeleitet werden könnte.
Ich kann aber auch nicht der Meinung des Verfas-
sers seyn, dafs der Blitz den Abieiter an der Seite ge-
troffen habe. Zwei Umstände scheinen mir offenbar da-
gegen zu sprechen: 1) dafs das Kreuz an der Spitze des
Abieiters abgebrochen, und die mittlere Spitze desselben
so weit weggeschleudert war, dafs man sie nicht wieder
aufgefunden hat; 2) dafs der obere Theil des Abieiters
so gut als der untere nach dem Wetterschlage desoxy-
dirt war. Das Letztere ist doch wohl eine unmittelbare
Wirkung des Blitzes? und wodurch konnte das Erstere
anvers als durch den Blitz selbst bewirkt worden seyn?
Die blofse Erschütterung durch einen Seitenschlag, noch
obendrein in so beträchtlicher Entfernung von der Spitze,
würde dazu nicht hinreichen; auch würde dann das ganze
Kreuz wohl gerade heruntergefallen, nicht auf 30 Meter
weit fortgeschleudert, und die mittlere Spitze nicht von
den übrigen getrennt worden seyn. Einem Windstoß,
den der Blitz verursacht hätte, bietet ein solches Kreuz
so wenig Fläche dar, dafs es eben so unwahrscheinlich
ist, dafs es dadurch abgebrochen seyn sollte. Dagegen
592
ist es gar nichts seltenes, dafs der Blitz bei seinem An-
fall den obern Theil eines Gegenstandes abbricht und
herabwirft. In „Reim am s neuern Bemerk, vom Blitze"
kommen mehrere Beispiele vor, wo die Auffangestange
eines Abieiters vom Blitze gebogen, oder auch wirklich
abgebrochen wurde. Aber der Verfasser hat vielleicht
einen Grand für seine Meinung darin gefunden, dafs an
der abgebrochenen Stange keine Schmelzung sichtbar war,
während da, wo der Abieiter zerrissen war, alle 42 En-
den angeschmolzen waren. Diefs könnte allerdings be-
fremden, da, nach van Marum's Versuchen, Eisen durch
Elektricität leichter geschmolzen wird, als Kupfer. Allein
die Dicke des Metalls macht hiebei einen grofsen Unter-
schied, und man kann sich denken, dafs die eiserne Stange
viel dicker war, als die kupfernen Drähte. Auch Rei-
marus führt einen Fall an (§. 45.), wo drei eiserne
Auffangspitzen durch den Blitz abgeschnellt wurden, und
wo das zerschmetterte Eisen fast wie eine Bürste herab-
gehangen hatte; also nicht geschmolzen war.
Die Zerreifsung des Abieiters in so grofser Entfer-
nung von der Spitze ist wohl nur ein Beweis, dafs der
Blitz bei seinem Herunterfahren an demselben hier einen
Widerstand fand, wodurch eine Platzung bewirkt winde,
dergleichen ja so oft entsteht, wenn durch den Rost oder
eine schlechte Verbindung zweier Metallstücke die Lei-
tung unterbrochen wird. Hier konnte bei einem gefloch-
tenen Abieiter, der überdiefs, wie ausdrücklich bemerkt
wird, schon ganz oxydirt war, leicht durch dazwischen
getretenes Wasser oder andere Unreinigkeiten eine Stok-
kung entstehen. Vielleicht war selbst durch den Rost
das Kupfer an dieser Stelle mürber, als an den übrigen.
Es bedurfte also nicht erst des gewaltsamen Stofses beim
Auffallen des Blitzes, sondern die blofse Platzung beim
Durchgange desselben war, bei einem so heftigen Wet-
terstrahl, als dieser gewesen seyn mufste, stark genug,
um eine Zerreifsung zu bewirken. Eben dieses Beispiel
aber
593
aber möchte ein Beweis seyn, dafs solide Abieiter den
geflochtenen vorzuziehen sind. Auf der andern Seite lehrt
es, dafs ein guter Abieiter, selbst bei einer so argen
Verletzung, doch noch einen Blitz glücklich abzuleiten
und ein Gebäude zu schützen vermag.
Merkwürdig ist die Wirkung des Blitzes auf den
Abieiter, ihn zu äesoxydiren. Sonst ist die Wirkung
der Elektricität auf Metalle eher die entgegengesetzte : sie
werden durch starke Schläge oxydirt. Doch hat auch
van Mar um Metalloxyde durch Entladung einer starken
Batterie zum Theil wieder hergestellt; und mit der Vol-
taischen Säule lassen sich bekanntlich beide Wirkungen
hervorbringen, je nachdem man das regulinische Metall
mit dem positiven, oder das Metalloxyd mit dem negati-
ven Pol verbindet. Hier, glaube ich jedoch, ist nicht
das Kupferoxyd durch den Blitz reducirt, sondern ver-
flüchtigt worden, worauf das darunter liegende reine Ku-
pfer, das durch Elektricität nur sehr schwer oxydirt wird,
zum Vorschein gekommen ist.
Das Aufsprengen der Thürchen in der Cisterne ist
ein Beweis, wie leicht durch den Blitz eine Platzung ver-
ursacht wird, wenn er in einen eingeschlossenen Behäl-
ter, imd eben so, wenn er in den Erdboden hineinge-
leitet wird. Daher scheint es besser zu seyn, den Ab-
ieiter nach dem Vorschlage von Reimarus, nur bis; an
den Erdboden, als in denselben hineinzuführen. Ist der
Blitz erst glücklich bis an die Erde gebracht, dann kann
man ihn wohl füglich sich selbst überlassen. Er findet
hier Pxaum genug, sich auszubreiten und mit der Erde zu
verbinden, und es ist nicht abzusehen, wie er dem Ge-
bäude weiter schädlich werden sollte. Ein anderes wäre
es, wenn ein Gebäude in seinen Souterrains noch grofse
Massen von Metall, oder Kohlen, oder andern vorzüg-
lich leitenden Stoffen enthielte; dann möchte es rathsam
seyn, dem Blitz auch noch unter der Erde eine bestimmte
Pachtung zu geben.
Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4. P p
594
Noch ein Umstand, der bei diesem merkwürdigen
Wetterschlage eine Aufmerksamkeit verdient, ist die eigen-
tümliche Beschaffenheit des Donners, welchen die Leute
im Thurme hörten: er war nicht von dem gewöhnlichen
Geprassel und Rollen begleitet, sondern bestand in einem
einzigen Schlage, gleich dem Knall einer Kanone. Eben
so beschreiben auch andere Personen den Donnerschlag
eines in der Nähe einschlagenden Blitzes, und ich habe
dieselbe Erfahrung im vorigen Sommer zu machen Ge-
legenheit gehabt, als ein Blitz den oben erwähnten Ab-
ieiter auf dem hiesigen Schlosse traf, das nicht weit von
meiner Wohnung entfernt ist. Denselben Donnerschlag
aber hören entferntere Personen auf die gewöhnliche Art.
Es entsteht also die Frage: woher diese Verschiedenheit?
Mir scheint der Knall in der Nähe des Blitzes die
unmittelbare Wirkimg von dem Durchfahren des Blitzes
durch die Luft, und das im Grofsen zu seyn, was das
Platzen bei dem Ueberspringen des elektrischen Funkens
an unsern Maschinen im Kleinen ist. Die ungeheure Er-
schütterung, die dadurch in der Luft in der Nähe des
Blitzes entsteht, macht, dafs schwächere Bewegungen in
ihr daselbst nicht verspürt werden. Der Donner aber
ist, nach der Meinung mehrerer Physiker, nicht blos das
Erzeugnifs des Blitzes, sondern dieselbe Ursache, die den
Blitz erzeugt, die chemischen Zersetzungen in der Wolke,
haben auch an der Entstehung des Donners Antheil. Die
dadurch bewirkten schwächern Erschütterungen der Luft
verbreiten sich in die Ferne, vermischen sich daselbst mit
dem durch den Blitz hervorgebrachten, in der Ferne immer
schwächer werdenden, auch durch vielfache Reflexe modi-
ficirten, Erschütterungen, und bringen so das mannigfal-
tige Getöse des Donners hervor. Es wäre der Mühe werth,
wenü es möglich wäre, Beobachtungen darüber zu sam-
meln, wie der Donner eines und eben desselben Wet-
terschlages sich in verschiedenen Entfernungen ausnimmt.
Schade nur, dafs man nicht, wie Lichtenberg sagt,
den Donner auf Noten setzen kann, um seine Beschaf-
fenheit mit der gehörigen Deutlichkeit zu bezeichnen.
595
V. Einige Bemerkungen über das Gesetz der
elektrischen Abstofsung]
von P. N. C. Egen in Soest.
err Hofrath Muncke hat meine Untersuchungen über
das elektrische Repulsionsgesetz sehr vollständig in der
neuen Ausgabe des Gehler'schen physicalischen Wör-
terbuchs aufgenommen , und sie mit wohlwollenden Be-
merkungen begleitet. Ich fühle mich dadurch uni so mehr
zum Danke verpflichtet, als ein Paar andere Physiker
meinen Aufsatz über den Ursprung der Feuer -Meteore
in anderm Sinne behandelt haben; man hat die dort aus-
gesprochenen, mir eigenthümlichen, Ideen benutzt, ohne
sich weiter die geringe Mühe zu geben, ihren Ursprung
zu nennen.
Im Novemberhefte der Göttingischen Gel. Anz. von
1827 werden die drei ersten Bände des physicalischen
Wörterbuchs angezeigt. Der Herr Refer. nimmt hier die
Versuche des würdigen Herrn Hofrath Mayer über das
elektrische Repulsionsgesetz gegen die meinigen in Schutz.
Ich würde die Sache mit Stillschweigen übergangen haben,
wenn ich nicht geglaubt hätte, einen Vorwurf entkräften
zu müssen, der meinen Versuchen gemacht wird.
Es wird behauptet, in meinen Versuchen seyen nicht
allein die Kugeln elektrisirt gewesen, sondern die Elek-
tricität habe sich auch den dünnen Stängelchen von Gum-
milack, an welchen sie befestigt waren, mittheilen müs-
sen. Ich mufs dieser Behauptung durchaus widerspre-
chen. Ich habe mich während der Versuche zu wieder-
holten Malen überzeugt, dafs die Stängelchen keine be-
merkbare Spur von freier Elektricität zeigten. Ich erin-
nere hier, dafs die Kugeln nur sehr schwach elektrisirt
wurden. Wer so delicate Versuche machen will, darf
nur mit geringer Menge von Elektricität operiren; diefs
ist die erste Piücksicht, worin es viele verfehlen. Ich
Pp*
596
besitze die elektrische Waage noch. Die Stängelchen
haben 0,52 Linie Durchmesser. Noch heute, wo ich die-
ses schreibe, stellte ich Versuche an, um zu sehen, ob
sich die schwache Elektricität der Kugeln den Stängel-
chen nicht in sehr schwachem, früher übersehenem Grade
mittheile. Nochmals fand ich bei den schärfsten Proben
keine Spur.
Der Herr Referent behauptet, die den Stängelchen
mitgetheilte Elektricität müsse mit in Rechnung genom-
men werden. Hätten die Stängelchen Elektricität aufge-
nommen, so wäre es der feinsten Analysis unmöglich
gewesen, die Versuche zu berechnen, weil immerhin die
Vertheilung der Elektricität in den Stängelchen unbekannt
geblieben wäre. Wohl aber läfst sich sehr leicht zeigen,
dafs in dem Falle meine Versuche nicht auf einen klei-
nern, sondern auf einen gröfsern Exponenten hindeuten
würden, als den ich berechnete. Der Einwurf des Herrn
Referenten ist also gegen ihn selbst gerichtet, nicht ge-
gen mich.
Es seyen a und b die
Mittelpunkte der Kugeln,
c sey ein Punkt des Stän-
gelchens , der ebenfalls
freie Elektricität enthält.
Rückt nun der Punkt b
nach b l in eine doppelte
Entfernung von a, so ist
erstlich die Entfernung b'c
nicht die doppelte von bc,
und dann wirkt die Re-
pulsionskraft in der Linie b'c unter einem weniger spitzen
Winkel auf den Wagebalken, als in der Linie bc.
Beide Umstände bewirken, dafs die Repulsionskraft, die
vom Pimkte c abhängt, in geringerm Maafse abnimmt,
als die Abstofsung, die sich auf a bezieht. Der unter
Vernachlässigimg des Repulsionspunktes c berechnete Ab-
597
stofsungs- Exponent würde also vergröfsert werden müs-
sen , wenn der Punkt c wirklich thätig wäre.
Mit gutem Vorbedacht habe ich ferner die Beobach-
tungspaare in der Ordnung angestellt, dafs ein Verlust
der Elektricität den gesuchten Exponenten verkleinerte,
damit meinen Versuchen nicht möchte der Vorwurf ge-
macht werden, ein fehlerhaftes Verfahren habe die vor-
gefafste Meinung bestätigt. Ich war versichert, dafs jener
Verlust so unbedeutend war, dafs er den Exponenten
nur unmerklich verringerte. Dafs ich einen etwas klei-
nern Exponenten fand, als die Theorie es fordert, beruht
fast lediglich auf dem schon früher angegebenen Grunde.
Vielleicht werde ich später noch Gelegenheit haben> diefs
nachzuweisen.
Die Einwürfe, welche ich gegen die Gültigkeit der
aus den Versuchen des Hrn. Hofr. Mayer gezogenen
Pvesultate aufgestellt habe, sind sämmtlich unverwerflich.
Ich werde mich wohl gehütet haben, einem so tüchtigen
Physiker gegenüber, seichte Gründe aufzustellen. Hr.
Hofr. Muncke fehlt darin, dafs er glaubt, die Elektri-
cität vertheile sich in zwei Flaschen unter übrigens glei-
chen Umständen, nach dem Verhältnisse der belegten Flä-
che, in welchem Punkte er also einem meiner Einwürfe
widerspricht. Nur auf der Oberfläche einer Kugel ist
die Elektricität gleichförmig vertheilt, auf keiner andern
begränzten (endlichen) Fläche. Nun sieht man leicht
ein, dafs bei ungleicher Vertheilung der Elektricität sich
nicht überall die Elektricitätsmassen wie die abgetheilten
Flächen verhalten. Namentlich tritt dieser Fall bei un-
gleich hohen, oder ungleich weiten Flaschen ein. Die
Analysis weiset dieses mit aller Sicherheit nach. Es sollte,
wie ich meine, überhaupt in Deutschland die Analysis
mehr auf die Physik angewandt werden. Namentlich in
der Lehre von der Elektricität würde bei solchem Vor-
trage, der dennoch ziemlich elementar gehalten werden
kann, kein Zweifel darüber entstehen, ob die freie Elek-
tricität beim Gleichgewichte blofs an der Oberfläche der
59H
Körper verbreitet sey, oder auch in die Körper eindringe;
man würde nicht solche Darstellungen des elektrischen
Wirkungskreises finden, als bei uns, selbst in vortreffli-
chen Lehrbüchern, vorkommen.
Ich wünschte Mufse zu haben, die elektrische Re-
pulsion und Attraction auf einem neuen Wege zu erfor-
schen, der wahrscheinlich den wahren Exponenten noch
genauer geben würde, als ich diesen bisher fand. Ich
würde in einen rings umschlossenen Raum an einen ein-
fachen Cocon- oder Spinnefaden ein dünnes Gummilack-
Stängelchen horizontal aufhängen, das vorn eine Kugel,
und an irgend einer andern Stelle, von der Kugel ent-
fernt, ein Stückchen Kork trägt. In dieses Korkstück-
chen würde ein magnetisches Dräthchen gesteckt. Da-
durch erhielte das Stängelchen eine bestimmte Richtung,
und die Kräfte, welche dasselbe aus dieser Richtimg lenk-
ten, müfsten dem Sinus der Elongationswinkel propor-
tional seyn. Man hat es bei dieser Einrichtung ganz in
seiner Gewalt, die Drehungskraft durch ein gröfseres oder
kleineres, stärker oder weniger stark magnetisirtes Dräth-
chen zu bestimmen. Uebrigens würden die Versuche an-
gestellt, wie bei der Coulomb'schen Drehwaage, nur
dafs dort der ganze Apparat gedreht werden müfste, wäh-
rend bei dieser nur der obere Zeiger fortgeführt wird.
Bei sorgfältiger Entfernung aller störenden Einwirkungen
der Umgebung, und bei Uebung im feinen Beobachten,
müssen nach dieser Methode sehr zuverlässige und genaue
Resultate gewonnen werden.
Es ist mir hier nicht um das Verfechten einer Mei-
nung zu tliun. Ich suche, ohne Vorurtheil und redlich,
in meinen Arbeiten das Wahre zu erforschen, und ich
werde mich durum gewifs aufrichtig freuen, wenn von
Göttingen aus künftig überzeugende Versuche und Be-
weise in der hier verhandelten Sache ausgehen, selbst
dann noch, wenn das, was ich bis dahin für wahr halle,
dadurch fallen müfste.
599
VI. lieber die Jirscheinung der Farbenringe;
von Hrn. Fresnel *).
Lan weifs, dafs durch die Interferenz zweier Reihen
von Lichtwellen nur dann in den Punkten, wo ihre vibra-
torischen Bewegungen entgegen gesetzt sind, eine voll-
ständige Dunkelheit entstehen kann, wenn diese Bewe-
gungen gleiche Stärke haben. Es scheint indefs im er-
sten Augenblick, als könnten die Strahlen, die vom zwei-
ten Glase rellectirt werden, nicht völlig gleiche Intensität
mit den an der untern Fläche des ersten Glases reflectir-
ten Strahlen besitzen, weil diese partielle Reflexion den auf
das zweite Glas fallenden Strahl schon geschwächt hat.
Deshalb glaubte ich, dafs bei den dunklen Ringen der beiden
oder der drei ersten Ordnungen eines homogenen Lichts
das dunkle Schwarz von der geringen Lichtmenge her-
rührte, welche von dem Glase rellectirt würde. Ich weifs
nicht, ob Hr. Young denselben Irrthum begangen hat;
aber meinerseits ist er um so weniger zu entschuldigen,
als ich Gelegenheit hatte, das dunkle Schwarz der dunk-
len Ringe unter sehr schiefen Neigungen und fast unter
der, bei welcher die Reflexion total wird, zu beobach-
ten, und zwar durch Anwendung zweier Prismen, die mit
ihren Grundflächen, von denen eine schwach gekrümmt
war, gegen einander lagen, so dafs das Licht, welches
an der Eintrittsfläche des oberen Prisma's rellectirt wurde,
sich nicht mehr mit dem mischte, welches die Ringe er-
zeugte. Dieser Versuch war mir nicht gegenwärtig, als
ich die Erklärung der Farbenringe niederschrieb. Ich
*) Diese Notiz ist von Hrn. Fresnel späterhin in den Annal,
de chim. et de phys. T. XXIII. p. 129. bekannt gemacht; sie
berichtigt einen Fehler in der Erklärung der Farbenringe, «uf
den Hr. Fresnel durch Hrn. Foisspn aufmerksam gemacht
wurde. P.
600
bin auch erstaunt, wie es mir nicht beigefallen ist, die
Wirkung einer Unzahl von Reflexionen, die zwischen den
beiden Flächen einer Luftschicht geschehen, in einem
Augenblicke zu berechnen, wo ich eine ähnliche Rech-
nung anstellte, um meine Formeln für die Intensität des
unter schiefen Neigungen reflectirten Lichtes zu verglei-
chen mit den Beobachtungen des Hrn. Arago über die
totalen Lichtmengen, welche von einer Glasplatte zurück-
geworfen imd durchgelassen werden *).
Um durch diese Rechnung, wie es Hr. Poisson
gethan, zu erweisen, dafs die Mitten der dunklen Ringe
durchaus schwarz seyn müssen, brauchte ich nicht seine
Formel (oder vielmehr Hrn. Young's Formel, weil die-
ser sie zuerst gegeben hat) für die Intensität des unter
senkrechter Incidenz reflectirten Lichtes zu kennen; denn
das in Rede stehende Theorem ist unabhängig von die-
ser Formel, wie von jenen, welche ich für schiefe Inci-
denzen gefunden habe. Die einzigen, zum Beweise die-
ses Satzes nöthigen Bedingungen sind: dafs die beiden
durchsichtigen, sich berührenden Körper ein gleiches Re-
flexionsvermögen haben, und, dafs das Licht, an der er-
sten und zweiten Fläche einer imd derselben Glasplatte
in gleichen Verhältnissen reflectirt werde. Diese zweite
Bedingung ist aber bei der Reflexion des Lichts in durch-
sichtigen Mittein ein allgemeines Gesetz. Hr. Arago
hat sicli durch sehr genaue Versuche überzeugt, dafs,
wenn man einen Lichtbündel auf eine Glasplatte mit pa-
rallelen Flächen fallen läfst (unter welcher Neigimg es
übrigens auch geschehen mag), eben so viel Licht an
*) Annales de chim. et de phjs. Tom. XVII. Diese Rechnung
weicht nur darin von der andern ab, dafs es die lebendi-
gen Kräfte oder die Quadrate der absoluten Geschwindigkei-
ten sind, welche man bei einer dicken Glasplatte hinzufügen mufs,
und nicht die einfachen Geschwindigkeiten, wie bei der dünnen
Luftschicht, welche die Farbenringe reflectirt; übrigens hat man
in dem einen Falle, wie in dem andern, immer eine unendliche
geometrische Reihe eu summiren.
601
der ersten Fläche, aufserhalb der Platte, refiectirt wird,
wie an der zweiten Fläche, innerhalb der Platte. Aus
dieser einzigen Thatsache läfst sich, ohne irgend eine
Formel, leicht erklären, weshalb die dunklen Ringe, selbst
bei sehr schiefen Incidenzen, ein so dunkles Schwarz dar-
bieten.
Uro die Rechnung zu vereinfachen, beziehe ich die
absoluten Geschwindigkeiten, welche die Aethertheilchen
durch die Lichtwellen, die sich in den beiden auf einan-
der gelegten durchsichtigen Körpern und der zwischen
ihnen eingeschlossenen Luftschicht fortpflanzen, erhalten
haben, auf ein gemeinschaftliches Mittel, auf dasjenige
z. B., worin die Interferenz aller reflectirten Lichtwellen
vor sich geht; d. h. ich setze die absoluten Geschwin-
digkeiten der Theilchen in den drei Mitteln als multipli-
cirt durch einen solchen Factor voraus, dafs sie, in dem
Mittel, auf welches man sie bezieht, lebendige Kräfte oder
gleichwertige Lichtmengen darstellen; auf diese Weise
ist es nicht mehr nöthig, die verschiedenen Dichten der
drei sich berührenden Mittel auszudrücken, weil alle ab-
soluten Geschwindigkeiten als in demselben Mittel gerech-
net angesehen werden. Diefs vorausgesetzt, nehmen wir
zur Einheit den gemeinschaftlichen Coefticienten der ab-
soluten Geschwindigkeiten in den Lichtwellen, welche
auf die erste Fläche der Luftschicht fallen; bezeichnen
wir durch m den gemeinschaftlichen Coefficienten der
absoluten Geschwindigkeiten in den reflektirten Wellen,
und durch n den der durehgelassenen Wellen; dann haben
wir, da wir voraussetzen, dafs kein Lichtverlust statt
finde:
m 2 +rc 2 =l
denn, wenn die absoluten Geschwindigkeiten 1, m, n
auf ein und dasselbe Mittel bezogen werden, sind die
entsprechenden Lichtmengen proportional dem Quadraten
dieser Geschwindigkeiten.
Für das durch die Luftschicht gehende Licht wird
602
die Intensität n der absoluten Geschwindigkeiten, nach
seiner Reflexion an der zweiten Flache dieser Schicht,
rnn, weil wir beiden auf einander gelegten Gläsern glei-
ches Reflexionsverniögen zuschreiben, und weil, wenn ein
Strahl auf eine durchsichtige Platte fällt, gleiche Mengen
von Licht innerhalb und aufserhalb der Platte reflectirt
werden. Aber, wie Hr. Young zuerst bemerkt hat, müs-
sen die absoluten Geschwindigkeiten entgegengesetzte Zei-
chen erhalten, je nachdem die Reflexion aufserhalb oder
innerhalb des dichteren Mittels geschieht. Wenn man
also, für die Reflexion an der ersten Fläche der Luft-
schicht, m positiv nimmt, wird der Coefficient mn, wel-
cher der Reflexion an der zweiten Fläche entspricht, nega-
tiv und zwar gleich — rnn' 1 , nachdem die Strahlen die
obere Fläche zum zweiten Male durchdrungen haben. Ich
nehme an, dai's der Weg, den sie in der Luftschicht, nach-
dem sie dieselbe zwei Mal durchliefen, zurückgelegt ha-
ben, gleich ist einer Undulation oder einer ganzen Zahl
von Undulalionen, so dafs er weder an der Gröi'se noch
an dem Zeichen der absoluten Geschwindigkeiten, die
gleichzeitig zum Interferenzpunkt hingeführt werden, etwas
ändert. Während ein Thcil dieser Strahlen zum Blätt-
chen hinausgeht, wird ein anderer in das Innere reflectirt,
darauf durch eine dritte Reflexion an der untern Fläche
zu der oberen Fläche zurückgeführt, und endlich seiner-
seits durchgelassen. Die absolute Geschwindigkeit, wel-
che sie herbeiführt, wird folglich durch — m 3 .n 2 dar-
gestellt; diejenige, welche die Wellen erhalten, die zwei
Reflexionen erlitten haben, wird seyn — rn s .n- , und so
fort. Die totale Summe der absoluten Geschwindigkei-
ten, welche die an den beiden Flächen der Luftschicht
reflectirten Wellen besitzen, wird also gleich seyn:
m — mn 2 — m 3 n 2 — m b n 2 — u. s. w.
oder:
m(l— /2-(l4-m 2 H-ra 4 + ...)) oder m(l — - j
603
oder endlich: m — - r — )
\ 1 — m 2 /
aber m 2 +72 2 = l: mithin wird die Summe der absolu-
ten .Geschwindigkeiten, und folglich auch das reflectirte
Licht, Null seyn. Folglich werden auch die refleclirlen
Ringe ein vollkommnes Schwarz an den Punkten zeigen,
wo der Unterschied in dem Gange zwischen den an der
eisten und zweiten Fläche der Luftschicht reflectirten
Strahlen gleich ist der Länge einer Undulation oder einer
ganzen Zahl von Undulationen.
Ich nehme hier an, dafs die Lichtmengen, welche
zurückgeworfen und durchgelassen werden, für gleiche
Incidenzen gleich bleiben, wie viele Reflexionen auch
vorangegangen seyn mögen. Diefs ist nur dann genau,
wenn das Licht parallel oder senkrecht gegen die Ein-
fallsebene polarisirt ist, weil alsdann seine Vibrationen
nach dieser Ebene oder nach einer auf ihr senkrechten
Richtung geschehen, und sie also durch die successiven
Reflexionen nur ihre Intensität und nicht mehr ihre Rich-
tung ändern. Es sind also nur die gegen die Einfalls-
ebene parallelen oder senkrechten Vibrationen, auf wel-
che man den obigen Calcul anwenden darf; da man aber
die Schwingungen der einfallenden Strahlen immer in pa-
rallele imd senkrechte gegen die Einfallsebene zerlegen
kann, wenn bei keinem dieser beiden componirenden Sy-
stemen eine totale Reflexion statt findet, so giebt es in
keinem Falle noch reflectirtes Licht.
Die Rechnung, welche ich eben angestellt habe, setzt
auch voraus, dafs die Flächen der Luftschicht vollkom-
men parallel sind, so dafs der Zwischenraum, welcher
sie trennt, für jede beliebige Zahl von schiefen Reflexio-
nen constant bleibt. Diefs ist aber bei dem gewöhnli-
chen Versuch mit den Farbenringen nicht mehr der Fall.
Es ist daher möglich, dafs man, wenn die Incidenz sehr
schief wäre, die Krümmung der in Rerührung stehenden
Gläser in Rechnung ziehen müfste, eben so wie die Va-
£04
riationen, die daraus für die Bahn erfolgen, welche die
nämlichen Strahlen zu durchlaufen haben, um von einer
Fläche zur andern überzugehen.
VII. Ijeber die Gewinnung des Jods.
/uir Ausziehung des Jods aus der Mutterlauge von Kelp,
sagt Berzelius in seinem 8. Jahresberichte, S. 82. d. O.,
hat Soubeiran {Journ. de pharm. XIII. p. 421.) eine,
wie es scheint, ganz beachtungswcrthe Verbesserung an-
gegeben, die selbst die Benutzung einer Mutterlange von
sehr unbedeutendem Jodgehalt erlaubt. Sie besteht darin,
dafs man das Jod mit schwefelsaurem Kupferoxyd fällt;
da aber diefs Metall die Eigenschaft hat, dafs es kein
Jodid sondern nur ein Jodür bildet, so wird dabei die
Hälfte des Jods frei in der Flüssigkeit. Um auch diese
zu fällen, vermischt er die Flüssigkeit mit Kupfersalz in
Ueberschufs und mit Eisenfeilspähnen ; dadurch fällt, neben
metallischem Kupfer, eine neue Portion Jodür nieder, die
man von den überschüssigen Eisenspähnen leicht abschlem-
men kann. — Ich habe gefunden, dafs sicli diese etwas
zusammengesetzte Fällung mit gröfster Leichtigkeit in einer
Operation ausführen läfst, wenn man 1 Th. krystallisir-
ten Kupfervitriol und 2£ Th. gemeinen Eisenvitriol zu-
sammen in Wasser löst, und diese Lösung so lange in die
Mutlerlauge tröpfelt als noch ein Niederschlag entsteht.
Das erhaltene Kupferjodür wird abfiltrirt, gewaschen und
getrocknet. Es kann entweder durch Schwefelsäure und
Braunstein zersetzt werden, wobei indeis mit dem Jod
zugleich Wasser übergeht, oder, wie auch Soubeiran
angiebt, durch Braunstein aliein, indem man es damit
mischt und in einer Retorte mit A^orlage, die gewechselt
werden kann, erhitzt. Zuerst geht Wasser über, und
wenn dieses aufhört, wechselt man die Vorlage, und er-
hitzt die Mischung bis zum vollen Weifsglühen. Das
Kupfer oxydirt sich dabei auf Kosten des Braunsteins
und das Jod wird subiimirt, Statt des Braunsteins kann
man auch Eisenoxyd nehmen.
605
VIII. Bemerkwigen über die Vulcane der Insel
. Java.
(Hiezu die geognostische Skizze Taf. V. als Erläuterung.)
D
ie Uebersicht der Erscheinungen vulcanischer Thätig-
keit im Innern von Java, welche sich in der schon neu-
lich von uns erwähnten *) verdienstlichen Dissertation
des Hin. van derBoonMesch befindet, enthält einige
bemerkenswerthe , bisher nicht so vollkommen bekannt
gewordene Thatsachen, welche als ein neuer Beitrag zur
Geschichte dieses merkwürdigen Landes bewahrt zu wer-
den verdienen. Bekannt und in vielen naturwissenschaft-
lichen Zeitschriften wiedergegeben, sind die Schilderun-
gen, welche namentlich Sir Stamford Raffle s, Tho-
mas Horsfield, Prof. Reinwardt, Leschenaultu. a.
theils von dieser Insel im Allgemeinen, theils von einzel-
nen bedeutenderen Erscheinungen auf derselben entwor-
fen haben **). Ausgezeichnete Naturforscher haben dar-
aus bereits Alles das abgeleitet, was der physischen Geo-
graphie der Yulcane und der geognostischen Kenntnifs
der Erdrinde insbesondere aus diesen wichtigen Beobach-
tungen Förderliches erwachsen ist ***). Es scheint uns
daher nicht überflüssig, diesen Arbeiten, welche in der
neuesten Zeit in so hohem Grade das Interesse der Leser
in Anspruch genommen haben, hier Alles das nachzutra-
*) Dieses Bandes der Annal. p. 509.
") Die Arbeiten dieser Gelehrten finden sich fast sämmtlich in
wörtlicher und treuer TJebersetzung zusammengestellt in: J. Noeg-
gerath und J. P. Paul's Sammlung von Arbeiten ausländischer
Naturforscher über Feuerberge und verwandte Phänomene. Th. II.
Elberfeld, 1825.
'**) Vorzugs-weise von Hoff: Veränderungen der Erdoberfläche.
IL' 439. sq., und Leop. von Euch in diesen Annal. Bd. 10.
p. 189. sq.
606
gen, was durch spätere Wahrnehmungen den vorhandenen
Thatsachen hinzugefügt werden kann.
Aus den Reise -Journalen des Hrn. Prof. Rein-
hardt, deren freie Benutzung Hrn. van der Boon
Mesch gestattet war, und aus der sorgfältigen Muste-
rung der von diesem mitgebrachten und im Museum zu
Leyden bewahrten Gesteine leitet der Verfasser die merk-
würdige Wahrheit her, dafs die zahlreichen Vulcane die-
ser Insel bei ihren häufigen verheerenden Ausbrüchen
dennoch sehr selten die gewöhnlichste aller vulcanischen
Erscheinungen: Auswürfe geschmolzener Substanzen in
flüssiger Form, bandförmig gestalteter Lavaströme, gezeigt
haben. Niemals sah Herr Rein war dt dort bei seinen
zahlreichen Exemtionen auf die Gipfel der thätigen Vul-
cane wahre Lava ausfliefsen, und nirgend überhaupt auch
nur die Spuren alter Lavaströme von gröfserer Bedeutung.
Und doch sind diefs dieselben Vulcane, deren Auswürf-
linge Landstriche von Tagereisen weiter Ausdehnung so
völlig bedecken, dafs sie die ganze organische Schöpfung
auf ihrer Oberfläche zerstören, dieselben, deren unterirdi-
sche Donner auf Strecken von mehr als 100 geogr. Mei-
len Entfernung gehört werden, und deren Verheerungen
alles übertreffen, was, vielleicht mit Ausnahme der Vul-
cane Südamerica's, bisher uns von ähnlichen Erscheinun-
gen bekannt geworden ist. Am Abhänge des Gunung
Guntur, eines der beträchtlichsten unter diesen Berten,
führt schon Horsfield*) als etwas besonderes Ausge-
zeichnetes die Spuren von fünf in verschiedenen Perio-
den geflossenen Lavaströmen an; der jüngste derselben
war erst im J. 1800 ausgebrochen, die älteren aber waren
nach Hrn. Reinwardt's Zeugnifs wieder mit Pflanzen
bedeckt, und müssen daher aus viel älterer Zeit herrüh-
ren. Andere Beispiele ähnlicher Art werden uns von
Java nicht berichtet. —
Wie so ganz anders gestaltet sich dagegen dasselbe
*) S. Raffles History of Java. I. 15. note.
607
Verhältnifs bei so vielen andern Vulcanen der Erde. Am
Vesuv allein kennen wir sieben bedeutende Lavaströme,
welche seit seiner ersten uns bekannt gewordenen Erup-
tion ihre Richtung durch die Strafsen von Torre del
Greco nahmen *), eben so zahlreich war die Anzahl der
über einander hergeflossenen Laven verschiedener Perio-
den des Aetna, welche man in jenem tiefen Brunnen zu
Jaci durchsunken hat, aus dessen Verhältnissen Recu-
pero das Alter der Erde herzuleiten bemüht war**).
Erst noch in ganz neuer Zeit (1794) hat ein einziger
grösserer Ausbruch des Vesuv vor den Augen der Beob-
achter fünf neue Eruptions -Kegel hervorgebracht ***),
aus deren jedem nach einander die Lava in gesonderten
Strömen hervorbrach, und erst neuerlich zählte ein aus-
gezeichneter Beobachter, Hr. Poulett Scrope, von dem
Gipfel des Aetna über 70 solcher vorübergehend thätigen
Seiten - Cratern in seiner Umgebung f).
Was die Vulcane von Java bei ihren Ausbrüchen
hervorstofsen , sind dagegen vorherrschend lose Massen,
Schlacken - Bruchstücke , Bimssteine , Sand und Asche,
Theile der im Innern des Berges zurückbleibenden ge-
schmolzenen Substanzen, die sich nicht zusammenhängend
bis zum Rande der Cratere erheben können. Oder es
sind dieselben Substanzen mit grofsentheils heifsem und
salzigem Wasser verbünden, in Gestalt von verheeren-
den Schlammströmen. Den vielen Beispielen der Art,
welche uns die genannten früheren Beschreibungen der
Insel berichten, ist gegenwärtig noch ein bisher weniger
gekanntes hinzugefügt worden. Es ist ein gewaltiger Aus-
bruch des Galung Gung, auf den Gränzen der Bezirke
von Limbangan und Sumadang, im östlichen Theile der
*) L. von Buch, geognostische Beobacht. II. p. 96.
**) Brydone. A tour through Sicily and Malta. DeF deutschen
TJebersetz. I. p. 124.
• M ) L. von Buch, a. a. O. II. p. 105.
"J") Considerations on F'olcanos. p. 153.
608
j?raz7?gv?r Regentschaften, welcher Hrn. Reinwardt durch
den grade dort anwesenden Maler P a y e n berichtet ward.
Man hatte von diesem Berge früher niemals eine
Eruptions -Erscheinung gesehn, und es waren unter den
Bewohnern an seinen reich bebauten Abhängen, wie zur
Zeit der Zerstörung von Pompeji an den Abhängen des
Vesuv, selbst alle Traditionen verschwunden, dafs er je-
mals gebrannt habe. Im Junius 1822 indefs zeigten sich
hier die ersten Spuren der wieder erwachenden Thätig-^-
keit. Das Wasser des Flusses Chi-kunir, der von hier
seinen Ursprung nimmt, wurde trübe, bekam einen sau-
ren Geschmack und setzte in Menge weifses Pulver (Schwe-
fel?) ab, indem es zugleich stark nach Schwefel roch.
Bald darauf ward es zwar wieder klar, allein der Schwe-
felgeruch erhielt sich. — Endlich am 8. October begann
unerwartet, am Tage bei heiterem Himmel, der Ausbruch.
Eine dicke schwarze Wolke verhüllte den Gipfel des
Vulcanes und die benachbarten Thäler in Finsternifs.
Heftige Detonationen wurden in seinem Innern vernom-
men, und Erschütterungen des Bodens begleiteten sie.
Man sah Flammen hervorbrechen. Der Berg begann er-
hitztes Wasser, Schlamm und brennenden Schwefel aus-
zuwerfen, und die hervorbrechenden Massen dieser Art
verheerten die Aecker bis zu 10 englisch. Meilen Entfer-
nung. Den fliehenden Einwohnern wurde der Weg durch
die Flüsse versperrt, welche durch die hineinfliefsenden
Schlammströme und überall herabregnenden heifsen Aus-
würflinge erhitzt winden und über ihre Ufer traten; viele
derselben wurden ertränkt oder jämmerlich verbrannt aus
dein Schlamm hervorgezogen. Der Chi- tone, Chi-wulan
und Chi-kunir waren mit Leichen bedeckt. Einige Dör-
fer dagegen, näher am Berge, über welche die Auswürf-
linge weggeschleudert winden, blieben ganz unversehrt.
Man hörte das Getöse von diesem furchtbaren Ereignisse
auf ganz Java, und überall glaubten die Bewohner, der
ihnen zunächst liegende Vulcan sey aufgebrochen. Die
Asche
609
Asche fiel am andern Tage in der Gegend von Ban-
dimg (in einer Entfernung von etwa 20 geogr. Meilen
gegen NW.), und die Felder um Limbangan wurden mit
Schlamm bedeckt. —
Doch mit dieser furchtbaren Aufregung waren die
Kräfte des Berges noch nicht erschöpft. Am 12. Octo-
ber erfolgte ein neuer, noch heftigerer Ausbruch, welcher
die Erscheinungen des ersten wiederholte; er wüthete
die Nacht hindurch, in welcher allein in der Landschaft
Singapanna gegen 2000 Menschen ihren Tod fanden,
imd in welcher die ausgetretenen Ströme Felsen, Wäl-
der, ja ganze Hügel wegrissen und neue bildeten. Der
Lauf von einigen dieser Gebirgsbäche, besonders der des
Chi-b anjarang und des Chi-wulan, ward dadurch dauernd
verändert. Die überlebenden Bewohner erkannten die
Stellen ihrer Dörfer nicht wieder. Man sah am andern
Tage die Gestalt des Berges beträchtlich verändert, und
man konnte sich ihm selbst im November noch uichf
nähern, denn die Wege waren zerrissen und mit Schlamm,
Asche imd Basaltstücken bedeckt. Ja von letztern waren
Massen von beträchtlicher Gröfse bis zu 7000 Schritt Ent-
fernung geschleudert worden.
Die Ursachen dieser zerstörenden Ereignisse sind
zuerst durch Alexander von Humboldt umfassend
beleuchtet worden. Auch unter den Vulcanen der Andes-
Kette sind Ausbrüche wahrer Lavaströme im Allgemei-
nen eine seltne Erschneinung. Der Pichincha, vielleicht
der thätigste unter den Vulcanen, welche das Hoch-Thal
von Quito bekränzen, und den Humboldt zum Ge-
genstande seiner besondern Studien machte, hat niemals
seit der Periode der Bildung der Thäler einen Lavastrom
hervorgebracht*), eben so wenig der Capae-Urcu, der
vor seinem Einstürzen höher als der Chimborago war,
und so auch der Colopaxi, der höchste unter den ge-
genwärtig thätigen Vulcanen dieser Gegend. Und den-
*) Vergl. u. a. A. v. Humboldt, Essai geognostique, p. 312.
Annal.d. Physik B. 88. St. 4. J.1828. St. 4. Qq
610
noch haben die Eruptionen dieser Berge so häufig die
Bewohner des Hochlandes in Schreck*^ gesetzt, und die
ungeheure Masse loser Substanzen, die sie dabei auswar-
fen, verwandelte häufig weit umher die Helle des Tages
in Dunkelheit. Auswürfe schlammiger Massen waren oft
damit verbunden, und bekannt sind die ausgezeichnetesten
Ereignisse dieser Art vom Carguairazo (1698), von Ibarra
(1691), und von Pelileo (1797), welche an Grofsar-
tigkeit jenen auf Java völlig gleich stehn, ja sie vielleicht
noch übertreffen. A. v. Humboldt hat gezeigt, dafs
die Wassermassen, welche sich bei solcher Gelegenheit
mit den losen Auswürflingen der Yulcane verbinden, nicht
allein, wie Du Carla*) zu erweisen bemüht war, von
den durch die Eruptions- Erscheinungen um den Gipfel
des Vulcans zusammengezogenen und niedergeschlagenen
Wasserdämpfen herrühren; sondern dafs es sehr häufig
ausbrechende Wasserbehälter aus dem Innern der Yul-
cane selbst sind, welche durch die Erschütterungen und
Zerreifsungcn des Berges einen Ausweg erhalten. Die
schöne Beobachtung der grofsen Menge von Eischen, wel-
che zu Zeiten mit diesen Schlammströmen hervorgetrie-
ben wurden, liefert dafür den überzeugendsten Beweis.
Auch im Innern der Vulcane von Java sind bedeu-
tende Wasser -Ansammlungen häufig. Es zeugen dafür
nicht nur die zahlreichen, so häufig mineralischen und
hcifsen Quellen, welche an den Abhängen derselben aus-
treten, sondern auch die oft nicht unbedeutenden Lagu-
nen, welche innerhalb der Wände des Craters von meh-
reren dieser Yulcane eingeschlossen gefunden weiden. Be-
kannt ist vor Allem unter diesen der von L es che na ult
schon vor mehr als 20 Jahren im Crater des Moni Idienne
( F äschern der Charte) entdeckte See von mit Schwefel-
säure und Salzsäure geschwängertem Wasser, welcher
dem sauren Bache Songo-Pahete, einem Gegenstück zu
* ) Mern. sur /es inondations ro/can/ques im Journ. de Physiijue.
XX. p. 103. sq. 1782.
611
dem früher von A. v, Humboldt im Thale des Rio
Cauca entdeckten Rio - vinagre, den Ursprung giebt.
Aehnliche Seen beschreibt uns noch Horsfield im Cra-
ter des Tankuban- Prahu*), und Reinwardt von be-
trächtlichem Umfange im Talaga-Bodas **) imd im Pa»
tacka ***), der vielleicht, wie von Hoff schon be-
merkt f), mit dem Patuha oder Baduwa, von welchem
derselbe Verfasser an einem andern Orte das Gleiche er-
wähnt -j-f ), derselbe Berg ist. — Wir erfahren durch die
Zusammenstellungen des Hrn. van d. B. M., dafs der
erst genannte dieser Seen bereits im J. 1817 durch einen
heftigen Ausbruch des Moni Idienne wirklich ausgeleert
wurde. Hr. Reinwardt besuchte diesen Berg im J. 1821,
und fand den Crater, welchen Leschenault beschrie-
ben, leer und ausgefüllt. Neben ihm beobachtete er einen
andern, wahrscheinlich neu entstandenen, welcher unter
allen auf Java bekannten Crateren der gröfseste ist. Die-
ser besafs gleichfalls auf seinem Boden einen schweflige
Dämpfe ausstofsenden kleinen See, und war aufserdem
grofsentheils mit einer feinen weifsen Erde bedeckt. Muth-
mafslich dieselbe weifse Erde bemerkte Horsfield u. a.
sehr ausgezeichnet als ein Product der Zersetzung vulca-
*) Bei Raffles a. a. O. p. 14. note.
**) Account of a Journey through the Preanger Regendes im
Edinb. philosophic. Journ. 1822. VII. 38. sq. Der See, welchen
. wir bei Hr. van d. B. M. abgebildet finden, ist von ovaler Form,
und sein gröfsester Durchmesser beträgt 2000 Fufs rheinl. Sein
gesäuertes und warmes Wasser hat die merkwürdige Eigenschaft,
von den hineingefallenen und getödteten Thieren sehr schnell
die Knochen zu verzehren , während die weichen Theile dage-
gen lange mit dem vollkommnen Ansehn der Frische erhalten
bleiben.
"**) Edinb. philosoph. Journ. VII. p. 29.
•J-) Verander. der Erdoberfläche. II. p. 442.
■j**j*) Siehe aus den Verhandlingen van het Bataviaasch Genoot-
schup etc. 1823. IX. p. 23. bei Noeggerath und Pauls
a. a. O. p. 53,
Qq2
612
irischen Gesteines durch saure Dämpfe in den Umgehun-
gen des Crater-See's vom Tankuban-Prahu, und er
führt dahei ausdrücklich an, dafs sie bei den Eruptionen
mehrerer andern Vulcane (namentlich des Gede und Kluf)
oft in sehr grofser Menge unter den Auswürflingen vor-
kommt , und sich weit über die entfernteren Gegenden
verbreitet. — Bei dem erwähnten Ausbruche des Moni
Idienne im J. 1817 hatte das heifse saure Wasser des
ausgestofsenen See's, besonders in dem Landstriche zwi-
schen dem Berge und der Meeresküste, grofse Verwü-
stungen angerichtet, und Hr. Rein war dt selbst sah noch
die durch seine Berührung verdorrten Bäume und Pflan-
zen in den angränzenden Wäldern.
Wenn indefs der Umstand, dafs bei den Vulcanen
der Andes- Kette so selten wahre Lavaströme hervortre-
ten durch die ungewöhnliche Höhe dieser Berge, deren
Wände überdiefs noch bis zur Hälfte ihrer Erhebung durch
den Körper eines Hochlandes befestigt werden, genügend
erklärt wird, so läfst sich dagegen dieselbe Ursache nicht
füglich von der gleichen Erscheinung an den Vulcanen
von Java angeben. Dort liegt höchst wahrscheinlich, wie
Leop. von Buch schon erwähnt hat*), die vulcanische
Werkstatt der Oberfläche sehr nahe, und überdiefs noch
scheint keiner der javanischen Vidcane an Höhe den Aetna
zu übertreffen, während viele, ja die thätigsten unter ihnen,
noch um 5 — 600 Toisen darunter zurückbleiben. Und
doch hat ein volles Dritlheil aller bekannten Lava-Er-
giefsungen des Aetna, nach Spallanzani's Zeugnifs **)]
noch aus seinem Gipfel-Crater selbst stattgefunden. Mög-
lich daher wäre es wohl, dafs auf Java die mannigfache
Durchlöcherung des Bodens, welche den zahlreichen Gas-
Quellen und den auf dieser Insel so ausgezeichnet vor-
kommenden Sahen oder Luft-Vulcanen ***) den Ur-
*) S. diese Annalen, X. p. 189.
••) Reisen in beide Sicilien, I. p. 252.
***) Diese Phänomene, welche ja nicht mit den Schlamm -Aus-
würfen der wahren Vulcane verwechselt werden dürfen , da sie
613
sprang giebt, die Erhebung der Lava bis zu den Aus-
wurfs - Oeffnungen der Vulcane verhindert; eben so wie
dieselben Durchbohrungen, nach dem Ausdruck eines
wohl miterrichteten neueren Naturforschers, füglieh als
Sicherheits -Klappen (safety valves) *) gegen die Wir-
kungen der Erdbeben angesehn werden können, deren
verhältnifsmäfsige Seltenheit auf Java schon von Hoff
diesem Umstände zuzuschreiben geneigt ist **).
Noch enthalten die von Hrn van der Boon Mesch
unternommenen genaueren Beschreibungen der von Hrn.
Professor Reinwardt aus Java mitgebrachten Gesteins-
Proben einige bemerkenswerthe neue Thatsachen.
Die häufigsten derselben waren Basalte, theils frisch,
theils zersetzt durch die Wirkungen schwefligsaurer Dämpfe,
Die frischen unter ihnen waren schwarz, durchaus dicht
und sehr hart, die schwärzesten vom Berge Gede und
aus der Nähe von Salak. Das specifische Gewicht der-
selben fand der Verfasser nach einer nicht angegebenen
Methode:
Vom Talaga Bodas
2,786
Gede
2,683
Kramat
2,723
Malawar
2,572
Lontar
2,790.
gewöhnlich im Aufwallen eines thonigen Schlammes in Lagunen
von salzigem, ol't warmem "Wasser bestehn, zeigen sich, nach
llorsfield u. a. , auf Java sehr ausgezeichnet zwischen den
Districten von Grohogan in "W. und von Blora und Jipang in O.
(Raff /es, 1. p. 23. note. Ann. de Chimie. 1816. IL p. 392.)
Hr. Reinwardt hat ein ebenfalls sehr bedeutendes dieser Art,
das die Javanesen Kawa Kar aha nennen, am Berge Kiamis, in der
Nähe des Gunung Guntur, beschrieben (van d. B. M. p. 41.
Tsdinb. philos. Journ. VII, p. 32.)
*) Poulett Scrope considerations on Volcanos , p, 189.
-) A. a. O. II. P . 443.
614
Für wahren Basalt sehr gering *), und doch beun-
ruhigten alle diese Basalte die Magnetnadel, ja der Ma-
lawar enthielt selbst, wie Reinwardt schon früher be-
merkte **), Magneteisen in sichtbaren Körnern einge-
mengt, und zeigte deutlich magnetische Polarität.
Von eingemengten Fossilien bemerkte der Verfasser
in ihnen vorzüglich Körner von Augit (besonders in dem
von Talaga Bodas und vom Berge Malawar), Olivin,
von lebhaft grüner Farbe (vom Gede und Salak), Feld-
spath, in Krystallen und kleinen Nadeln, die sich durch
lebhaften Glasglanz unterscheiden (besonders ausgezeich-
net aus den Säulenreihen vom Wasserfalle Lontar in der
Landschaft Sading), und Hornblende (im Gestein von
Tjanrassa ).
Niemals sah der Verfasser bei diesen Basalten ein
mandelsteinartiges Gefüge.
Durch die corrodirenden Wirkungen der Säuren
werden diese Gesteine weifs, weich und thonig, oder
bekommen das Ansehn von gebranntem Kalk. Man sieht
sie mit Schwefel impregnirt, und sie hauchen häufig einen
Schwefelgeruch aus. Ihr specifisches Gewicht wird bis
auf 1,8 vermindert, und es scheint ihnen vorzugsweise
der Eisengehalt entzogen zu werden. Doch enthielt ein
von Hrn. van d. B. M. analysirtes Exemplar aus dem
Crater des Talaga Bodas noch 5,3 Proc. Eisenoxjd.
Nächst den Basalten beschreibt der Verfasser aus-
gezeichneten Dolerit, aus schön krystallisirtem Feldspath,
der zuweilen porphyrartig darin ausgeschieden vorkommt
und Augit gebildet, nächstdem noch schwarzgrünen Oli-
vin, braunen Glimmer und Magneteisen (Titaneisen?)
führend. Vom Gunimg-Guntur, Patuha und vom Bo-
den des Flusses Nungnang in der Gegend von Tjihea ***),
*) Vergl. Lcop. von Buch, -geognostische Briefe über das südl.
Tyrol, p. 55. sq. und p. 242.
**) Edinb. philos. Journ. VIL p. 30.
***) Wir geben, diese Namen mit der Orthographie des Verfas-
sers, ungeachtet es uns nicht möglich war, viele derselben auf
der schönen Charte von Haffles -wiederzufinden.
615
Unter den durch sa«re Dämpfe zersetzten Bruchstücken
dieser Gebirgsart, aus dem Crater des Patuha fanden sich
einige, wie es bekanntlich häufig in den Klüften der Sol-
fatara bei Neapel geschieht, mit einer Schwefelkies-Kruste
bedeckt, deren Inneres mit Schwefelkiesen durchzogen
war, unter welchen sich zuweilen deutlich octaedrische
Krystalle fanden.
Klingstein (Phonolit) erscheint hier ebenfalls nicht
selten als ein gewöhnlicher Begleiter des Basalt. Herr
van d. B. M. erwähnt vier Vorkommnisse desselben von
gewöhnlicher Art, vom Berge Salak, von Tjililing, vom
Berge Palissir bei dem Wasserfalle Tjiguerre, und vom
Tankuban - Prahu.
Unstreitig viel wichtiger aber, und bisher stets un-
bemerkt geblieben , ist das Auftreten von Trachyt, die-
ser charakteristischen Gebirgsart aller gröfseren Vulcane
der Erde, deren bedeutungsvolles Auftreten Leop. von
Buch und Alex, von Humboldt bekanntlich zuerst
dargethan haben. Der Verfasser beschreibt dergleichen
vom Berge Tilo (mehr als 6000 Fufs hoch), von Kra-
wang und Tjiradjas, und aus der Landschaft Sading. Der
Trachyt vom Tilo ist grau und von granitoidischer Tex-
tur, aus Körnern und Krystallen von glasigem, weiisem,
auch röthlichem und bläulichem Feldspath gebildet, und
enthält nächstdem kleine Krystalle von Hornblende. Sein
Gewicht ist 2,47 — 2,41. Die Abänderung von Sading
hat ein porphyrartiges Gefüge, und enthält, aufser glasi-
gem Feldspath, Augit und Magneteisenstein. Ihre Ei-
genschwere fand der Verfasser =2,708,
Wie sich erwarten liefs, so ist auch die stets mit
trachytischen Gesteinen verbundene Bildung von Bims-
stein, deren Daseyn auf Java dem Dr. Horsfield noch
unbekannt zu seyn schien *), den Vulcanen dieser In-
sel nicht fremd. Unter ihnen haben vorzugsweise Gede
und Gunung Guntur beträchtliche Menden davon ausge-
•) Vergl. diese Ann. X. p. 191.
616
worfen, und Herr Reinwardt sammelte an den Abhän-
gen des letzteren Stücke von 1 — 3 Fufs Durchmesser.
Herr van d. B. M. hat sie beschrieben. Er fand in ihnen
häufig krystallinische Körner von glasigem Feldspath
und, was merkwürdig ist, in der einen mehrfach Brocken
von fettglänzendem Quarz. Interessant erscheint auch
noch ein Stück Bimsstein voll glänzender Feldspathkry-
stalle, das völlig auf dem Uebergange in Trachyt steht
(Jrachytes pumiceus), aus der Landschaft Sading.
So zeigt sich denn also hier schon auf Java deutli-
cher, als bisher bekannt war, vorbereitet, was auf dem
benachbarten Sumatra, näher dem Festlande von Asien,
so vollkommen entwickelt auftritt, und wohl dürfen wir
hier nahe unter der basaltischen Decke die primitiven
Gesteine erwarten.
Noch mögen wir vielleicht zunächst auf dieses Vor-
kommen mit Recht das Erscheinen von vulcanischen Glä-
sern, von wahren Obsidianen beziehn, die Herr Rein-
wardt, einen eignen kleinen Hügel zusammensetzend, am
Wege zwischen Lelles und Tjilalinka traf. Der Verfas-
ser beschreibt sie: schwarz, glasglänzend, theils aus La-
mellen gebildet, welche mit halb entglasten lichten Strei-
fen wechseln, wie so häufig die Obsidiane von Lipari,
theils voll rundlicher Höhlungen, worin oft kleine weifse,
perlsteinartige Kügelchen. Beide gehören zu der Art des
Obsidianes, welche vor dem Löthrohr zu weifsem Glase
schmilzt, doch ist hier nicht davon die Rede, dafs sie
sieh dabei aufblähen. Die letztgenannte Abart gab bei
der Analyse folgendes Resultat:
Kieselerde 79,40
Thonerde
11,25
Kalkerde
1,75
Eisenoxyd
4,30
Natron
3,03
Verlust
0,27
100,00.
617
Die wahren steinartigen Laven endlich, von wel-
chen Hr. van d. B. M. vier Abänderungen beschrieben,
sind sämmtlich vom Gunung Guntur; sie scheinen alle
zur Classe der basaltischen zu gehören. Denn sie schmel-
zen vor dem Löthrohr zu dunkelm Glase und sind sämmt-
lich von dunkler (schwarzer oder brauner) Farbe, dabei
körnig und porös, und fast immer zugleich magnetisch.
Ihre häufigsten Einmengungen sind: glasiger Feldspat h,
nächstdem Körner von Olivin und etwas Glimmer.
Herr van d. B. M. spricht den Vorsatz aus, eine
genauere Untersuchung des Schwefels und der salinischen
Producte der Vulcane von Java zum Gegenstande eines
zweiten Theiles seiner Schrift zu machen. Wir wünschen
sehr eine Fortsetzung seiner fleifsigen und erfolgreichen
Arbeit.
F. H.
IX. Neue Untersuchungen über die Endosmose
und Eacosmose.
ie Erscheinungen, welche sich zeigen, wenn zwei ver-
schiedene Flüssigkeiten durch einen porösen Körper ge-
trennt sind, so wie die ähnlichen, welche Gasarten bei
Aufbewahrung in gesprungenen Gläsern darbieten, wer-
den den Lesern ohne Zweifel aus den im Bd. 84. S. 124.,
Bd. 86. S. 153. 481. und Bd. 87. S. 126. 134. 138. mit-
getheilten Aufsätzen noch gegenwärtig seyn. Wie man
aus denselben ersehen hat, sind die HH. D ob er ein er,
Magnus, Poisson und Fischer der Meinung, dafs
diese Erscheinungen von der Capillarität bedingt werden;
während Hr. Dutrochet dieselben als Wirkungen der
Elektricität betrachtet, und zugleich die beiden Ströme,
welche durch die poröse Scheidewand von jeder der bei-
den Flüssigkeiten zu der andern übergehen, mit den Na-
men Endosmose und Exosmose belegt. In den Ann. de
618
chirn. et de pliyäq. T. XXXVII. p. 191. bringt derselbe
mehrere neue Thatsaclien bei, durch welche er die Richtig-
keit seiner Ansicht für vollends bewiesen ansieht ; nament-
lich sind es folgende zwei, auf die er das meiste Gewicht
zu lehren scheint.
1) Flüssigkeiten, wie Wasser, Alkohol und mehrere
andere, erheben heifs sich weniger in Haarröhrchen, als
kalt. Temperaturerhöhung schwächt also die Haarröhr-
chenkraft. Die Endosmose dagegen, wie Hr. IX durch
oftmalige Versuche gefunden, nimmt mit der Temperatur
an Stärke zu.
2) Füllt man eine, am unteren Ende durch eine
organische Membrane verschlossene Glasröhre mit deslil-
liriem Wasser, und stellt sie in ein Gefäi's, welches gleich-
falls destillirf es Wasser enthält; so wird, wenn man das
Wasser in der Rohre mit dem negativen Pol einer Vol-
taschen Säule und das in dem Gefäi'se mit dem positiven
Pole verbindet, ein Steigen in der Röhre, oder, wie Hr. D.
sich ausdrückt, eine Endosmose statt finden *).
6 ) Unter einer etwas andern Form -wurde dieser Versuch schon
im J. 1816 von Hrn. Porret jun. angestellt. Hr. P. schnitt
nämlich einen kleinen Glashafen der Länge nach durch, spannte
über den Schnitt der einen Hälfte eine Blase aus und kittete
nun beide Hälften wiederum zusammen, so dafs das Gefäfs durch
die Blase in zwei Zellen getheilt -war. Als er nun "Wasser in
beide Zellen gofs , und diese mit den Polen eines Trogapparats
in Verbindung setzte, fand er, dafs das Wasser in der negativen
Zelle stieg, selbst über das Niveau in der positiven Zelle, ohne dafs
dadurch die Wasserzersetzung an den Drähten gehindert wurde.
Der Erfolg war der nämliche, als er, statt der tliierischen Blase,
ein Stück Papier nahm, welches, nach der Angabe des Dr. Wil-
son, erst mit Eiweifs bestrichen, und" dann in heifses Wasser
gesteckt worden war. Hr. P. wirft auch die Frage auf, ob wohl
diese „elektrische Filtration" in Verein mit den elektro - chemi-
schen Wirkungen einen Einflijfs in den Poren und Gefäfscn des
thierischeu Organismus ausüben könnte {Ann. of Philo s. T. flll.
p. 74.). — Es mag übrigens einer weitern, mit Umsicht gelei-
teten Untersuchung überlassen bleiben, zu entscheiden, in wie-
Diefs möchten wohl die stärksten Gründe seyn, wel-
che Hr. D. für seine Meinung beigebracht hat. Eine
dritte Thatsache, die er gleichfalls für dieselbe gebraucht,
nämlich, dafs Platten von porösen Sand- oder Kalkstein
sich unwirksam bei diesen Erscheinungen erweisen, wäh-
rend Platten von weifsen gebrannten Thon nach Art der
thierischen Blase wirken, kann wohl nicht im Ernste als
Beweis zugelassen werden, dafs man es hier mit Elek-
tricität und nicht mit Capillarität zu thun habe.
In dem übrigen Theil seines Aufsatzes setzt Hr. I).
aus einander, dafs es in Bezug auf diese Erscheinungen
wirksame und unwirksame Körper giebt, und diefs nicht
nur unter den Flüssigkeiten, sondern auch unter den star-
ren Körpern, die als Scheidewand zwischen den Flüssig-
keiten gebraucht werden. Soll eine Endosmose oder ein
Steigen in der Röhre statt finden, so müssen beide Flüs-
sigkeiten nebst der Scheidewand zwischen ihnen zu den
wirksamen Körpern gehören; die Erscheinung tritt nicht
ein, sobald nur eins der Elemente unwirksam ist.
Zu den unwirksamen Flüssigkeiten gehört nach Hrn. I).
die Schwefelsäure. Bringt man sie, in verdünntem Zu-
stande, in ein unten durch Blase verschlossenes Glasrohr,
und stellt diefs Rohr in ein Gefäfs mit reinem Wasser,
so sinkt die Säure; allein diefs Sinken ist nur eine mecha-
nische Filtration, in Folge des höheren Niveaus der Säure ;
denn umgekehrt fällt auch das Wasser, wenn man dieses
in das Rohr und die Säure in das Gefäfs bringt*). Bei
fern Hrn. D. Meinung richtig oder irrig sey. Mir scheint die-
selbe durch die hier angeführten Thatsachen noch nicht erwie-
sen; denn was namentlich die Erscheinung bei der Voltaschen
Säule betrifft, so könnte dieselbe wohl eine secundäre Wirkung
der Elcktricität seyn , woran die Elektricität an sich keinen An-
theil hätte. - p.
*) Um das Sinken oder Steigen einer Flüssigkeit sichtbarer zu
machen, erweitert Hr. D. den untern Theil der Röhre, um wel-
620
einer wirklichen Exosmose, wie man z. B. mit einer ver-
dünnten Gummilösung erhält, wemi sie im Rohre und
eine concentrirte Gummilösung im Gefäfs enthalten ist,
geht das Sinken bis unter das Niveau der äufseren Flüs-
sigkeit, und bei Umkehrung des Versuchs, wenn man
die concentrirte Lösung in das Rohr bringt, findet in
diesem ein Steigen statt. Jene Unwirksamkeit theilt übri-
gens die Schwefelsäure durch ihre Beimischung auch an-
dern Flüssigkeiten mit. Gummilösung, die in einem mit
Blase verschlossenen und im Wasser stehenden Rohre
ansehnlich steigt, fällt dagegen, wenn ihr Schwefelsäure
beigemischt worden ist.
Nicht alle Säuren sind jedoch unwirksam. Essig,
Salpetersäure und vorzüglich Chlorwasserstoffsäure stei-
gen in einem mit Blase zugebundenen Rohre, wenn sich
aufserhalb Wasser befindet.
Zu den unwirksamen, starren Körpern gehören, wie
schon gesagt, Platten von porösem Sand- oder Kalkstein.
Weder für sich, als Scheidewand zwischen ungleicharti-
gen Flüssigkeiten gebraucht, noch unter dem Einflufs der
Voltaschen Säule, als Scheidewand zwischen gleichartigen
Flüssigkeiten, verhalten sie sich der thierischen Blase
gleich. Dagegen sind, nach Hrn. D,, Platten von wei-
fsein gebrannten Thon sehr wirksam. Als derselbe näm-
lich, bei dem vorhin erwähnten Versuche mit der Vol-
taschen Säule, eine solche Platte von 9 Millimeter Dicke
anwandte, stieg das Wasser am negativen Pole sehr rasch
und so lange, als die Wirkimg der Säule anhielt. Auch
ohne die Säule, mit heterogenen Flüssigkeiten, bekam
Hr. D. mittelst einer solchen Thonplatte, von 1 Centi-
meter Dicke, eine sehr starke Endosmose.
Durch diese Erfahrungen belehrt, widerruft Hr. D.
seine frühere Aussage, als sey aufserordentliche Dünn-
chen die Blase gebunden wird, selir beträchtlich, und versieht
den obern Theil mit einer Skale. Diefs trichterförmige Instru-
ment nennt Hr. D. ein Eudosmoraeter.
621
heit der Scheidewand eine unumgänglich nothwendige Bc-
dingiuig zum Auftreten dieser Erscheinungen. Er zeigt
es an mehreren Beispielen, dafs zwar das Steigen um so
schwächer ist, je dicker man die Scheidewand nimmt, dafs
aber die chemische Natur dieser und der Flüssigkeiten
von weit gröfserem Einflufs hiebci ist.
Diefs wird gewissermafsen auch dadurch bestätigt,
dafs, wie Hr. D. gefunden, wirksame Körper unwirksam
werden können, thierische Membranen der Flüssigkeiten
z. B. dann, wenn sie in Fäulnifs gerathen.
Endlich stellt noch Hr. D. als allgemeines Erfahrungs-
gesetz auf, dafs alle wirksamen, mit Wasser mischbaren
Flüssigkeiten, sowohl die organischen wie die sogenann-
ten chemischen, wenn sie durch eine durchdringliche Schei-
dewand vom Wasser getrennt sind, sich als Flüssigkei-
ten, die dichter als Wasser sind, verhalten, d. h. dafs
sie alle eine Endosmose hervorbringen oder in dem Rohre
steigen. Ueberdiefs nimmt er an, dafs die elektrischen
Actionen, durch welche nach ihm diese Erscheinungen
bewirkt werden, im Innern der als Scheidewand dienen-
den porösen Substanz ihren Sitz haben, und dafs sie des-
halb nicht am Galvanometer sichtbar sind. Diese Ca-
pillar- oder Intracapillar-Elektricität, wie Hr. D. sie nennt,
bringen die capillaren Räume auf zweierlei Art hervor:
1) durch Wirkimg der beiden Pole einer Voltaschen
Säule auf die gegenüberliegenden Seiten einer wirksamen
Scheidewand, und 2) durch die Berührung zweier hete-
rogenen wirksamen Flüssigkeiten mit den beiden Seiten
einer solchen Scheidewand. Durch den Contact der Flüs-
sigkeiten mit dem starren Körper wird diesem der capil-
lar- elektrische Zustand mitgetheilt, und der so capillar-
elektrisirte Körper ertheilt den Flüssigkeiten die Impulsion.
622
X. XJeber die magnetischen Actionen, die unter
dem Einflüsse sehr starker Magnetstäbe in
allen Körpern erregt werden;
von Hrn. Becquerel.
(Auszug aus den Ann. de chim. et de phys, XXXVI. p. 337.)
ie Untersuchung, mit welcher sich der Hr. Verfasser
in diesem Aufsatz beschäftigt, betrifft jenen magnetischen
Zustand, der von ihm selbst vor einigen Jahren an Eisen-
oxyd und Eisenfeilspähnen im Kreise der geschlossenen
Kette beobachtet (d. Ann. Bd. 84. S. 367.), späterhin
von Hrn. Prof. Muncke an Messingnadeln zwischen den
Polen starker Magnetstäbe aufgefunden (d. Ann. Bd. 82.
S. 361.), und neuerlich von Hrn. Dr. Seebeck unter glei-
chen Umständen an einer beträchtlichen Anzahl von Kör-
pern nachgewiesen worden ist (d. Ann. Bd. 86. S. 203.).
Aus der Abhandlung des Letzteren geht hervor, dafs
Körper, welche, wie z. B. eisen- und nickelhaltige Legi-
rungen, dieses Zustandes fähig sind, nicht longitudinal
magnetisirt werden, wie Eisen und Stahl, sondern trans-
versal, gleichsam als wären die einzelnen magnetisch
gewordenen Theilchen beweglich und durch den Magnet-
stab in die Richtung gedreht, welche eine Magnetnadel
für sich annehmen würde. Dasselbe zu erweisen, ist die
Absicht des Hrn. Becquerel m diesem Aufsatz.
Zu dem Ende vergleicht er die Lage, welche der
Mittelpunkt einer Nadel von magnetisirtem Stahl oder
weichem Eisen gegen einen kräftigen Magnetstab haben
mufs, damit sie sich senkrecht gegen dessen Axe richte,
mit der Stellung, welche unter ähnlichen Umständen eine
mit Eisenoxyd gefüllte Patrone oder eine Nadel von Holz
oder Schellack gegen einen Magnetstab annimmt. Und
dieser Vergleich führt auch ihn zu dem Schlufs, dafs die
623
Magnetisirung, welche Eisen- und Stahlnadeln durch den
Einflufs starker Magnetstäbe erleiden, darin wesentlich
von der, welche schwach magnetisirbare Körper anneh-
men, verschieden ist, dafs jene nach der Länge, diese
nach der Breite polarisch werden.
Die Verschiedenheit rührt nach ihm daher, dafs in
den Körpern, die, wie Eisenoxyd, nur eines schwachen
Magnetismus fähig sind, die Reaction des Körpers auf sich
selbst unmerklich, dagegen die Einwirkung des Magnet-
stabes sehr überwiegend ist. Doch reicht nach ihm die-
ser Satz allein nicht aus, um die verschiedenen Stellun-
gen, die ein solcher Körper in der Nähe eines Magnet-
stabes annimmt, völlig zu erklären, und er verspricht
daher diesen Gegenstand durch fernere Untersuchungen
weiter aufzuhellen. Von den Einzelnheiten der gegen-
wärtigen Arbeit mag hier folgendes ausgehoben seyn.
Soll eine Nadel magnetisirten Stahls oder Eisens sich
gegen einen in ihrer Ebene liegenden Magnetstab senk-
recht stellen, so ist dazu erforderlich, dafs die gleichna-
migen Pole einander genähert werden, bis zu einer ge-
wissen Entfernung des Mittelpunkts der Nadel vom Stabe,
die von dem gemeinschaftlichen Einflufs der Pole des
Stabes und der Erde auf die Magnetnadel abhängig ist.
Papierröhren dagegen, die mit Eisenoxyd oder einem Ge-
menge aus 1 Th. von diesem und 3 Tb. Magneteisenstein
gefüllt sind, stellen sich vor jedem der Pole des Stabes
und dicht vor demselben senkrecht gegen ihn. Dasselbe
ist auch der Fall mit einer Nadel von Holz oder Schel-
lack, die man zwischen die ungleichnamigen Pole zweier
starken Magnete gebracht hat. Sogar vor dem Pole eines
einzigen Magnetstabes stellt sich eine Holznadel senkrecht,
wenn sie ihm sehr nahe gebracht ist.
Die mit dem Gemenge von Magneteisenstein gefüllte
Röhre oscillirt sogar, wenn man sie aus der von ihr an-
genommenen Lage bringt. Führt man längs derselben
eine kleine Magnetnadel hin, so findet man, dafs sie
624
ihrer ganzen Länge nach auf der einen Seite den entge-
gengesetzten Magnetismus von dem Pole des Stabes be-
sitzt. Diefs Gemenge ist also bleibend eines solchen
Magnetismus fähig. Eisenoxyd, aus salpetersaurem Ei-
senoxyd bereitet, das für sich sehr wenig magnetisirbar ist,
erhält schon durch eine Beimischung von -^ Magneteisen-
stein die Eigenschaft, in der Nachbarschaft eines Poles
Schwingungen zu machen. Magneteisenstein für sich wirkt
wie eine Magnetnadel.
Für eine Magnetnadel, die in der durch einen horizon-
talenMagnetstab gehenden Verticalebene herumgeführt wird,
giebt es für jede Höhe ihres Mittelpunktes über dem Stab
immer einen Horizontalabstand von dessen Polen, bei dem
sich dieselbe gegen die Axe des Stabes senkrecht stellt. Die
Stellungen, die unter gleichen Bedingungen eine mit Ei-
senoxyd oder einem Gemenge von diesem und Magnet-
eisenstein gefüllte Papierröhre, oder eine Nadel von Holz
annehmen, sind von denen der Magnetnadel verschieden,
und nähern sich im Allgemeinen dem Parallelismus mit
der Axe des Stabes. Doch hat Hr. B. bei der mit dem
Gemenge gefüllten Röhre bei einer gewissen Lage des-
selben eine Ablenkung von 82° erhalten, und er hofft
mit starken Magnetstäben selbst mit Eisenoxyd unter die-
sen Umständen eine senkrechte Stellung zu bekommen.
XI. Bemerkungen über TVeinöl, Oxaläther und
Kohlenwasserstoff; von Hrn. Serullas.
(i/ourn. de chim. medicalc Ann. IV. p. 207.) *).
Di
'ieser Chemiker hat unter dem 31. März 1828 ein
Schreiben an die Academie der Wissenschaften zu Paris
ab-
*) Diese vorläufigen Nachrichten dienen zum Theil zur Bestätigung
dessen, was ich am Schlüsse der Ahhandlung der HH. Dumas
und Boullay, S. 107. dies. Bandes, bemerkt habe. P.
625
abgesandt, worin er dieselbe von den Resultaten seiner
Arbeiten über das Weinöl, den Oxaläther und den Koh-
lenwasserstoff in Kenntnifs setzt. Folgendes sind die
Hauptresultate dieser Arbeit.
1. Durch die Einwirkung von Schwefelsäure auf
Alkohol habe ich eine Flüssigkeit erhalten, die dadurch
merkwürdig ist, dafs sie nach Reinigimg und Austrock-
nung eine schöne grüne Farbe annimmt.
2. Biese Flüssigkeit, welche von Allen bei der Be-
reitung des Aethers gesehen, aber, mit Ausnahme des Hrn.
Henne 11, der sie, unter dem Namen Weinöl, sehr wahr-
scheinlich im Zustande der Unreinheit untersucht hat, ihrer
Natur nach verkannt worden ist, besteht, wie auch die-
ser Chemiker angegeben hat, aus Schwefelsäure und Koh-
lenwasserstoffgas (neutralem schwefelsauren Kohlenwas-
serstoff), und hält sich ohne Veränderung unter den Um-
ständen, die ich angeben werde.
3. Dieser Körper kann unter Umständen, die ich
nach Belieben hervorbringe, in sauren schwefelsauren
Kohlenwasserstoff (Schwefelweinsäure) und in leichtes
Oel (Weinöl) zerfallen. Das letztere ist fähig eine kry-
stallinische , aus Wasserstoff und Kohlenstoff bestehende
Substanz (starren Kohlenwasserstoff) zu bilden, die bei
110° C. schmilzt, sich bei 150° verflüchtigt, in langen
durchsichtigen Prismen krystallisirt, in Aether löslich ist
u. s. w.
4. Das saure Sulfat zerfällt auch gänzlich in Schwe-
felsäure und leichtes Oel, ohne Entwicklung von schwef-
liger Säure.
5. Der Oxaläther, nach dem von den HH. Dumas
und Boullay in ihrer letzten Abhandlung (S. 436. dies.
Bd.) gegebenen Verfahren bereitet, enthält eine gewisse
Menge dieser aus Schwefelsäure und Kohlenwasserstoff
bestehenden Verbindung, welche durch Sieden und Destil-
liren über einen Ueberschufs von Bleiglätte nicht gänz-
lich fortgenommen wird.
Annal. d. Physik. B. 88. St. 4. J. 1828. St. 4. R r
626
6. Der Kohlenwasserstoff ist r was man, wie ich
glaube, noch nicht angegeben hat, in Alkohol löslich;
dieser absorbirt davon 1^ seines Volumens *). Man
kann ihn unverändert daraus abscheiden, entweder durch
Erwärmung oder augenblicklich durch Schütteln mit einem
gleichen Volumen Wasser.
XIL Ueher die Heduction des Arseniks aus
Schwefelarsenik bei gerichtlich chemischen
Unters uch im gen.
B
ei gerichtlich chemischen Prüfungen einer Substanz auf
ihren etwaigen Arsenikgehalt, sagt Berzelius in seinem
8. Jahresberichte S. 125. des Originals, ist bekanntlich
die Fällung mit Schwcfelwasserstoffgas aus einer sauren
Flüssigkeit das leichteste Mittel, um Arsenik von thieri-
schen Stoffen abzuscheiden. Schon im Jahresberichte für
1825 habe ich gezeigt, wie man das Arsenik aus dem
Schwefelarsenik darstellen kann; allein da diese Methode
noch mit einigen Umständlichkeiten verknüpft war, so
habe ich im Jahresberichte für 1826 noch eine weit ein-
fachere angeführt, welche darin besteht, dafs man das
Schwefelarsenik in Dampfgestalt über einen dünnen glü-
henden Eisendraht streichen läfst **).' Dieser Versuch hat
indefs das Milsliche, dafs es von ganz unbedeutenden
Umständen abhängt, ob das Arsenik ausgeschieden wird
oder mit dem Schwefeleisen verbunden bleibt, und da
*) Muthmafslich ist hier mit Kohlenwasserstoff das leichte Weinöl
geraeint. Die Absorption des ölbildenden Gases hat schon T h.
Saussure bestimmt. Nach ihm nehmen 100 Vol. Alkohol von
0,84 spec. Gew. bei 18° C. 127 Vol. von diesem Gase auf (dies.
Ann. Bd. 47. S. 167.). P.
**) Eine dritte, späterhin von Berzelius angewandte, Methode
ist den Lesern S. 159. dieses Bandes milgetheilt, wo man auch
die Nachweisung zu den beiden frühern findet. P.
627
man diese Umstände nicht in seiner Gewalt hat, so rnifs-
glückt die Probe oft, indem alles vom Eisen absorbirt
wird. Zwar kann man dann die Gegenwart des Arseniks
dadurch entdecken, dafs man den Stahldraht herausnimmt
und an offner Luft erhitzt, wo sich dann der Arsenik-
geruch zu erkennen giebt; allein auch dieses kann unsi-
cher werden.
Ich habe deshalb eine Menge Versuche gemacht, um
zu finden, wie man auf eine sichere Art das Arsenik un-
mittelbar und ohne Verlust aus dem Schwefelarsenik re-
dlichen könne, und bin endlich auf folgende Weise zum
Ziele gelaugt.
In eine Röhre, die an einem Ende zur Dicke einer
Stricknadel ausgezogen und an beiden Enden offen ist,
bringe man das Schwefelarsenik, nachdem man es, wie
gewöhnlich bei Löthrohrproben, mit einem Ueberschufs
von kohlensaurem Natron und etwas Wasser zusammen-
geknetet hat. Da es schwierig ist, dasselbe in der Röhre
auf die rechte Stelle zu bringen, so streiche man die
feuchte Masse von der Messerspitze, mittelst welcher das
Mischen geschehen ist, auf ein kleines Stück einer aus-
gezogenen Glasröhre, und schiebe dieses in die gröfsere
Röhre, bis auf einen Zoll von deren ausgezogenem Ende.
Nun erhitze man sie daselbst, so dafs das Schwefelarse-
nik mit dem Natronsalz zusammenschmilzt. Hierauf leite
man einen schwachen Strom von zuvor über Chlorcal-
cium gegangenem Wasserstoff in die Röhre, und erhitze,
sobald die Luft ausgetrieben ist, das arsenikschweflige
Salz bis zum vollen Glühen, mittelst der Flamme einer
Weingeistlampe, welche man noch gegen das Ende mit
dem Löthrohre verstarken kann. Das Arsenik wird vom
Wasserstoff reducirt (was wasserstoffschwefliges Schwe-
felnatrium giebt), und in dem kalten Theile der Röhre
abgesetzt, woraus es dann allmälig mittelst der Flamme,
unter Gasentwicklung, in den verengerten Theil der Röhre
getrieben werden kann, wo es spiegelnd wird. Auf diese
Rr*
628
Weise kann das Arsenik metallisch und deutlich erkenn-
bar aus einem unwägbaren Krümchen Schwefelarsenik
dargestellt werden.
Es versteht sich von selbst, dafs der Wasserstoff-
gasstrom recht gemäfsigt gehen mufs, und dafs sowohl
die Schwefelsäure, als auch das Zink kein Arsenik ent-
halten darf. Am sichersten ist es, destillirte Schwefel-
säure oder reine Salzsäure und Eisen zur Entwicklung
des Gases anzuwenden.
XIII. Vereinfachte Bereitungsart der phospho-
richten Säure; von Hrn. Droquet.
(Auszug aus dem Journ. de chim. medic. Armee IV. p. 220.)
J^ie gebräuchliche Darstellungsart dieser Säure besteht
darin, dafs man erst Chlorphosphor im Minimum berei-
tet und diesen dann in Wasser bringt, wobei durch dop-
pelte Zersetzung Chlorwasserstoffsäure und phosphorichte
Säure gebildet werden. Das neue Verfahren vereinigt
beide Operationen in eine, und erlaubt daher, nach Hrn. D.,
eine beträchtliche Menge der Säure »mit verhältnifsmäfsig
geringen Kosten zu bereiten. Es ist nachstehendes.
Man nehme ein 12 bis 15 Zoll langes und 9 bis
12 Linien im Durchmesser haltendes Glasrohr oder Setz-
glas (eprouvette ä pied), fülle den vierten oder fünften
Theil desselben mit Phosphor, und das Uebrige mit destil-
lirtem Wasser, worauf man das Ganze so weit erwärmt,
dafs der Phosphor schmilzt. Nun leite man Chlorgas in
den Apparat und zwar durch ein Rohr, welches bis zum
Boden des flüssigen Phosphors reicht. Diese Bedingung
ist unumgänglich , damit das Chlor nicht mit zu wenig
Phosphor in Berührung komme und dadurch Chlorphos-
phor in Maximo bilde, denn alsdann entsteht durch des-
sen Zersetzung Phosphorsäure. Auch mufs man sorgfältig
629
alle Luft aus dein Gefäfse entfernen, damit der erhitzte
Phosphor mit dieser keine Phosphorsäure bilde. Mit
Beachtung dieser Vorsichtsmafsregeln, läfst man nun das
Chlorgas in einem mäfsigen Strome so lange hin einstrei-
chen, bis die Gasblasen aufhören sich in der Flüssigkeit
zu lösen. Diefs beweist, dafs das Wasser mit der Säure
gesättigt ist und es sich nicht mehr zersetzen kann, folg-
lich, dafs auch keine phosphorichte Säure mehr gebildet
wird. Man hebt alsdann die Säure mit einem Stechhe-
ber ab, mufs aber darauf sehen, dafs der rückständige
flüssige Phosphor nicht mit der Luft in Berührung kommt,
weil er sich sonst entzündet. Will man die Operation
fortsetzen, so bringt man auf's Neue die nöthige Menge
Wasser und Phosphor in das Gefäfs, und verfährt wie
vorhin. Das Einströmen des Chlorgases in den Phos-
phor ist übrigens mit Entwicklung von Licht und so vie-
ler W~ärme verbunden, dafs der Phosphor dadurch flüs-
sig bleibt.
Um die erhaltene phosphorichte Säure von der bei-
gemischten Chlorwasserstoffsäure zu befreien, kann man
sie entweder einsieden, bis sie die Lösung des salpeter-
sauren Silberoxyds nicht mehr trübt, oder auch im Vacuo
der Luftpumpe über einer concentrirten Lauge von Aetz-
kali stehen lassen. Das letzte Verfahren ist nach Hrn. D.
vorzuziehen, weil man dabei nicht zu befürchten braucht,
dafs sich die Säure zersetzt.
XIV. Verfahren um rothe und weiße Purpur
säure zugleich zu erhalten;
von Hrn. Quesneeille d. J.
{Journ. de chim. medical. Ann. IV. p. 225.)
V V enn man Harnsäure mit Salpetersäure behandelt, so
bildet sich eine eigentümliche Säure, die nach einander
630
von Brugnatelli, Prout und Vauquelin untersucht
worden ist.
Prout hat sie nur in Verbindung mit einem Farb-
stoff gekannt, und Vauquelin ist der erste, welcher
sie durch ein sinnreiches und leichtes Verfahren gänzlich
von diesem, nach der Meinung des Dr. Prout, ihr wesent-
lichen Farbstoff befreit erhalten hat. Das Verfahren des
Hrn. Quesneville dient den schönen Erfahrungen des
Hrn. Vauquelin zur Bestätigung.
Sein Verfahren ist folgendes. Ich nehme, wie er
sagt, einen grofsen Glaskolben, bringe einen Theil Harn-
säure hinein, und giefse nach und nach zwei Theile Sal-
petersäure von 34° B., verdünnt mit 2 Th. Wasser, hinzu.
Ich halte den Kolben sorgfällig in Eis, damit die Lösung
sich nicht erhitze, denn dann bildet sich oft Oxalsäure,
wodurch die Operation verwickelt wird.
Nachdem die Lösung vollendet ist, sättige ich die
Flüssigkeit mit Ammoniak, und fälle sie mit basisch essig-
saurem Bleioxyd. Ich erhalle dadurch einen prächtig ro-
senrothen Niederschlag, den ich mit vielem kalten Was-
ser auswasche. Ich bringe ihn hierauf in destillirtes
Wasser, und lasse einen Strom von Schwefelwasserstoff-
gas hindr.rchstreichen. In dem Maafse als die Purpur-
säure sich abscheidet, nimmt die Flüssigkeit eine gesät-
tigte, sehr schöne Rosenfarbe an, welche sich hält, so-
bald die Schwefel wasserstoffsäure nicht in Ueberschufs
da ist. Wenn man also die Purpursäure mit ihrem Farb-
stoff vereinigt erhalten will, so mufs man dafür sorgen,
dafs kein Ueberschufs von Schwefelwasserstoff hinein-
strömt. Will man sie aber weifs haben, so mufs man
dagegen die Flüssigkeit mit demselben stark sättigen.
Man iiltrirt alsdann, um das Schwefelblei abzusondern,
und dampft die filtrirle Flüssigkeit ab, die nur die Pur-
pursäure enthält.
Mit ihrem Farbstoff vereinigt, ist diese Säure wenig
löslich in Alkohol; sie erscheint als ein roscnrolhes Pul-
631
ver, welches, wenn man es erhitzt, eine sehr intensiv
rothe Farbe annimmt, beim Erkalten sie aber wieder ver-
liert und nur ein blasses Rosenroth behalt. Die weifse
Säure, welche man auf diese Art erhält, besitzt alle Eigen-
schaften, welche Hr. Vauquelin an ihr aufgefunden
hat. Sie ist löslicher in Alkohol, als die erstere, bildet
mit Ammoniak ein weifses krystallisirtes Salz, schmilzt bei
einer gelinden Wärme, und macht dann wie Fett Flecke
auf Papier.
Die nach dem Verfahren des Hrn. Quesneville
erhaltene Säure ist also, wie man sieht, identisch mit
der aus dem purpursauren Kalk, allein diefs Verfahren
ist schneller auszuführen, und hat überdiefs den Vortheil,
dafs es sowohl weifse als rothe Purpursäure und beide
in gröfserer Menge giebt.
Berichtigungen zum Mineralsysteme von
B e r z e 1 i u s.
Seite 12. Zeile 1. lies: Eukairit statt Enkairit.
— 12. Z. 2. 1. Selenblei-Quecksilber st. Selenkupfer-Queck-
silber.
— 13. Z. 2. v. u. ist einzuschalten: Arsenichtschwefliges
Schwefelnickel mit unterantimonichtschwetligem Schwe-
felnickel ? IV ickelspiesglanzerz.
— 15. Z. 15. v. u. ist einzuschalten: Kieselerde, Quarz . . . Si
— 16. Z. 14. heifst die Formel f. Neuntel-kieselsaures Man-
ganoxyd . . . Mn s Si
— 17. Z. 10. heifst die Form. f. d. Cyanit . . . AI 2 Si
— 17. Z. 16. heifst d. F. f. d. Apophyllit: K Si 2 -f 8CaSi-j-16H
— 17. Z. 18. heifst d. F. f. d. Mesotyp: NaSi+3AlSi-f 2H
— 18. Z. 10. heifst d. F. f. d. Feldspath: KSi-fAlSi*
— 18. Z. 20. lies zwei drittel statt halb
K 3 "1
— 19. Z. 16. heifst d. Formel f. d. Elaeolith • > Si-f 3 AlSi
Na 3 J '
— 19. Z. 19. gehört die Form. Na J Si-f 3ALSi zum Nephelin
— 19. Z. 20. lies: Kalkerde statt Talkerde
— 20. Z. 18. 1. zwei drittel st. halb
632
Seite 20. Zeile 25. lies zwei drittel statt halb
.... Mg 3 1 fSl 2
— 21. Z. 14. heißt d. Formel CaSi+- ö >{.,,»
Fe 3 J V_A1 5
— 21. Z. 25. v. u. lies: zwei drittel statt halb
— 22. Z. 5. 1. Silicat st. bisilicat
— 22. Z. 12. 1. in der Formel AI st. A
— 22. Z. 17. 1. Kalkerde st. Talkerde
— 22. Z. 18. in der Formel 4Fe 3 Si statt 4FeSi
— 24. Z. 5. in d. F. 1. -f 8[Mg 3 Si-j-ÄlSiJ statt + [MgSi-f AlSi]
— 24. Z. 6. heifst d. F. f. d. Broddbo-Granat =Fe 3 Si a -f ÄlSi
-f[Mg 3 Si-fÄlSi]
— 24. Z. 1. v. u. lies: Karpholith statt Karpolith
— 25. Z. 10. v. u. 1. sechstel -kieseis. Ceroxydul st. sechstel-
kiesels. Uranoxydul
— 28. Z. 3. v. u. heifst d. Form. f. Rothbleierz =PbCh
— 29. Z. 2. heifst d. F. f. d. Vauquelinit = Cu 3 Ch+2Pb 3 Ch
— 29. Z. 8. heifst d. F. f. d. Datolith =:CaRo-j-CaSi 2 -f H
— 31. nach Z. 10. v. u. ist einzuschalten: Halb- phosphor-
saures Manganoxydul- Eisenoxydul . . . Mn 4 P-}~F' e *P'
— 32. Z. 9. lies: Ba 3 P statt Ba 3 P
— 32. Z. 7. v. u. fehlt für Gyps d. Formel CaS'4-2B
— 32. Z. 6. v. u. lies: 7H statt 6H
— 33. Z. 5. 1. 7H st. 6H
— 33. nach Z. 6. ist einzuschalten: Rother Vitriol, Bolryo-
gen . . . Fe 3 S 2 +3F 8^+360
— 33. nach Z. 11. ist einzuschalten: schwefelsaures Kupfer-
oxyd, neutrales und basisches . . CuS-J-5H und Cu 3 S
— 33. Z. 21. in d. F. f. Ammoniakalaun 1. AH 3 S statt AH 3 S
— 34. Z. 10. heifst d. F. f. d. Pyrosmalith =Fe€l 3 +FeH 6
+4[FeSi 2 -J-Mn 3 Si 2 ]
— 34. Z. 1. v. u. heifst die Formel Pb€l-fPbC
— 35. nach Z. 7. ist einzuschalten: Basisches Fluorcerium von
Finbo, €eF 3 -f 3€eH
— 35. Z. 14. in der Formel lies MnMnF statt MnMnF 3
Im Aufsatze des Prof. Mit seh er lieh, S. 142. Z. 9. u. 13.
lies d statt P
Tafil.
Fig. 2.
Fig. 3.
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Fig. 4.
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